Die Geschichten von Marvel-Superhelden erscheinen in der Regel in Heftform. Doch es gibt Ausnahmen. Vier längere und in sich abgeschlossene Geschichten, in deren Zentrum ein gewisser New Yorker Netzschwinger steht, bietet der Band "Spider-Man – Die Graphic-Novel-Collection". Allerdings sind die Storys bereits durchweg mehrere Jahrzehnte alt. Lohnt sich der Kauf?
Bei der ersten Geschichte handelt es sich um die bereits 1986 erschienene Story "Spider-Man macht blau". In dieser lässt Susan Putney die freundliche Spinne aus der Nachbarschaft auf eine geheimnisvolle Fremde treffen. Schon bald steht eine magische Reise zu einer rätselhaften Bedrohung an, bei der es einen besonderen Haken gibt. Putneys Werk erweist sich als eher ungewöhnliche Spider-Man-Story. Dennoch trifft die Autorin gut den typischen Ton und mixt stimmig Magie, Coming-of-Age und eine Prise Humor mit Superhelden-Action. Da stört es kaum, dass der Plot etwas mehr Raffinesse hätte vertragen können. Auch der etwas merkwürdige deutsche Titel – es gibt keinerlei "Ferris macht blau"-Vibes und im Original heißt die Geschichte schlicht "Hooky", wobei sich inhaltlich eher die wörtliche Lesart aufdrängt – ist zu verschmerzen. Bernie Wrightson liefert auf jeden Fall sehr ansprechende Zeichnungen und präsentiert ausgewählte Ereignisse immer wieder ausdrucksstark im Großformat. In diesen oft schön detailreich gestalteten seitenfüllenden Panels kommt das Albumformat bestens gut zur Geltung. Gelungen sind insbesondere die Monsterdarstellungen.
Nicht schon wieder eine Origin-Story, mögen viele Spider-Man-Fans bei der Lektüre von "Parallelitäten" zunächst denken. Doch Autor Gerry Conway nutzt bei der 1989 veröffentlichten Geschichte einen besonderen Kniff, indem er die Vergangenheit von Peter Parker und Mary Jane Watson – wie es der Titel bereits andeutet – parallel schildert. Dabei scheinen diverse Gemeinsamkeiten durch, die teilweise überraschen. Auf jeden Fall besticht "Parallelitäten" durch eine psychologische Tiefe, die den meisten Genre-Werken abgeht. Das bezieht sich vor allem auf MJ, die hier mehr als nur eine Nebenfigur ist.
Auch wenn eine neue Perspektive hinzukommt, dürften die meisten im ersten Teil geschilderten Ereignisse dem typischen Spider-Man-Fan allerdings ziemlich bekannt vorkommen, sodass es zunächst keine Überraschungen gibt. Zudem ist die Story lange eine zwar interessante, aber oft ziemlich überhastete Tour de Force durch Teile von Spider-Mans Vita. Dafür entschädigt immerhin das Finale, in dem die Spinne gegen ihren Erzfeind antritt und bekannte Qualitäten beweist. Zeichner Alex Saviuk macht nicht nur bei der Darstellung dieses Kampfs einen guten Job. Auch bei den Gegenüberstellungen der beiden Hauptfiguren gelingen ihm einige starke Panels.
In "Geister der Erde" aus dem Jahr 1990 reist das Ehepaar Peter und Mary Jane Parker nach Schottland. Gehen hier Geister um, wollen Grundstücksspekulanten den Einheimischen nur ihr Land entreißen oder lauert womöglich eine ganz andere Gefahr im schottischen Hochland? Charles Vess ist hier nicht nur Autor, sondern auch Zeichner, sodass sich beide Ebenen oft ideal und ohne Leerlauf ergänzen. Das schottische Setting erweist sich als stimmungsvoll und spannend umgesetzt, auch wenn Vess die Einheimischen etwas zu sehr wie tumbe Hinterwäldler wirken lässt und im letzten Drittel die Plausibilität leidet. Komplett überzeugen können die feinen, mit dünnem Strich gestalteten Bilder. In diesem fängt Vess nicht nur die schottischen Highlands sehenswert ein, sondern sorgt auch immer wieder für eine düstere Atmosphäre. Dabei beweist er auch ein Gespür für die perfekte Perspektive. Zudem arbeitet der Zeichner die Mimik und Körpersprache der Figuren gut heraus. Lediglich einige einfarbige Hintergründe wirken etwas langweilig.
Die letzte Geschichte stammt von Marvel-Mastermind Stan Lee. In "Im Griff der Angst" (1992) reist Spider-Man gemeinsam mit der geheimnisvollen Agentin Silver Sable in den Schwarzwald. Hier verschanzt sich ein Gegner mit Nazi-Vergangenheit und Welteroberungsplänen in einem gut bewachten Schloss. Die Story erweist sich als wilde Mischung aus Pulp und 007-Action, die nicht immer logisch und gelungen ist, bei der Lektüre aber durchaus Spaß machen kann. Die zeichnerische Arbeit von Ross Andru ist mehr als solide. Er setzt vor allem die Kämpfe von Spider-Man schön in Szene. Ähnlich stimmungsvolle Bilder wie aus der Feder von Charles Vess gibt es aber leider nicht zu sehen.