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Spin von Robert Ch. Wilson

Rezension von Oliver Kotowski

 

Als der Arzt Tyler Dupree einen geheimnisvollen Wirkstoff einnimmt, ist er in Mitten einer außer Kontrolle geratenden Situation, denn die Welt steht am Abgrund. Er erinnert sich, wie alles begann. Als er eines Nachts mit den Zwillingen Diane und Jason miterlebte, wie die Sterne verschwanden. Irgendeine Art von Mantel hat sich um die Erde gelegt und steuert, was hindurch gelangt und was nicht – wie die Sterne können die außerhalb liegenden Satelliten nichts mehr hindurch senden. E.D. Lawton, der Vater der Zwillinge, kann hieraus großen Nutzen ziehen, denn es gelingt ihm die Satelliten durch Wetterballons zu ersetzen. Dieses verschafft ihm weitere wichtige Kontakte, die er für sein großes Vorhaben braucht – wie er Jason (ge-)braucht. Sein hochintelligentes Kind soll das jüngste Genie am M.I.T. werden. Bald kommt man dahinter, dass die Barriere – die man "Spin" nennen wird – nicht nur Signale von außen abblockt, sondern auch die Zeit manipuliert: Für 5 Jahre Erdzeit vergehen im Universum circa 500 Millionen Jahre – die Sonne wird es so vielleicht noch 40 oder 50 Erdjahre geben. Es stellen sich viele Fragen: Wie ist das möglich? Warum geschieht es? Und: Was kann man dagegen unternehmen? Während Jason sich in die Wissenschaft stürzt, wendet Diane sich dem Glauben zu – und Tyler steht zwischen den beiden: Jason ist sein bester Freund und zu Diane fühlt er sich unwiderruflich hingezogen.

 

Es gibt zwei Erzählstränge. In einem schildert Tyler seine Erinnerungen. Dieser Strang findet zum größten Teil in Nordamerika, hauptsächlich den USA und ein wenig in Kanada, statt. Der Spin beginnt in der nahen, unbestimmten Zukunft – vielleicht heute Nacht. Anfangs ist Tylers Welt also der Realität sehr ähnlich. Doch die erinnerten Episoden liegen z. T. weit auseinander und decken einen Zeitraum von einigen Jahrzehnten ab; es kommt zwar zu einigen Veränderungen, aber im Kern bleibt das Leben bekannt. Der zweite Erzählstrang beginnt im Jahre 4 x 109 n. Chr. – nach der Zeit des Universums – und spielt weitgehend auf Sumatra. Es gibt sehr wohl deutliche Unterschiede, gerade im politischen und sozialen Bereich, generell jedoch handelt es sich um plausible Extrapolierungen. Hier leistet Wilson etwas Ungewöhnliches: Er greift das bekannte "Dying Earth" Szenario auf und erzählt wie es in kleinen Schritten dazu gekommen ist: Nach und nach verwahrlost die Gesellschaft, viele Menschen stumpfen in irgendeiner Weise ab, viele schließen sich hedonistischen oder radikalen christlichen Bewegungen an – zuweilen vereinigen diese Bewegungen auch beide Richtungen in sich. Hier wird ein Stärke deutlich: Die Vorgänge sind nachvollziehbar und glaubwürdig.

Insgesamt wird dem Setting jedoch nicht übermäßig viel Raum gewährt; auch wenn der Autor immer wieder auf Verknüpfungen von Handelnden und Umgebung eingeht, ist das geschilderte Milieu weit davon entfernt aus "Spin" eine (Negativ-) Utopie zu machen.

Die weiteren phantastischen Elemente entstammen im Endeffekt klar der SF. Einige werden sehr beiläufig erwähnt; dieses sind sehr nahe liegende Weiterentwicklungen der aktuellen Technik. Andere werden dagegen sehr ausführlich behandelt. Da ist zunächst natürlich der namengebende Energiemantel, der Spin. Die ganze Geschichte hindurch prägt er das Geschehen maßgeblich mit. Dann sind da noch die mysteriösen Hypothetischen, die Intelligenz(en), die für den Spin verantwortlich sind. Auch die Menschen der Erde vollbringen einige überraschende, außergewöhnliche Leistungen. Der Spin selbst ist eher als soft SF zu begreifen, doch die daraus resultierenden Elemente sind unter dieser Prämisse hard SF.

 

Die Figuren neigen zwar zur Exzentrik, sind aber rund und zumeist detailliert ausgearbeitet. Die zentrale Figur ist der Ich-Erzähler Tyler Dupree. Er und seine Mutter wohnen im "Kleinen Haus" – seine Mutter war die Ehefrau von E.D.s bestem Freund und Partner. E.D. stellte sie nach dem Tod ihres Mannes als Haushälterin der im "Großen Haus" lebenden Lawton-Familie ein. So wächst Tyler gemeinsam mit den Zwillingen auf; dennoch gehört er nie ganz dazu. Schon in der Kindheit werden seine Beziehungen zu den anderen geprägt: Er bewundert Jason, liebt Diane, fürchtet den strengen Patriarchen und bemitleidet die Mutter Carol, eine alkoholabhängige, nicht mehr praktizierende Ärztin. Dieses verändert sich auch nur subtil, als er selbst mit einem Doktor der Medizin fest im Leben steht. Weitere Hauptfiguren sind Jason, der sein Leben der wissenschaftlichen Erforschung des Spins widmet, und Diane, die sich der Religiosität zuwendet. Daneben gibt es noch zahllose weitere Figuren, die mehr oder minder wichtig sind.

Generell sind die Figuren gelungen und vielschichtig, doch es gibt eine leichte Schwäche in der Rollenverteilung bei den Geschlechtern: Die Männer neigen zur Stärke und Bestimmtheit, während die Frauen zur Schwäche und Untergeordnetheit tendieren.

 

Der Plot vereinigt eine Reihe von unterschiedlichen Richtungen: Im Vordergrund steht die subtile Entwicklungsgeschichte Tylers, die eng verknüpft mit denen von Diane und Jason ist. Während sich zwischen Tyler und Diane eine eigentümliche und zarte Leibesbeziehung entspannt, wird Tyler in einen Wissenschafts- und Polit-Thriller um Jason hinein gezogen. Durchsetzt wird das Ganze von Abrissen der gesellschaftlichen Entwicklungen. Actionsequenzen finden sich im späten Nordamerika-Strang und im Sumatra-Strang; dieser wird z. T. sehr gelungen dazu eingesetzt um Entwicklungen der Geschichte anzudeuten. Die Actionsequenzen sollen vielleicht ein wenig Spannung durch bedrohliche Situationen und mehr Geschwindigkeit in die betulich erzählte Geschichte bringen, doch diese Sequenzen sind einander zu ähnlich: Man hat den Eindruck, denselben Plotpunkt in unterschiedlichen Varianten mehrfach serviert zu bekommen.

 

Die Geschichte wird wie erwähnt in zwei Erzählsträngen geschildert. Für sich genommen sind beide progressiv, der Sumatra-Strang dramatisch, der Nordamerika-Strang episodisch; zusammengenommen aufgrund des wesentlich größeren Gewichts des Nordamerika-Strangs sind sie aber regressiv.

Der Stil ist im Zuge der Ich-Erzählung empathisch, doch der emotional distanzierten Persönlichkeit Tylers entsprechend deutlich zum Neutralen neigend. Die Sätze tendieren zur Länge und auch wenn Wilson keinerlei Satzzeichen scheut, sind sie immer gradlinig und somit leicht verständlich. Die Wortwahl ist gewählt ohne dabei abgehoben zu wirken.

 

"Spin" wurde 2006 mit dem Hugo Award ausgezeichnet – hat es den verdient? Es ist ein sehr guter SF Roman mit sorgfältig ausgearbeiteten Figuren, der den Eindruck der geschilderten Wunder auf die Gesellschaft reflektiert: Es bricht keine große Katastrophe über die Menschen herein – sie schliddern langsam in den Abgrund. Sieht man von den erwähnten kleinen Schwächen bei der Rollenverteilung und im Plot ab, gibt es nichts auszusetzen. Doch Wilson vergibt eine große Chance: Wissenschaft und Religion werden zu unkritisch behandelt. Während der Wissenschaftler Jason kurz vor der Heiligsprechung steht, folgt Diane einem Irrglauben. Ich hätte mir an diesem Punkt deutlich mehr Ambivalenz gewünscht. Zu selten wird angedeutet, dass das Thema Religion und Glaube komplizierter ist als die Formel: "Religion ist Opium für das Volk."

 

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Spin

Autor: Robert Ch. Wilson

Broschiert: 555 Seiten

Verlag: Heyne; Auflage: 1 (August 2006)

ISBN: 3453522001

Erhältlich bei: Amazon

Weitere Infos:


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Erstellt: 30.10.2006, zuletzt aktualisiert: 20.07.2019 10:59