S.T.A.L.K.E.R. 2: Heart of Chornobyl
Rezension von Cronn
Ich laufe auf das einsame Gebäude zu, das mich an ein Pumpwerk erinnert. Mehrere große Rohre entspringen ihm, die quer über die Landschaft führen und irgendwo jenseits des Hügels im Boden versickern.
Blitze am Horizont zeugen vom Gewitter, das über der Zone tobt. Es hat auch bereits zu regnen begonnen. Brrr, ekelhaft. Ich schultere meinen Rucksack und marschiere weiter. Plötzlich – ein Bellen! Verdammt, das sind Mutantenhunde!
Ich reiße das Sturmgewehr AK-74SU hoch und suche mit den Augen die Gegend ab. Ah, da sind sie! Hinter dem Hügel auf der rechten Seite taucht eine ganze Rotte der üblen Viecher auf. Sie sind so schnell, dass ich kaum mit dem Zielen hinterherkomme. Ein ganzes Magazin jage ich in sie rein, aber sie fallen nicht so schnell wie erhofft. Schon ist der erste Hund heran und beißt mir in die Wade.
Shit, mein Bein blutet! Ich muss schnell mich verbinden, sonst bringt mich der Blutverlust langsam aber sicher um!
So schnell wie ich kann renne ich auf das Pumpwerk zu, reiße die Tür auf und stürme hinein. Dann schließe ich die Tür und habe etwas Zeit gewonnen. Draußen heulen die Hunde und rennen wie verrückt rund um das Pumpwerk. Drinnen öffne ich mein Medizinpäckchen und verbinde mein Bein.
Da höre ich auf einmal Stimmen und das Knattern von Maschinenpistolen. Durch das zerbrochene Glasfenster sehe ich, dass andere S.T.A.L.K.E.R. draußen auf die Hunde schießen. Cool, das verschafft mir Erleichterung.
Schließlich ist Ruhe. Friedhofsruhe. Die Hunde sind tot. Schon will ich rausgehen und mich bei den Stalkern bedanken, als eine Granate durchs Fenster fliegt. Ich war wohl etwas voreilig mit meiner Freude …
Solche Szenen gibt es bei S.T.A.L.K.E.R. 2 – Heart of Chornobyl zuhauf. Das Game ist nun endlich erschienen. Nach einer langen Entwicklungsgeschichte voller Hindernisse hat es GSC Gameworld geschafft, entgegen aller Unkenrufe, das Spiel auf den Markt zu bringen. Der Angriffskrieg Russlands hat die Entwickler behindert, aber es ist ein Zeichen ihres Willens, dass er sie nicht aufgehalten hat. Doch wie gelungen ist der Nachfolger zu S.T.A.L.K.E.R. denn nun geworden?
»S.T.A.L.K.E.R. 2 – Heart of Chornobyl« nimmt den Kern des Spielerlebnisses seiner Vorgänger auf und führt ihn auf eine neue Ebene. Wo es in »S.T.A.L.K.E.R.« noch abgegrenzte Bereiche gab, ist nun die gesamte Welt bereisbar. Und diese Welt ist riesig. Das tut dem Game nicht immer gut, denn Schnellreise gibt es zwar bei Ortskundigen, aber das kostet Geld und ist auch nicht allzu oft vorhanden. So läuft man lange durch die Landschaft. Doch das kann auch als Highlight empfunden werden, denn »S.T.A.L.K.E.R. 2 – Heart of Chornobyl« bietet einiges an Atmosphäre! Wenn die unterschiedlichen Wettereffekte zum Tragen kommen oder Emissionen den Himmel rot einfärben und man einen Unterschlupf finden muss, dann ist das Game unglaublich immersiv. Auch die Landschaft selbst trägt mit ihren Sümpfen, Hügeln, verlassenen Gebäuden und Industrieanlagen sehr dazu bei, dass man sich im Spiel verlieren kann und die Laufwege nicht stets als nervig ansieht.
Dabei führen die Quests nicht nur über die Oberfläche, sondern oft auch darunter: ausgedehnte Laboranlagen und Industriegebäude sind atmosphärische Highlights.
Die Zone rund um den havarierten Reaktor von Chernobyl ist belebt: Andere Stalker und Fraktionsmitglieder reisen umher und auch mutierte Tiere streunen herum. So kann es passieren, dass man auf Stalker trifft, die von Mutantenhunden angegriffen werden. Nun liegt es am Spieler selbst, ob er eingreift oder nicht. Allerdings ist das System dahinter noch nicht perfekt. Mehr dazu in der Rubrik »Bugs und anders Geziefer«.
Zur Wehr setzt man sich mit Waffen, die man auch aus dem Vorgänger kennt. Dabei handelt es sich um realistische Waffen, wie Pistolen, Sturmgewehre, Schrotflinten, Scharfschützengewehre und Granaten. Die nehmen durch Benutzung Schaden und müssen bei Händlern repariert werden, sonst streiken sie oft mitten im Kampf. Das ist etwas nervig, trägt aber zur Glaubwürdigkeit der Welt bei.
Sobald man selbst verletzt ist, sollte man sich mit Bandagen behandeln, sonst erleidet man permanent Schaden durch Blutverlust. Mit Medipacks unterschiedlicher Stärke heilt man sich dann anschließend.
Ausrüstung muss man geschickt einsetzen, ob es nun Helme oder Schutzwesten, in Anomalien gefundene Artefakte oder dergleichen mehr ist. Denn die Tragekraft ist begrenzt und der Autor dieser Zeilen musste mehr als einmal feststellen, dass es keine gute Idee ist, knapp an der Maximalgrenze der Tragfähigkeit durch die Zone zu laufen. Denn – je mehr Gepäck, desto schneller leert sich die Ausdauerleiste! Und dann kann man nicht mehr sprinten, springen, Bandagen anlegen, etc.! Und wenn man über die Tragekraft drüber ist, geht gar nichts mehr. Dann steht man hilflos in der Landschaft, was eine ganz schlechte Idee ist, wenn dich Mutantenhunde anknabbern.
Gottlob kann man seine Ausdauer durch verschiedene Spritzen und Mittelchen wiederherstellen oder die Radioaktivität herabsetzen.
All diese verschiedenen Systeme greifen durchaus wie funktionierende Rädchen ineinander und machen das Spielerlebnis rund.
Bugs und anderes Geziefer
Reden wir nicht lange um den heißen Brei herum – »S.T.A.L.K.E.R. 2 – Heart of Chornobyl« leidet noch immer unter einigen bösen Bugs. Beispielsweise ist der Sound teilweise defekt. Ich habe erlebt, dass manche Funksprüche mal klingen, als wäre die sprechende Person direkt neben mir, dann im nächsten Satz wieder als wäre sie eine Stimme im Radio (so wie beabsichtigt).
Andere Bugs, die ich gesehen habe, sind menschliche Mutationen: mehrere NPC-Figuren, die miteinander verschmelzen und sich nicht mehr bewegen können.
Aber all das ist nicht so störend, dass das Spielgefühl stark beeinträchtigt wäre. Ich habe darüber geschmunzelt, aber es hat mich nicht aus dem Game rausgerissen. Dennoch muss GSC Gameworld da unbedingt nachpatchen.
»S.T.A.L.K.E.R. 2 – Heart of Chornobyl« ist ein Atmosphärehammer! Und dazu trägt die Grafik und der Sound immens bei. Die Unreal-5-Engine wurde hier benutzt und das merkt man allerorten. Die Texturen sind knackig, die Beleuchtung extrem stimmig, aber es fehlen manche Schattenwürfe in Innenräumen, was schade ist.
Der Sound hat einige Probleme, wie bereits erwähnt. Aber die meiste Zeit ist das Soundgeschehen sehr gelungen umgesetzt.
Eine deutsche Sprachausgabe gibt es nicht – nur Ukrainisch und Englisch. Aber es gibt deutsche Untertitel.
Wenn man bei Nacht durch den Sumpf kriecht und überall das Gegrunze von Mutanten hört, stellen sich einem die Nackenhaare auf! »S.T.A.L.K.E.R. 2 – Heart of Chornobyl« macht also sehr vieles richtig und beeindruckt durch eine eigenständige Art und Weise des Gameplays.
Wer eine Spielerfahrung sucht, die teils sperrig und dennoch in positiver Weise fordernd ist, sollte sich unbedingt »S.T.A.L.K.E.R. 2 – Heart of Chornobyl« zulegen. Solche Spiele erscheinen nicht jedes Jahr und sind daher Ausnahmeerscheinungen.
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