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Stein von Kristle Reed

Rezension von Torsten Scheib

 

Rezension:

Horror made in Italy? Ganz ehrlich, außer Eros Ramazzotti fällt dem Rezensenten spontan nicht viel dazu ein. Höchstens noch Walter Diociaiuti, Chef des exzellenten Kleinverlages Eloy Edictions und obendrein ein verdammt guter Geschichtenerzähler. Insofern verwundert es auch nicht, dass das deutschsprachige Debüt von Kristle Reed, Stein eben auch in seinem Verlag aufgelegt wurde. Aber dennoch – Horrorautoren aus Italien besitzen hierzulande sicherlich noch einen gewissen Exotenstatus. Zu groß und mächtig ist die Konkurrenz aus Ländern wie den USA oder Großbritannien. Was allerdings nicht zwangsläufig bedeuten muss, dass jene „Exoten“ automatisch schwächer schreiben als die schier übermächtige Konkurrenz von der Insel und aus Übersee. Spannend ist es also allemal, solch ein Werk mit den Erzeugnissen aus der Horror-Championsleague zu vergleichen.

 

Dreh- und Angelpunkt der Geschehnisse in „Stein“ bilden die Zwillinge Jonathan und Barry Rotary. Geboren und aufgewachsen in den Vereinigten Staaten, strömt dennoch kroatisches Blut durch ihre Adern; ein Vermächtnis ihres Vaters Uroš, der seinem Vaterland und dem winzigen Heimatdorf schon vor sehr langer Zeit entflohen war und die lange Reise gen USA angetreten hatte. Seine Wurzeln hatte der resolute Mann jedoch nie wirklich abgelegt oder vergessen. Daraus resultierten regelmäßige Ferien in Trstenik, jenem kleinen Dörfchen, in dem er einst das Licht der Welt erblickt hatte und das die beiden Zwillinge in jungen Jahren durch ein ganz besonderes Merkmal frühzeitig in dessen Bann gezogen hatte: uralte Steinhügel, Nekropolen aus grauer Vorzeit. Höchstwahrscheinlich waren auch sie einer der Hauptgründe für Jonathans spätere Karriere als Archäologe gewesen, wohingegen sich sein Bruder Barry für einen etwas nüchternen Werdegang entschied und Arzt wurde. Und nun, nach so vielen Jahren zieht es Jonathan wieder zurück nach Trstenik und den mysteriösen Nekropolen, die er ausgiebig studieren und analysieren möchte – mithilfe seines Bruders, der dringend einen Tapetenwechsel nach dem vorzeitigen und unerwarteten Tod seiner neugeborenen Tochter Lucy nötig hat.

Doch haben die beiden nicht mit dem vehementen Einspruch ihres Vaters gerechnet. Anstelle von genauen Beweggründen erhalten seine beiden Söhne allerdings nur vage Andeutungen, die irgendwo in Trsteniks Vergangenheit ihren Ursprung haben müssen. Folkloristischer Aberglauben, dem man ganz besonders im 21. Jahrhundert keine Bedeutung beizumessen hat!

In Trstenik angekommen, scheint sich für Jonathan und Barry das Tor in eine andere Zeit geöffnet zu haben. Anstelle von modernen Fahrzeugen treffen sie auf simple Holzkarren, die von Eseln gezogen werden. Moderne Kommunikationsmittel wie das Internet oder Handys scheinen bislang einen weiten Bogen um das Dörfchen und dessen Einwohner gemacht zu haben – sofern vorhanden. Still und nahezu menschenleer präsentiert sich ihnen der Ort, über dem eine sonderbare Aura des Verfalls zu schweben scheint. Kurze Zeit später entdecken die beiden jungen Männer an der hiesigen Kirche eine Kalksteinplatte, auf der Antlitz einer unheimlichen Frau und sieben Schwertern festgehalten wurde. Handelt es sich bei diesem beklemmenden Portrait womöglich um das Antlitz von Maya, jener als Hexe deklarierten Frau aus Trsteniks Vergangenheit?

Kurz darauf werden Jonathan und Barry von sonderbaren Träumen und Visionen heimgesucht; Schattenbilder, welche eine unsichtbares Band zwischen Maya, ihrem Vater und letztlich sich selbst andeuten. Eine Befragung der karg gesäten Ortsbevölkerung führt leider auch zu keinen Ergebnissen. Selbst ihr Onkel hüllt sich in Schweigen. Doch weshalb?

In der Überzeugung, dort auf die entsprechenden Antworten zu stoßen, bricht Jonathan schließlich zu den Nekropolen auf …

 

Es kann sich wirklich sehen lassen, dieses Debüt von Kristle Reed. Nicht nur ihr originelles, unverbrauchtes und zweifellos gut recherchiertes Setting unter kroatischer Sonne bringt ihr Pluspunkte ein, sondern auch ein wunderbar flüssiger Schreibstil, der sie deutlich vom banalen Durchschnitt abhebt. Sofort merkt man dem Roman an, dass Reed ganz genau weiß, was sie tut und wie. Souverän füttert sie den Leser mit Andeutungen und Hinweisen, verhindert mögliches Auf-der-Stelle-Treten mittels gekonnt platzierter Schock- und Schreckmomente und zieht dadurch kräftig an der Spannungsschraube. Ergänzt wird dies durch faszinierende Rückblenden in die kroatische Vergangenheit. Zwar lässt sich Reed Zeit bis zum großen, dramatischen Finale, doch hat man zu keiner Sekunde das Gefühl, etwas Erzwungenes zu lesen oder Abschnitte, die lediglich zu Vergrößerung der Seitenzahl dienen. Keine Frage: „Stein“ ist das Werk eines Profis und damit einer versierten Autorin, die genau weiß, wie ein unheimlicher Roman zu funktionieren hat – und das tut er in der Tat.

 

Fazit:

Hinter der – scheinbar – übermächtigen Konkurrenz braucht sich Kristle Reeds deutschsprachiges Debüt keineswegs zu verstecken. „Stein“ hat alles, was man von einem unheimlichen Roman erwartet und was gegenwärtig leider nicht sehr viele AutorInnen imstande sind zu leisten. Chapeau!

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Buch:

Stein

Autorin: Kristle Reed

Original: Pietra

Übersetzerin: Petra Ohl

Titelbild: Lars Maria Maly

Eloy Edictions, März 2010

Taschenbuch, 238 Seiten

 

ISBN: 9783938411216

 

Erhältlich bei: Walter Diociaiuti von Eloy

 

weitere Infos:


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Erstellt: 17.04.2010, zuletzt aktualisiert: 18.04.2019 12:18