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Sterntagebücher von Stanisław Lem

Reihe: Ijon Tichy

Rezension von Oliver Kotowski

 

Rezension:

Ijon Tichy ist ein berühmter Raumfahrer. In seinen Sterntagebüchern berichtet er von vierzehn abenteuerlichen Reisen durch Raum und Zeit, bei denen er Zeuge höchst bizarrer Ereignisse wird. So führt ihn die siebente Reise durch die Gravitationsstrudel nahe Betelgeuzes – vor dieser Gegend warnt der Kosmonauten Kalender, weil es zu unberechenbaren relativistischen Effekten kommen kann. Da eine Reparatur nötig ist, die Tichy alleine nicht durchführen kann, lenkt er seine Rakete in den Vortex Gravitatiosus Pinckenbackii in der Hoffnung mit einem Doppelgänger aus einer anderen Zeit zusammenarbeiten zu können. Indes erweisen sich diese als ärgerlich unkooperativ und störrisch – aus Gründen, die Tichy erst bei Zeiten nachvollziehen kann. Manchmal nicht einmal dann.

Darüber hinaus ist er ein Mäzen, der ungewöhnlicher Forschung recht aufgeschlossen gegenübersteht. Er kramt in seinen Erinnerungen und erzählt von acht Begegnungen mit eben solchen Männern der Wissenschaft. Professor Corcoran gehört zu diesen. Er zeigt Tichy sein unheimliches Projekt: Körperlose künstliche Intelligenzen, die er ohne Ausnahme in einer simulierten Umgebung leben lässt, so dass sie die Wahrnehmung haben, normale Menschen der Realität zu sein. Wie, so fragt der Gelehrte den Laien, unterscheiden sich die Computerhirne vom Menschen?

Weiter verfasst Tichy einen offenen Brief zur Rettung des Kosmos vor der Touristik und befasst sich schließlich mit dem Nutzen des Drachen.

 

Stanisław Lems Sterntagebücher ist eine Sammlung von sechsundzwanzig kürzeren fiktionalen Texten; der kürzeste ist gerade mal zwei Seiten, der längste dreiundsechzig Seiten lang. Die Formate sind dabei sehr unterschiedlich. Zwar dominieren die Berichte, doch es gibt auch Vorworte, den erwähnten Brief und normale Kurzgeschichten. Sprachlich macht sich die Entstehungszeit – die späten fünfziger Jahre des 20. Jh. – reizend bemerkbar, wenn die Wäsche nicht nur gewaschen und gebügelt, sondern auch ausgewrungen und gestopft wird oder sich das schmutzige Geschirr in der Spüle der Rakete stapelt, weil der reisende Kosmonaut keine Lust hat abzuwaschen.

 

Die wichtigste Stärke des Buchs sind ganz klar die humorvollen Momente. Lem nutzt alle Aspekte der Komik die zur Verfügung stehen: Es gibt skurrile Wissenschaftler, inkompetente Politiker und absurde Aliens – die Figuren sind eher Karikaturen als vielschichtige Personen; besonders die negativen Eigenschaften des Menschen erhalten viel Aufmerksamkeit. Es gibt Satiren auf die Absonderlichkeiten gewisser Gesellschaftssysteme wie den Kapitalismus oder die UNO sowie geistreiche Polemiken gegen Phänomene wie den Polizeistaat oder den Tourismus. Es gibt puren Slapstick und immer wieder Bizarrerien wie die heimtückischen Raubkartoffeln, die nicht etwa geraubt werden, sondern sich dank der Evolution zu wagemutigen Räubern entwickelten – sie betätigen sich als Raumpiraten. In dieser Groteskheit erinnern die Geschichten bisweilen an Texte wie Nicholai Gogols Die Nase, wenn da Sätze wie folgender zu lesen sind: "Ein Geschirrspüler hatte des öfteren Kleidungsstücke seines Herren angezogen, den verschiedensten Frauen die Ehe versprochen und vielen von ihnen Geld entlockt." Er glänzt jedoch besonders, wenn er sich naturwissenschaftlicher Paradoxa annimmt wie eben den relativistischen Verzerrungen.

Wiewohl es eine Vielzahl von wirklich witzigen Szenen und einige ganz hervorragende Geschichten gibt, die durchaus einen Vergleich mit dem Humor von Douglas Adams' Per Anhalter durch die Galaxis standhalten können, öffnet der Leser den Mund leider seltener zum Lachen als zum Gähnen, denn viele Geschichten sind ausführliche und langatmige Aneinanderreihungen verschiedener Absurditäten – das ist, als würde man die Varianten eines Witzes ad nauseam nacheinander erzählen. Da diese Geschichten weder über interessante Figuren, spannende Plots – leider fehlt nur allzu häufig ein Spannungsbogen – oder ein tiefer gehendes sense of wonder verfügen, können sie ziemlich langweilig werden.

 

Eine Reihe von Geschichten wendet sich philosophischen Themen zu. Diese entstammen zumeist der Metaphysik – während seiner Zwanzigsten Reise diskutiert Tichy mit elektronischen Mönchen die Natur des Glaubens und den Sinn (oder genauer: Unsinn) einer Missionierungstätigkeit – oder der Erkenntnistheorie – wozu Professor Corcorans sadistisches Experiment gehört. Die Themen neigen wiederum zum Grotesken oder Unheimlichen und wirken bisweilen alt: In Corcorans Experiment werden Leser, die sich ein wenig mit der Wirkung von René Descartes' Skeptizismus befassten, unschwer Hilary Putnams Gedankenexperiment wieder erkennen, welches er zur Illustration des Skeptizismus in seinem Werk Reason, Truth and History verwendete. Enttäuschend, bis man bemerkt, dass Lems Geschichte gute zwanzig Jahre zuvor entstanden war. Die Geschichte dürfte bei dem entsprechend geneigten Leser für einige Furore gesorgt haben – vor etwa fünfzig Jahren.

 

Auch im literarischen Kontext zeichnet sich das Werk durch Intertextualität aus. Rückwärts gewandt werden Stoffe aufgegriffen, die an die künstlichen Menschen aus Mary Shelleys Frankenstein oder William Somerset Maughams Der Magier erinnern, nach vorne geschaut, werden zentrale Ideen des Transhumanismus, wie sie in Alastair Reynolds' Chasm City, Charles Stross' Accelerando oder Cory Doctorows Backup zu finden sind, vorweggenommen; die essbare Raumschiffeinrichtung von Ijon Tichys Ahnen Aristarch Felix Tichy erinnern an die essbare Architektur von Terry Pratchetts Absolut Bekloppten Johnson.

 

Neben den in Die Sterntagebücher enthaltenen Geschichten gibt es weitere mit Ijon Tichy: Der futurologische Kongress, Frieden auf Erden, Lokaltermin und Ijon Tichys letzte Reise sind hier zu nennen; außer den Protagonisten Tichy und die humorvolle Erzählhaltung haben die Geschichten aber nichts gemeinsam.

 

Fazit:

Ob bei seinen Reisen durch Raum und Zeit oder auf der Erde, der unternehmungslustige Ijon Tichy wird immer wieder Zeuge höchst absurder Ereignisse. Stanisław Lem präsentiert sechsundzwanzig humorvolle und manchmal philosophische Geschichten; leider ist eine Reihe von Geschichten recht langweilig geraten, da Lem häufig auf Spannungsbögen verzichtet. Selten habe ich ein so durchwachsenes Buch gelesen: Bei einigen Geschichten musste ich laut auflachen, aber andere haben mich zu Tode gelangweilt. Wer nur zur eigenen Ergötzung liest, muss sich ernsthaft überlegen, ob ein paar brillante Seiten unzählige banale Seiten wert sind. Wer aber darüber hinaus ein Interesse an der SF hegt, der wird um diesen Meilenstein nicht herum kommen und beim Lesen so manches Déjà-vu-Erlebnis haben.

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Titel: Sterntagebücher

Reihe: Ijon Tichy

Original: Dzienniki Gwiazdowe

Autor: Stanisław Lem

Übersetzer: Caesar Rymarowicz u. a.

Verlag: Suhrkamp

Seiten: 524-Broschiert

Titelbild: Photo Researchers / Agentur Focus

ISBN-13: 978-3-518-45534-0

Erhältlich bei: Amazon

Weitere Infos:


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Erstellt: 22.09.2008, zuletzt aktualisiert: 10.10.2019 16:53