Superman: Mit ihm begann 1938 der Siegeszug der Superhelden in der Comicliteratur. Bis heute ist der Stählerne weltweit einer der bekanntesten Heroen. Das ist mehr als Grund genug, um dem Mann von Morgen einen fetten Sonderband – und hier eine superlange Rezension – zu widmen. Doch was bietet die Superman Anthologie«?
Zunächst einmal reichlich Hintergrundinformationen über die Entstehung. Selbst einige Nerds wissen möglicherweise nicht, dass ihr von Jerry Siegel und Joe Schuster geschaffener Lieblingsheld auf dem Konzept eines Schurken beruht. Zwischen diesen gut geschriebenen Artikeln, die auch die jeweilige historische Situation adäquat beleuchten, sind 20 prägende und chronologisch abgedruckte Superman-Storys sowie andere interessante Dokumente eingefügt.
Den Anfang macht natürlich Supermans erster Auftritt in der Juni-Ausgabe der Action Comics des Jahres 1938. Hier erzählt das legendäre Duo Siegel/Schuster gleich auf der ersten Seite nicht nur überaus kompakt, die Herkunftsgeschichte ihres Helden, sondern liefert auch noch eine wissenschaftliche Erklärung mit. Interessant: Hier kann Superman noch nicht fliegen, sondern nur sehr weit springen und offensichtlich auch durch eine Granatenexplosion verletzt werden. Wie der Superheld fast in letzter Minute eine Hinrichtung verhindert, ist durchaus spannend erzählt. Ziemlich überzogen wirkt aber die Episode, in der sich der Mann von Morgen um Lois’ unliebsame Verehrer kümmert. Den Nachschlag mit der Juli-Ausgabe der Action Comics, in der Superman einen Rüstungsfabrikanten Mores lehrt, hätte es da hingegen nicht gebraucht. Auffällig sind die wechselnden und teils quietschbunten Hintergründe, mit denen Joe Schuster wohl den visuellen Reiz erhöhen wollte.
Ergreifender ist da schon der darauf abgedruckte Brief an Superman, den Jerry Siegel im Juni 1983 verfasste. Er liefert einen spannenden Blick in die (Entstehungs-)Geschichte und zeigt, dass der Erfolg kein Selbstläufer war. Nicht umsonst erklärt Siegel, Superman (und damit seine geistigen Schöpfer) mussten sich »mit den härtesten und grausamsten Kreaturen der Erde herumschlagen: den Comic-Redakteuren.«
In der nächsten Geschichte fahren Siegel und Schuster Anno 1940 groß auf und legen dabei ein halsbrecherisches Tempo hin. Auf nur einer Doppelseite schnappt sich Superman nicht nur Hitler, sondern auch Stalin und lässt sie im Rekordtempo vom Völkerbund verurteilen. Witzig ist dabei der Dialekt des (Ver-)Führers geraten (»Lass mech ronter! Das tot wäh!«). Insgesamt ist die Story zwar viel zu überhastet und nicht sonderlich gelungen, aber ein interessantes Zeitdokument. Zwei junge jüdische Männer suchen hier nach einem Ventil, um den Schrecken des Krieges zu verdauen. Wer könnte es ihnen verdenken?
Die Geschichte Mann oder Superman? (1942) hat in der Anthologie ihre Berechtigung, weil sie – nach vier Jahren – erstmals auf eine Frage eingeht, die sich Fans immer wieder stellen: Warum kommt niemand hinter die Geheimidentität von Superman? Lois Lane ist hier auf dem besten Weg. Allerdings schafft es der Stählerne das durch Tricks und sein Supertempo zu verhindern. Bemerkenswert ist ein von Schuster gestaltetes Panel im Seitenformat, das im Vordergrund den Helden und dahinter einige seiner Heldentaten zeigt. Das dürfte damals ziemlich dynamisch und modern gewirkt haben. Die Bildunterschrift hat dagegen allerdings Rost angesetzt: »Amerikas Kreuzritter, ärgster Feind aller Verbrecher, Gegner aller Ungerechtigkeit …«
Pünktlich zum zehnjährigen Superman-Jubiläum 1948 erschien endlich eine umfassende Origin-Story zum Stählernen. Für Die Herkunft von Superman sind aber nicht die Erfinder der Figur, sondern Batman-Schöpfer Bill Finger sowie Zeichner Wayne Boring verantwortlich. Finger bleibt seiner Batman-Idee treu und macht den Tod der Eltern gleich zum doppelten Antriebsfaktor. Insgesamt fehlt es etwas an Spannung, weil die Story durch Kryptons Ende und Supermans Vita hetzt und nicht immer ganz plausibel ist. Dennoch handelt es sich fraglos um einen wichtigen Meilenstein.
Zum Schmunzeln lädt anschließend ein Offener Brief an die Fans von Superman ein. Der stammt von Lois Lane und erschien 1948 – das ist dem Text auch anzumerken. So freut sich die Reporterin des Daily Planet etwa, über die bei Zahnärzten ausliegenden Superman-Sonderhefte, die »Kindern die Wichtigkeit der Zahnpflege« näherbringen. Der Stählerne für Zähne aus Stahl!
Nach zwei Jahrzehnten darf der Mann von Morgen in Superduell im All 1958 ein besonderes Abenteuer erleben. Die von Otto Binder erdachte Geschichte ist gleich an mehreren Stellen unplausibel, aber durch die ungewöhnlichen Schauplätze und das Setting außerhalb der Erde durchaus spannend. Zudem spielt das hier etablierte Thema der »Miniaturstadt in der Flasche« später noch eine wichtige Rolle.
In Supermans Rückkehr nach Krypton (1960) von Joe Siegel und Wayne Boring wird es dann emotional. Der Stählerne trifft nicht nur seine Eltern Jor-El und Lara wieder, sondern hat auch eine Romanze auf Krypton. Anlass ist die Verfolgungsjagd mit einem pinkfarben und planetengroßen Alien – das wie Nessie mit Blähbauch aussieht – bei der Superman versehentlich die Zeitmauer durchbricht. Spannend ist die Story trotz einiger ziemlich konstruiert wirkender Elemente, zumal der Stählerne scheinbar in seiner dem Untergang geweihten Heimat für immer gestrandet ist. Zudem lehnt sich die Geschichte geschickt an frühere Superman-Geschichten an und einige Ereignisse könnten sogar den Film Zurück in die Zukunft inspiriert haben. Der Dreiteiler ist emotional, allerdings umschifft Supermans Krypton-Romanze nicht jede Kitschklippe. Außerdem hätte Zeichner Wayne Boring Krypton und seine Gesellschaft etwas fantasievoller und fremdartiger gestalten dürfen.
Eine Story die Der Tod von Superman (1961) heißt, darf natürlich in dieser Zusammenstellung nicht fehlen. Allerdings gehört das Werk von Jerry Siegel und Curt Swan zu den sogenannten »imaginären Geschichten«, sodass klar war, dass der Stählerne hier nicht wirklich ums Leben kommt. Es handelt sich also eher um eine reizvolle »What if …-Story, die die starren Grenzen des bis dato 23 Jahre alten Franchises erfrischend verschiebt. Hier scheint Lex Luthor – allerdings auf ziemlich unglaubwürdige Weise – vom Schurken zum Helden zu werden.
Eine Dekade später krempelt Dennis O’Neil die Welt um den Stählernen mit Superman entfesselt radikal um. Unvergessen ist das ikonische Titelbild von Neal Adams, auf dem Superman Ketten aus Kryptonit sprengt. Wird der Mann von Morgen also noch mächtiger? Nur scheinbar. Was damals nicht so gut ankam, wirkt heute wie eine Frischzellenkur. Gute Arbeit leistet dabei auch Zeichner Curt Swan, der besonders die Verwandlung von Clark Kent in Superman ansprechend darstellt.
1972 kreiert Elliot S! Maggin mit Braucht die Welt einen Superman? eine Geschichte, die alles andere als oberflächlich bleibt. Der Autor der Mini-Serie Kingdom Come geht nicht nur der Frage im Titel nach, sondern stellt auch zur Diskussion, ob der Superheld nicht die menschliche Entwicklung hemme: spannendes, fast schon intellektuelles, jedoch teilweise etwas behäbig erzähltes Gedankenexperiment.
Zum 45. Jahrestag des Superhelden beschert Autor Marv Wolfman nicht nur ihm eine Neugeburt, sondern auch seinem Erzfeind Brainiac. Das Ergebnis ist eine lesenswerte Verbindung von Fantasie und Science-Fiction mit kleineren Längen. Dieser frische Ansatz mit einer realistischeren und nachdenklicheren Hauptfigur kann sich nicht zuletzt dank Zeichner Gil Kane – der Supermans Emotionen stark herausarbeitet sowie Brainiacs intergalaktische und -temporale Reise ansprechend gestaltet – auch heute noch sehen lassen. Schade nur, dass das offene Ende hier nicht aufgelöst wird.
Die von Elliot S! Maggin 1984 im Rahmen der 400. Jubiläumsausgabe kreierte Geschichte Die Legende von Erde Prime ist weniger wegen des Inhalts, sondern eher wegen des Zeichners bemerkenswert. Damals schwang hier nämlich ein damals noch unbekannter Künstler namens Frank Miller den Stift und zeigte sich hier noch längst nicht auf der Höhe seines Könnens. Die kurze Geschichte beschäftigt sich augenzwinkernd mit Supermans geheimer Identität.
Nach einer kurzen, aber emotionalen Hommage an Superman von Bestseller-Autor Ray Bradbury springen wir mit Eine Nacht in Gotham City in das Jahr 1986. John Byrne lässt als Autor und Zeichner in Personalunion die beiden größten DC-Helden – natürlich Batman und Superman – aufeinandertreffen. Doch nach dem Event Crisis on Infinite Earth sind beide nicht mehr Best Buddys. Das Ergebnis ist eine starke Story mit gelungener Endpointe, die Batman vs. Superman vorbereitet und eigentlich nur wegen der schwachen Schurkin nicht ganz allererste Wahl ist.
In einer Superman-Anthologie darf Mr. Mxyzptik nicht fehlen. Der Kobold mach dem Stählernen hier in Sag den Namen (1987) das Leben schwer. Die ebenfalls von John Byrne gestaltete Story ist vielleicht nicht die allerbeste über die Streiche des Wesens aus der fünften Dimension – auch wegen des nicht ganz überzeugenden Taschenspielertricks, dem sich Superman am Ende bedient. Sie ist aber unterhaltsam und zeigt, was den Konflikt zwischen beiden Außerirdischen ausmacht.
Natürlich ist auch Doomsday in der Sammlung vertreten. Denn in dem Ereignis, das 1993 Geschichte schrieb, stirbt Superman wirklich. Dan Jurgens kreierte ein Event, das noch bis heute nachwirkt. In der Anthologie ist zwar nur Platz für das finale siebte Kapitel. Das hat es aber mit seitenfüllenden, detailreichen und emotionalen Zeichnungen richtig in sich.
Was ist so witzig an Wahrheit, Gerechtigkeit und dem American Way of Life? aus dem Jahr 2001 lässt sich als Antwort auf das Erstarken skrupelloser Superheldengruppen wie The Authority lesen. Autor Joe Kelly konfrontiert den Mann aus Stahl mit Helden, die Kollateralschäden in Kauf nehmen. Das von Doug Mahnke und Lee Bemejo ansprechend illustrierte Ergebnis liest sich heute noch gut, ist an einigen Stellen aber etwas zu platt patriotisch geraten.
Eine Frage des Vertrauens (2003) beeindruckt durch die fast fotorealistischen Panels von Alex Ross. Inhaltlich geht es in der von Chip Kidd erdachten Story um eine Rückversicherung, die Superman einst Batman gab: Die Grundidee überzeugt zwar, die Geschichte selbst geht aber etwas zu wenig in die Tiefe und verschenkt dadurch Potenzial.
Der Vorfall (2011) verdient sich einen Platz in der Anthologie, weil er einen (möglichen) Wendepunkt darstellt. Autor David S. Goyer bezieht sich auf zeitgeschichtliche Ereignisse und lässt Superman im Iran auftreten – mit allen damit verbundenen Konsequenzen. So wird Superman zum US-Symbol zu einer Art globalem Helden. Dass das auch noch richtig gut aussieht, ist Miguel Sepulveda zu verdanken.
Star-Autor Grant Morrison durfte dem Mann von Morgen 2012 eine neue Nummer 0 verpassen und Der Junge, der Supermans Cape stahl ist ein hervorragender Reboot. Wir sehen hier einen jungen und schüchternen Clark Kent und geraten mitten in eine emotional berührende Geschichte um Supermans Cape. Für die passenden Bilder dazu sorgt Ben Oliver.
Wind des Wandels, Kapitel 1 rückt statt eines Superman seine ganze Super-Familie in den Fokus. Philip Kennedy Johnson kann sich auf mehrere Superwesen stützen, die nicht alle in den USA und nicht einmal alle in unserer Welt verwurzelt sind. Leider ist das Ganze recht kurz und das Ende ziemlich abrupt, sodass es sich eher um ein Appetithäppchen handelt.