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Tabu von Tom Egeland

Rezension von Björn Backes

 

Inhalt:

Eine ungewöhnliche Briefsendung landet eines Tages auf dem Schreibtisch der jungen Fernsehjournalistin Kristin Bye, die gerade erst ihren Job beim Dagbladet gekündigt hat, um das zukunftsträchtigere Medium mit ihren Beiträgen bei TV24 zu würzen. Nun erhält sie auf dem Postweg ein unscheinbares Videoband, das eine Frau angekettet auf einem steril geschmückten Bett zeigt. Zwei weitere Sendungen später wird Kristin dann jedoch die Grausamkeit dieses Szenarios bewusst. Die Frau wurde ermordet und vom Absender der Botschaften auch noch dabei gefilmt – und ausgerechnet Kristin soll nun entscheiden, was mit den Aufnahmen geschieht.

Nach einer provokanten TV-Ausstrahlung wird der Fall in ganz Norwegen akut, zumal der Attentäter keine Ruhe gibt. Es folgen weitere Videobotschaften und schließlich auch zwei neue Leichen, die in unmittelbarem Zusammenhang mit den geschmacklosen Filmen stehen. Die letzte Botschaft zeigt schließlich Bilder aus dem Alltag der Journalistin, dem vermeintlich nächsten Opfer. Aber die Ermittlungen stehen nicht still und werden alsbald von Erfolg gekrönt. Die Polizei kommt dabei dem eigenbrödlerischen Rune Strom auf die Schliche, der bereits vor 20 Jahren eines Mordes beschuldigt wurde, damals aber mangels Beweisen nicht dingfest gemacht werden konnte. Und die Indizien sind eindeutig: In Stroms Haus werden markante Spuren gesichert und al dann auch noch ein Slip mit Spuren eines Mordopfers entdeckt wird, scheint die Sache klar. Doch als Polizeidirektor Runar Vang den Fall schon für abgeschlossen wähnt und Kristin sich für einige Zeit auf das ländliche Anwesen ihres Bruders zurückzieht, enthüllt ausgerechnet ihr Ziehvater Gunnar Borg Informationen, die Strom als Täter deutlich disqualifizieren. Aber bis die Behörden seine Hinweise annehmen, schwebt Kristin schon in höchster Lebensgefahr…

 

Rezension:

„Tabu“ ist ein fantastisches Buch, soviel schon einmal vorweg. Abers hätte sich sicherlich noch um einige Spannungsnuancen steigern lassen, hätte Autor Tom Egeland seine Story von Beginn an mit einem solch hohen Tempo gewürzt, wie er es vor allem in den packenden Schlussszenen mit ihren ständigen Szenenwechseln und der nahezu perfekten Dynamik im Stile eines ganz großen Kriminalautors vollführt. Aber auch dies nur vorweg.

Eigentlich startet der norwegische Schriftsteller nämlich schon mit durchgetretenem Gaspedal und rollt auf den ersten Seiten, quasi im Epilog, eine ganze Mordreihe auf, die von einem bislang unbekannten Täter verübt werden. Eine Frau wird in der Badewanne ertränkt, eine andere tot in einem Fluss aufgefunden, dann wiederum vergräbt er sein Opfer schlicht und einfach für eine ganz private Zeremonie. Allerdings ist dies nur ein Teilaspekt des Verbrechens, denn schließlich genießt er seine persönliche Inszenierung immer wieder aufs Neue und bannt sie zeitgleich auf Videoband, um die Dramaturgie seiner Kunst auf ewig festzuhalten. Zwei Dekaden nach seinem ersten Mord wird er nun wieder aktiv und hat sich für seine aktuelle Videostudie eine bis dato noch recht frische TV-Journalistin ausgesucht. Fortan schickt er ihr Bänder, die zunächst nur visuelle Fragmente der Opfer zeigen, dann aber auch in der Live-Fassung den grausamen Mord, dem sie direkt darauf erliegen. Ein theatralisches Schuss beim Pianospiel, ein langsam mit Isolierband verklebtes Gesicht – alles ist Recht, um die Aufmerksamkeit auf seine Gräuel zu lenken und vor allem Krisin Bye in den Fokus zu rücken. Und es läuft alles wie geschmiert: Die Inszenierungen werden publik, der Skandal öffentlich und seine anonyme Person zur meistgefragten in ganz Norwegen. Doch der Einbruch folgt zugleich; endlich hat die Polizei eine erste Spur, die sich im Folgenden als äußerst sicher erweist und schließlich auch den vermeintlichen Mörder hinter Gitter bringt. Doch erst damit beginnt die wirkliche Story – und immerhin sind bis hierhin schon beinahe zwei Drittel der Story Historie.

Daher kann man es sich nun zurechtlegen, wie man gerade mag. Einerseits genießt auch Egeland die fast schon majestätisch präsentierte Grausamkeit seines stillen Protagonisten, andererseits vollzieht er zu einem relativ späten Zeitpunkt in der Handlung einen so krassen, insgeheim aber auch erwarteten Einschnitt, der einen Teil der Inszenierung lediglich als Fassade und Aufhänger für den temporeichen Hauptplot erscheinen lässt. Doch gerade damit wäre das fantastisch beschriebene, auch hier schon sehr wechselseitige Handlungskonstrukt auf den ersten 350 Seiten einfach zu schlecht weggekommen. Schließlich zeigt der Autor auch hier in allen Facetten, wie man eine solche Story lebendig und atemberaubend strukturiert, ohne dabei den Faden aus der Hand zu geben. Und auch wenn der zwischenzeitliche Wechsel durch sein spätes Eintreten dementsprechend ein wenig konstruiert und hektisch scheint, so gehört auch die recht intensive, ausführliche Einleitung des Finals mit großem Applaus gewürdigt.

Bevor schließlich ein recht intensiver, unberechenbarer Showdown ins Leben gerufen wird, beweist Egeland des Weiteren, dass er auch in der Darstellung der emotionalen Inhalte Meister seines Faches ist. Die vielen unscheinbaren zwischenmenschlichen Ereignisse scheinen auch hier zunächst nicht weiter relevant, entpuppen sich aber später als zusätzliche, wichtige Puzzlestücke im großen Rätselspiel, da die Charaktere keine klaren Rollen zugesprochen bekommen. Vieles bleibt offen, und auch wenn keine der bekannten Figuren für den Part des Serienmörders in Frage kommt, so würde man es doch manchem zutrauen.

Für Spannung ist ergo permanent gesorgt, für eine anständige, häufig gar rasant-brillante Darstellung ebenfalls. Und da auch der Sprachstil des Autors richtig gut gefällt, sind die Voraussetzungen für einen echten Bestseller hinlänglich erfüllt. Bemerkenswert ist am Ende noch, dass es sich bei „Tabu“ um das Debütwerk des Autors handelt. Solch eine Reife zu einem derart frühen Zeitpunkt ist nämlich definitiv ungewöhnlich, macht den Titel aber natürlich noch eine Spur sympathischer.

 

 

Fazit:

„Tabu“ ist Spannung, Theatralik und Dramaturgie in ihrer pursten Kombination. Dazu stellt die Story einige sehr eingängige Figuren vor, die man gerne in späteren Ausgaben wieder treffen würde, da sie einfach sehr prägnante Entwicklungen durchlaufen. Das wichtigste Argument ist jedoch Egelands Geschick, Dinge auf den Punkt zu bringen und dann kurz vor dem Höhepunkt abzubrechen. Diesbezüglich ist „Tabu“ nämlich sicherlich eines der am meisten prickelnden Bücher in der heutigen skandinavischen Kriminalliteratur, was angesichts der Qualitätsfülle aus dem hohen Norden definitiv einiges bedeuten mag. Eine Kaufempfehlung seit daher auch sofort unterschrieben.

 

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Eure Meinung:

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Buch:

Tabu

Autor: Tom Egeland

Taschenbuch, 600 Seiten

Goldmann, April 2008

 

ISBN-10: 3442465737

ISBN-13: 978-3442465736

 

Erhältlich bei: Amazon

Weitere Infos:


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Erstellt: 29.07.2008, zuletzt aktualisiert: 12.05.2021 19:39