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Leseprobe: Tanz der Bestien

Flirps Herzschlag dröhnte wie ein Schmiedehammer in seiner Brust, so als hege der heftig schlagende Lebensmuskel die Hoffnung, ohne den Rest des Körpers eher entkommen zu können als mit all dem Ballast aus zum Zerreißen gespannten Nerven, Sehnen und Muskeln. Das Blut rauschte gleich einem tosenden Wasserfall in Flirps Ohren und pochte gegen seine Schläfen, während Schweiß vermengt mit lauwarmen Regen kleinen Sturzbächen gleich über sein Gesicht und seinen Rücken rann und das dünne, mittlerweile durchgeweichte Leinenhemd an seinem Leib kleben ließ.

Auch die engen Straßen und Gassen, die der Junge auf seiner Flucht durch die regnerische Nacht hinter sich ließ, hatten sich ob der schon seit Tagen andauernden Regenfälle merklich verändert: Dort, wo keine feucht schimmernden Pflastersteine seinen Weg markierten, säumten ihn nun unzählige, in der Finsternis annähernd unsichtbare Schlammpfützen, die sich schnell als gefährliche Stolperfallen entpuppen konnten.

Die Regenzeit im tropischen Saramee war für ihren Einfluss auf das Leben innerhalb der Stadtmauern berüchtigt. Händler und Stand- oder Budenbesitzer auf Märkten und Basaren mussten ihren Lebensrhythmus ebenso den Wetterbedingungen anpassen wie ihre Kunden, wie Handwerker und Tagelöhner, aber auch Dirnen, Bettler und selbst Beutelschneider und Betrüger. Die Straßen und öffentlichen Plätze waren nicht selten widerwärtige Schlammpisten, da schwere Hufe, spitze Klauen und harte Stiefelsohlen unentwegt den weichen Boden aufwühlten; jede neue Regenbö schwemmte mehr und mehr Dreck an die Oberfläche, während sie im selben Maße immer mehr Gäste in die Tavernen und Gasthäuser der Stadt trieb, die genau wie die Abwasserrinnen langsam aber sicher überzulaufen drohten.

Die Regenzeit war daher auch eine Zeit der Gereiztheit und der Schwierigkeiten – und damit nicht zuletzt auch der Gewalt. Waren so viele Individuen unterschiedlichster Herkunft und Rasse für längere Zeit auf engstem Raum zusammengepfercht, entwickelten sich in den überfüllten Schankstuben nur allzu gern hitzige Auseinandersetzungen über Belanglosigkeiten, und anderorts waren es oftmals die Dinge, die vom Regen aus den hintersten Winkeln an die Oberfläche getragen wurden, die Grund zu Aufruhr und Ärger boten, wenn um die angeschwemmte Beute gestritten wurde.

Beute ... Auch Flirp kam sich wie Beute vor, erbarmungslos durch die vom Regen verschleierte Nacht gejagt und grausam durch Pfützen gehetzt. Er wusste nicht, wie lange er nun schon ziellos durch das verschlungene Labyrinth aus Gassen und Hinterhöfen dieses heruntergekommenen Viertels hetzte und um sein Leben rannte. Für ihn gab es nur noch den gefährlichen Weg durch die Dunkelheit, das laute Platschen und Saugen seiner Schritte auf dem schlammigen Boden und die fürchterliche Gewissheit, verfolgt zu werden.

Unzählige Male hatte er die Richtung gewechselt, war über niedrige Mauern und Lattenzäune geklettert und hatte sogar einmal eine schmale, morsche Außentreppe erstürmt, um über das daran anschließende Flachdach eines alten Schuppens zu rutschen und auf der anderen Seite in die nächste Gasse zu springen – ohne Erfolg. Stets war die Gewissheit geblieben, seinen Verfolger nicht abgeschüttelt zu haben.

Flirp wusste, dass ihn seine Kräfte bald schon verlassen würden. Entweder das, oder aber er würde auf dem gefährlich glitschigen Untergrund endgültig den Halt verlieren und stürzen, ohne sich in letzter Sekunde abfangen zu können; er hatte aufgehört, seine Beinahe-Stürze zu zählen, kurz nachdem er das Dutzend voll gehabt hatte. Er wünschte sich sehnsüchtig, dass es Tag oder zumindest schon grauender Morgen wäre, damit er in ein offenes Geschäft oder eine Taverne hätte flüchten können. Vier oder fünf Stunden vor den ersten Anzeichen des Morgengrauens blickten jedoch nur stumm geschlossene Fensterläden und verriegelte Türen hinter dem Regenschleier hervor und schienen den jungen Flüchtling zu belächeln. Flirp blieb nichts anderes übrig, als weiter zu rennen, ein Bein vor das andere zu setzen und seine von einem gänzlich anderen Grauen getriebene Flucht durch den Regen fortzusetzen ...

... zumindest bis er spürte, wie der Boden unter seinen Füßen plötzlich verschwand, sein Knöchel umknickte und er mit einem leisen Ausruf des Entsetzens laut platschend zu Boden ging. Schmutziges Wasser spritzte ihm ins Gesicht, drang in seine Augen und durch Nase und Mund in seinen Rachen. Flirp würgte und versuchte, den Schmerz an seinem Fuß zu ignorieren, während er gleichzeitig angsterfüllt nach seinem hartnäckigen Verfolger lauschte. Doch da war nur Stille; Stille, das rhythmische Trommeln auf der Pfütze um ihn herum, das Rauschen des Regens und das wilde Hämmern seines Herzens.

Ein paar Sekunden saß Flirp regungslos in der großen Pfütze. Dann spuckte er einen ordentlichen Schwall Brackwasser aus und schüttelte irritiert den Kopf. War es ihm tatsächlich gelungen, seinen Verfolger in einer der verschachtelten Gassen abzuhängen, ohne dass er selbst es bisher gemerkt hatte?

Furcht und Anspannung entluden sich in einem mädchenhaften Kichern, als Flirp sich mühsam aufrappelte und auslotete, in wie weit er seinen lädierten Knöchel belasten konnte.

Sein Todesschrei, als etwas Hartes und Eiskaltes in seinen Rücken fuhr, war nicht mehr als ein erschrockenes, halb ersticktes Quieken, das von der regengepeitschten Nachtluft ebenso bereitwillig verschluckt wurde wie ein Nachtfalter von einem hungrigen Lederschwinger.

 

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Tanz der Bestien

Autor: Christian Endres

Reihe: Saramee Bd. 10

Illustration: Chrissi Schlicht

A5 Paperback – 72 Seiten

ISBN: 3936742723

Verlag: Atlantis Verlag

April 2006

Erhältlich bei: Amazon

Weitere Infos:

Disclaimer:

Freigabe zur Weiterveröffentlichung der Leseprobe besteht, soweit vom Autor nicht anders angegeben nur für "FantasyGuide.de". Für alle weiteren Veröffentlichungen ist die schriftliche Zusage des Autors erforderlich.


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Erstellt: 15.10.2006, zuletzt aktualisiert: 26.01.2015 08:13