Ich stehe auf der Lichtung, vor mir erstreckt sich ein abgeerntetes Maisfeld. Dahinter erkenne ich die obere Etage eines bäuerlichen Landhauses. Ein Weg führt durch das Feld und zum Haus.
Im Abendhimmel über mir kreist eine Krähe. Ihr Krächzen lässt mich erschauern. Schon ein paarmal habe ich den Vogel gesehen. Er scheint mir zu folgen. Welche Bedeutung hat das?
Langsam setze ich mich in Bewegung. Der Wind fährt hinein in das Feld und lässt die alten Maisstängel knistern. Die Luft ist erfüllt von Elektrizität, so als wollte sich ein Gewitter aufbauen.
Als ich am Haus ankomme, ist die Haustür bereits offen. Ich trete ein und sofort schlägt sie hinter mir zu. Ich bin gefangen! Welche Geheimnisse birgt das Haus und bin ich fähig, sie zu bekämpfen?
The Occultist heißt das Game, das hier besprochen werden soll. Es stammt von den spanischen Entwicklern Daloar Studios und ist ihr erstes Videospiel. Es behandelt Themen aus dem Horrorbereich und kann als narratives Adventure bezeichnet werden.
Als Publisher fungiert Deadalic Entertainment.
Die Atmosphäre auf Godstone Island ist ein großes Plus der Story, die ansonsten relativ beschaulich ist. Jedes Szenario ist handgemachter Grusel, egal ob Spukhaus, Friedhof, Jahrmarkt, Waisenhaus, Krankenhaus oder dergleichen mehr – alle Designs bluten Atmosphäre. Dabei geht es nicht um Horror im Sinne von Body Horror, sondern vor allem um Mystik und sanften Grusel.
In diesen einzelnen, getrennten Bereichen ist man unterwegs und sammelt Gegenstände ein, die man an anderen Orten wieder einsetzt. Oder man sucht nach Hinweisen für die richtige Kombination an einem Schloss. All das ist nicht übermäßig schwer, doch so die ein oder andere Kopfnuss ist schon dabei. Toll daran ist, dass »The Occultist« dadurch einen angenehmen Flow entwickelt, ohne dass man ständig an ein imaginäres Stopp-Schild gelangt und lange nicht weiterkommt. Mit ein wenig Grips gelangt man relativ schnell ans jeweilige Ziel.
Als Helfer fungieren dabei Spezialkräfte, die der Ermittler Alan Rebels besitzt. Er kann eine Geistervision aktivieren (Vera Vision), die verborgene Gegenstände aufdeckt. Das funktioniert so ähnlich wie der Scry-Zauberspruch beim Game Clive Barkers Undying und trägt so zur Atmosphäre bei. Dann kann man die Zeit vor- und zurückdrehen, was an einigen Stellen hilfreich ist (Tempus Fugit). Außerdem beschwört man eine Geisterkrähe, die man in der Außenansicht lenken kann. Auf diese Weise holt man entfernte Objekte oder drückt Schalter, an die man ansonsten nicht herankäme (Caecus Corvus). Eine vierte Spezialfähigkeit ist Vermis Mentis. Hiermit kann man kleine Wesen wie Ratten kontrollieren.
In der Egoperspektive ist man also auf Godstone Island unterwegs und löst die Rätsel, bekämpft ab und an sogar einen Boss oder läuft vor Horrorgestalten davon. An einigen Stellen erhält man Hinweise in ein Journal und kann auf sie immer wieder zurückgreifen. Das Spiel ist relativ ruhig angelegt und nur manchmal gibt es ein paar Jumpscares. Ansonsten verlässt sich »The Occultist« auf seine Atmosphäre und das ist gut so.
Unter der Haube von »The Occultist« arbeitet der Grafikmotor der neuesten Unreal-Engine. Dementsprechend gut sieht das Game aus. Ein Weichzeichnereffekt liegt zusätzlich über der Grafik und lässt alles märchenhaft leicht unscharf aussehen. Die Lichtstimmung ist an vielen Stellen superb und lädt zum Betrachten ein. Gerade die Abendlevel zu Beginn sind teilweise wie Gemälde. Aber auch nachts im Waisenhaus ist als Grafikset sehr gelungen.
Der Sound macht vieles richtig, lässt Böden knarren und den Wind fauchen. Doch das Highlight im Soundbereich von »The Occultist« ist die Musik. Sie unterstützt die unheimliche Atmosphäre kongenial und leitet den Spieler durch die Level.
»The Occultist« ist ein Spiel für Genießer des Horrorgenres. Dabei ist weniger der blutige Bodyhorror gemeint, sondern mehr das schleichende Grauen, das langsam den Rücken hinaufkriecht. Die Levels sind aus der typischen Sammlung von Horrorsettings, aber das ist nicht negativ gemeint. Denn durch die Atmosphäre und die immer wieder gelungenen Gameplay-Einfälle im Rätselbereich sind sie stimmig eingebunden.
»The Occultist« kann daher allen Freunden des gepflegten Gruselns empfohlen werden.
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