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The Suicide Of Rachel Foster

Rezension von Cronn

 

Behutsam nehme ich die Polaroid-Kamera in die Hand und erfühle den Auslöser. Es ist so dunkel, dass ich kaum die Hand vor Augen sehe. Nach einer vermeintlichen Ewigkeit ertaste ich den Knopf. Ich halte den Fotoapparat eng an meine bebende Brust gedrückt und drücke den Auslöser.

Für einen Sekundenbruchteil wird der Raum vom Blitzlicht erhellt, das scharfe Schatten der Gegenstände an die Wände wirft. Geblendet irrlichtert das Nachbild noch einen Moment auf meiner Netzhaut: Sessel, Stehlampe, Tisch, Tür zum Gang.

Das Blitzlicht lädt sich mit einem sich steigernden Surren wieder auf. Erst nach gefühlten zehn Sekunden kann ich erneut den Auslöser drücken. In dieser Zeit bin ich noch so geblendet, dass mich ein grauenvolles Monster problemlos angreifen könnte – ich bin wehrlos!

Und dennoch muss ich durch das nächtliche Hotel meiner Familie wandern, um durch eine Zwischenwand zu kriechen und den Generator neu zu starten. Sonst bleibe ich in völliger Dunkelheit inmitten des Schneesturms. Was für eine fürchterliche Vorstellung! Oh, mein Gott!

Ein erneuter Druck auf den Auslöser, das Flashlight zuckt durch den Gang. War da nicht eine Gestalt am Ende des Flurs vor dem Fenster? Jetzt blitzt es draußen. Nein, da ist nichts. Oder doch? Da, an der Ecke? Ich will nicht weitergehen, aber ich muss!

Schritt für Schritt. Das Surren des Blitzlichts macht mich nervös. Ich wende mich nach rechts und links, versuche Türen zu öffnen, aber ohne Erfolg. Dann drücke ich erneut den Auslöser: Der Gang ist leer.

Um mich her knarrt das alte Hotel unter dem Ansturm des Windes. Seltsame Geräusche irgendwo tief in den Eingeweiden des Holzgebäudes. Gluckern da Rohre oder ist dies das Knurren eines angriffsbereiten Tieres? Meine Phantasie geht mit mir durch. Ich sehe schon schattenhafte Gestalten überall!

Endlich erreiche ich die Tür, welche in den Personalbereich führt. Ich öffne sie und trete ein. Ein Wagen mit Putzmitteln, ein defektes TV-Gerät und dahinter – die Schiebetür, die hinter die Wand in den Kriechgang führt. Gottlob finde ich in einem Regal eine Taschenlampe. Sie muss allerdings per Hebel immer wieder aufgeladen werden.

Mein Weg in die Finsternis hat gerade erst begonnen …!

 

The Suicide Of Rachel Foster ist das neu erschienene Game vom Entwickler One-O-One Games. Die Vertriebsrechte hat sich hierzu der Publisher Daedalic Entertainment gesichert. Das Spiel ist auf Steam erhältlich und entführt den Spieler in ein altes Hotel in der verschneiten Bergwelt von Montana. Sofort kommen Gedanken an den Film The Shining von Stanley Kubrick auf Basis des Romans von Stephen King hoch. Aber »The Suicide Of Rachel Foster« führt in eine andere Richtung. Dazu später mehr. Zunächst eine knappe Inhaltsangabe zur Story, ohne zu spoilern.

 

Inhalt:

Die Protagonistin des Spiels trägt den Namen Nicole Wilson. Nach dem Tod ihrer Eltern kehrt sie in das Timberline-Hotel in der Bergwelt Montanas zurück, das ihr Vater führte. Sie möchte es verkaufen und soll nun einen letzten Blick darauf werfen und dort den Familienanwalt treffen. Doch es kommt anders als erwartet.

Nach dem Eintreffen im Hotel kommt ein Schneesturm auf und verhindert sowohl das Eintreffen des Anwalts, als auch das Fortkommen von Nicole. Eingesperrt in das Hotel muss sie sich den Geistern der Vergangenheit stellen. Ihr Vater hatte einst eine Affäre mit der 16-jährigen Rachel Foster, welche sich das Leben nahm. Nach und nach bekommt Nicole das Gefühl, dass sie nicht allein im Hotel ist …

 

Die Story entfaltet sich über den Zeitraum von mehreren Tagen und ist das antreibende Motiv des Gameplays von »The Suicide Of Rachel Foster«. Dabei verbleibt sie lange Zeit im Nebulösen und tritt auf der Stelle. Erst im letzten Drittel zieht die Story an und die Ereignisse spitzen sich zu.

 

Gameplay, Sound und Grafik:

Da »The Suicide Of Rachel Foster« eine Spielerfahrung ist, welche die verschiedenen Aspekte des Gamings zusammenbringt, sollen im nachfolgenden Text auch die drei Bereiche »Gameplay«, »Sound« und »Grafik« zusammen behandelt werden, um diesem Umstand gerecht zu werden.

 

Von Seiten des Gameplays ist »The Suicide Of Rachel Foster« mehr eine narrative Erfahrung als ein Adventure. Dies muss einem bewusst sein, damit man das Spiel genießen kann. Wer sich darauf einlässt, bekommt eine spielbare Narration, die durchaus ihre hohen Momente besitzt. Diese ergeben sich aus der beeindruckenden Atmosphäre des Schauplatzes. Hier hat man mit Hilfe von Grafik und Sound ganz Beachtliches geleistet. »The Suicide Of Rachel Foster« lebt von der Immersion des Spielers. Nur derjenige, der diese Immersion bereitwillig aufbringt, wird das Game genießen.

 

Immer wieder meldet sich ein Mitglied der FEMA-Behörde per Funk. Dies stellt die einzige Form der Interaktion mit NPCs dar: Man darf zwischen zwei Antwort-Optionen wählen, wobei diese aber auf dasselbe hinauslaufen.

 

Dazu kommt noch, dass man verschiedene Gegenstände findet und anwendet. Diese sind aber nicht in Puzzles eingebunden, sondern integrativer Teil der Erzählung, wie beispielsweise eine Taschenlampe oder ein Schraubendreher.

 

»The Suicide Of Rachel Foster« baut daher voll und ganz auf das Erzählen der Geschichte und hierbei vor allem auf das Erleben der Situation im Hotel. Hier gelingt es den Machern, den bereitwilligen Spieler tief in das Erleben hineinzuversetzen. Dies bewirkt besonders der Sound, der am besten mit Hilfe von Kopfhörern erlebt werden sollte. Ständig knarrt und quietscht und klingelt und rumpelt irgendetwas in den Eingeweiden des Hotels. Man hört seine eigenen Fußschritte, denkt, dass es die Schritte eines anderen sind und dreht sich unvermittelt um. Kleinere Jump-Scares sind auch eingebaut, aber glücklicherweise nicht wie in billigen Horrorfilmen. »The Suicide Of Rachel Foster« erzeugt eine beängstigende Atmosphäre gerade dadurch, dass lange Zeit nichts geschieht und auch keine Musik ständig den Spieler berieselt. Das Spiel erzeugt Unbehagen beim Durchstreifen des alten Hotels, was auch am gelungenen Design der Umgebung liegt. Die Grafik ist hochwertig, nicht top-notch, aber dennoch sehr effektiv und hochaufgelöst. Viele Referenzen an die 80er-Jahre finden sich hier im Jugendzimmer von Nicole, daneben auch 70er-Jahre-Hommagen anhand der Bücher in den anderen Zimmern, dem Möbeldesign und dem Look der TV-Geräte, etc. pp. Eine besondere Reminiszenz findet sich im Design des Teppichs im ersten Stock wieder: Er sieht ähnlich aus wie der Teppich im Filmhotel bei »The Shining«, über den der klein Danny Lloyd sein Dreirad fährt.

 

Fazit:

Wer über Schwächen in der Narration hinwegsehen kann und es mag, dass die spielerischen Elemente zurückgenommen sind, wird bei »The Suicide Of Rachel Foster« ein stark atmosphärisches Spiel bekommen, das eine spannende Erfahrung ist. Liebhaber von ernsthaftem Horror, die auch dramatischen Elementen in der Erzählung nicht abgeneigt sind, dürfen einen Blick riskieren.

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Eure Meinung:

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PC-Spiel:

The Suicide Of Rachel Foster

Entwickler: One-O-One Games

Publisher: Daedalic Entertainment

Veröffentlichung: 19.02.2020

 

Erhältlich bei: steam


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Erstellt: 25.02.2020, zuletzt aktualisiert: 02.08.2020 16:37