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The West - Die Eroberung des Westens

Filmkritik von Christel Scheja

 

Rezension:

 

Jedes Land hat eine Epoche, die in der kollektiven Erinnerung des Volkes besonders verklärt wird. Mögen es in Europa bestimmte Abschnitte des Mittelalters und der Antike sein, so ist in den USA kaum eine andere Zeit und Region so mit Mythen und Pathos behaftet wie die Eroberung des „Wilden Westens“. Ein ganzes Genre von Filmen und Romanen verherrlicht die Erfolge der Pioniere, die dem kargen Land Ackerboden und Weiden abrangen, Städte aus dem Boden stampften und gegen die Indianer kämpften, die ihnen Übles wollten. Aufrechte Männer brachten Recht und Gesetzt, Outlaws und Revolverhelden wurden zu schillernden Figuren, die manch einem dekadenten Spekulanten aus dem Osten oder dem Süden das Leben schwer machten.

Mehr noch als der früh besiedelte Osten des neuen Kontinentes verkörpert der „Wilde Westen“ den amerikanischen Traum: Mit nichts in den Händen eine Zukunft zu schaffen und vom Handlanger zum reichen Rancher oder Farmer aufzusteigen. Es zog Menschen in das Weite Land, die nichts zu verlieren hatten außer ihrem Leben, die Europa verließen, um selbstbestimmt neu anzufangen und Freiheiten zu genießen, die ihnen vorher nicht gegönnt wurden. Viele nahmen dabei entbehrungsreiche Zeiten voller Gefahren auf sich.

Einige fanden dort auch die Freiheit, ihren Glauben und ihre politischen Vorstellungen aus zu leben und mussten nicht länger mit Repressalien der Obrigkeit rechnen.

 

Die Dukumentation „The West - Die Eroberung des Westens“ beschreibt diese Zeit von ihren Anfängen bis hin in das frühe 20 Jahrhundert. Die acht jeweils fast eineinhalbstündigen Filme nehmen sich jeweils einen Abschnitt der Geschichte vor. Bis 1806 hatten die Ureinwohner Amerikas, die Indianer, den Westen weitestgehend für sich. Nur hin und wieder trafen sie auf weisse Männer, Trapper und Jäger die einen, Landvermesser und Forscher die anderen. Eine Besiedlung fand noch nicht wirklich statt. Und wenn, dann wehrten sich die Völker manchmal dagegen, so wie die Pueblo-Indianer die Spanier vertrieben, als sie zu weit in ihr Gebiet vordrangen. Das begann sich zu ändern, als die junge amerikanische Nation im Jahr 1804 Louisiana erwarb und der Drang nach Westen zu ziehen wuchs. Bis 1848 hielt sich der Zug der Siedler aber noch in Grenzen. Zwar nutzten Männer wie Sam Houston die Gelegenheit, unabhängige Nationen wie Texas zu gründen und eigene Gesetze aufzustellen, aber diese hatten nicht lange Bestand. Nicht jeder Treck, der auf der Suche nach neuem Siedlungsland war, hatte erfolg, und so blieben die Versuche erst einmal zaghaft, bis sie sich in den 1850ger Jahren verstärkten, in der Zeit des Goldrausches. Angelockt von „sagenhaften“ den Funden in Kalifornien zog es die Menschen nach Westen, und manch einer strandete auf dem Weg dorthin oder auf der Rückreise und versuchte sein Glück anderweitig. Siedler nutzten die bekannten Trails, um sicher in neues Gebiet zu reisen.

Aber auch vom Bürgerkrieg blieben sie nicht ganz verschont. Weil einige der Siedler das Problem der Sklaverei mit sich genommen hatten, wurden sie mit in den Streit gezogen und mussten sich entscheiden, welche Seite sie unterstützen wollte, den Norden oder den Süden.

Ein wirklicher Ansturm auf den Westen begann aber erst mit dem Bau der Eisenbahnlinien, die Osten und Westen verbinden sollten. Mit den Schienenstrecken kamen die Arbeiter und in ihrem Gefolge auch deren Familien. Städte entstanden und wurden zu Knotenpunkten des Handels mit Vieh und Getreide. Spekulanten und Glücksritter versuchten herauszuholen, was sie konnten und rissen manch einen Farmer oder Rancher in den Bankrott.

Die Indianer wurden immer mehr in kargere und lebensfeindlichere Regionen abgedrängt. Zwar entschlossen sich einige mutige und kriegerische Stämme zum Kampf und wehrten sich - aber auch das konnte nicht verhindern, dass sie schließlich gegen die besser ausgerüsteten Weißen kapitulieren und nachgeben mussten. Den Massakern folgten Umerziehungsmaßnahmen.

Indes wurde der Westen immer mehr zu einem Schmelztiegel der Völker. Nicht nur Siedler aus Europa, auch freigelassene Sklaven und zum Bau der Eisenbahn aus China geholte Arbeiter versuchten ihr Glück in dem weiten Land, das schon so gut wie aufgeteilt war. Man begann ein Loblied auf die Ideale zu singen und die letzten Jahrzehnte zu verklären. Daran hatten Männer wie William „Buffalo Bill“ Cody, die mit einem Variete-Zirkus durch die Städte des Ostens und Europa tourten auch ihren Anteil.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts schließlich hatten Bergbaustädte an Bedeutung gewonnen, als den Bodenschätze, die sie liefern konnten plötzlich gefragt waren, so wie Kupfer. Der Westen kam langsam zur Ruhe und wurde ein wichtiger Bestandteil der USA.

 

Die aus dem Jahr 1996 stammende Dokumentation macht nicht den Fehler, diese Zeit nur aus einer Sicht zu erzählen. Regisseure und Autoren versuchen neutral zu bleiben und überlassen es dem Zuschauer, sich selbst nach und nach eine Meinung zu bilden. Sie heben nicht nur - wie so oft, die Leistungen und Entbehrungen der Pioniere und Siedler hervor - sondern machen auch deutlich, was sie dem Land und seinen früheren Bewohnern eigentlich angetan haben. Denn auch wenn sie viel auf sich genommen haben, um mit eigenen Händen ein neues Leben aufzubauen, so haben sie doch auch die Lebensweise und -kultur der Ureinwohner zerstört.

Man arbeitet nicht mit den heute so beliebten Spielszenen. Statt dessen wechseln Naturaufnahmen mit zeitgenössischen Fotografien oder Zeichnungen von Pionieren, Siedlern, Soldaten und schließlich auch Indianern ab, werden mit entsprechend vorgetragenen Augenzeugenberichten unterlegt. Das mag zwar dem heute von Schaueffekten unterlegten Zuschauer viel zu ruhig erscheinen, verfehlt seine Wirkung auf den Betrachter aber trotzdem nicht. Gerade die teilweise recht vergilbten und ausgebleichten Fotos sprechen für sich selbst und lassen einen nachdenklich werden.

Einfache Menschen kommen durch ihre Beschreibungen in Briefen oder Tagebüchern zu Wort, Farmer und ihre Frauen, die die Mühsal ihrer Anfänge Schildern, Missionare und Lehrerinnen, die den Eingeborenen nur Heil und Zivilisation bringen wollen, aber ganz übersehen, dass sie damit die Würde ihrer Schüler mit Füßen treten. Es sind Soldaten, die in den Forts stationiert sind und jeden Tag mit einem Angriff rechnen müssen, Politiker, die sich die Lage im Westen einmal ansehen wollen, aber auch Angehörige der Indianerstämme, die die Geschehnisse aus ihrer Sicht beleuchten.

Man ergründet die Frage, warum der „Wilde Westen“ heute so verklärt wird, macht aber auch deutlich, dass die oft glorifizierte Freiheit und das Glück des Tapferen mit viel Blut und Leid erkämpft wurde - auf beiden Seiten.

Die Dokumentation beschönigt nichts, besteht aber auch nicht nur aus Kritik. Sie vermeidet Stereotypen und Klischees, enttarnt Geschäftssinn und Mut hin und wieder auch als Gier und Grausamkeit und zeigt die doppelbödige Moral der Zeit auf, von der sich auch andere Epochen menschlicher Geschichte nicht frei sprechen können.

Und sie lebt mehr durch ihren Inhalt als durch Effekte. Bild und Tonmaterial sind der Zeit entsprechend, an Extras gibt es ein ausführliches Booklet. Es wurde allerdings darauf verzichtet, die englischen Folgen zu untertiteln.

 

 

Fazit

Auch wenn „The West- Die Eroberung des Westens“ als Dokumentation recht ruhig und behäbig daher kommt, so verfehlt sie ihre Wirkung nicht. Die zeitgenössischen Bilder und Berichte spiegeln ein an Facetten reiches und vor allem sehr lebendiges Bild der Epoche wieder. Wer also den echten „Wilden Westen“ kennen lernen möchte, sollte die Dokumentation auf keinen Fall verpassen.

 

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Oje, das hat nicht geklappt, Elfenwerk! 20230205184743ba1f0083
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DVD:

The West - Die Eroberung des Westens

The West, USA 1996

Fernseh-Dokumentation in 8 Teilen

Regisseur: Stephen Ives, Ken Burns

Drehbuch: Geoffrey C. Ward, Dayton Duncan

Bildformat: 4:3

Synchro: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 2.0)

# Anzahl Disks: 4

FSK: Freigegeben ab 12 Jahren

Studio: Polyband & Toppic Video/WVG

4 DVD’s. erschienen am 28. März 2008

Spieldauer: 710 Minuten (8 Folgen a 88 min)

Extras: ausführliches Booklet

 

ASIN: B0011U1552

 

Erhältlich bei: Amazon

 

Episoden

1. Indianer

2. Pioniere

3. Goldrausch

4. Bürgerkrieg

5. Stahlrösser

6. Das letzte Gefecht

7. Schmelztiegel

8. Geistertänze

 


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Erstellt: 26.04.2008, zuletzt aktualisiert: 02.08.2022 20:01