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Therapiestation von Kenzaburo Oe

Ein Roman aus der nahen Zukunft

Rezension von Oliver Kotowski

 

Rezension:

In der Mitte des 21. Jh. hat sich die Situation auf der Erde drastisch geändert. Die Umweltverschmutzung nahm so sehr zu, dass davon ausgegangen wurde, menschliches Leben wäre in erträglichen Maßen nicht mehr möglich. Also unternahm man größte Anstrengungen, um die besten Vertreter der Menschheit das Leben in einer Kolonie im Weltraum beginnen zu lassen – so sollte die Kultur, ja die Spezies der Menschen selbst erhalten werden. Eine gewaltige Raumflotte transportierte eine Million "Erwählter" ins All. Organisiert wurde dies von der Starship-Gesellschaft. Zurück blieb eine verschmutzte Erde, deren Ressourcen stark ausgelaugt waren. Und einige Milliarden "Zurückgebliebener", die "Versager", denen ein baldiges Ende vor Augen stand. In der Tat war die auf den GROSSEN AUFBRUCH folgende "Zeit der Wirren" schlimm, doch mutige und kluge Männer reorganisierten die Wirtschaft und leiteten so den "Wiederaufbau" ein. Viele Menschen starben, doch den "Versager" wurde ein anständiges Leben ermöglicht. Zehn Jahre nach dem GROSSEN AUFBRUCH kehren die "Erwählten" allerdings zurück. Sie sind sehr verschwiegen, was die Ereignisse auf der "Neuen Erde" angeht, sie sprechen nur vage von unerträglichen Leiden. Und nun sind sie zurück und wollen ihre alten (Führungs-)Positionen einnehmen. Dass die "Versager" so zahlreich überlebten, macht sie indes nicht so richtig glücklich. In dieser Situation verliebt sich die "Versagerin" Ritchan in den "Erwählten" Sakuchan – eine Verbindung, die die "Erwählten" nicht gerne sehen.

 

Ritchan und ihr Umfeld leben im Japan des fortgeschrittenen 21. Jh. – konkret wird der Roman hinsichtlich des Handlungsortes und Jahres nie, doch die Großmutter kann sich an die Umstände um das Jahr 1960 erinnern und ihr Enkel ist zum Zeitpunkt der Rückkehr Mitte dreißig; nimmt man an, dass sein Vater mit Anfang dreißig Vater wurde und die Großmutter mit Mitte zwanzig Mutter, dann landet man etwa im Jahr 2040. Die Umwelt ist massiv verschmutzt, nach zahlreichen AKW-Störfällen und sogar kleinen Atomkriegen, sollte der Geigerzähler nie fern sein, und AIDS hat sich so sehr verbreitet, dass daran Erkranke dieses mittels AIDS-Abzeichen öffentlich dokumentieren müssen. Dennoch ist die Erde nicht untergegangen: Viele alte Anlagen wurden demontiert und die recycelbaren Materialien wiederverwertet, um notwendige Dinge herzustellen. Reparatur statt Neuproduktion heißt die Devise. Kita Shigeru etablierte diese Y.-S.-System genannte Ordnung, die dafür sorgte, dass vor allem für das Gemeinwohl nötige Dinge (wieder-)hergestellt wurden. Die "Zeit der Wirren" war chaotisch und von Gewalt geprägt, doch mittlerweile haben sich die Zustände normalisiert; die Regierung ist deutlich in den Hintergrund getreten und ein gewisser Pioniergeist schweißt die Gesellschaft zusammen. Das ändert sich, als die "Erwählten" zurückkehren: Sofort beginnen sie die alten Kontroll- und Sanktionsinstrumente zu reetablieren – mit sich selbst an den Hebeln. Über die Raumfahrt wird wenig gesprochen, über die "Neue Erde" nur wenig mehr. Dennoch hat sich dort etwas sehr Seltsames ereignet, das die "Erwählten" verändert hat – so scheinen sie alle jünger geworden zu sein. Das Setting ist ein detailliert ausgeführtes Milieu, wie es einer Utopie würdig ist, mit einem zentralen phantastischen Element, das mehr auf Stanislaw Lems Solaris als auf Robert Charles Wilsons Spin verweist.

 

Die Anzahl der Figuren ist verhältnismäßig hoch: Das Dramatis Personae zählt siebenundzwanzig auf, doch dazu gehören auch der Familienkater Käpt'n Mars und ein namenloser Junge, von dessen Tod im Nebensatz eines regressiven Momentes berichtet wird.

Zentral ist Ritsuko, die aber nur "Ritchan" ("Rit-lein") genannt wird. Sie ist eine Vollwaise und entfernte Verwandte der Großmutter Kita. Zur Zeit des GROSSEN AUFBRUCHS befand sie sich in einem europäischen Internat. Sie musste als Vierzehnjährige in der "Zeit der Wirren" wirklich Übles erleiden, bevor sie nach Japan zurückkehren konnte. Seither lebte sie bei der Großmutter und ihrem Sohn "Onkel Shigeru", in dessen Fabrik sie aushilft. Sie ist nicht besonders gewitzt, was sie bisweilen beschämt, und generell eher passiv und etwas langsam. Sie ist allerdings keineswegs blöde, vielleicht etwas naiv. Sie handelt selten, aber wenn, dann mit großem Eifer und Wagemut. Als zurückgebliebene "Versagerin" verliebt sie sich in den zurückkehrenden "Erwählten" Sakuchan – eigentlich Kita Saku – dem Sohn von Kita Takashi, Shigerus Bruder. Sakuchan ist bei der Rückkehr Mitte dreißig, sieht aber erheblich jünger aus – rein vom Äußeren passen die etwa zehn Jahre jüngere Ritchan und er gut zueinander. Zunächst ist der Astronaut sehr eingenommen von seiner Leidenszeit auf der "Neuen Erde" und etwas herablassend gegenüber den Zurückgebliebenen, doch bald öffnet er sich ihren Erfahrungen und beginnt, den Kurs der Starship-Gesellschaft in Frage zu stellen. Weiterhin spielt noch die Großmutter, eine alte, bisweilen verschrobene Dame, die allerdings immer noch scharfsinnig ist und ihre Position mit beißendem Sarkasmus verteidigt, sowie die Brüder Shigeru, der allerdings bei der Rückkehr schon seit einiger Zeit tot ist, und Takashi, der kaltherzige Leiter der japanischen Abteilung der Starship-Gesellschaft, eine Rolle. Hinzu kommen noch Shimokawabe, Shigerus stoischer Nachfolger, und Hanawa, ein Freund Shigerus und Feind der Starship-Gesellschaft.

Die Figuren sind alle glaubwürdig und – je nach Bedeutung – vielschichtig dargestellt; die wichtigsten Figuren wie Ritchan oder Sakuchan entwickeln sich sogar ein wenig.

 

Der Plot ist einigermaßen ungewöhnlich. Im Wesentlichen ist es eine klassische Verbotene Liebe – Tristan und Isolde, Romeo und Julia, Bella und Edward etc. pp.: Die "Versagerin" Ritchan und der "Erwählte" Saku verlieben sich, doch es gibt einige Hindernisse, denn die "Erwählten" sind strikt gegen diese Verbindung und obschon die "Versager" aufgeschlossener sind, haben auch sie Vorbehalte. Doch die Spannung speist sich kaum aus der unerfüllten Liebe bzw. romantischen Szenen. Vielmehr speist sie sich aus den Details des Settings und dem Rätsel um die "Neue Erde". Hinzukommen ein bisschen Humor, der aus der ironischen Art der Kita-Frauen erwächst, sowie einige Bedrohungsmomente, die dem finsteren Setting und den noch finsteren Absichten der "Erwählten" entstammen.

Der Plotfluss ist gemäßigt: Zwar stellt der Roman die Szenen eher situativ dar, doch ist keine einzige unnütz; jede treibt den Plot voran. Am Ende überstürzen sich die Ereignisse sogar – für meinen Geschmack etwas zu sehr, sodass das Ende etwas unbefriedigend bleibt.

 

Die Erzähltechnik ist dann eine der großen Stärken des Autors. Es gibt nur einen Strang, der aus der Ich-Perspektive Ritchans erzählt wird. Allerdings bleibt stets eine Distanz zwischen Erzählerin und Erzähltem, sodass es keine typische Ich-Erzählung, sondern eher eine Art Bericht ist. Bei der Frage nach dem Handlungsaufbau wird es noch komplizierter. Die Geschichte beginnt mit einem längeren Regress, der gelegentlich von Ausblicken auf die fiktive Gegenwart unterbrochen wird; hier wird die Zeit des GROSSEN AUFBRUCHS bis zur Rückkehr der "Erwählten" zusammengefasst. Mit dem Verlieben von Ritchan und Saku schmilzt die erzählerische Distanz gelegentlich weg, sodass der Eindruck progressiven Erzählens entstehen kann, bis Ritchan unvermittelt eine bekannte Episode unter einem anderen Gesichtspunkt neuerzählt und damit eine völlig veränderte Bedeutung gibt. Ähnlich ist die Geschichte zu Beginn eher episodisch und wird im Verlauf immer dramatischer.

Der Stil wirkt zunächst wie ein umgangssprachlicher mündlicher Bericht, was am Partikeln wie Na und lautmalerischen Worten wie flutsch, zahlreichen Ausrufezeichen und dem generellen Duktus liegt. Doch schaut man genauer hin, so stellt man fest, dass die Sätze eher lang und geschliffen sind, komplizierte Schachtelstrukturen finden sich häufig. Und dann kontrastiert ein Satz wie Großmutter und Altersverblödung? – bewahre! den Duktus der Erzählerrede. Die Wortwahl ist eher umgangssprachlich, allerdings etwas geziert, wie es sich für eine junge Frau aus gutem Hause gehört – es ist eben ein Penis und nichts Vulgäres. Es fließen dann aber wieder einige ungebräuchliche Worte wie Gobelin oder Tapisserie in den Text, und machen klar, dass es eben nicht der mündliche Bericht einer etwas witzlosen Zwanzigjährigen, sondern der Roman eines Literaturnobelpreisträgers ist.

Etwas seltsam muten gelegentlich fett gedruckte Worte an.

 

Fazit:

Die "Erwählten", die aufbrachen, um auf der "Neuen Erde" die positiven Aspekte menschlicher Kultur zu erhalten, haben den "Versagern" einen gigantischen Haufen Sondermüll hinterlassen, doch die HIER UNTEN Zurückgebliebenen sind nicht zugrunde gegangen, sondern haben die Zustände stabilisieren können. Als die "Erwählten" zurückkehren, wollen sie gleich das Heft in die Hand nehmen und alles zum 'Guten' wenden – über die Köpfe der "Versager" hinweg. Unter diesen Umständen ist die Verbindung von der "Versagerin" Ritchan und dem "Erwählten" Saku keineswegs erwünscht! Kenzaburō Ōes Therapiestation ist ein eigenwilliger Roman: Als Utopie diesbezüglich zu wenig originell und dem Rätsel um die "Neue Erde" zu viel Bedeutung zumessend, als SF-Wundergeschichte gewährt sie dem Setting der alten Erde und der Liebe zwischen Ritchan und Saku zu viel Raum. Es ist eigentlich ein hervorragender Roman, insbesondere hinsichtlich der Erzähltechnik, wäre da nicht die Unfokussiertheit der Spannungsquellen, die zu einem etwas unbefriedigenden Ende führen.

 

 

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Roman:

Titel: Therapiestation

Reihe: -

Original: Chiryo, to (1990)

Autor: Kenzaburo Oe

Übersetzer: Verena Werner

Verlag: Fischer Taschenbuch Verlag (März 2011)

Seiten: 223 Broschiert

Titelbild: plainpicture/bildhaft

ISBN-13: 978-3-596-18418-7

Erhältlich bei: Amazon

Weitere Infos:


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Erstellt: 16.06.2011, zuletzt aktualisiert: 23.05.2019 21:35