In ihrem Blog erzählte Nnedi Okorafor zum Jahreswechsel von ihren drei Lieblingssongs, die sie 2025 gehört hat. Zwei davon sind Papercuts von Machine Gun Kelly und Molly von Ecca Vandal. Das sind rebellische Alternative-Rock-Songs mit starken, provozierenden Texten. Der Geist des Anderen, der sich nicht unterkriegen lässt und mitunter mal launisch ist, schwingt auch als Unterton in ihren Geschichten mit. Nach einigen Jahren Durststrecke ist endlich wieder ein Roman dieser wichtigen Autorin auf Deutsch erschienen. Sein Titel: Tod der Autorin.
Die schriftstellerische Karriere der nigerianisch-amerikanischen Autorin Nnedi Okorafor begann Anfang der 2000er-Jahre mit der Veröffentlichung von ersten Kurzgeschichten. Ihr erster Roman war ein Jungendbuch (Zahrah the Windseeker, 2005). Anno 2026 ist sie eine der etabliertesten und angesagtesten Vertreterinnen einer neuen Generation von SF-Autorinnen, die eine wirkliche Vision und damit etwas Bedeutendes zu vermitteln haben.
Auf Deutsch ist, leider, muss man sagen, noch nicht so viel von ihr verlegt worden. In der zweiten Hälfte der 2010er-Jahre lancierte der Verlag Cross Cult ein ambitioniertes SF/F-Programm, das immerhin die Binti-Novellen-Trilogie hiesigen Lesern zugänglich machte, sowie die Romane Wer fürchtet den Tod? (2010) und Lagune (2016).
2025 veröffentlichte Okorafor in den USA ihren neusten Roman Death of the Author. Er wurde nur kurze Zeit später im Januar 2026 mit dem Titel »Tod der Autorin« auf Deutsch bei Ullstein publiziert.
Das Buch kann als Okorafors Versuch gewertet werden, einen Roman zu schreiben, der jenseits der engen Genregrenzen, die Science Fiction und Fantasy, nun mal vorweisen, wirkt. So sind die Elemente der Spekulativen Fiktion eher rar, was kein Nachteil sein muss. Das gilt für die eigentliche Haupthandlung. Aber Nnedi Okorafor wäre nicht Nnedi Okorafor, wenn sie nicht einen gekonnten Handlungskniff bei der Strukturierung ihres großen Mainstreamwerks anwenden würde.
Es gibt nämlich zwei Handlungsstränge: Zum einen die Hauptgeschichte, die vom Leben der schwarzen Frau Zelu erzählt. Zum anderen die Handlung des Bestsellerromans, den diese Frau veröffentlicht hat.
Zelu ist 32 Jahre alt, eine Afroamerikanerin mit nigerianischen Wurzeln, körperbehindert im Rollstuhl sitzend. Sie ist querschnittsgelähmt seit sie als kleines Mädchen von einem hohen Baum gefallen ist. Und sie hat eine große Familie. Als die Handlung einsetzt, ist Zelu Lehrbeauftragte für Kreatives Schreiben. Nach fünf Jahren wird ihr gekündigt. Ihr Leben ist am Scheideweg.
Das ist noch lange nicht das Ende, denn sie hat einen Science-Fiction-Roman mit dem Titel »Rusty Robots« geschrieben und bekommt ihn veröffentlicht. Er wird zum weltweiten Bestseller und beschert ihr nicht nur viel Aufmerksamkeit, sondern macht sie unwahrscheinlich reich und zur gefragten Person mit allen Vor- und Nachteilen, die ein Leben in der Öffentlichkeit so mit sich bringen.
SF-Elemente sind bei diesem Roman nur rudimentär vorhanden. »Tod der Autorin« spielt in einer nahen Zukunft, in der selbstfahrende Autos selbstverständlich sind. Zelu bekommt die Gelegenheit, ein neuartiges Exoskelett zu testen, was ihr dazu verhilft, das Laufen wieder zu lernen. Sehr anschaulich beschreibt Okorafor die Charaktere und Verhältnisse der Familie mit vier Schwestern und einem Bruder, sowie der Verwandtschaft in Nigeria. Das ist insgesamt sehr differenziert und erklärt wie Zelu zur Außenseiterin innerhalb der Familie geworden ist und trotz ihres großen Erfolgs mit »Rusty Robots« isoliert wirkt.
Überhaupt ist die gesamte Lebensgeschichte von Zelu sehr einprägsam dargestellt. Nnedi Okorafor konnte viel eigene Erfahrung verarbeiten, denn als Mädchen im Alter von 13 Jahren bekam sie Skoliose diagnostiziert, eine Art Rückgratverkrümmung, die immer schlimmer wurde, sodass sie sich im Alter von 19 Jahren einer Wirbelsäulenoperation unterzog. Danach war sie von der Taille abwärts gelähmt und schaffte es nur durch eine intensive Physiotherapie mit einem Stock wieder zu gehen.
Der Erfolg von Zelu hat seine Schattenseite. So gerät die Hollywood-Verfilmung ihres Werks zur aus Sicht der Autorin absoluten Katastrophe. Nicht nur wurden die Hauptpersonen umbenannt, sondern sie wurden auch ihrer afrikanischen DNA beraubt. Der ganze Film spielt in den Vereinigten Staaten, ohne einen einzigen Hinweis auf Nigeria.
Im Roman wird das so beschrieben: »Wäre Zelus Roman ein Waxstoff, dann war der Film so, als hätte man den Stoff gestohlen, abgeschabt, gebleicht, ausgeleiert, umgestaltet und auf links gedreht, um dann einen verpfuschten Abklatsch des Originals in Massenauflage zu produzieren. […] Das war keine Adaption. Es war eine Verstümmelung. Der Film war klischeehafter, banaler, konfuser, zum Himmel stinkender Schund. Von der Geschichte, die sie geschrieben hatte, war nichts übrig geblieben.«
Doch wie ist die Reaktion des Publikums? Es ist begeistert!
Von den beiden Handlungssträngen weiß die eigentliche Story von Zelu mehr zu begeistern als die vielen Auszüge aus »Rusty Robots«. Kein Wunder, denn es ist ein gefährliches Experiment, den Bestsellerroman, der im Buch Millionen von Menschen weltweit begeistert, in Teilen tatsächlich abzudrucken. Er bietet das Szenario einer Welt von Robotern, in der kein Mensch mehr lebt und die bevölkert ist von den menschenähnlichen Humas und softwareartigen Ghosts. Das ist mehr oder weniger innovativ, je nachdem wie viel Science Fiction man bis dato gelesen hat und weiß nicht wirklich emotional zu fesseln, auch wenn ein paar innovative Gedankenspiele geboten werden. Es könnte sogar sein, dass Mainstream-Leser diese Kapitel, die optisch durch eine andere Schriftart klar gekennzeichnet sind, bei fortschreitender Lektüre einfach überblättern.
Dessen ungeachtet ist »Tod der Autorin« ein wichtiges Stück moderner Literatur. Es ergänzt sehr schön die afrikanische postkoloniale Science Fiction, die vor dem Hintergrund afrikanischer Realitäten neue Welten erschafft. Hierfür hat Okorafor von einigen Jahren den Begriff »Africanfuturism« geprägt, der sich von »Afrofuturismus«, der vor allem in den USA spielt, unterscheidet.
Anders als die bisherigen Romane von Nnedi Okorafor kann »Tod der Autorin« als Mainstreamliteratur mit Science-Fiction-Einschlag gesehen werden. Die Mischung aus großem Familiendrama und visionärem Africanfuturism ist gewagt und gelingt nicht an allen Stellen, besonders wenn der Plot zu stark in Klischeehaftigkeit abdriftet, aber es ist eine bereichernde, andere Sichtweise auf Problemzonen und Minderheiten in dieser komplizierten Welt, die den Lesehorizont definitiv erweitert.