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Todesgeil von Bryan Smith

Rezension von Torsten Scheib

 

Rezension:

Tagträume sind was Feines. Sie können von der hässlichen Klarheit der Gegenwart ablenken oder den Träumer daran erinnern, dass es doch ein Licht am Ende des Tunnels gibt. Die Vorstellung, von einer reizenden und äußerst attraktiven jungen Frau angesprochen und mehr oder weniger sexuell »ausgekundschaftet« zu werden, dürfte sicherlich einen der vorderen Plätze innehaben, was die Fantasien der heterosexuellen Männerwelt betrifft. Keine Widerrede, werte Geschlechtsgenossen! Und garantiert würde der Protagonist aus Bryan Smiths drittem Roman, Todesgeil dem ebenfalls zustimmen – bevor er von der schönen und geheimnisvollen Roxie mittels Waffengewalt überrumpelt wird. Fortan ist Rob Scott der unfreiwillige Chauffeur des Mädchens, das es sich in den Kopf gesetzt hat, ein paar Studenten zu folgen, die sich ins sonnige Myrtle Beach aufgemacht haben.

Der Grund?

Sie haben Roxie beleidigt. Mehr braucht es nicht. Denn Roxie ist eine ausgemachte Psychopathin – und der Weg ins sonnige Florida dementsprechend hart, unmenschlich. Ohne Rücksicht auf Verluste tötet, verstümmelt und quält das nur oberflächlich nett wirkende Mädchen unschuldige Zeitgenossen; Rob inklusive. Aber mit fortschreitender Dauer geschieht etwas Sonderbares mit ihm: er fühlt sich zu Roxie hingezogen, goutiert ihre abscheulichen Taten sogar. Steckt in ihm letztlich auch ein krankes, entartetes Individuum?

Attribute, die definitiv auf den einstigen Irrenanstaltsbewohner Zeb und seinen Partner zutreffen. Neben einem ausgeprägten Hang zu nekrophilen Taten vereint die beiden Männer zudem ein krankes Verlangen nach Menschenfleisch. Gelüste, für die eine ahnungslose, dreiköpfige Familie herhalten muss.

Jedoch haben die beiden Mörder und Kannibalen die Rechnung nicht mit der bestellten Babysitterin gemacht, Julie. Denn die hat es faustdick hinter den Ohren – und besitzt neben einem Hang zu bedeutend älteren Männern eine morbide Besessenheit für Gewalt und den Tod. Die Bestie, die unter ihr schlummert, erwacht vollständig, als den blutigen Tatort erreicht, der eigentlich ihre heutige Arbeitsstätte hätte sein sollen. Allerdings sucht Julie ihr Heil nicht in der Flucht, sondern setzt sich zur Wehr. Unerschrocken und mit Leibeskräften. Bis es schließlich nur noch sie und Zeb gibt – und eine unheimliche Metamorphose einsetzt. Beide erkennen in dem jeweils anderen Seelenverwandte. Statt die Minderjährige zu töten, wird sie Zebs neue Begleiterin. Und auch das Schicksal hat Pläne für die beiden: es treibt sie direkt in die Arme von Roxie …

 

Wie schon in den Besprechungen zu Verkommen und Seelenfresser angedeutet, macht der hierzulande (noch) relativ unbekannte Autor Bryan Smith keinen Hehl aus seinen literarischen Vorbildern, die sich hauptsächlich mit zwei bekannten Namen zusammenfassen lassen: Jack Ketchum und Richard Laymon, wobei vor allem das Echo von letztgenanntem Autor besonders stark erschallt.

Gerade was die relativ einfache und stets klare und überschaubare Prosa betrifft, führt kein Weg an den verstorbenen Altmeister der kranken Horrorthriller vorbei. Auch dessen pechschwarzen Humor hat Smith für sich entdeckt – welcher diesmal jedoch praktisch absent ist. »Todesgeil« beschäftigt sich mit den dunkelsten Auswüchsen der menschlichen Psyche ohne dabei Scheuklappen anzulegen. Somit ist auch die dritte deutschsprachige Veröffentlichung definitiv nichts für Zartbesaitete, wenngleich auch die Fraktion der hart Gesottenen mit diesem rohen und mitunter ungemein extremen Schlag in die Magengegend erst einmal fertig werden müssen.

War Smith schon bei den Vorgängern nicht zimperlich, legt er nochmals einen Härtegrad zu. Es wird gefoltert, vergewaltigt, verstümmelt und getötet, was das Zeug hält – und dies so hartherzig und deutlich, dass es selbst ein Richard Laymon zu Glanzzeiten schwer gegen seinen inoffiziellen Nachfolger gehabt hätte. Jedoch ist dieses grausige Sammelsurium der Abartigkeiten keine sinnfreie Splatterorgie, sondern integrer Bestandteil einer wirklich gelungen Story – abgesehen vom Mittelteil. Hier wechselt Smith einfach zu oft die Perspektiven seiner drei Handlungsstränge; werden die gut gemeinten Cliffhanger zu leichten Enttäuschungen, welche die freizügigen Passagen der von Roxie ins Visier genommenen Studenten nur sehr bedingt aufwiegen können.

Querlesegefahr also – und ein bisschen Ungeduld, was das Finale betrifft. Zu lange zieht es Smith in die Länge; lange genug, um sogar ein paar vage Zweifel aufkommen zu lassen, ob sich alles letzten Endes doch so einrenken wird wie vermutet. Ist aber besagter Augenblick gekommen, sollte man sich am besten irgendwo festhalten, da die Auflösung von »Todesgeil« mit der ungebremsten, urgewaltigen Kraft eines entfesselten Tornados über den Leser hinwegfegt. Hier spielt Smith nochmals sämtliche Trumpfkarten aus; lässt er nur scheinbar alles aus dem Ruder laufen, ehe die wild verstreuten Puzzlestücke und blutigen Knochenfragmente meisterhaft ein logisches Ganzes ergeben. Trotz besagter Passagen ergibt dies nicht nur Smith’ härtestes, sondern vielleicht auch sein bislang bestes Buch, weil er diesmal ungeschönt und mit garstiger Nüchternheit die hässlich(st)en Seiten sondiert und sie dem Leser förmlich entgegenspuckt. Harter Tobak.

 

Fazit:

Waren die Vorgänger »Verkommen« und »Seelenfresser« schon hart, legt Bryan Smith mit »Todesgeil« nochmals ein paar Scheite ins Feuer. Neben den ungeschönten Gewaltausbrüchen sind es besonders der knochentrockene Ton des Romans sowie das Abtauchen in die tiefsten, dunkelsten und schrecklichsten Gräben der menschlichen Psyche, welche das Buch – trotz kurzzeitiger Schlenker – zu einer intensiven Tour de force werden lassen. Gnadenlos und gut!

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Eure Meinung:

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Buch:

Todesgeil

Original: The Killing Kind

Autor: Bryan Smith

Übersetzer: Alexander Amberg

Taschenbuch, 352 Seiten

Festa Verlag, 22. Mai 2012

 

ISBN-10: 3865521347

ISBN-13: 978-3865521347

 

Erhältlich bei: Amazon

 

Kindle -ASIN: B007X524MM

 

Erhältlich bei: Amazon Kindle-Edition

 

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Erstellt: 18.08.2012, zuletzt aktualisiert: 19.04.2017 10:58