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Ubik von Philip K. Dick

Rezension von Ralf Steinberg

 

Verlagsinfo:

Was für Joe Chip und seine Kollegen als routinemäßiger Anti-Psi-Einsatz beginnt, endet in einem surrealen Albtraum. Ihr Chef Glen Runciter stirbt zwar bei einem Bombenanschlag – doch ist er wirklich tot? Chip empfängt merkwürdige Botschaften Runciters: Werbespots im Fernsehen, Graffitis an einer Toilettenwand, Kleingedrucktes auf Etiketten. Immer ist das Schlüsselwort in diesen Botschaften Ubik, offenbar eine Art Mittel, das dem zunehmenden Verfall der Welt entgegenwirkt. Und genau ein solches Mittel hat Chip nun bitter nötig, denn um ihn herum beginnen sich die Dinge in der Zeit zurückzuentwickeln – bis im Des Moines des Jahres 1939 die Ereignisse kulminieren …

 

Rezension:

Ubik von Philip K. Dick zählt zu den ganz großen Klassikern der Science Fiction und wie das immer so ist mit den in ihrer Summe unendlichen Klassikern, muss jeder Leser für sich selbst herausfinden, was denn nun so klassisches an dem hochverehrten Werk ist.

 

Der Heyne-Verlag veröffentlichte »Ubik« 2003 in der Werkausgabe, ergänzt um das Drehbuch, das leider nie verfilmt wurde, sowie einem Vorwort von Sascha Mamczak. Der Heyne-Redakteur beschreibt darin überschwänglich einige Deutungsversuche und verliert sich dabei leider etwas in intellektuell klingender Schwurbelei über Dick.

Das mag wohl in erster Linie daran liegen, dass »Ubik« tatsächlich eine ganze Menge Stoff zum Nachdenken bietet, obwohl Dick überhaupt nicht kompliziert schreibt und die Handlung scheinbar geradlinig und zügig voranschreitet.

 

Zunächst wird man in eine doch recht altertümlich anmutende Zukunft geworfen. Man erlebt das Bezahlen selbst des Türenöffnens mit Kleingeld oder stößt auf Steckfähnchen für Landkarten und bekommt ein ganz sentimentales Gefühl, weil man diese Pins eigentlich selbst schon gar nicht mehr kennt. Aber so ist das mit der Zukunft, die in den Sechzigern erdacht wird.

Doch Dick hat trotz allem eine zukünftige Realität erdacht, die auch für uns noch Zukunftsmusik ist. So gibt es Inerte, Menschen mit Psi-Kräften und gar ganze Agenturen, die ihre Dienste auf diesem Gebiet anbieten. Aber wo es Telepathen gibt, dürfen Abwehrmaßnahmen nicht fehlen und so wird schnell klar, dass das Psi-Geschäft ein großer Kampf um das cleverere Team ist.

In solch einen Kampf der Agenturen wirft uns Dick. Ein besonders guter Telepath der Gegenseite ist von der Bildfläche verschwunden, es gilt Boden gut zu machen. In diesen schwierigen Stunden befragt Agenturchef Runciter seine tote Frau. Denn diese liegt zwar in ihrem Sarg, man kann aber noch mit ihr kommunizieren. Runciter hat schon oft bei ihr Ratschläge zur Firmenlenkung eingeholt und auch wenn ihr aktueller Tipp etwas bieder erscheint, wird der Besuch überschattet von einer Störung. Die Stimme eines anderen Toten überlagert plötzlich Runciters Frau - die Welt der Toten scheint doch komplexer und störanfälliger zu sein, als gedacht.

Doch da findet Runciters bester Mann, Joe Chip, heraus, dass die ihm zum Test vorgestellte Inerte Pat ein ganz besonderes Talent hat. Sie kann quasi die Zeit zurückdrehen und auf einer anderen Zeitlinie fortsetzen. Ab diesem Punkt der Geschichte beginnt der Roman das gewohnte Realitätsgefüge zu verlassen.

Es gibt eine Mission zu Mond, die in einem Desaster endet und plötzlich muss sich Joe Chip mit dem Gedanken herumschlagen, ob er mit dem toten Runciter kommunizieren kann und was es mit dem plötzlichen Altern von Gegenstände zu tun hat. Seltsamerweise beginnt sich auch die Zeit rückwärts zu bewegen ...

 

Ja, Dick kaut ziemlich kräftigen Tobak und macht es dem Leser zunächst nicht einfach, die Rätsel zu lösen. Eigentlich unterlässt es Dick sogar ganz. Bis zum Ende wird der Leser etliche Hypothesen aufstellen, verwerfen, wieder hervorkramen und gleich mehrere für richtig befinden. Oder für unzureichend.

 

Im Gegensatz zum doch recht sperrigen Altwerk Valis bietet »Ubik« eine geradlinig erzählte Handlung mit den für Dick typischen, großartigen Dialogen. Sie charakterisieren die Figuren weitaus besser, als seitenlange Beschreibungen und erhöhen zudem den Drive.

Es ist faszinierend, wie extrem ergonomisch Dick Szenen aufbaut, das Wesentliche erzählt und trotzdem seinen Figuren Volumen gibt.

 

»Ubik« steht auch noch für den vortranszendenten Dick, der Theologie skeptisch gegenüber steht. Er liefert eine technische Erklärung für das Weiterleben der Toten. Der Mensch ist noch nicht komplett gestorben, ein bisschen Reststrom im Gehirn sorgt für Gedanken.

Für so etwas wie das Seelenkonzept der Christen findet sich da erst einmal kein Platz.

Es gibt die Theorie, dass das ominöse Ubik, welches im Buch mittels den Kapiteln vorangestellter Werbebotschaften und tatsächlich alles zu sein scheint, bereits jener Hinweis auf eine Wesenheit jenseits der menschlichen Grenzen darstellt, der dann später in Dicks eigener Begegnung mit etwas Göttlichem mündet. Außen ist das Alles und es versucht einen Fehler zu beheben.

 

Ein interessanter Nebenaspekt ist wieder einmal Dicks Umgang mit Frauenfiguren. Den beiden agilen männlichen Hauptfiguren stehen sowohl kluge, als auch seltsame Frauen gegenüber. Die eine ist tot, die andere entzieht sich durch ihre Gabe einer eindeutigen Bewertung, denn sie könnte sowohl Böses im Sinn haben, als auch völlig unbeteiligt sein.

Die Frau aber, für die sich Joe Chip interessiert, spielt fast keine Rolle.

Dick mag hier die Lesererwartungen manipuliert haben, aber vielleicht fand er die komplizierteren Frauen einfach spannender. Eine billige Lovestory jedenfalls wollte Dick ganz sicher nicht schreiben.

 

Man darf auch nicht versuchen, Teile der beschriebenen Zukunft auf ihre Funktionsfähigkeit hin zu untersuchen. Wenn es nicht gleich ganz von Anfang an um eine irreale Welt geht, was auch nicht auszuschließen ist, so kann man viele Dinge als Satire lesen. Dick übersteigerte etwa die Tendenz, dass immer mehr Dinge zu Waren werden, für die man bezahlen muss. Warum dann nicht auch für die einfache Benutzung von solch trivialen Sachen, wie eine Tür? Er hat es auch gar nicht konsequent durchgezogen. Bei den vielen Türen, die man am Tag nutzt, bräuchte Joe nicht nur eine Masse Kleingeld, sondern überhaupt überirdische Mittel. Und wer leert die ganzen Münzbehälter?

 

Zum Abschluss sei noch einmal daran erinnert, was für ein großartiges Projekt die Dick-Werkausgabe bei Heyne ist. Leider scheint die kostspielige Edition nicht genügend Käufer zu finden und so wird es wohl noch lange dauern bis Sascha Mamczak den Essay-Band aus der Schublade holt und in die Druckerei gibt. In einer »Ubik«-Rezi darf man aber wohl schreiben: Sascha, you're big!

 

Fazit:

»Ubik« erweist sich tatsächlich als ein unterhaltsamer, aber vor allem geistreicher Klassiker, der Dicks stilistisches Vermögen, seinen Humor, aber auch seine großangelegten Denkkonzepte offenbart. Und es ist dünn genug, ihn wirklich endlich einmal zu lesen! Also los, lest Ubik, aber nur in sachgerechter Art und Weise.

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Eure Meinung:

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Buch:

Ubik

Originale: Ubik ,1969 und Screenplay, 1985

Autor: Philip K. Dick

Übersetzer: Renate Laux (Roman) und Jürgen Langowski (Drehbuch)

Überarbeiter: Alexander Martin

Vorwort: Sascha Mamczak

Taschenbuch, 432 Seiten

Heyne, 1. November 2003

 

ISBN-10: 345387336X

ISBN-13: 978-3453873360

 

Erhältlich bei: Amazon

weitere Infos:


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Erstellt: 11.02.2012, zuletzt aktualisiert: 23.09.2015 17:13