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Ultra Fuckers von Carlton Mellick III.

Rezension von Torsten Scheib

 

Rezension:

Scottsdale, Arizona: Im Grunde ein schönes Städtchen, in dem es sich prima leben lässt. Doch in den Augen des selbsttätigen Landschaftsgärtners Tony besitzt sein Heimatort seit kurzem einen gewaltigen Makel: die geschlossene Wohnsiedlung Eagle Hills. Ein El Dorado der Konformität und ein wahres Paradies für alle, die ihre Vorgärten präzise getrimmt und ihre Einfamilienhäuser bieder und langweilig mögen. Kurzum: ein Paradies der gepflegten Mittelklasse-Identitätslosigkeit. Und ausgerechnet diesen Ort muss Tony nun betreten. Nicht, weil es in Eagle Hills ein paar Gärtnerarbeiten zu erledigen gibt. Der Grund ist seine Ehefrau Tammy, die der Einladung ihres Bosses zur Grillparty gefolgt ist und natürlich unmöglich ihren treuen Gatten zu Hause lassen kann. Wie würde denn so etwas auch aussehen? Tammy, die insgeheim von ihrem eigenen 08/15-Domizil träumt, die sich stillschweigend nach der gesichtslosen Existenz innerhalb von Eagle Hills sehnt. Allerdings weicht ihre vermeintliche Vorfreude sehr rasch einem Gefühl von Konfusion, das letztlich dem blanken Entsetzen Platz macht. Aus dem harmlosen Gefälligkeitsbesuch beim Chef wird schlagartig ein Trip in die Twilight Zone, nachdem Tony und Tammy Bekanntschaft mit dem wahren Geist der Wohnsiedlung machen. Denn in Eagle Hills sind nicht nur die Häuser gleich – die Straßen sind es auch. Hilflos irrt das Ehepaar durch eine labyrinthische Endlosschleife, ohne dabei auch nur einen Ansatz von Hoffnung zu erleben. Einzig der, zugegebenermaßen, ein wenig von der örtlichen Norm abweichende Burger Laden bietet den Hauch von Normalität. Bis Tammy auf einmal spurlos verschwunden ist – und Tony die folgenden Tage und Nächte damit verbringt, seine Odyssee durch das wie leergefegt wirkende Eagle Hills alleine fortzusetzen. Doch dann stolpert er über obskure Graffitis, eine Schneise der Zerstörung und letztlich darf er auch den Urhebern des Chaos gegenübertreten. Sie nennen sich die »Ultra-Fuckers«, ähneln einer reichlich durchgeknallten J-Punk-Combo und verfolgen hehre Ziele: die Rettung der Welt!

Auch wenn Tony kein gutes Gefühl bei diesem bunten Haufen hat, beschließt er, sich ihnen anzuschließen. Womöglich kennen ja die »Ultra-Fuckers« einen Weg nach draußen. Doch weder er, noch seine neuen Bekanntschaften ahnen, dass man sie bereits auf dem – einäugigen – Kieker hat …

 

Er ist wieder da! Nach Die Kannibalen von Candyland sorgt der Festa-Verlag nun mit Ultra Fuckers für Nachschlag in Sachen Bizarro Fiction beziehungsweise Carlton Mellick III.; seines Zeichens ungekrönter König dieser noch sehr jungen und ungemein aufregenden Literaturgattung.

Wem dieses wilde Gebräu nun aber zu irre, zu bekloppt, zu sinnfrei erscheinen mag, der liegt meilenweit daneben. Zugegeben, Mellicks Elaborat ist in der Tat sehr eigenwillig – und alles andere als Mainstream. Allerdings verbirgt sich hinter diesem Mix eine wahre Wundertüte, die äußerst gekonnt in die Gefilde der bereits erwähnten Twilight Zone abdriftet, bevor die, auch hierzulande immer ausgeprägter auftretende Form der Suburbanisierung samt deren roboterhaften Einwohnern thematisiert wird. Freilich stets mit dem Augenzwinkern des literarischen Rebellen, doch wie schon Bentley Little in Furcht prangert auch Mellick in »Ultra Fuckers« die Absurditäten der biederen Vorstadtwelt an – und irgendwie kann man ihn dann auch verstehen, wenn er bereits im Vorwort seine Phobien gegenüber diesen Plätzen Ausdruck verleiht. Denn trotz des leichten Science Fiction-Einschlags stellt »Ultra Fuckers« einen modernen Horrorroman dar, dessen Thematik brandaktueller nicht sein könnte: der Verlust der eigenen Identität.

Sicher nicht ganz so garstig und extrem wie Kollege Little, doch sind die Parallelen uneingeschränkt erkennbar, was gewiss für die literarische Stärke des Mannes mit den ausgeprägten Koteletten spricht. Denn trotz des ganzen Irrsinns kommt Mellick keine Sekunde vom Wege ab; bleibt seine Prosa zwar verhältnismäßig überschaubar, dadurch aber auch straff und geordnet.

Zum Schluss müssen einfach noch ein paar Worte über die Aufmachung des Buches selbst gesagt werden: Wie schon bei den »Kannibalen« präsentiert sich die zweite Mellick-Übersetzung als kleines Kunstwerk, das zwar diesmal nicht nach Erdbeeren riecht, dank des mehr als ungewöhnlichen Titelbildes und den strikt in Gelb gehaltenen Seiten dennoch ein wahrer Hingucker geworden ist. Ferner gibt es ein sehr ausführliches Interview mit dem Autoren selbst sowie einen genaueren Einblick in die Gedankenwelt des Carlton Mellick III. Höchst interessante Artikel, die beide von hiesigen Szenegröße Christian Endres meisterlich verfasst wurden.

 

Fazit:

Auch mit »Ultra Fuckers« bleibt sich Carlton Mellick treu. Hinter der Fassade des schrägen Irrsinns verbergen sich einige sehr ernste und äußerst zeitgemäße Fragen, welche dem Werk zusätzliche Qualität verleihen. Daumen hoch!

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Buch:

Ultra Fuckers

Originaltitel: Ultra Fuckers

Autor: Carlton Mellick III.

Übersetzer: Michael Plogmann

gebunden, 124 Seiten

Festa-Verlag, Juni 2011

 

ISBN-10: 3865521223

ISBN-13: 978-3865521224

 

Erhältlich bei: Amazon

Weitere Infos:


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Erstellt: 26.07.2011, zuletzt aktualisiert: 18.11.2015 14:52