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Unten am Fluss von Richard Adams

Rezension von Jörg Pacher

 

Tiergeschichten? Braucht man das? Wenn es um Kaninchen geht, haben viele erstmals eine extrem junge Zielgruppe vor Augen. Statt Trenchcoat und Katana Möhren und Erdlöcher? Gerade wer sich an solchen Oberflächlichkeiten aufhängt, sollte diese Rezension lesen. Denn der Klassiker „Unten am Fluss“ – wohl nicht weniger bekannt unter dem englischen Originaltitel „Watership Down“ – räumt mit Vorurteilen, wenn es um kleine, animalische Protagonisten geht beinhart auf.

Nur weil man sich weniger Zentimeter über dem Boden durchs Gras schlängelt, muss die Welt nicht angenehm sein. Wer auch nur kurz darüber nachdenkt, wird feststellen, dass sie dort unten sogar um einiges dreckiger ist. „Gritty“ würde man das auf Neudeutsch vielleicht nennen. Niedlichkeit und der Ansatz eines Babyschemas schützt nicht vor einem schrecklichen Tod und auch nicht vor einem schlechten – mitunter faschistoidem – Charakter.

Doch allein schon da Cover der Neuauflage von Richard Adams Bestseller in der Reihe Gulliver des Beltz&Gelberg-Verlags macht das klar: ein Kaninchen aus der der Froschperspektive, so gegen den Sonnenuntergang gezeichnet, dass es in den Augen des Betrachters ganz schwarz erscheint. Nur die Zähne und der winzige Ansatz eines Augenfunkelns treten aus der Dunkelheit heraus. Das Kaninchen blickt nach oben, als würde es jemanden furchtvoll anstarren oder gar anbeten. Wer das ist, kann man dem Bild nicht entnehmen.

Die Gulliver-Reihe ist dann vom Verlag doch auf Kinder abgezielt und kommt in einem auffälligen Orange daher. „Ab 12“, steht klein auf der Rückseite. Für Erwachsene ist das Buch trotzdem interessant. Es gibt ja eine langen Tradition ‚ernsthafte’ Bücher mit fantastischen Elementen an Kinder zu verscherbeln. „Gullivers Reisen“ ist da ohnehin eines der besten Beispiele. „Ab 12“ bedeutet aber auch nicht „Ab 6“. Sieht man sich die Userkommentare bei Amazon zur ebenfalls weltberühmten Zeichentrickadaoption von „Watership Down“ an, bekommt man beinahe den Eindruck, hier wäre unter Kaninchenpelz-Camouflage eine ganze Generation traumatisiert worden.

Abe zugegebenermaßen fand „Unten am Fluss“ seinen Anfang als Geschichten, die Richard Adams seinen Kindern erzählte. Die Wahrheit liegt also irgendwo in der Mitte.

Aber kommen wir endlich zum Inhalt des fast sechshunderseitigen Romans: das junge Kaninchen Fiver – Fünf kann in der Kaninchensprache mit Tausend (hrair) gleichgesetzt werden, da Kaninchen nur bis Vier zählen können – zumindest im Kosmos von Richard Adams – hat Visionen. Schreckliche Visionen davon, dass der Bau, in dem sie alle unter dem Threarah, leben vernichtete werden wird. Gemeinsam mit dem ebenfalls jungen Hazel, der noch erstaunliche Führungsqualität beweisen wird, beschließen sie, andere Kaninchen um sich zu scharren, um einen neuen Bau zu finden oder zu gründen. Doch solcherlei Ausbrüche werden vom Threarah nicht geduldet und so schickt er den Abtrünnigen Häscher auf die Läufe, die den Aufbruch gewaltsam verhindern sollen. Im Endeffekt klingt die Flucht doch – mit Verletzten. Aber die Wildnis birgt unzählige Gefahren für Kaninchen, so wie schon die Mythen um El-ahrairah den legendären Fürst mit tausendfachen Feinden, Urvater der Kaninchen, erzählen.

Das alles wird durchgehend aus Kaninchenperspektive geschildert, wobei Adams den ursprünglich sicher geniale Weg geht, die Tiere zwar mit einem menschlichen Verstand und der Fähigkeit miteinander zu sprechen ausstattet. Die Mentalität und das Verhalten der Kaninchen aber den tierischen Instinkten entsprechend zu lassen. Weil er es schafft eine Deckung zwischen Denken und Verhalten her zu stellen, handelt sich es um eine der überzeugendsten Beschreibungen fremdartiger – nichtmenschlicher – Kultur, die man in der Literatur des letzten Jahrhunderts finden kann. Da wird die Straße zu einem mystischen Geschöpf…

Das erzeugt mindestens so viel sense of wonder als die letzten dreitausend Space Operas zusammen und beweißt, dass die rein Perspektive ausmacht, was unter so schönen Begriffen wie „Weltenverschlinger“ zu handhaben ist.

Das mit der Perspektive ist dann aber doch nicht immer so einfach. Denn mitunter wechselt Adams für einige Zeilen zu einem sehr menschlichen Blickwinkel. Das ist jedoch nur der Fall, wenn es um äußerliche, topologische Beschreibungen geht. In einem Unterhatungsliteraturworkshop wäre er so bestimmt nicht weit gekommen, aber die Welt der ‚echten’ Bestseller – im Gegensatz zu den erträumten – spielt halt nach anderen Regeln. Die von Literatur auch.

Dass „Watership Down“ zuerst mal von zwölf Verlagen abgelehnt wurde, verwundert trotz seiner Großartigkeit nicht. Die Kombination aus oberflächlicher Niedlichkeit und Epos ist eben außergewöhnlich.

Gerade deshalb ist das Buch fünfunddreißig Jahre nach der englischsprachigen Erstveröffentlichung immer noch empfehlenswert. Watership Down erweckt viel stärker das Gefühl wieder das erste Mal den „Herrn der Ringe“ zu lesen, als es ein Werk jemals imstande war, dass die Oberfläche – Elfen, Kerker und Dämonen – nachahmt. Oder ein Film. Aber eigentlich ist nicht einmal die Oberfläche so unterschiedlich: Bewohner von Erdlöchern in einem Irgendwie-Doch-England, ein Gefahr, die über dieser Zivilisation sschwebt und zwei junge Freunde, die von all dem irgendwie Ahnung haben. Ein bisschen.

Und selbst George Lucas hat erwähnt, dass er sich bei der Konstruktion des Star-Wars-Universums von „Watership Down“ inspirieren hat lassen.

 

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Unten am Fluss

Autor: Richard Adams

Broschiert: 588 Seiten

Verlag: Beltz; Auflage: 1 (Oktober 2006)

Sprache: Deutsch

ISBN-10: 3407740107

ISBN-13: 978-3407740106

Erhältlich bei: Amazon

 

Weitere Infos:


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Erstellt: 31.01.2007, zuletzt aktualisiert: 13.09.2019 13:55