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Vampire Nation (DVD; Horror; FSK 18)

Rezension von Torsten Scheib

 

Rezension:

Endzeit und Vampire? Fehlen nur noch die obligatorischen Zombies und schon wären alle populären Topoi der gegenwärtigen Horrorbewegung in einem Topf untergebracht. Aber halblang. Geben wir Vampire Nation (dessen Originaltitel Stake Land eigentlich passender ist) doch erst mal eine Chance. Zumal Regisseur Jim Mickle mit dem Low Budget-Rattenalptraum Mulberry Street 2006 trotz vorhandener Restriktionen echtes, ehrliches Talent erkennen ließ.

Wie erwähnt, werden wir in die Zeit nach der Apokalypse geschleudert. Weite Teile der Weltbevölkerung sind entweder tot oder zu bestialischen Blutsaugern mutiert. Es herrschen Kriegsrecht und Ausnahmezustand. Längst ist der Begriff »Zivilisation« obsolet geworden. Wie genau die Plage überhand nehmen konnte, wird nur angedeutet. Im Grunde spielt es auch nur eine untergeordnete Rolle. Die Gegenwart zählt – und den nächsten Tag möglichst erleben zu dürfen. Lebendig, versteht sich. Inmitten dieses Irrsinns verliert der Teenager Martin (Connor Paolo) binnen einer Nacht seine gesamte Familie aufgrund eines nächtlichen Blutsauger-Angriffs. Nur dank des unvermittelten Auftretens des stoischen Mannes, der sich nur »Mister« nennt (Nick Damici, der übrigens auch das Drehbuch mitverfasste) gelingt dem Jungen die Flucht. Fortan sind er und sein wortkarger, aber im Kampf gegen Vampire umso beherzter agierende Retter ein Team; durchstreifen sie das größtenteils verwaiste amerikanische Hinterland.

In den wenigen Kolonien und Ortschaften, die noch von Menschen bewohnt werden, haben sich längst Erschöpfung, Resignation und auch Paranoia breit gemacht. Andere sind den falschen Versprechungen der immer stärker werdenden »Bruderschaft« anheim gefallen; einer machtgierigen, korrupten Sekte, die von dem unheimlichen Jebediah Loven (überzeugend: Michael Cerveris – der »Beobachter« aus Fringe!) angeführt wird. Ihm und seinen Gefolgen wollen Martin und Mister garantiert nicht in die Quere kommen, vor allem, nachdem ihnen der Zufall eine neue Richtung angegeben hat. »New Eden« nennt sich der, Sicherheit und Zukunft prosperierende Landabschnitt hinter der kanadischen Grenze – wo es zu kalt sei für die Blutsauger. Zu Beginn verläuft die Fahrt auch ohne große Zwischenfälle, doch dann läuft ihnen eine zerschundene, blutüberströmte Ordensschwester (Kelly »Top Gun« McGillis) vor die Kühlerhaube; unmittelbar gefolgt von mehreren verdreckten Gestalten, die sich bei genauerer Betrachtung als Bruderschafts-Anhänger offenbaren. Ehe die Kerle kurzen Prozess mit ihrem vermeintlichen Opfer machen können, dreht Mister kurzerhand den Spieß um; nicht ahnend, dass einer der Toten ausgerechnet der Sohn von Loven ist, der seinerseits die Suche nach den drei Flüchtigen beordert …

 

»Vampire Nation« ist eine positive Überraschung und ein weiterer Beweis, dass sich gerade abseits des großen Mainstream-Hauptstroms viel versprechende Talente oftmals besser entfalten können als zumeist bei den auf Nummer Sicher gehenden Filmstudios. Zu keiner Sekunde gibt Jim Mickles Zweitling vor, mehr zu sein, hat es aber auch gar nicht nötig. Grandios, wie mit wenigen Einstellungen sofort eine glaubhafte Atmosphäre geschaffen wird, die überwiegend den sehr gut ausgesuchten Locations zu verdanken ist. Verfall, Schmutz und Aufgabe sind praktisch konstant dominant und erinnern – überzeugend – an den ähnlich gearteten The Road. Wie schnell die Angelegenheit zum martialischen Blutsauger-Geknüppel hätte ausarten können, muss wohl nicht erst erwähnt werden; da gibt es zahl- und zahnlose Exempel, die es diesbezüglich »besser« gemacht haben. Aber hier sind die Vampire weder funkelnde Langweiler noch die fehlende Zutat für sinnfreie Coolness. Eigentlich sind sie sogar nur eine Begleiterscheinung.

Es ist der Weg des Teenagers Martin, der ganz klar im Zentrum steht. Vom hilflosen Kind hin zum Erwachsenen. Ein langer Pfad; gnadenlos, unmenschlich – aber auch lehrreich, überzeugend dargeboten von dem bislang eher aus dem Serienbereich bekannten Nachwuchsdarsteller Connor Paolo, der sein Alter Ego sehr distanziert und damit überzeugend herüberbringt. Auf der anderen Seite wird die Reise nach New Eden auch zu einem Lernprozess für den schweigsamen Mister; lernt der scheinbar gewissenlose Jäger mit zunehmendem Verlauf, wie wichtig es ist, trotz widrigster Umstände niemals sein Gewissen und seine Menschlichkeit abzulegen.

Das überzeugende Drehbuch, die niemals wertlosen Dialoge und nicht zuletzt eine tadellose Regieführung sorgen dafür, dass die Maschinerie von Anfang an wie geschmiert funktioniert. Selbst für kritische Reflexionen gibt es einen Platz, verkörpert vor allem von Jebediah Loven und seinen Sektierern, die mit allem und jedem, der nicht ihrer Gesinnung entspricht, kurzen Prozess machen – und die globale Vampirkrankheit als Werk Gottes betrachten. Fanatiker reinsten Wassers also, und die sind ja auch ohne weltweite Pandemien gerade in den Staaten reichlich gesät. Und wie Co-Autor/Hauptdarsteller in einem Interview verlauteten ließ, fürchte er sich vor christlichen Fundamentalisten weitaus mehr als vor deren islamischen Kollegen. Na so was.

 

Doch noch einmal zurück zum eigentlichen Film, der nicht nur als Parabel und melancholisch-brutale Coming of Age-Fabel überzeugen kann, sondern eben auch als verdammt guter, knackiger Horror-Roadmovie. Kitsch und romantische Verklärtheiten werden ausgesperrt und die Vampire nüchtern auf kalte Monstrositäten reduziert. Besonders dieser Aspekt erstaunt, da die Blutsauger keineswegs den Hauch des Billigen verströmen, sondern ausnahmslos furchterregend gut gelungen sind. Einen weiteren fetten Pluspunkt sind ferner die kleinen aber ungemein feinen Überraschungen, entweder innerhalb der Story oder dank kurzer bis mittellanger Auftritte bekannter Gesichter – unter anderem auch von Scream Queen 0Danielle Harris – und nicht zuletzt einem sehr stimmigen Soundtrack. Da verzeiht man auch, dass die gesichtete DVD mit eher mageren Extras ausgestattet wurde, wobei die zusammengefügten Webisoden aufgrund ihrer Hintergrundinformationen noch am Positivsten hervorzuheben sind.

 

Fazit:

»Vampire Nation« überzeugt auf der ganzen Linie; völlig gleich, ob als Endzeit-Drama, Roadmovie, Coming of Age-Erzählung oder harter Vampirschocker. Ein großer kleiner Film, der dem vermeintlich langweiligen Vampir-Genre neue Impulse verleiht.

Eure Meinung:


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DVD:

Vampire Nation

Originaltitel: Stake Land

USA, 2010

Regie: Jim Mickle

Format: Dolby, PAL, Widescreen

Sprache: Deutsch (Dolby Digital 5.1), Englisch (Dolby Digital 5.1)

Untertitel: Deutsch, Niederländisch

Region: Region 2

Bildseitenformat: 16:9 - 2.35:1

Umfang: 1 DVD

FSK: 18

Splendid Film/WVG, 30. September 2011

Spieldauer: 95 Minuten

 

ASIN (DVD): B0057JWXQS

ASIN (Blu Ray): B0057JWXPY

 

ASIN: B0036U8T5Y

 

Erhältlich bei Amazon

 

Darsteller:

Nick Damici

Connor Paolo

Michael Cerveris

Sean Nelson

Kelly McGillis

Danielle Harris


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Erstellt: 20.03.2012, zuletzt aktualisiert: 27.03.2020 10:23