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Vampirnovelle von Frank Hebben

Rezension von Ralf Steinberg

 

Verlagsinfo:

In einem letzten Tanz sein Leben

zu verschwenden, ein Tanz, ein Tag,

ein Gedanke, ein Licht – und Stille.

Und die Blumen verblühen.

Und der Wind rauscht im Feld.

Und die Katzen jagen die Mäuse,

wie seit alters her, bis die Sonne untergeht.

 

Rezension:

In einer deutschen Großstadt. Die Vampire Ruth, Johann und Martin leben in einer WG zusammen. Ruth versucht sich in Neonlicht-Kunst, Johann arbeitet seit Jahrhunderten als Hafenarbeiter und Martin leitet das hiesige Büro der Firma seines stinkreichen Vaters.

Die Nacht verbringen sie mit der Jagd, Alkohol, Drogen und wilden Partys in irgendwelchen Clubs.

Martins letzter One-Night-Stand endet jedoch nicht mit dem Tod des Mädchens. Er infiziert Ava und plötzlich hat er das Mädchen am Hals. Muss ihr helfen, das alte Leben loszuwerden und mit dem neuen klarzukommen, was er selbst kaum auf die Reihe bekommt, trotz seiner 60 Jahre. Und da taucht auch noch De Gruyter auf. Ein gnadenloser Vampirjäger …

 

Auch wenn die kurze Inhaltsangabe zu Frank Hebbens Vampirnovelle nach klassischem Horror- und Actionstoff klingt, machen bereits die ersten Sätze der Novelle klar, dass hier kein traditioneller Erzähler am Werk ist. Vielmehr lesen sich die zum Teil nur einen Satz langen Abschnitte wie eine Fortsetzung von Hebbens Gedichtband Die Fugen der Stadt. Eine düstere Stimmung zieht durch die Sätze und Satzfragmente. Martin ist ein Zyniker, der sich, sein Leben, die Stadt und ihre Menschen und seinen Vater hasst. Er gibt das Arschloch und manchmal macht ihm das Spaß, aber meist langweilt es ihn. Die Verpflichtung, sich um sein Vampir-Geschöpf Ava zu kümmern, nervt ihn zutiefst. Doch bald entwickelt sich daraus etwas. Verantwortung zu übernehmen ändert ihn. Und auch seine verfahrene Beziehung zu Ruth, die er liebt, ohne es sich selbst eingestehen zu wollen.

 

In ihrem Nachwort analysiert Karla Schmidt die Beziehung dieser drei Figuren und versteht sie als eine Art Familie in der Ava das Kind darstellt. Auch wenn Martin sie zunächst abschleppte, interessiert er sich später sexuell nicht mehr für sie.

Denn da ist und war immer schon Ruth.

 

Dieser feine Meta-Plot drängt sich aber gar nicht so sehr in den Vordergrund. Vielmehr sind es eine ganze Reihe von Veränderungen, die sich im Denken Martins herauszukristallisieren beginnen. So überdenkt er nicht nur sein Verhältnis zu seinem Vater und stellt sich den Geistern seiner Familienvergangenheit – er beginnt auch zum ersten Mal in seinem Leben echtes Interesse an anderen zu zeigen. So erkundigt er sich nach den Todesumständen von Johanns Frau und hinterfragt Ruths Beweggründe für ihre Kunst. Ganz langsam entwickelt sich dadurch das Nachdenken darüber, was er eigentlich mit diesem ewigen Leben anstellen möchte.

 

Das Finale gelingt Frank Hebben jedoch nur halb. Zum einem greift er auf ein doch recht ausgelutschtes Horror-Thema zurück und zum anderen wirkt der geänderte Martin nur noch wie ein dünnes Abziehbild der in starken Farben dahingeworfenen Figur des Anfangs.

Denn Frank Hebbens besondere Gabe liegt in der Gestaltung des Abgrundes von Mensch und Gesellschaft.

Insofern ist die »Vampirnovelle« zwar ein Stück Horror-Literatur, aber auch Beschreibung einer Subkultur, in der Vampir nur ein Synonym für Unangepasstheit und Unabhängigkeit ist, um sich vom als dröge empfundenen gesellschaftlichen Mainstream abzugrenzen. Zwischen Arroganz und Weltherrschaftsphantasien blühen aber die ganz normalen menschlichen Dinge wie Liebe etwa. Am Ende schaltet der Film Noir um auf Technicolor.

 

Fazit:

Die »Vampirnovelle« von Frank Hebben ist ein sprachgewaltiger Abstieg in das kaputte Leben eines Vampirs, der sich selbst über ist. Ein Blick in das Bohème-Leben unabhängiger Geister, die das am meisten begehren, was sie verachten.

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Eure Meinung:

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Buch:

Vampirnovelle

Autor: Frank Hebben

Nachwort: Karla Schmidt

Taschenbuch, 240 Seiten

Begedia Verlag, 8. März 2019

Cover: Frank Hebben

 

ISBN-10: 395777120X

ISBN-13: 978-3957771209

 

Erhältlich bei: Amazon

 

Kindle-ASIN: B07N8XWT39

 

Erhältlich bei: Amazon

Weitere Infos:


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Erstellt: 22.03.2019, zuletzt aktualisiert: 05.08.2019 19:15