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Vellum von Hal Duncan

Reihe: Das Ewige Stundenbuch Bd.1

Rezension von Oliver Kotowski

 

Rezension:

Vellum ist der erste Roman von Hal Duncan. Es wurde nicht nur für den British Fantasy Award vorgeschlagen, sondern auch von Jeff VanderMeer gelobt, was mir eine wichtigere Empfehlung ist. So viel vorweg: Es ist ein schwieriges Buch. Wer von Engel und Dämonen, die einander mit Nanotechnologie und Blutmagie bekämpfen, gelesen hat und sich nun eine gradlinige Actiongeschichte um den epischen Krieg zwischen Himmel und Hölle erhofft, der braucht nicht weiterzulesen – die Geschichte ist... anders.

 

Der junge Student Guy Reynard Carter findet das Ewige Stundenbuch, von dem es heißt, dass es Gottes Worte enthalte, welche die Realität bestimmen. Wer über dieses Buch verfügt, verfüge über alle Möglichkeiten, die Gott für die Realität vorsah. Diese potentiellen Welten sind das Vellum. Nachdem Reynards Studentenclique zerbrochen ist – nach Thomas Tod hat Jack Carter den Verstand verloren und Joey Pechorin ist immer gefühlskälter geworden – hält Reynard nichts mehr und er macht sich auf ins Vellum. Unterdessen sucht Phreedom Messenger ihren Bruder Thomas, der von Seamus die Prägung erhalten hatte und vor dem Krieg der Unkin ins Vellum floh. Die Unkin sind Wesen, welche den Cant beherrschen – die Sprache, welche die Realität formt. Ursprünglich gab es eine große Vielfalt von Unkin, die als sich als Götter, Gottkönige und Halbgötter gebärdeten, gewaltige Reiche errichteten und schließlich verheerende Kriege gegeneinander führten. Dann aber schlossen sich sieben Unkin zusammen um der Welt eine ewige Ordnung zu geben. Dazu gründeten sie den Konvent und nannten sich "Engel". Damit begannen sie aber nur einen seit dieser Zeit währenden Krieg mit den Unkin, die sich diesem Ziel nicht unterwerfen wollen – den Auserwählten; den "Dämonen" der Hölle. Metatron, der Sprecher des Konvents, sandte die Engel aus, die Thomas verfolgen und Phreedom vergewaltigten – Jack Carter und Joey Pechorin. Metatron selbst ist an der Rekrutierung – oder wenigstens intensiven "Befragung" – Seamus' interessiert, denn die Apokalypse steht kurz bevor.

 

Schon beim Setting beginnen die Schwierigkeiten das Buch einzuordnen. Raum und Zeit spielen im Vellum keine Rolle. Phreedoms Geschichte ist auch die Geschichte der machtgierigen Inanna, einer jungen Frau, die in der neolithischen Stammesgesellschaft zu mehr Einfluss gelangen will; es ist die Geschichte von Anna, der Freundin von Seamus, der ihr verspricht auf ihren Bruder Thomas aufzupassen und deswegen in den Krieg zieht. Und es ist die Geschichte der Unkin Inanna (es lohnt sich übrigens die vielen mythologischen Elemente nachzuschlagen, wenn man mit ihnen nichts anzufangen weiß), die ihren Bruder Tammuz/Dumuzi aus der Hölle von Kur retten will. Allein Phreedom/Inanna/Annas Episoden spielen in der nahen Zukunft 2017 der USA, England im frühen 20 Jh. und in der Steinzeit im Mittleren Osten – neben der bizarren Vielfalt des Vellums. Es kommen noch einige weitere Schauplätze hinzu.

Das Konzept des Vellums erinnert an eine Virtuelle Realität, die von denen, welche die Sprache der Realität beherrschen, weitgehend manipuliert werden kann. Bei Duncans Hintergrund als Programmierer ist die Verwendung dieses Konzepts weniger überraschend.

Insgesamt wird das Setting nur beiläufig beschrieben, es dient nur als Kulisse für die Hauptfiguren – damit ist es ein Ambiente.

 

Bei den Figuren gehen die Schwierigkeiten weiter. Es gibt sieben zentrale Figuren (wie der Konvent übrigens von sieben Erzengeln gelenkt wird): Guy Reynard Carter, Jack Carter, Joey Pechorin, Thomas Messenger, Phreedom Messenger, Seamus Finnan und Metatron. Diese Sieben treten in einer Vielzahl von unterschiedlichen Gestalten (jeweils mindestens drei) auf – für Phreedom, der Techno-Hippietochter, wurden schon einige aufgezählt. Die Sieben sind gewissermaßen Archetypen und damit – selbst wenn zwischen ihren Inkarnationen Jahrhunderte liegen – immer wieder zur selben Rolle verdammt: Jack ist immer heißblütig, zornig und am Rande des Abgrunds stehend, während Joey immer eiskalt, hintersinnig und beherrscht ist. Es ist nicht immer klar, wann von verschiedenen Inkarnationen berichtet wird – es ist letztlich sogar denkbar, dass Reynard und Jack Aspekte desselben Archetypen sind. Ausgefeilte, runde Figuren sind also nicht zu erwarten; die zentralen Figuren wirken eher wie Skizzenfolgen: Rasch umgesetzte Varianten des selben Kerns. Die Figuren werden nicht direkt beschrieben – ihren Charakter muss der Leser aus den Handlungen ableiten.

Ganz neu ist das Verwenden von Grundtypen, die mehrfach in einer Geschichte auftauchen, jedoch nicht: Schon Michael Swanwick mit seiner Tochter des stählernen Drachen und M. John Harrison mit Licht schufen hervorragende Romane um dieses Thema.

 

Der Plot ist gleich noch einmal so schräg wie Setting und Figuren zusammen. Den Auftakt bildetet Reynards Reise ins Vellum. Es scheint während dieser Reise keine Herausforderungen zu geben – damit ist es keine Abenteuergeschichte. Die Wunder werden nur beiläufig geschildert – damit ist es auch keine Wundergeschichte. Es scheint einfach ein Reisetagebuch zu sein, in dem mehr oder minder belanglose Ereignisse einer Reise durch höchst phantastische Gebiete eingetragen werden. Dieser Handlungsstrang ist mit den anderen einerseits über das Vellum selbst und andererseits durch die Studentenclique verknüpft – doch was der Zusammenhang zu bedeuten hat ist mir unklar (wenn es denn etwas zu bedeuten hat).

Vellum gleicht einer Reise durch die Genre-Literatur: Es gibt einen Krieg zwischen Himmel und Hölle, dessen Akteure sich menschlicher Marionetten bedienen – Horror und Verschwörungsgeschichte. Es gibt eine Expedition, vorgeblich nach Aratta, die sich wie eine Mischung aus Indiana Jones und H. P. Lovecrafts Berge des Wahnsinns liest. Phreedom vagabundiert einem Roadmovie gleich durch die USA, Seamus Finnan erlebt seine Kriegsgeschichte, wie auch seine gescheiterte Liebe erneut und Jumpin' Jack Flash wehrt sich als terroristischer Flash Gordon gegen das böse Imperium. Seelischer Verfall und Wahnsinn (inklusive Aufenthalt in der Psychiatrie) spielen eine wesentlich größere Rolle als Nanotechnologie und Blutmagie. Entsprechend vielfältig sind die Spannungsquellen.

Intertextuelle Bezüge sorgen außerdem für Spannung: Neben Laafkräfts Makrominikon ist Jack Carters Expedition (der geneigte Leser achte auf des Studenten e-Mail-Adresse) eine klare Anspielung an den Cthulhu-Mythos; das ganze Vellum-Konzept ist dem Neuengländer zu dank verpflichtet. Aber auch auf den Tunnel aus Lewis Carrolls Alice im Wunderland, Ray Bardburys Illustrierter Mann und Stephen Kings Roland aus der Dunkler Turm-Reihe wird angespielt; Experten dürfen nach Bezügen auf William S. Burroughs' Nova Express Ausschau halten.

Gerne wird der Plotfluss eines Werkes mit einem realen Fluss verglichen; bleibt man bei diesem Bild, dann ist Vellum ein gewaltiges Flussdelta, durch welches träge der Strom sickert; viele flache, mit einander verbundene Verästelungen machen dem Flussschiffer die Navigation nahezu unmöglich – ist er nur einen Moment unachtsam, so wird er irgendwo stecken bleiben.

 

Die Erzähltechnik ist wohl der konventionellste Aspekt der Geschichte; sehr ungewöhnlich ist sie dennoch. Die Erzählperspektiven wechseln ständig, wobei die verschiedenen personalen Perspektiven gegenüber der auktorialen oder der Ich-Erzählung überwiegen. Die üblichen Bemerkungen zum Handlungsaufbau (Progressiv/Regressiv; Dramatisch/Episodisch; etc.) greifen hier nicht. Die Sätze variieren ebenfalls deutlich im Stil: Vom quasi religiösen Text, der den Sprachduktus sumerischer Mythen nachahmt, bis hin zur Stream-of-Consciousness ist alles vertreten.

 

 

Fazit:

Thomas, Phreedom und Seamus wollen aus dem Krieg zwischen Konvent und Auserwählten ausbrechen – werden Jack, Joey und vor allem Metatron es zulassen? Beim Lesen kommen einem viele Versatzstücke bekannt vor: Die Beliebigkeit des Vellums erinnert an die Matrix und Metatrons Krieg an God's Army. Man scheint durch das Abendprogramm des Fernsehens zu zappen: Man sieht immer wieder dieselben Schauspieler, die in unterschiedlichen Filmen ähnliche Konflikte austragen. Die fragmentarische Geschichte passt ebenfalls dazu – ist Reynard in Wirklichkeit eine Couchpotatoe, die durch eskapistischen Fernseh-Konsum den Problemen der Realität entgehen will? Gleichwie, Vellum ist ein interessantes, aber auch extrem anstrengendes Experiement – wer J. G. Ballards The Atrocity Exhibition mochte, mag es vielleicht auch mit dem Erstling des vielversprechenden Hal Duncan versuchen.

 

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Vellum

Reihe: Das Ewige Stundenbuch Bd.1

Autor: Hal Duncan

Shayol, 2007

Hardcover, 594 Seiten

ISBN-10: 3926126728

ISBN-13: 978-3-926126726

Erhältlich bei: Amazon

Weitere Infos:


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Erstellt: 27.06.2007, zuletzt aktualisiert: 16.08.2016 13:13