2021 begann der Heyne Verlag das Œuvre der schwarzen Autorin Octavia E. Butler (*1947, †2006) einer größeren Leserschicht wieder zugänglich zu machen. Butler war eine der wenigen etablierten farbigen Schriftstellerinnen in den 1970er- und 1980-er Jahren in den USA und damit eine Vorreiterin für heute aktive Frauen wie N. K. Jemisin, Nnedi Okorafor, Nalo Hopkinson oder Rivers Solomon. Butler starb viel zu jung, im Alter von 58 Jahren.
Nachdem Heyne alle wichtigen SF-Romane neu veröffentlicht hat, kann man von einem überfälligen Revival sprechen. Anfang der 1980er-Jahre erschienen ihre Werke auf Deutsch in der Reihe »Science Fiction Special« des Bastei Verlags. Ende der gleichen Dekade veröffentlichte schließlich der Heyne Verlag u. a. ihr Zukunftsepos, die Xenogenesis-Trilogie.
Ein Roman, der deutlich aus Butlers Gesamtwerk heraussticht, ist Kindred aus dem Jahr 1979. Seine deutsche Erstveröffentlichung erfolgte bei Bastei 1983 unter dem Titel Vom gleichen Blut und ging dort unter dem SF-Deckmäntelchen leider unter. Es handelt sich hierbei nämlich um einen Mainstreamroman, der nur einen dünnen SF-Rahmen vorweist und der lediglich Mittel zum Zweck ist. Eher unbemerkt ist der Roman Jahre später unter dem Titel Kindred – Verbunden in einer Neuübersetzung 2016 bei w_orten & meer erschienen, ein Verlag, der sich als »Verlag für verbindendes diskriminierungskritisches Handeln« versteht.
Diese gelungene Übersetzung von Mirjam Nuenning ist nun als Lizenz bei Heyne gelandet. Damit wurde dieser wichtige Roman von Octavia E. Butler, 20 Jahre nach ihrem Tod, der drohenden Vergessenheit entrissen.
Erzählt wird die Geschichte aus der Sicht der 26-jähirgen afroamerikanischen Schriftstellerin Dana Franklin, die 1976 mit ihrem weißen Ehemann Kevin in Los Angeles lebt und wiederholt in die Vergangenheit transportiert wird. Irgendwie ist sie verbunden mit dem Plantagenbesitzer Rufus Weylin, der in der Zeit des frühen 19. Jahrhunderts in Maryland lebt. Denn immer, wenn dessen Leben bedroht ist, wird Dana abrupt zu ihm in die Vergangenheit gerissen. Zunächst nur für kurze Zeit, später für viele Wochen und Monate. Wenn sie zurückkehrt, in das Los Angeles der 1970er-Jahre, sind in der Regel nur wenige Stunden oder Tage vergangen.
In der grausamen Vergangenheit begegnet sie einigen ihrer Vorfahren, darunter Alice, einer freien schwarzen Frau, die von Rufus zur Sklaverei gezwungen wird und ihr gegenüber sexuell übergriffig handelt. Je länger Dana in der Vergangenheit verweilt, desto tiefer verstrickt sie sich in das Leben der Plantagengemeinschaft. Um die brutale Sklaverei zu überleben und in ihre eigene Zeit (und Welt) zurückzukehren, muss Dana schwere Entscheidungen treffen.
»Verbunden« ist ein eindrucksvolles Stück Literatur, das in den USA den Weg aus der SF-Nische in den Mainstream geschafft hat. Die Zeitreisethematik, die an keiner Stelle auch nur ansatzweise erklärt wird, was aus Sicht einer genrefernen Leserschaft auch nicht erforderlich ist, erweist sich als genialer Kunstgriff.
Anders als Romane, die direkt in der Zeit der Sklaverei spielen oder Geschichtsbücher, die das Geschehen sekundär und retrospektiv aufarbeiten, erwirkt »Verbunden« eine direkte Gegenüberstellung des Geschehens im 19. und 20. Jahrhundert. Eine schwarze Frau, die Hosen trägt, wird 1815 nicht als Frau erkannt, sondern zunächst für einen Mann gehalten. Das Konzept einer selbstbewussten, eigenständigen Frau ist in jener Zeit undenkbar, doch wer denkt, dass Dana in der Vergangenheit einfach ihren Weg geht, realisiert sehr schnell, dass der einzige Ausweg scheint, sich in der Welt der Sklaverei unterzuordnen.
»Verbunden« glänzt sowohl mit einer realistischen (und dadurch schwer erträglichen) Darstellung von Sklaverei, als schwarze Menschen bloß »Besitz« waren, als auch mit einer starken facettenreichen Frauenrolle, die gegen Rassismus und für Emanzipation kämpft.
Ein wichtiger Aspekt ist die Verflechtung der beiden Paare, bestehend aus einer schwarzen Frau und einem weißen Mann (Dana und Kevin bzw. Alice und Rufus). Mit ihnen lotet Butler das Verhältnis von Rasse, Geschlecht und Macht aus und auch, ob und wie Gleichberechtigung in der Zukunft funktionieren kann.
»Ich wollte einen Roman schreiben, der andere die Geschichte spüren lassen sollte: den Schmerz und die Angst, die Schwarze Menschen durchmachen mussten, um überleben zu können«, gab Octavia E. Butler über »Verbunden« zu Protokoll.
Dieses Zitat haben Mirjam Nuenning und Sharon Dodua Otoo ihrem Textbeitrag zur Neuübersetzung des Romans »Kindred«, der sich am Ende des Buchs befindet, vorangestellt. Dort beschreiben sie ihren »Versuch, das Unfassbare wahrnehmbar zu machen« und erklären, warum Butlers »verblüffender und genialer Roman« schon bei seiner Erstveröffentlichung 1979 bahnbrechend war.
Spätestens nach Lektüre des Nachworts wird klar, wie vielschichtig und kraftvoll Butlers Roman geworden ist. Und wie wenig Detailwissen in Deutschland heutzutage vorhanden ist, schon alleine was die Nomenklatur des Rassismus betrifft.
Aber ist das Science Fiction? Eher nicht. In den USA hat das Buch schnell vermeintliche Genregrenzen überschritten. Es gilt schon viele Jahre als wichtiges Stück afroamerikanische Literatur, das in Schulen gelesen und gedeutet wird. Butler selbst betonte 2004 in einem Interview mit der Webseite SciFiDimension, das zum Anlass des 25. Jährigen Jubiläums der Romanerstveröffentlichung geführt wurde, dass »Verbunden« definitiv keine Science Fiction sei: »Sie werden feststellen, dass keine Science darin vorkommt. Es ist eine Art düstere Fantasy.«
Dessen ungeachtet ist »Verbunden« ein enorm wichtiges Buch, das auch 2026 nichts von seiner augenöffnenden Wucht und damit großen Bedeutung verloren hat. Im Gegenteil. SF hin, SF her.
Es sollte in keiner Bibliothek fehlen.