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Verhext

Gruselkabinett 47

Hörspiel

Rezension von Oliver Kotowski

 

Rezension:

Der junge Gutsherr Orrin Bosworth wundert sich: Warum mag die seltsame Nachbarin Prudence Rutledge ihn wohl an diesem kalten Schneetag zu sich gerufen haben? Und bei dem Haus der Rutledges angekommen stellt er fest, dass er nicht der Einzige ist – auch der alte Sylvester Brand und Diakon Hibben kommen mit ihren Schlitten gerade an. Prudence bittet die drei zwar ins Haus, aber auch noch ein wenig zu warten, denn was sie zu sagen habe, habe mit ihrem Gatten zu tun. Je ungeduldiger die Gäste werden – vor allem Sylvester –, desto mehr Einzelheiten gibt die distanzierte Frau preis: Offenbar wurde ihr Ehemann Saul verhext oder leidet zumindest unter einem Fluch. Er treffe sich regelmäßig mit Sylvesters Tochter Ora. Da platzt Sylvester der Kragen: Seine Tochter ist seit Monaten tot, alle waren auf der Beerdigung! Und nun werde er sich keine weiteren bösartigen Verleumdungen mehr anhören! Prudence erklärt, dass Ora eine Vampirin sei, und als Saul den Raum betritt, sind Orrin und der Diakon geneigt, Prudence zu glauben, denn Saul sieht aus wie eine lebende Leiche.

 

Verhext ist eine seltsame Geschichte – man braucht sehr lange, um sich darüber klar zu werden, was für eine Art von Geschichte es überhaupt ist. Ich habe erst sehr spät klar gesehen. Ich will nun diese Unsicherheit nicht zerstören, da gerade sie zu den Spannungsquellen von Verhext gehört, will aber doch ein paar Hinweise geben. Knackpunkt sind die geheimnisvollen Treffen Sauls mit – ja wem eigentlich? Der toten Ora? Oder doch einer anderen Person? Verfällt Saul wegen dieser Treffen so sehr? Spielt es eine Rolle, dass die Rutledges so seltsame Leute sind? Warum reagiert Sylvester so ungehalten – noch bevor er wusste, um was es geht? Ahnt er vielleicht etwas? Warum sollte Orrin mitkommen? Hängt das irgendwie mit seiner verrückten (war sie überhaupt verrückt?) Tante zusammen? Fragen über Fragen – es ist eine unheimliche Rätselgeschichte, bei der Vieles dem Zuhörer überlassen bleibt. Tatsächlich halte ich es sogar für eine Geschichte der todorovschen Phantastik.

Zur Seltsamkeit gehört aber auch die Verschachtelung – es gibt einige Rückblenden und von einer ist (mir) nicht klar, wie sie mit dem Fall zusammenhängt – bloße Assoziation? Ist es damit nur eine kleine Binnenerzählung, eine kleine conte cruel, oder ist da mehr Bedeutung? Außerdem werden manche Motive 'seltsam' verwendet – die potenzielle Vampirin ähnelt durchaus einer Nachzehrerin.

So ist insgesamt auch der Plotfluss schwer einzuschätzen: Langsam und digresshaft oder angemessen gemessen? Rein gefühlsmäßig hätte es etwas schneller fließen können. Trotzdem kein schlechtes Skript.

 

Die Anzahl der Sprecher ist verhältnismäßig groß: Es sind fünfzehn. Dabei sind mir Hasso Zorn, der hier wieder den Erzähler gibt, und Ernst "Bakerman" Meincke, hier als Saul Rutledge, erst vor kurzem in Die Maske des roten Todes begegnet. Beworben wird die CD mit der Sprecherin von Prudence Rutledge: Susanne Uhlen. Sie ist vermutlich eher als Schauspielerin aus Reihen wie Tatort und dergleichen, denn als Hörspielsprecherin bekannt. Tatsächlich weiß ich nur von einem weiteren Hörspiel mit Uhlen: Nussknacker und Mausekönig, das kurz nach Verhext bei Titania Medien erschienen ist. Leider sagt mir Uhlens Interpretation ihrer Rolle nicht zu – Prudence spricht zu bedacht, die alle Worte klingen sorgsam ausgewählt und betont – halt unnatürlich. Auch Frank Schaff, der Sprecher von Orrin Bosworth, hat kaum Hörspiele gemacht – als Kind war er bei Benjamin Blümchen und Bibi Blocksberg zu hören, und das war's dann auch. Vielleicht kennt man ihn als deutsche Stimme von Ethan Hawke. Jochen Schröder – Diakon Hibben – ist dann wieder ein Hörspielveteran: Benjamin Blümchen und Bibi Blocksberg sind in seinem Oeuvre genauso zu finden wie Gabriel Burns, Point Whitmark oder Dorian Hunter. Auch Uli Krohm (Sylvester Brand) hat an Gabriel Burns und Point Whitmark mitgewirkt; gelegentlich tritt er auch in Reihen wie Die drei ??? auf. Schließlich will ich noch die Nebenrollen lobend erwähnen: Da sind Sprecherinnen wie Annina "Bella Swan" Braunmiller oder Gabrielle "Hermine Granger" Pietermann zu hören. Insgesamt hat die Sprecherriege eine gute Performanz hingelegt, sieht man von Uhlens eigentümlicher Interpretation ab.

 

Die Inszenierung ist wiederum gemäßigt konservativ: Es gibt einen Erzähler, der allerdings relativ kurze Passagen hat. Die Geräusche stehen für sich selbst, werden aber nur zur Untermalung gebraucht, entweder der Ereignisse – metallisches Klicken und Klappern, wenn mit dem Geschirr der Pferde hantiert wird – oder der Atmosphäre – scharfes Pfeifen eines kalten Windes, wenn man die kalte Prudence Rutledge besucht. Musik wird kaum im engeren Sinne gebraucht; es gibt gelegentlich kleine Melodien meist orchestraler Instrumente zur Überleitung, die den Duktus der folgenden Szene anzeigen. Häufiger werden einzelne Instrumente verwendet, um die Stimmung mit geräuschhaft klingenden Melodien zu unterstreichen. Hier ist nicht immer leicht zu erkennen, welche Instrumente verwendet wurde, aber Orgel, Klavier, vielleicht eine Art Xylofon gehören vermutlich dazu. Die Inszenierung scheint mir solide und angemessen zu sein.

 

Fazit:

Die abweisende Prudence Rutledge ruft drei Nachbarn, Orrin Bosworth, Sylvester Brand und Diakon Hibben, zu sich, weil ihr Gatte Saul angeblich verhext wurde – ist der körperlich verbrauchte Mann wirklich das Opfer einer Vampirin? Verhext ist eine gruselige Rätselgeschichte, bei der zumindest ich gelegentlich im Dunkeln tappe; ich halte sie daher zur todorovschen Phantastik zugehörig. Die Umsetzung ist solide bis gut, allerdings auch mit zwei Schwächen versehen: Einerseits scheint mir die Geschichte etwas zu lang, andererseits sagt mir Susanne Uhlens Interpretation der Prudence Rutledge nicht zu.

 

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Hörspiel:

Verhext

Reihe: Gruselkabinett 47

Vorlagen: Edith Wharton

Buch: Marc Gruppe

Produzent: Stephan Bosenius & Marc Gruppe

Label: Titania Medien

Erschienen: Oktober 2010

Umfang: 1 CD, ca. 63 min

ASIN: 3785743904

Erhältlich bei: Amazon

 

Sprecher (Auswahl):

Hasso Zorn

Susanne Uhlen

Ernst Meincke

Frank Schaff

Jochen Schröder

Uli Krohm


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Erstellt: 10.02.2011, zuletzt aktualisiert: 15.07.2019 20:03