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Vertrauen in Monster

Reihe: Thunderbolts Sonderband 1

Rezension von Christian Endres

 

Vor etwas mehr als zehn Jahren gab es bereits einmal ein Helden-Vakuum im Marvel Universum. Die Rächer, die Fantastischen Vier, Iron Man, Captain America - seltsame verlegerische Ideale verbannten die ehernen Heroen aus der Kontinuität der monatlichen Heftchenwelt. Breiten wir den Mantel des Schweigens über diese Ära. Lediglich Kurt Busieks (Marvels, Conan) Versuch, die Leere mit einem neuen Heldenteam fragwürdigen Rufes und noch fragwürdigerer Moral zu füllen, gehört zu den erinnerungswürdigsten Nachklängen dieser seltsamen Zeit. Und jetzt, da im Anschluss an den Civil War und den Tod von Captain America erneut eine Zeit des Umbruchs angebrochen ist, treten die Thunderbolts in neuer Besetzung und Ausrichtung wieder verstärkt in Erscheinung...

 

Marvels Bürgerkrieg hat in dem tödlichen Anschlag auf die amerikanische Helden-Ikone Steve Rogers alias Captain America ein trauriges Ende gefunden. Doch auch die Nachwehen des Bürgerkriegs werden uns, Skrulls hin oder her, wohl noch einige Zeit beschäftigen. So auch Norman Osborn (bekannt als der Grüne Kobold) und seine neuen Thunderbolts, die von Star-Autor Warren Ellis (Transmetropolitan, Desolation Jones) und Zeichner Mike Deodato jr. (The Incredible Hulk, Amazing Spider-Man) mit US-Heft #110 im Februar diesen Jahres ins Rennen geschickt wurden. Panini spendiert den ersten sechs Heften des neuen Kreativteams hierzulande direkt einen Sammelband - und beweist damit Vertrauen in Monster...

 

Wie auch die amerikanische Regierung, seit das Gesetz zur Registrierung von Superwesen in Kraft getreten ist - und damit unter anderem auch eine zeitweilige staatlich geförderte Amnestie und Legitimierung von »Monstern« wie Bullseye, Venom oder eben dem Grünen Kobold. Wer das Marvel Universum beobachtet, weiß, dass sich hinter solchen Namen Erzfeinde von Helden wie Daredevil und Spider-Man verbergen. Was haben diese Schurken also in einem Heldenteam verloren? Nun, seit dem Civil War ist eben alles anders. Auch die Definition von »Held«. Unregistrierte »Helden« wie Spider-Man und Wolverine sind nunmehr die Bösen und ferner echte Staatsfeinde, während Venom, Bullseye & Co. auf einmal zu einer imposanten Einsatztruppe der Regierung hochstilisiert werden, die allenthalben gegen die »unregistrierte Gefahr« vorgeht.

 

Der Reiz an den derzeitigen Thunderbolts liegt also vor allem in ihrer Ambivalenz und der Betrachtung des oben geschilderten Paradoxon: Wie die Thunderbolts sich selbst sehen, wie sie von der Regierung, der Öffentlichkeit und anderen »Helden« gesehen werden. Und wie sie sich darstellen und verkaufen, wie sie insgeheim untereinander intrigieren. Da ist trotz aller Wirren viel Potential vorhanden. Potential, das Ellis durchaus auch in ersten Ansätzen zaghaft nutzt, obwohl da noch viel Luft nach oben ist. Auch gelingt dem Briten eine sehr schöne Darstellung der verklärten postbürgerkriegerischen Heldenwelt der einst so stolzen Marvel-Recken. Plötzlich werden Helden wie Steel Spider (sehr schön auch hier Osborns Spider-Obsession - ein wunderbarer Running-Gag!) als gemeine Verbrecher gejagt - von einstigen Mördern und Schurken. Wahrlich, verrückte Welt...

 

Und eben jene Verrücktheit fängt Ellis größtenteils gekonnt ein. Die Initiative, unter der sich die Zeit nach dem Bürgerkrieg zusammenfassen lässt, ist durch ihre Fülle an Eindrücken und Implikationen nicht leicht zu portraitieren. Vertrauen in Monster ist dennoch ein facettenreicher Blick von innen wie auch von außen auf die Geschehnisse um diese fragwürdigen Entwicklungen, da die Regierung gefürchtete Schurken auf altgediente Helden hetzt, nur weil diese sich nicht registrieren lassen wollen.

 

Optisch sind die Thunderbolts hingegen lediglich gehobener Mainstream. Mike Deodatos Artwork hat ein paar sehr schöne Momente, aber - wie gewohnt - leider mindestens genauso viele Aussetzer. Norman Osborn, der »neue« Venom und viele der Action-Seiten sind nicht sonderlich gut getroffen. Dafür bekommt Deodato die meisten Frauen wieder einmal ziemlich hübsch hin (was nun ja auch so verachtenswert nicht ist, sieht man sich die Zielgruppe von Superheldencomics einmal genau an).

 

Alles in allem also ein sehr interessanter Superhelden-Comic, der freilich nur im Kontext mit den aktuellen Ereignissen bei Marvel funktioniert. Für sich genommen gibt es einige dramaturgische und inhaltliche Schwächen, die lediglich vom Kontext kaschiert werden. Als konsequente Fortführung der CW-Thematik dennoch keine uninteressante Lektüre.

 

 

 

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Comic:

Vertrauen in Monster

Reihe: Thunderbolts Bd. 1

Autor: Warren Ellis

Zeichner: Mike Deodato jr.

Paperback, 144 Seiten

Panini, November 2007

weitere Infos:


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Erstellt: 10.12.2007, zuletzt aktualisiert: 20.04.2019 08:40