Von Rittern und Einhörnern (Autor: Christine Guthann; Genre: Fantasy)
 
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Leseprobe: Von Rittern und Einhörnern

Von Rittern und Einhörnern

Autorin: Christine Guthann

Homepage: Tanuriell

Der Roman kann hier bezogen werden: Amazon

 

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Leseprobe:

Littel Star stand draußen im Dunkeln und hatte im Wald einen baumlosen Hügel gefunden, von dem aus sie die Sterne sehen konnte. Mit erhobenem Haupt und wehender Mähne stand sie reglos und blickte hinauf zu den ersehnten Lichtern, die sich in ihren braunen Tieraugen widerspiegelten. Lange konnte sie so stehen und blicken ohne des Anblicks überdrüssig zu werden. Ihr weißes Fell schimmerte den Schnee überstrahlend weit in den Wald hinein und sie konnte die Tiere spüren. Sie beobachteten sie, bewunderten sie und freuten sich, daß sie so leichtfertig ihre Sprache sprach. Es bestand kein Unterschied zwischen ihr und ihnen, das spürte sie genau. Und dennoch wußte sie, daß sie das zum ersten Mal begriff und daß sie es vorher einmal anders gesehen hatte. Wann war das gewesen? Wieder versuchte sie eine dunkle Erinnerung heraufzubeschwören und scheiterte daran. Sie warf den Kopf und stieß ein schrilles Wiehern aus, das weit und weiter trug. Mit den Hufen stampfte sie auf den Boden auf, als könnte sie so die Antwort auf ihre Fragen aus dem Schnee zu ihren Füßen zwingen. Als müßte der Boden, der dunkel darunter lag, endlich alle Rätsel preisgeben. Und dennoch wußte sie, daß es irgendetwas mit dem Ritter Kiansika zu tun haben mußte. Schon als Email das erste Mal seinen Namen genannt hatte, war sofort sein Bild vor ihrem inneren Auge erschienen. Sie wußte jedes Detail seines Gesichtes, die Gestalt seines schlanken Körpers und dennoch hatte sie ihn noch nie in ihrem Leben gesehen.

Aber sie mußte ihn gesehen haben. Wo war das nur gewesen? War sie das hier gewesen oder jemand anderes? Sie war doch kein Tier gewesen, kein unsterbliches Einhorn? Der Gedanke quälte sie und sie lief um sich selbst im Kreis. Das war nicht ihr Körper, so wollte sie nicht aussehen. Sie war niemals auf vier Beinen gegangen. Sie spürte wie Tränen in ihre Augen stiegen und blickte schnell zu den Sternen empor. Nein, die hatten sich nicht verändert. Sie strahlten ihrer Erscheinung zum Trotz. Irgendjemand mußte ihr doch helfen können. Irgendjemand mußte ihr doch sagen können wer sie war.

„Wer bin ich?“ fragte sie die Sterne und in ihren Augen lag überschwemmende Sehnsucht. „Bitte sagt mir doch wer ich bin. Ich will es euch auch danken, nur laßt mich nicht länger ohne Erinnerung sein.“

Die Sterne schienen stumm auf sie herab und Littel Star senkte enttäuscht den Kopf. Hatte sie wirklich gedacht eine Antwort von diesen weit entfernten Lichtwesen zu bekommen?

Mit hängendem Kopf und hängendem Schweif schritt sie langsam durch den Schnee hinunter zu den Bäumen. Sie konnte hören was sie sich erzählten, aber sie hörte kaum hin. Es waren langatmige Geschichten die keinerlei Bedeutung für sie hatten. Hin und wieder lachten sie über einen Teil der Geschichte, aber Littel Star wußte nicht warum.

„Vielleicht bin ich gar kein Einhorn. Sonst würde ich doch sicher verstehen, was die Bäume sagen“, flüsterte sie und ließ den Kopf noch tiefer hängen.

„Da bist du ja. Ständig läufst du mir weg.“

Littel Star blieb irritiert stehen und wandte den Kopf. In der Dunkelheit war nicht zu erkennen, wer die Worte ausgesprochen hatte. Aber dann trat Mitaki hinter einem Baum hervor und näherte sich vorsichtig während sie lockte: „Komm, komm, sei ein braves Pferdchen.“

„Ich bin kein Pferd“, entgegnete Littel Star verächtlich und warf vor Entrüstung den Kopf.

„Natürlich bist du ein Pferd. Hast du nicht vier Beine mit Hufen daran?“

„Doch, habe ich, aber ich bin dennoch kein Pferd.“

„Nun gut, du redest zwar, aber trotzdem bist du eindeutig ein Pferd. Wenn ich es mir recht überlege bist du sogar mein Pferd und solltest längst im Stall stehen.“

Littel Star schnaubte entrüstet, aber sie bemerkte gleichzeitig auch, daß sie nicht böse werden konnte. Alles was sie für die junge Elbros empfand war Neugier und ein wenig Mitleid, weil offensichtlich irgendetwas nicht mit ihr stimmte.

„Laß mich lieber in Ruhe und geh deine eigenen Wege, kleine Elbros“, sagte sie und wollte zwischen den Bäumen verschwinden.

„Ich weiß vielleicht wer du bist. Ich meine, wer du wirklich bist.“

Littel Star verharrte in ihrer Bewegung und wandte sich langsam um.

„Du willst mich doch nur zum Bleiben überreden“, jammerte sie.

„Nein. Ich meine es ganz ernst.“

Littel Star blickte in Mitakis Augen, die in diesem Moment klar zu sehen waren.

„Aber du erkennst nicht einmal, daß ich ein Einhorn bin, wie willst du da meine wahre Identität erkennen können?“

„Ja, da hast du recht. Entschuldige. Ich kann dir nicht sagen wer du bist. Aber ich habe dich belauscht und vielleicht kann ich dir helfen dich zu erinnern.“

Littel Star war enttäuscht. Einen Moment hatte sie wirklich gedacht Mitaki könnte ihr helfen.

„Nein laß nur“, sagte sie. „Ich brauche deine Hilfe nicht.“

„Ich zeige dir einen Ort, an dem es dir sicher leicht fallen wird, dich zu erinnern. Aber er ist nicht sehr nah, wenn du mich auf deinem Rücken reiten läßt, kommen wir viel schneller hin.“

Woher soll ich wissen, daß dieses verwirrte Wesen die Wahrheit spricht, fragte sich Littel Star, genausogut könnte ich selbst auf gut Glück loslaufen und einen Ort suchen, der meine Erinnerung zurückruft.

„Nun entscheide dich, schnell“, drängte Mitaki. „Die Nacht wird nicht ewig andauern.“

„Sind wir bis Sonnenaufgang wieder hier?“

„Ja. Ich denke schon. Versprechen kann ich es dir aber nicht.“

Littel Star wollte sich nicht so weit und lange von Email entfernen. Schließlich waren sie noch nie getrennt gewesen. Aber genausosehr wollte sie endlich ihre Erinnerungen zurück. Also nickte sie schließlich und ließ sich auf ein Knie herab, damit Mitaki auf ihren Rücken klettern konnte.

Kaum saß sie, rief sie: „Hüaaa! Pferdchen Hüaaa!“

Littel Star setzte erschrocken los und fragte sich, ob sie sich wirklich einer Verrückten anschließen sollte.

Sie jagten durch die Nacht. Der Schnee stob vor Littel Stars Hufen auf und wirbelte um ihre weißen Knöchel. Mitaki trieb sie immer schneller an, obwohl jedem anderen auf ihrem Rücken bei dieser atemberaubenden Geschwindigkeit sicher schon die Sinne geschwunden wären. Die Bäume zogen an ihnen vorbei wie seelenlose Geschöpfe, und Littel Star konnte nur bruchstückhaft ihre Lieder hören.

Es rauschte und summte in ihren Ohren von dem schnellen Lauf und sie bemerkte, wie der Rausch des Laufens immer mehr Besitz von ihr ergriff. Bald hatte sie das Gefühl, ihre Beine würden kaum noch den Boden berühren und der Boden unter ihren Füßen bestünde nur aus weißen Nebelschwaden. Der Mond folgte ihrem raschen Lauf und rührte sich dennoch nicht vom Fleck. Hell wie eine führende Laterne beschien er ihren Weg, der mitten durch den Fichtenwald führte. Littel Star sog die eiskalte Winterluft ein, bis sie ihr in die Lungen schnitt. Aber selbst dann ließ Mitaki nicht zu, daß sie langsamer wurde. Littel Stars Mähne begann zu fließen wie Wasser, das einen Wasserfall hinunterstürzte und erst jetzt begriff sie, was es bedeutete ein Einhorn zu sein. Sie spürte die Kraft ihres unsterblichen Körpers, die Magie, die ihrem spitzen Horn inne wohnte und spürte, wie sie immer mehr Kraft gewann je schneller sie lief. Die Erschöpfung, auf die sie wartete, blieb aus. Stattdessen konnte sie sich bald kaum mehr vorstellen jemals still zu stehen. Sie streckte sich bei jedem Galoppsprung, als spränge sie direkt in einen Abgrund.

Zur Mitte der Nacht erreichten sie ihr Ziel. Es war eine himmelstrebende Eiswand, die einen Berghang zierte. Sie war so glatt, als wäre sie von Geisterhand geschaffen worden und das Firmament spiegelte sich darin wie ein zweites unendliches Universum. Sie hatten davor angehalten und Littel Star betrachtete mit stillem Erstaunen ihr eigenes Spiegelbild. Es war gestochen scharf als stünde dort noch ein zweites Einhorn auf dem Felsvorsprung. Mitaki rutschte von ihrem Rücken und ließ dem Einhorn Zeit sich eingehend zu betrachten. Es trabte auf und ab, warf den Kopf und beobachtete dabei die Präzision seiner Bewegungen und die stolze Haltung seines schmalen Pferdekopfes mit dem gewundenen Horn darauf.

„Bin das wirklich ich?“ sagte es schließlich. „Ich habe mich noch nie gesehen. Ich habe überhaupt noch nie ein Wesen meiner Art gesehen.“

„Ja, das bist du. Du bist wunderschön“, sagte Mitaki, die ebenfalls in Littel Stars Betrachtung versunken war. „Und auch ich habe noch nie ein Wesen wie dich gesehen. Alle Erzählungen, alle Gedichte, alle Lieder und Gemälde werden deiner nicht gerecht.“

„Ein Einhorn bin ich, ein Einhorn!“ flüsterte Littel Star und wandte ihren Kopf vor dem Spiegeleis von einer Seite auf die andere. Aber auf einmal begann das Bild vor ihr zu verschwimmen und andere Farben ordneten sich. Neue Bilder entstanden, die aus dem tiefsten ihrer Seele heraufstiegen und ihre Erinnerungen waren. Längst vergangene Erinnerungen an Tage, die sie nicht in diesem Leben erlebt hatte. Sie sah sich, als kleines Menschenmädchen auf dem Schoß ihrer Mutter. Sie sah sich in der Burg des Südens, wie sie ihre Zofen und Dienstmägde umherscheuchte. Schließlich sah sie sich und den Tag, an dem sie das erste Mal dem Ritter begegnet war. Sie stand wieder unter der Linde im Wald, sie ging durch das hohe Gras in Elsday und sie saß zwischen den Heidelbeeren, während sie den Ritter betrachtete. Sie ritt auf Inschalah in die Berge und dann lag sie sterbend in Kiansikas Armen. Sie stieß ein erschrockenes Wiehern aus und bäumte sich entsetzt auf, sodaß Mitaki erschrocken Abstand nahm. Aber die Bilder hatten geendet und zurück blieb nur Littel Stars weißes, schimmerndes Spiegelbild, das reglos stand wie ein überirdisches Gemälde aus einer anderen Welt.

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Erstellt: 28.04.2005, zuletzt aktualisiert: 24.02.2015 10:18, 102