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Wächter des Tages von Sergej Lukianenko

Rezension von Christoph Mann

 

„Edgar nickte. Er zuckte mit den Schultern und sagte: ‚Darauf kann er ohnehin verzichten.’“ – das waren die letzten Buchstaben von Wächter des Tages. Zum Heulen. Alle Bemühungen, dieses schmerzvolle Ende hinauszuzögern blieben fruchtlos, die Seiten wollten einfach nicht die Hand verlassen und die Nächte zogen sich hin, da das Buch unwillkürlich wichtiger als der Schlaf war. Und viel schneller als gedacht war es vorbei, wieder einmal. Die Anderen und Wächter verabschieden sich aus meiner Welt. Nun kann man nur warten, bis die Übersetzungsmaschinerie von Heyne weiterarbeitet. Großen Dank an Christiane Pöhlmann für ihre Arbeit. Immer noch nicht perfekt, aber weitaus besser als bei „Wächter des Tages“, an vielen Stellen spürt man die harte Arbeit, welche die russische Sprache bereitet und freut sich über manche innovative Idee.

Nun also warten, bis zum „Wächter des Zwiellichts“. Bitte Frau Pöhlmann, bitte, legen Sie sich ins Zeug, arbeiten Sie die Nächte durch, wir warten. Auf eine neue Ausgabe des Duells Liebe gegen Freiheit. In „Wächter des Tages“ ging Lukianenkos mystisch erwachtes Spiel zweier Urkräfte der Menschheit in die zweite Runde. Der Leser wechselte die Perspektive und schaute über die Schultern der Dunklen. Die konsequente Durchführung des Gegensatzes opferte Lukianenko weise einer anderen Kraft, die seinen Romanen erst ihre Faszination verleiht: Die literarische Spannung. Der ewige Kampf kreist sich wieder einmal um das Ende, von verschiedenen Seiten naht man sich einem Großereignis – wird es stattfinden? Und vor allem: was überhaupt? Kleine Ereignisse, wie der Aufenthalt der Hexe Alissa im Ferienlager, wo die Dunkle von der Liebe überwältigt wird, der Aufenthalt des Letten Edgars in Moskau, das Auftauchen eines unglaublich mächtigen Dunklen, der sein Gedächtnis verloren hat. Alles kleine Teile des Puzzles, das die Chefs der Wachen – Sebulon und Geser – bauen, ein Spiel mit der Zukunft, der Macht und der Menschheit, in dem die Angestellten der Wachen, die Magier, Hexen, Tiermenschen und so weiter nur Schachfiguren sind. Wieder einmal verdichtet sich in Edgar und in Anton die Loyalität zur Wache und das beunruhigende Wissen um die eigenen Ersetzbarkeit, und der Leser fiebert mit, wie sich alles auflösen wird, man spekuliert mit Anton und mit Edgar, was die Chefs planen. Diesmal kreist Lukianenko das Zentrum seiner Geschichte über mehrere Schnitte und Personen ein. Kurzer Vorausblick: Ihr werdet es nicht erahnen, wie immer, Lukianenkos Phantasie räkelt sich an der Realität, um sie dann überraschend zu verzerren, die Trennung zwischen Wirklichkeit und Phantasie verläuft schwabrig schlägt aber doch immer rasant auf das Irreale über.

Wie sehr die Urkräfte, die er in den Wachen, den Anderen und dem Zwielicht zum literarischen Leben erweckt, in der menschlichen Realität verhaftet sind, dürfte wohl kaum jemand besser wissen als der Psychiater Lukianenko. Immer wieder zitiert er Lieder russischer Bands und Sänger, lässt die Wächter ironisch grübeln, ob die Musiker nicht auch Andere waren, ordnet sie in sein philosophisches Raster der Anderen ein, manche Lieder sind Licht, andere sind Dunkel. Das Faszinierende an Lunkianenkos Geschichten ist diese beispiellose Verbindung von extremer Spannung im Stile Hohlbeins und einem literarischen Tiefgang, der in diesem Genre so selten wie die Nadel im Heuhaufen ist. Ist die Liebe oder ist die Freiheit gut? Deutscher Idealismus oder angelsächsischer Utilitarismus? Was ist gut für die Menschen, wie sollte man leben und leben lassen? Diese beiden Pole werden ausgearbeitet, gedanklich wieder und wieder durchgeknödelt, sie führen zu Taten und Gegentaten. Die Zukunft ist interpretierbar, sie verläuft in Strukturen ohne aber durch die Statistik verherbestimmt zu sein, weise Interpreten wie die großen Magier der Wachen können aus ihr genügend herauslesen, um ihre Schritte weit vorauszuplanen. Hier blinzelt der Wissenschaftler Lukianenko heraus, der mit dieser Idee von Statistik sich an Asimov orientiert und gleichzeitig immergrüne wissenschaftliche Diskussionen streift.

Ach ja, ich möchte nicht zu viel schreiben und das Philosophieren jedem selbst überlassen, der die „Wächter“- Reihe liest und komme daher zum Ende. Lukianenko macht süchtig, und mit dem zweiten Band verdichtet sich seine Welt der Anderen, der Wachen, der Inquisition und des Zwielichts. Je mehr man liest, umso tiefer taucht man in diese mystische-reale Welt hinab. Bitte, mehr davon, ich weiß, dass Lukianenko in Russland noch unzählige Bücher mehr veröffentlicht hat, bitte Hyne, übersetzt sie alle! Lukianenko ist der neue Höhepunkt der Gegenwarts-Fantasy, besser hat bisher noch niemand magische Welten in die reale Gegenwart übersetzt und dabei Spannung und tiefe Literatur vereint.

 

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Wächter des Tages

Autor: Sergej Lukianenko

Broschiert - 550 Seiten - Heyne

Erscheinungsdatum: März 2006

ISBN: 3453532007

Erhältlich bei: Amazon

 

Weitere Infos:


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Erstellt: 12.05.2006, zuletzt aktualisiert: 10.01.2020 09:40