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Wahn von Stephen King

Rezension von Tanja Thome

 

Rezension

Seit Februar 2008 ist Stephen Kings neuer Roman Duma Key unter dem deutschsprachigen Titel „Wahn“ erschienen. Der Roman in gebundener Ausgabe umfasst unglaubliche 892 Seiten und ist bei Heyne veröffentlicht worden.

 

Edgar Freemantle führt ein glückliches und zufriedenes Leben. Seit knapp fündundzwanzig Jahren ist er verheiratet, hat zwei flügge gewordene Töchter und führt erfolgreich eine Firma. Eines Tages jedoch endet das scheinbar vollkommene Glück, nachdem Edgar einen Unfall hat, bei dem er einen Arm verliert und ein schweres Schädel-Hirn-Trauma erleidet. Viele Monate im Krankenhaus und in der Rehabilitation sorgen dafür, dass Edgar wieder „normal“ leben kann – sieht man einmal davon ab, dass sein Arm verloren ist, er Probleme hat zu laufen und ihm das ein oder andere Wort manchmal nicht einfallen will oder er es mit einem anderen verwechselt. Doch diese Monate haben ihre Spuren hinterlassen und Edgars Frau verlässt ihn, nicht zuletzt, weil Edgar während seiner Rekonvaleszenz einige Male ausgesprochen aggressiv geworden ist.

Edgar will sterben, doch sein Therapeut rät ihm auf sehr pragmatische Art und Weise davon ab und empfiehlt Edgar, stattdessen eine Auszeit zu nehmen. Mindestens ein Jahr lang soll er an einem ganz neuen Ort verbringen, in erster Linie nur mit sich selbst beschäftigt, vielleicht alte Hobbys wieder entdeckend. Edgar folgt diesem Rat und mietet für ein Jahr ein Haus in Duma Key in Florida. Er erinnert sich daran, dass er einmal gern gemalt hat und dieses Interesse will er versuchsweise neu aufleben lassen.

In Duma Key setzt dann eine Entwicklung ein, mit der Edgar nicht gerechnet hat: Er malt unglaublich gute Bilder. Seine Werke sind so gut, dass er nach recht kurzer Zeit sogar das Angebot bekommt, vor Ort auszustellen. Edgars Begeisterung hält sich in Grenzen, denn er weiß, dass irgendwas mit seiner neuen Fähigkeit nicht stimmt. Es sind nicht nur die Bilder selbst, an denen er zweifelt, sondern vielmehr an deren Entstehungsprozess. Wie im Wahn malt er zeitweise und entdeckt sein eigenes Schaffen erst bewusst am nächsten Tag, und ganz erschreckend für Edgar ist die Tatsache, dass er Visionen malt, deren Eintreffen er dann selbst miterlebt.

Duma Key hat etwas Magisches, und Edgar Freemantle wird immer mehr ein Teil davon.

 

Kings Markenzeichen ist es vor allem, dass Alltägliches magisch, zauberhaft und auch erschreckend werden kann. Seine Charaktere sind immer sehr plastisch, sehr stark und ausgebildet, und da macht auch Edgar Freemantle in „Wahn“ keine Ausnahme. „Wahn“ ist jedoch ganz anders als beispielsweise Kings letztes Buch „Love“. Plätscherte die Handlung dort gemächlich und stellenweise durchaus langweilig und schlicht Seiten füllend vor sich hin, bis sich zum Ende hin ein gewisser Höhepunkt aufbaute, so ist „Wahn“ von Anfang an spannend. Das Erstaunliche dabei ist jedoch, dass sehr lange auch im neuen Roman nicht wirklich etwas passiert, was man der Phantastik jedweder Form zuordnen würde. Plätschern auf hohem Niveau, könnte man sagen, doch nach einiger Zeit stellt sich heraus, dass bei diesem Wälzer keine Seite überflüssig ist. Anders als in „Love“ zeigt „Wahn“ beständige Struktur, immer wieder werden selbst kleinere Handlungsstränge im weiteren Verlauf noch einmal wichtig, die Atmosphäre ist durchgängig dicht und ein sehr subtiler Gruseleffekt schon nach kurzem stets gegeben.

 

Besonders wertvoll wird „Wahn“ durch Edgars Wortfindungsstörungen, seine teils synästhetisch anmutenden Gedankengänge und die Alzheimer-Erkrankung der Nachbarin und Besitzerin von Duma Key. King ist es in dieser Hinsicht unglaublich gut gelungen, ein realistisches Bild der Personen zu zeichnen, ihr Denken und Reden authentisch wiederzugeben und bei all dem den Ernst zu bewahren. All diese Unzulänglichkeiten der Figuren machen sie nicht liebenswerter und die Handlung nicht komisch, sondern alles zusammen schlicht realistisch – und dadurch eben auch wieder spannend.

 

Fazit:

„Wahn“ ist ein herausragendes Buch, in das man schnell abtaucht und nach dessen Lektüre man kaum zu glauben vermag, dass man knapp neunhundert Seiten lang derselben Geschichte gefolgt ist und einem nicht eine einzige Länge ins Auge gesprungen ist. Ein wahres Highlight in der Bücherwelt, das absolut uneingeschränkt zu empfehlen ist.

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Eure Meinung:

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Buch:

Wahn

Autor: Stephen King

Original: Duma Key

gebundene Ausgabe, 892 Seiten

Heyne, Februar 2008

 

ISBN-10: 3453265858

ISBN-13: 978-3453265851

 

Erhältlich bei Amazon

weitere Infos:


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Erstellt: 19.04.2008, zuletzt aktualisiert: 09.11.2018 15:20