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Wanted

Rezension von Christian Endres

 

Wanted ist böse. Wanted ist brutal. Wanted ist schonungslos. Wanted ist die Geschichte des Verlierer-Typen Wesley Gibson – und gleichzeitig auch eine Geschichte über Superkräfte, Kostüme, Sex, Geld, Macht und Gewalt, letztlich aber auch über die Härte des Lebens und den Versuch eines jungen Mannes, das ungerecht verteilte Machtverhältnis hinter dieser Härte um jeden Preis zu seinen Gunsten zu verändern, indem er die einzige Chance, die er in diesem Leben geboten bekommt, annimmt ...

 

Wesley Gibson ist sogar für den Durchschnitt der breiten Masse ein fast schon erschreckend bemitleidenswerter Loser, dem das Leben jeden Tag – etwa dann, wenn ihn seine Freundin wieder einmal mit seinem besten Freund betrügt oder ihn seine Chefin wieder einmal grundlos fertig macht – von Neuem ins Gesicht spuckt und skrupellos zwischen die Beine tritt. Die Chancen, aus eigener Kraft aus diesem Joch heraus zu kommen, erscheinen Wesley mit jedem Tag, der in seinem trostlosen Leben vergeht und den nächsten ohne nennenswerte Ereignisse ablöst, immer geringer, und irgendwie hat er sich sogar schon damit abgefunden ...

 

Umso überraschender ist es für ihn, als sich sein Leben mit einem Mal quasi über Nacht (oder viel mehr, über die nächste Mittagspause) ändert, als Wesley nämlich von der ebenso schönen wie gefährlichen Superschurkin Fox (deren Ähnlichkeit mit der zuckersüßen US-Schauspielerin Halle Berry sicher nicht ganz zufällig ist; in dieser Hinsicht möchte ich auch noch einmal den Begriff Halle Berry-esque einbringen) aus seinem Leben gerissen und kurz darauf von dem gleichfalls kriminellen Professor Solomon Seltzer darüber in Kenntnis gesetzt wird, dass er, der Unterklassespieler Wesley Gibson, der Erbe des größten Superkillers ist, den die Welt jemals gesehen hat; eines Superkillers, der vor kurzem ermordet wurde, und dessen Platz in der Liga der Superschurken damit frei geworden ist. Dieses millionenschwere Erbe, so erklärt Seltzer Wesley weiter, kann er aber nur dann antreten, wenn er sich einige Zeit in der Organisation der Superschurken, die diese Welt ohne einen einzigen Superhelden regiert, bewährt – und überlebt ...

 

„Leck mich!“ ist nicht nur die erste Lektion für Wesley Gibson in seinem neuen, aufregenden Leben, sondern bald auch die Maxime, die den Laden gewissermaßen am Laufen hält und Wesley in der Liga der Superschurken nach und nach aufsteigen lässt. Nach einer harten Testphase, in dem ihm alle moralischen Skrupel genommen wurden, bekommt er endlich das Kostüm seines verstorbenen alten Herrn und wird in die Organisation aufgenommen, die dank Bestechung, Einschüchterung und einem Übergewicht an Macht im Endeffekt rund um den Globus frei schalten und walten kann, wie es ihr behagt, ohne dabei irgendeine wie auch immer geartete Konsequenz fürchten zu müssen. Bei seiner Einweihung erfährt Wesley schließlich allerhand Ehrerbietung und Freundlichkeiten, lernt aber auch den Erzfeind und mutmaßlichen Mörder seines Vaters kennen, mit dem ihm sofort Antipathie und Hass verbinden. Jetzt verrät man Wesley außerdem endlich, was 1986 mit allen Superhelden der Welt passierte und weshalb sich heutzutage niemand mehr an sie erinnert – außer in der Fiktion von Comics und deren Machern, die sich nunmal nach solchen Helden sehnen, die sie retten ...

 

Was danach folgt, kennt man auch aus allen möglichen Gangster-Filmen, von Klassikern wie Scarface und dem Paten bis hin zu neuzeitlichen Genrevertretern: Mächtige Anführer, skrupellose Handlanger, geheime Treffen, interne Rivalitäten, blutige Bandenkriege ... der Unterschied zu den alten Klassikern, in denen die Schurken schon damals in gewisser Weise die sympathischen Helden waren, ist nur, dass in Wanted alles um Längen gemeiner und brutaler ist – und dass unser Freund Wesley in mitten dieses Sumpfes aus Gewalt, Tod und Verrat steckt und plötzlich die weniger angenehmen Seiten seines neuen Lebens kennen lernt. Doch auch hier hat er mittlerweile Freunde gewonnen – allen voran Fox, die den Sohn ihres einstigen Geliebten unter ihre hübschen Fittiche genommen hat.

 

Die verbrecherische Organisation, die das Leben der ahnungslosen Menschheit aus dem Verborgenen lenkt und dabei auch vor den verschiedenen Dimensionen und Realitäten des Multiversums nicht Halt macht, hat ihr Gewicht auf den Schultern von fünf Organen auf allen Kontinenten verteilt. Trotz dieses Erfolgs und dieser Dominanz des Bösen auf der Welt gibt es von Einigkeit und Zufriedenheit keine Spur, und beim jährlichen Treffen der Anführer der Verbindung kommt es sogar zum Streit. Eine Partei – Australien und Europa – will, im Gegensatz zu den anderen – Amerika, Asien und Afrika –, an die Öffentlichkeit treten und der Welt zeigen, wer sie im Würgegriff des Schreckens hat und für all den Chaos und all die Verbrechen verantwortlich ist; diese Parteien wollen der Welt ihre Macht spüren und sie erzittern lassen. Die folgende Abstimmung unter den zerstrittenen Pareteien der kriminellen Verbindung scheitert trotz voriger Absprache unter den Querulanten – und zwingt die Vertreter Australiens und Europas letztlich zum Handeln ...

 

Die Verräter haben sich entschieden. Sie wollen nicht länger im Geheimen die Geschicke der Welt lenken, sondern ungebändigtes Chaos in selbige hinaustragen, gefürchtet werden und den braven Bürgern Albträume bereiten. Die Zeit der Heimlichkeit ist vorüber – es sei denn, Wesley und Fox können den Verrat an der Verbindung aufzuhalten, die Korrupten unter den Korrupten zurückzuschlagen und damit den Professor und alle anderen Mitglieder des amerikanischen Teils der Verbindung, die Opfer dieses Verrats geworden sind, rächen ...

 

Der Tag der Abrechnung beinhaltet dann aber deutlich weniger Hochgefühle, als Wesley sich es zuvor ausgemalt hat, denn jemand steht unerwartet von den Toten auf, nur um sich von Wesley noch vor dem nächsten Sonnenaufgang wieder ins Jenseits befördern zu lassen, damit die Prüfung, die diesen auf sein Erbe vorbereiten sollte, abgeschlossen werden und er sein schweres, großes Erbe endlich auch antreten kann ...

 

Die Aufmachung von Infinity ist gelungen und technisch in Ordnung, wenngleich man wieder einmal mit Redaktionsseiten und Infos zu den Machern gespart hat. Immerhin hat man dem Leser am Ende aber eine Covergallery der sechs US-Hefte spendiert, und da diese sich durchaus sehen lassen können, bietet dies dann doch Grund zur Freude. Alternativ zur Infinity-Ausgabe stünde da aber auch noch ein sehr schönes, jedoch auch deutlich teureres Hardcover in englischer Sprache bereit, das zudem noch das vor der Reihe erschienene Dossier enthält, welches eine schöne, wenn auch eher kurzweilige Einstimmung zur sechsteiligen Serie, die dieser Sammelband enthält, bietet.

 

Fazit: Sicher, man muss Millar und seinen Stil mögen, und ich für meinen Teil tue das ehrlich gesagt nicht immer – doch Wanted ist, Millar hin, Millar her, ein bitterböser, manchmal ziemlich zynischer und sogar recht frecher Leckerbissen, der temporeich erzählt und mit viel (nicht immer ganz sinnvoller oder unbedingt notwendiger, aber irgendwie doch passender) Brutalität angereichert ist, und gegen den mir andere Serien mit härterer Gangart wie beispielsweise Lobo oder der Punisher wie weichgespülte Popmusik von Britney Spears vorkommen. Vielleicht bin ich gerade ein wenig euphorisiert, doch ist Millar, der in diesem Band gewohnt schonungslos mit dem Leser umgeht und bei Zeiten sogar ein klein wenig über das Ziel hinaus schießt, kein gutes Haar an den gängigen Superhelden(-teams) sowie den gängigen Helden-Klischees lässt und vor versteckten Anspielungen auf die Comicindustrie nur so sprüht, in Wanted ein zurecht gefeierter Gott des grafischen Erzählens, der eine Geschichte erzählt, die trotz ihrer Überdrehtheit und fragwürdigen Ethik vielleicht sogar realistischer und moralischer ist als viele andere Geschichten über strahlende, am Ende stets siegreiche Helden. Das Artwork von J. G. Jones, das zwar sehr dynamisch, letztlich aber relativ geradlinig ist, trägt seinen Teil dazu bei, dieser überzogenen Geschichte aus Millars Feder trotzdem noch einen Hauch von bodenständigem Realismus einzuhauchen, da er nicht gar so cartoonmäßig zeichnet wie einige seiner Kollegen. Und muss ich an dieser Stelle überhaupt noch erwähnen, dass seine Halle Berry-esque Fox wirklich atemberaubend lecker aussieht? Wie auch immer ...

 

Alleine die Pointe am Schluss, mit der Millar alle aufgesetzte Sonnenschein-Moral und alle fadenscheinigen Happy Ends dieser Welt aufs Korn nimmt und regelrecht düpiert, katapultiert Wanted trotz stellenweise übertriebener Härte und nicht immer ganz jugendfreier Sprache an die Spitze der bisherigen Stories aus dem Jahr 2005.

 

Eure Meinung:


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Comic:

Wanted

Autor: Mark Millar

Zeichner: J. G. Jones

Verlag: Infinity

Format: Softcover

Sprache: Deutsch

ISBN-Code: 3938192135

Anzahl Seiten: 150

Erhältlich bei Amazon

weitere Infos:


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Erstellt: 03.10.2005, zuletzt aktualisiert: 20.04.2019 08:40