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Leseprobe: Warèn

Warèn

Warèn

Autor: Ulrike Jonack

Verlag:

Erscheinungsdatum: 2002

Broschiert - 306 Seiten

ISBN: 3-935982-21-6

Erhältlich bei:

 

Disclaimer:

Freigabe zur Weiterveröffentlichung der Leseprobe besteht, soweit vom Autor nicht anders angegeben nur für "FantasyGuide.de". Für alle weiteren Veröffentlichungen ist die schriftliche Zusage des Autors erforderlich.

 

 

Leseprobe:

 

[i]Was bisher geschah:

Irgend etwas war seltsam an jenem Morgen. Ka Sona meinte, ein Raunen aus der Sphäre der Wahren Herrscher zu spüren. Vielleicht waren diese nichtstofflichen Wesen, deren Existenz mit den Geschicken der Stadt so eng verwoben war, tatsächlich beunruhigt. Dann würden sie es dem Ka mitteilen, es ihm in seine Gedanken flüstern, dessen war sich Regierungsoberhaupt Sona sicher. Doch es war ein Kara, ein Bewohner der Stadt, der die ungeheuerliche Nachricht im Ratskreis der Jin’Ka verkündete: Der Tempelschüler Gwann berichtet von einem sich bewegenden Stern. Was für einige der Jin’Ka kaum mehr als ein bizarres Rätsel ist, stürzt Jin’Ka Lantrt in ein ziemliches Dilemma. Denn eigentlich will er dafür sorgen, dass die Siedler die ausgedörrte Ebene verlassen und in die Sicherheit der Stadt kommen dürfen. So kämen sie auch endlich aus dem Einflussbereich der Geister heraus – nichtstoffliche Wesen, die den Wahren Herrschern der Stadt erbitterte Feinde sind. Doch um das alte Verbannungsgesetz aufheben zu können, muss Lantrt dafür in der Stadt noch ein paar Bedingungen ändern… [/i]

 

 

Ojinaa fuhr zusammen, als die Tür schlug. Ein dicker Tintenklecks lief über die Zeichnung. Verärgert zerknüllte sie das Papier und warf es in den dafür vorgesehenen Schacht. Sie hörte, wie jemand aus dem Vorraum ins Zimmer trat, und drehte sich zu Lantrt um.

„Du bist heute früher als gewohnt zurück“, stellte Ojinaa fest.

Lantrt nickte knapp, küßte das Mädchen flüchtig und ließ sich in den Sessel am Fenster fallen. „Einer der Tempelschüler hat heute nacht den Stern gesehen.“

Erschrocken riß Ojinaa die Augen auf. „Dann ist es wahr?“

„Ja. Ich hatte gehofft, daß die Jäger einer gemeinsamen Halluzination erlegen gewesen waren. Ich hätte wissen müssen, daß die Geister nicht die Phantasie haben, solche Dinge zu vermitteln.“

„Was wird nun?“ Das Mädchen kniete sich neben den Mann und sah zu ihm auf.

„Ich weiß nicht“, antwortete Lantrt resignierend. „Waa'An'Tona wird sich freuen. Meine Worte werden es ihm leichter machen, dem Kamo einzureden, daß alle Jin Lügner sind. – Ich verstehe es nicht!“ Lantrt sprang auf und begann, im Zimmer auf und ab zu laufen. „Die Wahren Herrscher müssen den Stern bereits in der gestrigen Nacht bemerkt haben! Warum haben sie keinen der Jin'Ka informiert? Dann hätte ich dem Boten eine Erklärung geben können!“

„Was für eine Erklärung?“

„Daß der Wandernde Stern ein natürliches Phänomen ist.“

„Ist er das?“ fragte Ojinaa erstaunt. „Ein Stern, der sich bewegt, widerspricht der Großen Ordnung!“

„Den Aufzeichnungen der Großen Ordnung!“ korrigierte Lantrt heftig. „Und diese Aufzeichnungen müssen nicht vollständig sein!“

Ojinaa sah ihn zweifelnd an.

„Versuch dir einfach vorzustellen“, bat Lantrt, „daß dieser Stern eine nicht so große Sonne ist wie all die anderen Sterne. Und daß er deshalb, um von uns gesehen zu werden, sehr nah sein muß. So nah, daß man die Bewegung, die andere Gestirne in Tausenden Jahren vollführen, in nur einer Nacht beobachten kann.“

Ojinaa ließ sich den Gedanken durch den Kopf gehen. „Der Stern müßte sehr, sehr klein und sehr, sehr nah sein“, meinte sie. „Oder er müßte sich sehr, sehr schnell bewegen. Ich kann mir nichts vorstellen, was diesen Anforderungen genügt. Ein brennender Gasball, ein wirklicher Stern also, kann es auf keinen Fall sein. Er wäre zu klein, schon längst ausgebrannt.“

„Vielleicht brennt er auch in den nächsten Stunden schon aus. Aber das ist nicht das Problem, Oji!“ Lantrt blieb vor dem Mädchen stehen, hockte sich hin, um ihr in die Augen zu sehen. „Das Problem liegt darin, daß Romo Waa'An'Tona den Stern als Zeichen interpretiert, welches die Siedler aufruft, jetzt die Stadt zu stürmen.“

„Aber dann werden wir alle sterben!“ rief Ojinaa tonlos aus. „Auch die Siedler!“

„Das wissen wir beide und ein paar kluge Leute der Stadt. Aber die Siedler verstehen es nicht. Sie wollen es nicht verstehen! Sie wollen überleben!“

Lantrt erhob sich und nahm seine Wanderung wieder auf. „Der Bote, der gestern bei mir war, berichtete, daß die Siedler ihr Vertrauen in den Kamo verlieren. Und ich kann es ihnen nicht einmal verübeln. Jamnoi'Raa macht seine Entscheidung davon abhängig, was ich erreiche, und ich erreiche nichts. Überhaupt nichts! Ka Sona hat nicht einmal zugehört, als ich von der Erweiterung der Gärten sprach! Und durch diesen verfluchten Stern wird der Ratskreis noch mehr davon abgelenkt! Wenn erst die Ferni-Ernte begonnen hat, bleiben nicht genug Arbeiter, die die neuen Gärten anlegen könnten. Und Kapak kommt noch mit einer neuen Halle!“

Ojinaa stand auf und reichte Lantrt einen Becher Ferni-Saft. Der Mann schüttelte ablehnend den Kopf.

„Wenn wir jetzt nicht mit den Gärten beginnen, verlieren wir ein ganzes Jahr. Die Siedler können aber kein Jahr mehr warten! Ihre Brunnen haben sich nach den letzten zwei Sommern nicht wieder erholt und die Sammler finden immer weniger Nahrung in den Höhlen!“

„Und wenn du Jamnoi'Raa einfach sagst, der Ratskreis hätte das Verbot aufgehoben?“ schlug Ojinaa schüchtern vor. Lantrt sah sie verblüfft an. „Ich denke“, erklärte sie, „daß die Stadt-Kara so überrascht sein würden, wenn die Siedler plötzlich auftauchen, daß sie nichts gegen sie unternehmen würden.“

Lantrt setzte sich auf den Diwan und legte grübelnd die Stirn in Falten. Nach einer Weile schüttelte er den Kopf. „Nein. Weder unsere Brunnen noch unsere Gärten könnten hundertfünfzig Kara zusätzlich versorgen. Die Stadt hat gerade eine wasserarme Zeit hinter sich. Wenn die unteren Familien schon wieder Sorgen um die tägliche Ernährung haben müßten, gäbe es einen Aufstand. Gegen die Siedler und gegen den Ratskreis, der die Siedler in die Stadt gelassen hat. Und die Siedler würden sich mit der Kraft der Verzweiflung dagegen wehren, wieder in die Ebene verbannt zu werden. Sie würden sich sicher auch gegen die aus ihrer Sicht verlogenen Jin und Jin'Ka wenden. Was das für die Tempelhallen bedeutet, ist leicht zu erkennen. Nein“, schloß er kopfschüttelnd. „Wir brauchen die Gärten.“

Lantrt ließ sich nach hinten fallen und starrte an die Decke. Ojinaa beugte sich über ihn und zeichnete mit dem Finger sein Profil nach. Sie begann, die vielen Bänder seiner Robe zu lösen. Nach einer Weile, als Ojinaas Versuch, ihn abzulenken, endlich bis in Lantrts Bewußtsein vorgedrungen war, lächelte er und zog das Mädchen zu sich herab. Er ließ sich von ihrer Ungeduld anstecken. Flüchtig dachte er noch, daß es gegen eine der wichtigsten Regel des Codex Waréns, die Besonnenheit, verstieß, was sie hier im Begriff waren zu tun. Dann verletzte er auch noch die Hauptregel und kümmerte sich nicht mehr um sein Denken, sondern ließ sich ganz in die aufbrandenden Gefühle fallen.

Später, viel später, als Ojinaa entspannt neben ihm schlief, kehrte der Gedanke zurück. Obwohl es ihn nie interessiert hatte, fragte er sich, wie andere Paare damit umgingen: Offiziell verlangte der Codex, Gefühle stets daraufhin zu prüfen, ob sie der Logik stand hielten oder ob sie vielleicht von den Wahren Herrschern erzeugt sein könnten, um Einfluß zu nehmen. Eigentlich hätte nach dem Großen Frieden diese Regel abgeschafft werden müssen, denn die Herrscher hatten geschworen, Kara nie wieder gegen ihren Willen zu lenken. Dennoch saß der Gedanke, daß das einst geschehen war und jederzeit wieder geschehen könnte, so tief und unbehaglich in den Kara, daß sie diese Forderung beibehalten hatten. Als oberste Regel. Generationen lang.

Versonnen strich Lantrt eine Haarsträhne aus Ojis schlafendem Gesicht. Das Mädchen war Tempelschülerin gewesen, strebte nun den Meisterrang an. Sie hätte den Codex besonders sorgfältig beachten müssen und doch begann meist sie das Liebesspiel. Auch sonst agierte und reagierte sie emotionaler, als sie zuzugeben bereit sein dürfte. Einmal, ganz am Anfang ihrer Beziehung, hatte er im Scherz etwas derartiges angedeutet und sie fast verletzt damit. Sie hatte geglaubt, er würde ihr die Fähigkeit absprechen, anders handeln zu können. Nur weil sie damals noch diesen tief verankerten Glauben an die Überlegenheit der Jin‘Ka hatte, hatte sie es als berechtigten Hinweis auf ihre unvollkommene Ausbildung aufgefaßt. Es hatte Monate gedauert, ehe Lantrt ihr das ausreden konnte.

Die Siedler mochten es leichter haben, dachte Lantrt und schalt sich gleich darauf für diesen Gedanken. Die Kara, die in die Ebene verbannt worden waren, hatten zwar den Codex Waréns für sich entkräftet und sich so einer Last entledigt. Doch sie hatten sich damit zugleich zum Spielball der Geister gemacht, die – anders als die Wahren Herrscher der Stadt – nie wirklich die Anwesenheit stofflichen Lebens auf Warén zu akzeptieren bereit waren. Die Geister benutzten die Siedler. Und diese ließen sich benutzen.

Aber die Kara der Stadt waren um nichts besser. Sie schworen zwar auf Logik und Verstand, doch wenn sich eine Empfindung nicht logisch erklären ließ, schoben sie es sofort auf die Herrscher und entledigten sich damit der Frage nach der Berechtigung der daraus resultierenden Entscheidung. Und wenn die Wahren Herrscher tatsächlich einen Befehl gaben, gehorchten sie, auch wenn es sich um abstruseste Dinge handelte. Zum Beispiel den Bau dieser neuen Altarhalle!

Lantrt verschränkte die Arme hinter dem Kopf und verlor sich in Spekulationen über den Zweck der Vierten Halle. Seiner Meinung nach existierten mehr als genügend Altare, um einen ausreichenden Kontakt zwischen Herrschern und Kara zu gewährleisten.

Doch möglicherweise hatte Kapak den Auftrag gar nicht vom Ratskreis der Herrscher erhalten. Dieser hätte sich wahrscheinlich direkt an den Ka gewandt. Verschwörer im Volk der Wahren Herrscher? Wenn, dann wären es recht ungeschickte Verschwörer. Ihnen mußte klar sein, daß Jin Kapak gar nicht die Macht hatte, den Bau einer neuen Halle zu beschließen, und daß der Ratskreis beim Herrscherrat nachfragen … Würde denn jemand fragen? Bis jetzt schien kein Jin'Ka über den seltsamen Weg nachgedacht zu haben, auf dem dieser Auftrag an die Kara erteilt worden war.

Lantrt spürte, wie sich Ojinaa rekelte. Sie blinzelte ihn an. „Lantrt?“

Der Mann schmunzelte. „Natürlich. Gibt es denn noch eine Möglichkeit, neben wem du aufwachst?“

Das Mädchen schüttelte gähnend den Kopf. Sie streckte sich genüßlich. Lantrt stand auf und begann sich anzuziehen. Ojinaa drehte sich so, daß sie ihn beobachten konnte.

„Mußt du schon wieder gehen?“ fragte sie.

Lantrt nickte und tappte barfüßig und in Unterwäsche zu der Truhe, die unter der Vitrine stand, welche ein Fenster in einen Park imitierte und tagsüber die wichtigste Lichtquelle für das Wohnzimmer darstellte.

„Ich bin mit Toteymon zum Essen verabredet“, erklärte er. „Er ist in den Aufzeichnungen auf Textfragmente gestoßen, die von der Zeit vor der Ankunft berichten.“ Lantrt nahm eine blaue Robe aus der Truhe.

„Vor der Ankunft?“ Ojinaa setzte sich verblüfft auf. Dabei rutschte die Decke von der Liege. Ojinaa hob sie auf und schlang sie sich um den Körper.

„Er vermutet es“, bestätigte Lantrt und schaute amüsiert zu, wie Oji versuchte, das glatte Gewebe über der Brust zu einem Knoten zu schlingen, der sich jedoch immer wieder löste.

„Wo will er diese Texte denn entdeckt haben?“

„Ich weiß es nicht“, antwortete Lantrt und reichte Ojinaa eine Gewandnadel, mit der das Mädchen das Tuch feststecken konnte. „Toteymon will mir die Fragmente nach dem Essen zeigen.“

Sie sah verblüfft auf. „Die Originale? Die darf man doch gar nicht aus der Bibliothek entfernen!“

Lantrt hob die Schultern. „Vielleicht hat er Kopien angefertigt. Ich weiß es wirklich nicht. Ich glaube ehrlich gesagt nicht daran, daß noch Zeugnisse aus der Vorzeit existieren. Daß unsere Vorfahren überhaupt mit mehr als dem nackten Leben nach Warén kamen. Sonst würden wir heute sicher nicht auf den Schutz der Stadt angewiesen sein.“

Der Türgong ließ Lantrt aufblicken. Er sah fragend zu Ojinaa. Sie schüttelte den Kopf. Lantrt ging öffnen. „Jin Kapak!“ begrüßte er erstaunt seinen Gast. „Kommt herein!“

Der Mann betrat das Zimmer. Er begrüßte Ojinaa mit einer flüchtigen Geste und ohne auf ihre sonderbare Aufmachung zu achten. Er wandte sich sofort an den Jin'Ka. „Hoher Rat! Die Herrscher verlangen nach der Neuen Halle. Sie haben bereits Arbeiter zu mir geschickt.“

„Was haben sie?!“

„Sie befahlen einigen Kara, sich bei mir als Arbeiter zu melden. Aber ich habe die Bestätigung des Ratskreises noch nicht.“

„Wartet, Jin Kapak! Habt Ihr die Pläne für die Halle?“

„Ja, Hoher Rat. Seit dem Tag, als ich den Auftrag erhielt, die Halle zu bauen.“

Lantrt atmete tief durch. Irgend etwas sollte da an den Ratskreisen der Herrscher und der Kara vorbei entschieden werden. Das konnte man unmöglich zulassen.

Lantrt drehte sich zu Ojinaa um. „Bitte gib Toteymon Bescheid, daß meine Jin'Ka-Pflichten mich daran hindern, unsere Verabredung wahrzunehmen. Ich gehe mit Jin Kapak in die Große Halle. Es gibt da mit den Herrschern einiges zu klären.“

 

Jin'Ka Reono rieb sich die Magengegend. Er hatte unkonzentriert gegessen. Seine Gedanken kreisten um den Stern, den Gwinas Schüler beobachtet hatte. Für Reono war das ein härterer Schlag, als er zuzugeben bereit war. Weil er in seiner halbherzigen Meditation am heutigen Morgen das Bild eines sich in der Luft bewegenden Körpers vor seinem geistigen Auge gesehen hatte. Er hielt das allerdings für eine Auswirkung des Zechgelages am Abend davor und achtete nicht weiter darauf. Er hätte wahrscheinlich auch nichts weiter auf die Worte dieses grünen Jungen gegeben, wenn der Weg des Sterns nicht so verblüffend genau der Bahn des geträumten Körpers entsprochen hätte. Nun würde ein normaler Priester einfach angenommen haben, daß die Herrscher ihm das Auftauchen des beweglichen Sterns vorhersagen wollten. Jin'Ka Reono allerdings bezweifelte wenn schon nicht die Existenz der Herrscher – so weit zu gehen wagte er sich doch nicht – so doch deren Macht.

Bis heute jedenfalls.

Reono ging unruhig auf und ab. Er fühlte sich in höchstem Maße verunsichert. Seit acht Jahrzehnten bekleidete er das Amt eines Hohen Rates und niemals hatte er ernsthaft angenommen, die Geschicke der Stadt würden durch etwas anderes bestimmt als durch den Ratskreis. Oder besser ausgedrückt: Durch den, der den Ratskreis kontrollierte. Durch ihn selbst also. Oder etwa nicht? Zugegeben, es wurde immer schwerer, die Jin'Ka zu manipulieren. Und diesen Ka Sona zu lenken, war ausgesprochen anstrengend, weil er sein Amt auf eine Weise ernst nahm, die ihn nicht sehr empfänglich für politische Kalkulationen machte. Sona fühlte sich wahrhaftig nur dem Wohl der Kara und den Herrschern verpflichtet.

Reono lachte trocken auf. Diese Marotte des Ka hatte einen großen Vorteil: Er kümmerte sich kaum um das, was wirklich in der Stadt geschah. Reono konnte seine Macht ungebrochen ausspielen. Seine Familie war die wohlhabendste in der Stadt und eigentlich fehlte ihr nur noch die Ka-Würde, um wirklich alles zu besitzen.

Jin'Ka Reono rieb sich die Schläfen. Der alte Zorn wallte in ihm auf. Daß Ka Tinaa sich damals dem Einfluß seines Großvaters entzog und Jin'Ka Oclo als seine Nachfolgerin bestimmte, hatte er noch mit der Entschuldigung akzeptiert, daß Reono damals noch reichlich jung gewesen war und Tinaa dies als willkommenen Vorwand nutzen konnte. Zumal die Wahl Oclos immerhin ein Zugeständnis darstellte, da sie erstens ganz unter dem Einfluß der Familie Reonos stand – was Tinaa klar gewesen sein mußte – und zweitens ihr hohes Alter eine baldige Ernennung eines neuen Ka wahrscheinlich machte.

Jin'Ka Reono hatte sich sehr schnell in die Situation hineingefunden und machte Ka Oclo mehr als einmal deutlich, welche Wahl die Familie von ihr erwartete. Alles schien auch lange Zeit völlig klar, doch offenbar war die Frau in ihren letzten Monaten senil geworden und begann, die Rolle der Wahren Herrscher ernster zu nehmen, als sie sollte. Sie ließ sich doch tatsächlich von den Stimmen der Hallen leiten und benannte als Nachfolger einen Jin der unteren Ebene, dessen Rang kaum höher war als der eines gewöhnlichen Priesters! Der noch dazu aus einer völlig durchschnittlichen, einflußlosen Familie stammte! Der an den Humbug mit den Herrschern glaubte!

Reono atmete tief durch. Es war nicht gut, sich über Vergangenes derart aufzuregen. Zumal es so aussah, als hätte er Ka Sona schließlich doch an einen Punkt gebracht, an dem er an Rücktritt dachte. Sonas Abneigung gegen unnützen Luxus war ihm dabei entgegengekommen, denn so gab es für den Ka keinen Grund, sich an seiner Position festzuklammern. Jetzt galt es nur noch, Ka Sona davon zu überzeugen, daß er, Reono, der richtige Nachfolger für dieses Amt war.

„Reono? Darf ich eintreten?“

Jin'Ka Reono drehte sich um. „Natürlich!“ antwortete er, obwohl ihm im Moment nichts ungelegener kam als ein Besuch von Quilitaia. „Setz dich!“ forderte er sie auf.

Die Frau ließ sich in dem großen Sessel nieder, den sie gewöhnlich bevorzugte. Reono zog sich einen der hochlehnigen Stühle heran. „Was verschafft mir die Ehre deines Besuches?“ fragte er mit Sarkasmus in der Stimme.

„Ich wollte sehen, wie du die Nachricht über den Stern aufgenommen hast.“

„Was erwartest du? Soll ich in Panik verfallen über etwas, was mich kaum berühren dürfte?“ In Reonos Stimme schwang Gereiztheit. „Hast du ernsthaft geglaubt, ich ließe mich durch solche Nichtigkeiten von meinen Plänen abbringen?“

„Ich bitte dich, Liebster!“ Quilitaia lächelte provozierend.

Reono hatte Mühe, sich zu beherrschen. Er haßte es, wenn Quilitaia ihn so ansprach und ihn damit an seine Schwäche erinnerte.

Quilitaia wurde ernst. „Reono! Ich glaube, wir haben da beide ein Problem. Wenn sich die Geschichte mit dem Stern ausweitet, könnte Ka Sona aktiv werden und aus seiner Lethargie aufwachen. Bis jetzt hat er alles mehr oder weniger bewußt in die Hände der Jin'Ka gelegt, letztlich also in die unserer beider Familien. – Widersprich nicht! Du weißt, daß wir nicht ganz so machtlos sind, wie du uns und dir glauben machen willst! – Wenn Sona aber feststellt, daß wir dem Stern genauso ratlos gegenüber stehen wie er selbst, wird er vielleicht in Zukunft weniger blindes Vertrauen in die Jin'Ka setzen und möglicherweise auf den Gedanken kommen, in Zukunft mehr selbst zu kontrollieren. Mal ganz abgesehen davon, daß er vielleicht vergißt, daß er eigentlich keine Lust mehr hatte, Ka zu sein. – Schatz, ich weiß doch, daß du es ihm ständig suggerierst!“ blockte sie Reonos Einwand ab. „Und es liegt doch in unser beider Interesse, daß er es nicht vergißt. Oder etwa nicht?“

Jin'Ka Reono lehnte sich zurück. „Was schlägst du vor?“

„Ich wiederhole mein Angebot.“

„Nein!“ Reono stand auf. „Du weißt, daß ich es nie annehmen werde!“

Quilitaia schüttelte den Kopf. „Und ich werde es nie verstehen. – Wofür all deine Mühe?! Willst du alles, was deine Familie erreicht hat, deinem Bruder überlassen? Toteymon ist ein Idiot, verglichen mit dir, aber er ist jünger und wenn du die Erbfolge nicht sicherst, muß euer Familienrat ihn anerkennen. Soll er wirklich ernten, was du gesät hast? – Gut! Von mir aus! Dann ist es meiner Familie um so leichter, die deine vollständig ins Nichts zu drängen.“

„Nur daß du nichts mehr davon hast!“

„Oh Liebster!“ Ein selbstgefälliges Lächeln überzog das Gesicht der Frau. „Wo bleibt deine Intelligenz? Glaubst du wirklich, ich wäre so dumm, daß ich für diesen Fall nicht Vorsorge getroffen hätte!“

Reono wurde buchstäblich blaß. „Du…“

Quilitaias Lächeln vertiefte sich zu einem überheblichen Grinsen. „Natürlich! Und um ehrlich zu sein: Für mich wäre diese Lösung sogar günstiger. Toteymon ist entschieden einfacher zu lenken als du. – Ob es dir paßt oder nicht: Es werden meine Kinder sein, die das Erbe unserer beiden Familien antreten. Ob es auch deine sind, hängt von deiner Entscheidung ab.“

„Nein!“

Quilitaia stand auf, hob die Schultern: „Dann eben nicht! – Falls du es dir doch noch überlegen willst … solltest du dir nicht allzuviel Zeit lassen. Sonst ist es vielleicht zu spät. – Die Herrscher mögen dich schützen, Jin'Ka Reono!“ Sie verließ die Wohnräume. Kurz darauf schlug draußen die Tür.

Reono ließ sich auf den Stuhl fallen. ,Toteymon!‘ dachte er und spürte eine Art Staunen in sich, das sich in Groll aufzulösen begann. Obwohl er es sich hätte ausrechnen können, hatte er nie wirklich daran gedacht, daß Toteymon ihm gefährlich werden könnte. Quilitaias Ziel, die Macht beider Familien zu vereinigen, war verständlich und hätte auch Reonos Zustimmung, wenn nicht…

Jin'Ka Reono wäre liebend gern auf Quilitaias Heiratspläne eingegangen, doch dummerweise hatte der Familienrat ihm dringend nahegelegt, sich seine Frau nicht nach Schönheit oder Macht zu wählen, sondern nur darauf zu achten, daß sie über ausgeprägte mentale Fähigkeiten verfügte, um die stark nachgelassenen Kräfte in der Familie aufzufrischen.

Quilitaia war genauso wenig psi-begabt wie er selbst.

Aber Toteymon, sein illegaler Halbbruder, hatte diese Veranlagung von seiner Mutter geerbt.

Falls Reono keine Mutter für legale Nachkommen fand, mußte die Familie Toteymon anerkennen. Und dann war es egal, ob Toteymons Partnerin psi-begabt war oder nicht. Wenn er, Reono, Quilitaia heiratete, würde die Familie ebenfalls die Erbfolge auf Toteymon übertragen. Und wenn er dies Quilitaia erklären würde, würde sie Toteymon sofort heiraten und die Situation dadurch noch verschärfen.

Und dann war da noch Lantrt. Wenn Quilitaia sich Toteymon zuliebe auf Lantrts Seite schlug, gewann der möglicherweise an Ansehen, was für Reono, der ja für gewöhnlich den Widerpart zu Lantrt während der Ratssitzungen übernahm, bedeuten würde, daß sein eigener Einfluß auf die Jin'Ka und Ka Sona zurückgehen mußte. Quilitaia würde ihr übriges dazu tun.

Reono atmete tief durch und wünschte sich, Quilitaia nie begegnet zu sein.

 

 

Während sich auf Warén durch das Auftauchen des Wandernden Sterns die Probleme unaufhaltsam zuzuspitzen beginnen, ist man im Raumschiff Parzival noch ganz im Alltag gefangen. Eben haben Captain William Base und seine Crew einen Planeten erreicht, den zu erkunden sie sich in aller Seelenruhe anschicken. Warum sollten sie auch aufgeregt sein angesichts einer kahlen Gesteinskugel? Stan Tich, Planetologe und Erster Offizier der Parzival, mag den Planeten vielleicht interessant finden und Pilotenschülerin Michaela Brauer wird sich über den ersten Planeten, auf dem sie vielleicht landen darf, freuen. Womöglich ist sogar ihr Wahlvater, Pilot Ricardo Thomas, froh, mal wieder Atmosphäre unter den Tragflügelnzu spüren. Die Chef-Biologin Ines Braun aber wird bestimmt durch nichts zu begeistern sein. Obwohl – bei der Frau weiß man nie…

 

 

Der kleine Park glitzerte nach dem Nieselregen. William Base strich geistesabwesend über ein Rhododendronblatt. Ines Braun, die ihn dabei beobachtete, lächelte still. „Ich glaube“, sagte sie sanft, „es war eine gute Idee, Biotop-Zonen in den Galaxy-Ships einzurichten.“

Der Captain sah die Frau prüfend an. „Befriedigt Sie die Arbeit in den Gärten eigentlich?“

Ihr Lächeln vertiefte sich. „Zum Glück gibt es eine Reihe Hobbygärtner unter den Besatzungsmitgliedern, so daß unserem Team auch Zeit für ernsthaftere Dinge bleibt.“

„Wie für Ihr Terra-Forming-Projekt.“

„Zum Beispiel“, bestätigte die Frau.

Base wischte mit der flachen Hand eine Bank trocken und fragte nebenbei: „Und ab und zu ein Besuch in der Zentrale?“

„Auch. Ja.“

Der Captain setzte sich. Er blinzelte zu der Biologin hoch. „Sie sind recht oft in der Zentrale.“

„Nun“, erwiderte die Frau und zupfte eine verdorrte Blüte von einem Kirschbäumchen. „Ich stehe nicht unbedingt unter Zeitdruck. Und“, sie schüttelte die Wasserperlen von einem Zweig, „ich weiß gern, wo ich bin.“

„So? Sie haben aber noch nie nach unserer Position gefragt.“

Die Frau hob die Brauen. „Tatsächlich?“

Base nickte.

Ines Braun setzte sich neben den Captain, lehnte sich zurück und schloß wie träumerisch die Augen. „Ich wußte gar nicht, daß Sie meine gelegentlichen Besuche so aufmerksam verfolgen.“

„Ist es Ihnen vorher nie passiert, daß Ihnen jemand Interesse entgegenbringt?“ erkundigte sich Base.

Die Frau schlug die Augen auf. Sie sah zu ihm. Nach einer Weile antwortete sie kühl: „Für meinen Geschmack zu oft, Captain.“

Base versuchte ein lausbübisches Lächeln. „Ich nahm an, Frauen mögen es, wenn sie Interesse wecken.“

Die Biologin ging nicht auf den Ton ein. „Zum einen mögen auch Männer diese Art von Aufmerksamkeit, von der Sie gerade sprachen, und zweitens meine ich nicht das Interesse, das man mir als Frau entgegenbringt. Ich rede von der Neugier, mit der gewöhnlich der Fall Ines Braun betrachtet wird.“

„Ich verstehe“, entgegnete der Mann und schwieg einen Moment, in dem er sich eingestand, daß auch er öfter über den Fall Braun nachdachte als über die Frau. Aber das war angesichts der ungewöhnlichen Umstände wohl auch normal. „Wie lang ist es her?“ fragte er. „Sechs Jahre?“

„Acht. Wenn Sie den Tag meinen, an dem die Rettungskapsel mit diesem Körper gefunden wurde.“

Base musterte Braun. „Sie reden, als wäre es nicht ihrer. Ihr Körper meine ich.“

„Vielleicht ist er‘s auch nicht“, erwiderte sie obenhin.

„Sie erinnern sich nur nicht.“

„Offenbar nicht nur ich.“

„Sie meinen, weil niemand Sie erkennt?“

„Zum Beispiel.“

„Sie waren, so weit ich weiß, sehr schwer verletzt. Man mußte Ihr Gesicht völlig neu gestalten.“

Ines Braun schloß die Augen, atmete tief durch und sagte: „Vielleicht.“ Sie sah Base an. „Sie sind doch sicher nicht hier, um über meine Befindlichkeit zu diskutieren.“

„Nein“, bestätigte er. „Nicht eigentlich. Obwohl mein Anliegen etwas damit zu tun haben dürfte. Zumindest indirekt. Es geht um Ricardo Thomas.“

Der Captain suchte in Brauns Gesicht nach einer Reaktion. Alles was er fand, war ungeteilte Aufmerksamkeit.

„Er begegnet Ihnen nicht gerade mit Sympathie“, fuhr Base fort. Noch immer war der Biologin keine Regung anzumerken. „Ich fürchte“, fuhr Base fort, „daß sich die Spannung zwischen Ihnen beiden zu einem offenen Konflikt steigern könnte.“

Die Frau hob die Brauen und neigte fragend den Kopf.

„Ich muß das Landeteam zusammenstellen und möchte sowohl Sie als auch ihn dabei haben.“

„Eine … logische Entscheidung.“

„Hätten Sie ein Problem damit? Ich meine, mit Ricardo in einem Team zu arbeiten?“

Ihr Gesicht blieb unbewegt. „Nein. Mr. Thomas wird jedoch vermutlich eines haben. Andererseits sind Thomas und Donald die bestqualifizierten Erkunder der Parzival und…“

„Ich will Don nicht mitschicken. Ich dachte an Stan, Rico und Sie.“

Ines Braun lehnte sich zurück und sah Base von der Seite her an. Es wirkte wie lauern. „Das ist ein erhebliches Risiko. Wie Sie schon andeuteten, Sir: Mr. Thomas Abneigung kann leicht zu einem offenen Konflikt führen.“

„Auch, wenn Michaela im Team ist?“

Braun runzelte die Stirn. „Was könnte ihre Anwesenheit an Ricos Gefühlen ändern?“

„An seinen Gefühlen vielleicht nicht, aber an seinen Reaktionen.“

Ines Braun überlegte. Base glaubte zu wissen, was in ihr vorging. Auch ihm gefiel die Vorstellung nicht, Michaela dieser Zerreißprobe auszusetzen. Jon wäre ein widerstandsfähigerer Puffer zwischen Rico und der Braun, doch er wäre nicht so wirksam. Ricardo würde seinen Partner auf seiner Seit wähnen, und wenn Jon die Anfeindungen zu viel werden würden und er Rico die Unterstützung versagte, würde Ricardo sich vermutlich auch von ihm angriffen fühlen, und das würde die Fronten erst recht verhärten.

„Ich bin nicht sicher, ob ich Ihre Beweggründe verstehe, Captain“, sagte Ines Braun. „Ich vermute, Sie hegen die Hoffnung, daß die zwangsläufig enge Zusammenarbeit im Team Mr. Thomas' Abneigung gegen mich abschwächt. Ich versichere Ihnen“, betonte sie, „daß eine Entspannung der Situation auch meinem Wunsch entspricht. Was immer ich dazu beitragen kann, werde ich tun. Doch die Chance, daß sich etwas bessert, ist – entschuldigen Sie, wenn ich das so offen sage – denkbar gering. Michaela diesem Risiko auszusetzen, halte ich für nicht gerechtfertigt.“

„Um ehrlich zu sein“, erwiderte Base und neigte sich leicht zu Braun hinüber, „das Risiko besteht doch hier an Bord genauso. Theoretisch könnten Sie und Ricardo sich zwar aus dem Weg gehen, tatsächlich aber begegnen Sie sich ziemlich häufig. Gemessen daran, daß ein Copilot und ein Biologe kaum miteinander zu tun haben.“

Braun nickte verstehend. „Sie meinen, ich sollte mich nicht mehr in der Zentrale aufhalten.“

„Nein. Ich möchte, daß sich die Spannung zwischen Ihnen und Ricardo löst. Oder wenigstens lockert.“

„Auch auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen, Captain: Die Chance dafür ist gering. Michaela deshalb diesem Risiko auszusetzen ist … es nicht wert.“

Base breitete die Arme aus. „Was kann schon passieren?! Sie und Rico werden sich in die Haare kriegen, Michaela wird es sehen und Stellung beziehen. Beziehen müssen. Ob das nun da unten passiert oder hier oben – was ändert das? Wenn Sie mich fragen, ist Micha Teil des Problems. Sie sitzt zwischen allen Stühlen. Wenn das da unten zwischen Ihnen dreien ausgetragen wird, ohne all die mehr oder weniger heimlichen Beobachter wie hier an Bord…“

„Warten Sie“, unterbrach ihn die Braun. „Was Sie da vorschlagen, ist eine etwas rabiate Methode, könnte allerdings sogar funktionieren. Aber wir reden von verschiedenen Dingen: Ich meine nicht das Risiko eines Streites, sondern das eines … anderen Problems da unten auf Lonestars Planet.“

„Was für ein Problem?“

„Das würde selbst für ein eingespieltes Erkunderteam nicht unbedingt ein Routineeinsatz werden. Es könnten Krisenfälle auftreten, da sollte das Team schon funktionieren.“

„Mit was für Krisenfällen rechnen Sie denn? Die Hitze? So groß ist sie nun auch nicht. – Oder?“ fügte er hinzu, als er den skeptischen Blick der Frau registrierte.

„Nein, natürlich nicht“, bestätigte Braun.

„Aber?“

Die Frau musterte den Captain, als überlege sie, ob er sie auf die Probe stellen wolle.

„Es gibt keine Strahlung, die den Geräten oder den Mitgliedern des Trupps gefährlich werden könnte“, zählte Base auf. „Es gibt genug windgeschützte Ecken zum Landen und Wasser gehört zu den reichlich bemessenen Vorräten der Ausrüstung. Es gibt kein Leben da unten und …“

„Kein Leben?“ unterbrach ihn die Frau und sah Base fragend an.

„Nein“, bestätigte der Captain. „Der Grund für Ihre Einteilung zum Team lag allein in meiner Absicht, Sie und Ricardo einander näher zu bringen. Und weil ich den Eindruck habe, daß Sie über erheblich mehr Fähigkeiten verfügen, als man sie für den Platz des Chefbiologen braucht.“

„Ah ja“, machte Ines Braun.

William Base fragte sich irritiert, was sie damit meinte. „Ja“, entgegnete er auf gut Glück. „Ich bin mir ziemlich sicher, daß Sie Fähigkeiten und Kenntnisse besitzen, die Sie für einen Platz in der Zentrale mehr als geeignet machen.“

Ines Braun schüttelte den Kopf: „Captain, das ist nicht der Punkt.“

„Nein?“

„Nein. Ihre Annahme, daß es kein Leben auf Lonestars Planeten gibt, entspricht höchstwahrscheinlich nicht den Tatsachen.“

„Sie meinen Mikroben, die von hier aus nicht zu orten sind…“

„Nein, ich meine nicht Mikroben, Captain“, widersprach sie eindringlich. „Ich weiß nicht, wer außer mir die entsprechenden Aufnahmen gesehen hat, aber ich hatte angenommen, daß die Daten eindeutig als Hinweise auf höhere Lebensformen zu erkennen sind. Meiner Meinung nach existiert unter der Kuppel ein relativ artenreiches …“

Base unterbrach die Frau mit einer Handbewegung. „Was für eine Kuppel?“

„Die Energiekuppel, oder was immer …“ Ines Braun stockte und sah den Captain groß an. „Sie wissen gar nichts davon?“

„Nein!“

„Nun …“ Die Biologin atmete tief durch. „Am besten, ich erkläre es Ihnen anhand der Aufzeichnungen.“

„Ja, ich glaube auch“, antwortete der Captain. Auf dem Weg zur Zentrale ertappte er sich dabei, daß er nicht etwa Brauns Entdeckung mit dem Attribut „vorgeblich“ versah, sondern sich fragte, wie Stan etwas so Gravierendes hatte übersehen können. Immerhin ging es um Tichs Fachgebiet, während die Braun erst hier auf der Parzival angefangen hatte, sich mit planetologischen Fernerkundung zu beschäftigen. Was also war es, was ihn eher an Stan als an der Frau zweifeln ließ? Ihre Bestimmtheit, mit der sie von der Kuppel gesprochen hatte? Was auch immer: In der Zentrale stellte sich jedenfalls heraus, daß sie recht hatte. Tich blickte immer wieder kopfschüttelnd auf das Bild auf seinem Monitor. William Base stand hinter ihm, hatte sich auf die Armlehne von Tichs Sessel gestützt und betrachtete ebenfalls den Bildschirm.

„Man erkennt den Schild nur auf ein paar Einzelbildern der Sonde“, erklärte Ines Braun gedämpft. „Die Kuppel überspannt diese beiden Talkessel, sehen Sie? Der Zenit des Schutzschildes liegt über dem größeren Tal.“ Die Frau deutete auf einige helle Punkte auf dem zweiten Bildschirm. „Und dies hier könnten Tiere sein, Captain. Beachten Sie die Bewegungen und die Verteilung am Rand des großen Talkessels entlang. Die geologischen Anzeigen in diesem Bereich deuten auf in Höhlen entspringende Quellen hin.“

„Sind diese geologischen Daten auch nur aus Einzelaufnahmen zu erhalten?“ erkundigte sich Base und versuchte, dabei nicht zu Tich zu sehen.

„Ja“, nickte die Frau. Sie betätigte ein paar Schalter. „Ich hätte sie fast übersehen, man nimmt sie innerhalb des Films kaum wahr. Und so sieht das Ganze zudem ohne die Kontrastverstärkung aus. Da muß man schon nach Wasserlöchern suchen, um die Quellen zu finden.“ Sie sah zu Tich. „Es war Zufall, daß ich darauf stieß.“

„Sie müssen sich doch nicht entschuldigen“, erwiderte Stan. „Im Gegenteil, ich bin beeindruckt. Für einen Anfänger war das hervorragende Arbeit. “ Er lächelte.

Ines Braun schwieg.

Tich schien darüber irritiert.

Base kam der Gedanke, daß Ines Braun vor ihrem Unfall vielleicht Planetologe gewesen sein könnte und Erfahrung mit der Auswertung von Sondendaten hatte. Vielleicht sollte er…

„Captain!“ unterbrach Michaelas Stimme seine Gedanken. Er wandte sich um. Das Mädchen schien aufgeregt.

„Captain, ich habe eben etwas Unglaubliches…“, sprudelte Michaela los, entdeckte die Bilder auf dem Monitor und stockte. Ihre Aufregung zerfiel. „Oh. Ihr habt es auch gerade entdeckt.“

„Sozusagen“, erwiderte Base.

„Und?“ fragte Michaela. „Schicken wir noch mal eine Sonde hin, um Detailaufnahmen zu machen? Oder versuchen wir es mit den Schiffssensoren?“

„Ich dachte eigentlich an einen Lander“, antwortete Base.

Sofort kam der Glanz in Michaelas Augen zurück. „Da wär ich gern dabei, Captain.“

Base sah zu Braun. Sie zeigte keine Regung.

„Och bitte!“ bettelte Michaela. „Ich bin soweit, mit einem Erkunderteam zu gehen. Stimmt‘s, Stan?“

Tich nickte.

Base zögerte noch immer.

„Da unten ist Leben“, argumentierte Michaela. „Ines kann sicher Hilfe brauchen. Und nebenbei lerne ich noch was über die Erkundertechnik und so.“

„Ms. Braun?“ fragte Base.

„Sie kennen meine Argumente, Sir. Was die fachliche Seite angeht, halte ich die Auswahl für sinnvoll.“

„Gut. Dann machen wir es so: Stan, Rico, Braun, Micha – der Lander eins startet in einer halben Stunde.“

Michaela boxte in die Luft. „Ja!“

Tich lächelte. „Freu dich nicht zu früh! Das wird harte Arbeit!“

Michaela ließ sich die Laune nicht verderben: „Ich bin bereit! Absolut!“

„Na dann los! Wir treffen uns im Hangar.“

Michaela eilte davon.

William Base sah Ines Braun dem Mädchen nachschauen. Vielleicht hatte die Frau doch recht. Er hätte Michaela ja nicht unbedingt ins erste Team stecken müssen. Zu spät, die Entscheidung war gefallen. Er atmete tief durch. „Also dann!“ sagte er und sah Tich und Braun an. „Viel Erfolg da unten!“

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Erstellt: 28.04.2005, zuletzt aktualisiert: 23.02.2015 21:20