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Weisse Krähe von Marcus Sedgwick

Rezension von Oliver Kotowski

Hörbuch

 

Rezension:

Gibt es ein Leben nach dem Tod? Da es keine stabilen Hinweise auf eine Weiterexistenz gibt, glauben viel Menschen nicht daran. Es ist wie mit den Krähen: Da man bisher nur schwarze Krähen gesehen hat, glaubt man, alle Krähen seien schwarz. Sähe man eine einzige weiße Krähe, würde es diese Vorstellungen ändern.

 

Rebecca zieht mit ihrem Vater in den verschlafenen Ort Winterfold. Sie muss – hoffentlich vorübergehend – mit ihrem Vater aus London nach Winterfold ziehen, bis diese hässliche Sache vor Gericht geklärt ist. Schon auf der Fahrt erleidet sie die erste Enttäuschung: Ihr in London bleibender Freund Adam gibt ihr einen verhaltenen Laufpass. Er war nicht gekommen, hatte nicht angerufen und nun, als sie ihn angerufen hat, hat er keine Zeit, muss los, mit weiblichem Kichern im Hintergrund. Ist Adam noch ihr Freund? Neue Freunde findet sie nicht und auch mit ihrem Vater versteht sie sich nicht mehr. Da tritt das Mädchen Ferelith an Rebecca heran. Die beiden sind etwa gleich alt – sechzehn Jahre – und Außenseiter in Winterfold. Anfangs weiß Rebecca nicht so recht, wie sie mit dem seltsamen Mädchen umgehen soll, doch zaghaft entwickelt sich so etwas wie eine Freundschaft zwischen den Mädchen. Allerdings offenbart Ferelith nach und nach eine sehr morbide Seele und als sie ein Mutprobenspiel vorschlägt, zieht es die beiden Mädchen zum alten Herrenhaus, das einen schlechten Ruf hat, wegen der grausigen Experimente, die dort vor langer Zeit gemacht worden waren.

 

Die inszenierte Lesung Weisse Krähe macht es dem Hörer – und noch mehr dem Rezensenten – nicht leicht: Wie ist die Geschichte zu verorten? Der Klappentext spricht von einem Gothic Thriller oder Gothic Mystery, was auch immer darunter zu verstehen sein mag. Eine Schwierigkeit liegt im Wandel der Spannungsquellen begründet: Zunächst sieht es so aus, als ob Rebecca und Ferelith nach gewissen Anfangsschwierigkeiten gemeinsam das Geheimnis des Herrenhauses ergründen würden, doch langsam kristallisiert sich heraus, dass Ferelith nicht Teil der Lösung, sondern Teil des Problems ist. Hier kippt die „Mystery“ in den „Thriller“ – wenn man so will. Aber es stellt sich ohnehin die Frage, ob Thriller oder Mystery den Kernplot treffend beschreiben oder ob dieser nicht vielmehr eine comming-of-age-Entwicklungsgeschichte ist. Die Perspektive eines der drei Erzählstränge passt sehr gut dazu – leider passt die Figurenentwicklung nur sehr begrenzt dazu, denn Rebeccas Hauptproblem ist, dass sie sich als Opfer sieht, ihr alles geschieht und sie selbst erst gegen Ende die Initiative ergreift. Angemessener wäre es, das konkrete Problem würde sich mit Rebeccas veränderter, aktiverer Haltung lösen lassen. Stattdessen geschieht ihr wieder etwas – die Entwicklung ist eine bloß postulierte, in der Handlung schlägt sie sich nicht nieder. Damit wird Rebecca zu einer Anti-Heldin im engeren Sinne. Überhaupt ist es ein Problem der Geschichte, dass die Dinge bloß geschehen, statt dass sie erarbeitet werden. Hieraus entsteht kaum anhaltende Spannung. Was sehr bedauerlich ist, denn es gibt immer wieder hochspannende Momente, die aus der unheimlichen Stimmung, der direkten Bedrohung usw. erwachsen.

Neben Rebeccas Erzählstrang, der aus ihrer personalen Perspektive erzählt wird, gibt es noch zwei weitere. Da ist zunächst einmal Fereliths Strang, eine Ich-Erzählung, die eng mit Rebeccas Strang verknüpft ist. Anders als Rebecca agiert Ferelith durchaus – wesentliche Ereignisse gehen auf ihr Wirken zurück. Doch dieses Wirken findet stets off-scene statt, sodass wiederum ein Eindruck bloßen Geschehens entsteht. Der dritte Strang ist die Erzählung eines Pfarrers, der Ende des 18. Jhs. Lebte und eng mit den Ereignissen des Herrenhauses verwickelt war – ein französischer Doktor hatte dort grausige Experimente gemacht. Da der Strang nur sehr locker mit Rebeccas und Fereliths Strängen verknüpft ist, kann man sogar von einem eigenen Handlungsstrang sprechen; für sich genommen ist die Erzählung des Pfarrers eine hübsch-hässliche conte cruel.

Da sich aus der Passivität (Rebecca, Pfarrer) und der ausgeblendeten Aktivität (Ferelith) nur wenig Spannung ergibt, muss diese an anderer Stelle erzeugt werden – Sedgwick versucht dies über das Spiel mit Meta-Informationen zu erreichen: In welche hässliche Geschichte ist Rebeccas Vater verwickelt? Rebecca weiß es natürlich sehr wohl, dem Hörer wird diese Information vorenthalten. Andererseits wissen Rebecca und Ferelith nur sehr wenig über das Herrenhaus, doch der Hörer verfügt über einige Informationen, da er die Geschichte des Pfarrers kennt. Auch Fereliths Strang dient vor allem der Umdeutung und Vorausdeutung von Ereignissen in Rebeccas Strang. Wer sich an diesem Spiel nicht stört, bekommt einen relativ geschickt auf den Effekt getrimmten Plot geliefert.

 

Die inszenierte Lesung Weisse Krähe hat drei Erzählstränge, die jeweils einen eigenen Sprecher haben. Rebeccas Strang wird von Maria Koschny eingesprochen. Sie ist vermutlich am bekanntesten als deutsche Stimme von Anna Paquin als Sookie Stackhous in True Blood; sie besitzt auch einige Erfahrung als Hörbuchsprecherin – bei Lesungen seien Die Tribute von Panem und Seelenficker, bei Hörspielen die Titania Medien-Reihen Sherlock Holmes und Gruselkabinett genannt. Anna Thalbach übernimmt Fereliths Strang. Thalbach könnte man im Fernsehen bei einem ihrer fünf Tatort-Auftritte gesehen haben oder ihre Stimme in Lesungen wie Coraline und Tausendundeine Nacht – Erotische Geschichten oder Hörspielen wie Die drei ??? oder meiner Lieblingsreihe Schattenreich kennen. Den Strang des Pfarrers spricht Wolfgang Condrus. Seine Stimme wird der Deutsche vielleicht mit den Gesichtern von Ed Harris und Sam Neill verbinden, in Lesungen wie Die Kathedrale des Meeres oder 635 Tage im Eis: Die Shackleton-Expedition gehört haben oder aus Hörspielreihen wie NYPDead oder Top Secret kennen. Zwar sagte mir Condrus’ Performanz in Weisse Krähe am meisten zu, doch Koschny und Thalbach müssen dahinter nicht ernsthaft zurückstehen.

 

Die Lesung wird sowohl von Musikstücken als auch mit Geräuschen begleitet. Bei den Musiken handelt es sich zumeist um einzeln oder im Duett spielende Instrumente; Fereliths Strang wird häufig von einem Klavier und einem Pfeifeninstrument (vielleicht eine Orgel oder ein Dudelsack) begleitet, die klagende, nach Einsamkeit klingende Töne erzeugen, Rebeccas Strang von einem Klavier, das nach Irritation und Verstörung klingt, und den Strang des Pfarrers dominiert ein dumpfer Bass, der die unterschwellige Bedrohung gut unterstreicht. Insgesamt werden die Musikstücke sparsam eingesetzt – die Geräusche werden indes noch sparsamer eingesetzt und das so beiläufig, dass man sie leicht überhört: Sie bestätigen nur leise das Gesagte.

 

Fazit:

Rebeccas Vater flüchtet mit seiner Tochter in den abgelegenen Ort Winterfold, um den Druck der gehässigen Gesellschaft zu entkommen, doch Rebecca setzt er damit einer großen Gefahr aus, als sie sich mit Ferelith dem übel beleumdeten Herrenhaus zuwendet. Weisse Krähe ist recht speziell: Wer mit der Passivität der Protagonisten und dem etwas unfokussierten Skript umgehen kann, kann drei gute Sprecher und schöne Musikstücke hören.

 

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Inszenierte Lesung

Weisse Krähe

Originaltitel: White Crow

Autorin: Marcus Sedgwick

Übersetzung: Renate Weitbrecht

Gesamtlaufzeit: 3 Audio CDs mit ca. 205 min

Verlag: Der Audio Verlag

Erscheinungsdatum: Februar 2012

ISBN: 9783862311637

Erhältlich bei: Amazon

 

Sprecher:

Maria Koschny

Anna Thalbach

Wolfgang Condrus


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Erstellt: 28.02.2012, zuletzt aktualisiert: 14.03.2019 09:43