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ymir oder aus der hirnschale der himmel von Philip Krömer

Rezension von Ralf Steinberg

 

Verlagsinfo:

Drei Männer begeben sich am Vorabend des Zweiten Weltkriegs auf eine Expedition nach Island. Ihr Auftrag ist es, ein scheinbar bodenloses Loch zu untersuchen, dessen Geheimnisse den im Ausbruch begriffenen Krieg entscheiden könnten. Doch niemand hat sie auf das vorbereitet, was sie tief im Inneren der Erde erwartet …

 

Rezension:

Mit ymir oder aus der hirnschale der himmel legt Philip Krömer ein in vielerlei Hinsicht erstaunliches Debüt hin.

 

Schon der Beginn verlangt Aufmerksamkeit, da man als LeserIn direkt angesprochen und aufgefordert wird, durch ein Klopfen Zutritt zur Geschichte zu erlangen. Es folgt eine mehr als freundliche Einladung in Haus und Sessel, kurz wird der Ort des Geschichtenerzählens vorgestellt und eine heimelige Atmosphäre geschaffen.

Sogleich fällt man auch optisch ins Jahr 1939. Neben der Kapitelüberschrift in Fraktur fällt sogleich eine historische Darstellung des menschlichen Torsos samt Kopf auf, sowie eine Hand, die auf die Hirnschale zeigt, eben jenem Teil des Kopfes, der dem Kapitel als Titel diente. Im weiteren Verlauf der Handlung wird uns diese schematische Übersicht als Navigationshilfe dienen, sodass jederzeit deutlich ist, an welchem Punkt der Reise wir uns befinden.

 

Die Reise in einen Körper? So etwas in der Art. Denn Philip Krömer befindet sich auf den Spuren recht beliebter phantastischer Motive, wie sie schon viele Male mit dem Dritten Reich verbunden wurden.

Auf der Suche nach eine identitätsstiftenden, mythologischen Begründung ihrer rassistischen und nationalen Ideologie grub die Nazi-Propaganda tief in nordischen und germanischen Legenden. Der Erzähler Karl erhielt von Himmler selbst den Auftrag. als Reiseberichterstatter eine Expedition nach Island zu begleiten. Wie sich herausstellt, öffnete sich bei Bauarbeiten an einem Überlebensbunker für die Nazi-Elite ein tiefer und sehr dunkler Schlund. Der Eingang zur Hohlwelt, zur Heimat der Urarier gar?

 

Unser Erzähler sieht darin eher den Körper des ersten Riesen, Ymir, und so folgt die dreiköpfige Expedition mit Hitlergruß und Wagner dem Verdauungstrakt des steinernen Körpers. Dabei sind Karls Begleiter typische Vertreter der deutschen Gesellschaft und erhalten von ihm auch passende Spitznamen. Klein Heinrich ist der bullige SS-Schläger und VonUndZu bildet den dekadenten Adelsprößling, der sich mit Wagner im Gepäck auf seine kulturelle Überlegenheit beruft.

 

Dank seiner literarischen Herkunft frönt Philip Krömer einem eher lyrischen Stil. Die Sätze sind gedrechselt, Form und Struktur folgen den Ereignissen, den Gedanken und den Örtlichkeiten. Ganz im Präsenz geblieben, mischen sich Reflexion und Handlungen und trotzdem wird die Berichtsebene nicht verlassen. Wir können weder den Worten noch den Eindrücken des Erzählers ganz vertrauen, jedoch erleben wir die seltsame Stimmung am Vorabend des brutalen Krieges.

In der Abwärtsbewegung der Reisegesellschaft spiegeln sich Untergang, Genozid, Selbstzerfleischung und Lügengestrüpp bis hin zur Ausweglosigkeit.

 

Philip Krömer gelingt dabei eine spannende und hochkomplexe Sprachreise in die Befindlichkeit seines Protagonisten und scheut vor keinem Lebenskomplex zurück. Er liefert mit »ymir oder aus der hirnschale der himmel« eine neue Version von Jules Vernes Reise zum Mittelpunkt der Erde, welches er in etlichen Details direkt zitiert.

 

Der homunculus verlag versorgte diesem sehr speziellen Alternativweltroman mit einem schönen und trotz der bereits erwähnten Retro-Avancen modernen Design. Eine extravagante Mischung aus Moderne und historischer Buchkunst.

 

Fazit:

»ymir oder aus der hirnschale der himmel« von Philip Krömer bietet eine phantastische Reise in die Eingeweide des nationalsozialistischen Mystizismus. Germanische Legenden und Hohlwelttheorie vermischen sich zu einer zynischen Lebensbetrachtung und bieten so einen ganz eigenwilligen Blick auf das große deutsche Desaster.

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Eure Meinung:

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Buch:

ymir oder aus der hirnschale der himmel

Autor: Philip Krömer

Gebundene Ausgabe: 216 Seiten

homunculus verlag, (11. März 2016)

 

ISBN-10: 3946120180

ISBN-13: 978-3946120186

 

Erhältlich bei: Amazon

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Erstellt: 18.01.2017, zuletzt aktualisiert: 29.09.2020 17:35