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Zerbrechliche Dinge – Geschichten & Wunder von Neil Gaiman

Rezension von Christel Scheja

 

Neil Gaiman gehört zu den auch über die Grenzen des phantastischen Genres bekannten Autoren. Er hat die mehrfach preisgekrönte Comic-Reihe „Sandman“ geschrieben, mehrere seiner Romane wurden verfilmt und auch im Romansektor bleiben seine Werke nicht lange unbeachtet. Es gelingt ihm das Märchenhafte in mit dem profanen Alltagsleben in Einklang zu bringen, eine Atmosphäre zu erzeugen, wie sie sonst nur Märchen aus dem 19. Jahrhundert aufweisen und doch modern zu bleiben. Dabei überrascht er immer wieder mit neuen Stimmungen und Themen.

 

„Zerbrechliche Dinge“ ist eine Sammlung von Kurzgeschichten, die trotz ihrer oft magischen oder mystischen Inhalte doch auch immer einen Bezug zur Lebenswirklichkeit vieler Menschen haben und daher trotz aller Fremdartigkeit dem Leser sehr auch vertraut erscheinen.

Schon die Titel erwecken bestimmte Erwartungen. „Kies auf der Straße der Erinnerung“ ist auf dem ersten Blick nicht mehr als das und nicht anders. Der Autor berichtet von einer Begegnung aus seiner Kindheit, die er niemals vergessen hat. Einbildung oder Wahrheit – das muss jeder Leser selbst entscheiden.

„Verbotene Bräute gesichtsloser Sklaven im geheimen Haus der Nacht grausiger Gelüste“ taucht nicht nur in ein anderes Jahrhundert ein, sondern auch in eine Welt der Ghule und Schatten, düsterer Geheimnisse und grausamer Wahrheiten.

Genau so mysteriös wie entsetzlich sind „Die wahren Umstände im Fall des Verschwindens von Miss Finch“, die während einer Zirkusnummer in einem Kuriositätenkabinett verloren geht, und zwar so, dass der Autor nicht einmal mitbekommt wie. Aber wie sich zeigt ist auch eine Vermisstenanzeige nicht nötig.

Der Club der Epikuräer hat sich besonderen und höchst erlesenen Genüssen verschrieben. In Ägypten folgen sie so dem Ruf eines Einheimischen, der ihnen ein sehr seltenes Mahl verspricht. Und tatsächlich wird der „Sonnenvogel“ zu einem besonderen Ereignis, das den Rest ihres – zugegebenermaßen nur sehr kurzen - Restdaseins auf der Erde prägt.

„Wie man auf Partys Mädchen anspricht“ steht in vielen Ratgebern und kostet einen schüchternen Jungen doch seht viel Mut – mit unerwarteten Folgen.

 

Hatte man schon in seinen Romanen oder beim der Lektüre des „Sandman“ das Gefühl, dass Neil Gaiman mit einem Fuß auch in einem anderen Jahrhundert steht, so wird man in der Kurzgeschichtensammlung nur noch mehr in dieser Ansicht bestärkt.

Nicht nur stilistisch, auch inhaltlich orientiert sich er Autor an den Texten der Schauerromantik, benutzt viele Adjektive um eine eigenartige märchenhafte Stimmung zu erzeugen, die gleichzeitig für Distanz und Nähe sorgt.

Man kann sich durchaus mit seinen Helden identifizieren und vieles aus seiner eigenen Lebenswirklichkeit wiederfinden, aber dann ist da doch genügend übernatürlicher Einfluss, der Abstand schafft.

Sehr sicher bewegt er sich in der Verwendung mythologischer und phantastischer Versatzstücke. Man merkt, dass er deren Hintergrund kennt, was ihn aber auch nicht daran hindert, diese neu zu interpretieren und eigene Gedanken und Sichtweisen mit einfließen zu lassen, auf die wohl kaum ein anderer kommt.

Alles in allem decken die insgesamt vierzehn Geschichten die ganze Bandbreite des Genres ab. Es gibt Stimmungsbilder ohne Pointe wie „Kies auf der Straße der Erinnerungen“, Hommagen an Klassiker wie „Studie in Smaragdgrün“ bei der klar ist, wer die Helden sind, auch wenn die Namen niemals genannt werden, humorvoll bösen Blicken auf den amerikanischen Lebensalltag, dem schon Teenager ausgesetzt sind, etwa in „Wie man auf Partys Mädchen anspricht“ und düsterromantische Märchen wie „Oktober hat den Vorsitz“ in dem sich die Monate treffen um sich zu besprechen und am Lagerfeuer Geschichten erzählen. Viele Geschichten sind gruslig, manche sogar sehr direkt, aber die Gewalt verkommt nie zum Selbstzweck.

 

Der Stil und die oftmals sehr expressionistischen Inhalte bringen es mit sich, das „Zerbrechliche Dinge“ keine Anthologie zum Zwischendurchlesen ist. Die Geschichten sind zu komplex um sie nur zu überfliegen und regen zum Nachdenken und Grübeln ein. Sie dürften daher vor allem anspruchsvolleren Lesern gefallen, die von ihrer Lektüre mehr als Unterhaltung erwarten.

 

Eure Meinung:


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Buch:

Zerbrechliche Dinge – Geschichten & Wunder

Autor: Neil Gaiman

Gebunden, 330 Seiten

Klett Cotta, Stuttgart, erschienen März 2010

Übersetzung aus dem Englischen von Hannes und Sarah Riffel

Titelbildgestaltung von Hildendesign unter Verwendung eines Motivs von gray 318

ISBN-10: 3608938761

ISBN-13: 978-3608938760

Erhältlich bei Amazon

weitere Infos:


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Erstellt: 19.05.2010, zuletzt aktualisiert: 26.05.2019 21:20