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Kolumne: Die Verpackung macht’s - oder?

Hardcover oder Softcover - Das ist hier die Frage

Autor: Christian Endres

 

 

»Fantasy gehört ins Hardcover«, verkündete jüngst ein Bekannter, als wir zusammen in der Buchhandlung unseres Vertrauens standen und die fantastischen Neuerscheinungen sichteten. »Mag sein«, erwiderte ich, »mein Geldbeutel sagt mir aber, dass Fantasy größtenteils ins Taschenbuch gehört – und sei es nur aus Tradition! Außerdem gibt es heute auch genug sehr schön aufgemachte Taschenbuch-Reihen...« »Na«, meinte daraufhin unser umtriebiger Händler und schaltete sich fröhlich ins Gespräch ein. »Dann einigt euch doch auf das Zwischending und versucht’s mit dem Paperback.« „Geh mir bloß weg!«, versetzte ich grimmig, »die fressen vor allem Platz im Regal.« Ein Seufzer. »Und sie verdrängen das Taschenbuch immer mehr.« Daraufhin mein Bekannter: »Dann doch lieber ein echtes Hardcover.« Ich nickte zustimmend – aber auch ein wenig irritiert ...

 

Diese kleine Episode zeigt vor allem eines: Der Markt bietet für jeden etwas – oft nur nicht das Richtige.

 

Es gibt Autoren, die kommen bei mir nur im Taschenbuch ins Regal. Aus Prinzip. Da warte ich auch gerne zwei Jahre aufs TB und ignoriere die verlockende Erstveröffentlichung im sündigen Hardcover, egal wie strahlend es mir aus dem Regal oder der verführerisch aufgemachten PDF-Vorschau entgegen lächelt. Dann gibt es Autoren, wo mir das neumodische, klotzige Paperback richtig gut gefällt, beim Lesen, im Regal, aufgrund darin präsentierter Illustrationen oder edler Klappenbroschur - und überhaupt. Trotzdem wäre hie und da ein handlicheres Taschenbuch schöner und freilich auch ein gutes Stück preiswerter - und nicht zuletzt auch platzsparender, denn als Buchsammler ohne Bibliothek muss man ja auch ein Stück weit ökonomisch denken, um den verhassten Doppelreihen im Regal zu entgehen (für letztere ist die muntere Mischung Taschenbuch/Paperback freilich wieder vorzüglich geeignet). Und dann gibt es Autoren, die ich mir nur und ohne Ausnahme im Hardcover hole, am liebsten natürlich Klassiker und Lieblingsbücher. Das heißt: Im Hardcover hole, wenn es denn ein solches gibt. Denn von letzteren erscheint leider nur allzu oft ein Taschenbuch – obwohl ich doch eigentlich ein gebundenes Buch für die Ewigkeit möchte! Da schweift der Blick dann schon mal neidisch nach Übersee oder auf die britische Insel, wo das alles irgendwie gerechter geregelt ist und jeder über kurz oder lang die Chance auf das bekommt, was er wirklich möchte. Ein Beispiel? Pratchett habe ich in jungen Jahren im preisgünstigen TB begonnen, ergo brauche ich da das HC nicht. Sähe im Regal auch doof aus, oder? Bob Asprin würde ich mir gern komplett als HCs ins Regal stellen – gibt aber nur Taschenbücher, wenn inzwischen auch wenigstens gut aufgemachte Sammelbände. Robert E. Howard und Fritz Leiber gibt’s dagegen nur in schön aufgemachten Paperbacks, obwohl auch hier der eine oder andere neidvolle Blick meinerseits schon in Richtung der englischsprachigen Ausgaben gezuckt ist ...

 

Davon mal abgesehen: Ist es letztlich eigentlich nicht vollkommen unerheblich, ob broschiert oder gebunden, ob klassisches Taschenbuch oder aufgeblasenes A5-Paperback? Die Geschichte spricht doch für sich, egal wie sie präsentiert wird.

 

Nun, nicht unbedingt.

 

Das Auge liest naturgegeben mit, und wir Fantastik-Leser und –Sammler sind schon ein ganzes Stück weit bibliophil und entsprechend anfällig für Aufmachung, Titelgestaltung und dergleichen. Ich für meinen Teil bin das zumindest, und ich bin mir irgendwie sicher: Ich bin nicht allein.

 

In den letzten Jahren haben das auch die Verlage erkannt – kaum ein »popeliges« Taschenbuch, das ohne partiellen Spot- oder UV-Lack erscheint, geprägt ist, funkelt, glitzert oder sonst wie hervor sticht, plakative Gestaltung oder besonders hübsche Cover-Illustration inklusive. Mittlerweile geht der Trend ja sogar wieder zu bedruckten Umschlaginnenseiten – entgegen zu alten Büchern vor der langen Weißperiode jedoch ohne Marlboro- oder Suppenwerbung und dafür mit schicken Infos und Vorschauen für die nächsten Bände der entsprechenden Reihe. Schick, nicht wahr?

 

Diese Entwicklung hin zu aufwendig veredelten Umschlägen – bei 7- Euro-Taschenbuch und 30-Euro-Hardcover gleichermaßen, wohlgemerkt – gilt es ganz Allgemein zu begrüßen. Mit einer Einschränkung: würden die Verlage doch bloß ein bisschen mehr Eigenständigkeit an den Tag legen! Gerade bei Urban Fantasy und fantastisch angehauchter Chic Lit neigen die üblichen Verdächtigen und ihre agenturenhaften Grafikschmieden doch gern zum Einheitsbrei und der Stangenware, um auf irgendeinen Trend aufmerksam zu machen. Liebe Verlage, glaubt mir an dieser Stelle: man sieht sich spätestens nach zwei Vorschauen und bis zur nächsten Buchmesse einfach satt an stilisierten Fledermäusen und schlanken Blondinen auf den ansonsten eher plakativ gehaltenen Covern mit den aufwendigen Titelschriftzügen!

 

Ein kurzer Blick zeigt dennoch: Ich habe ungefähr genauso viele Hardcover wie Taschenbücher im Regal stehen, wobei die Größe noch der größte gemeinsame Nenner ist – kleine, laminierte Hardcover im Taschenbuchformat, die handlich und lesefreundlich wie sonst nichts sind, stehen neben dicken Taschenbuch-Paperbacks, die manch ein Hardcover in den Schatten stellen und in keine Tasche passen. Und dann sind da natürlich noch all die riesigen, lexikonartigen, klassischen Pseudo-Enzyklopädien mit Prägung, Kunstleder-Umschlag und eigenem Stützgerüst neben dem Buchschrank, damit dieser nicht einkracht und die Gilde der Ikea-Biber nicht ankommt und mich wegen Zerstörung wichtigen Kulturguts verklagt.

 

Wohin gehört Fantasy nun aber? Die Antwort auf diese eingangs gestellte Frage steht noch aus. Ins Taschenbuch? Hardcover? Paperback? Oder sparen wir uns die ganze in ein paar Jahren ohnehin überholte Diskussion und springen direkt nach vorn, zu MP3-Hörbüchern, Podcasts und E-Books, wo sich Bücher am Rechner oder dem Palm lässig verwalten lassen.

 

Kaum. Für mich ist es wichtig, ein Buch in die Hand zu nehmen. Dabei habe ich genauso viel Freude an einem bewährten Taschenbuch, das ein schönes Cover hat und sich im Regal neben 20 Vertretern einer im Idealfall einheitlich aufgezogenen Reihe einreiht, wie ich auch ein ansprechend aufgemachtes Hardcover mit aufwendigen Gimmicks zu schätzen weiß (und von Zeit zu Zeit auch durchaus bereit bin, dafür etwas tiefer in die Tasche zu greifen). Nur weil mir aber z. B. gerade ein Piper-TB besonders gut gefällt oder aus der Vorschau ins Auge springt, heißt das nicht, dass ich das Atlantis oder Edition Phantasia Paperback, das Klett-Cotta-Hardcover oder den dicken Blanvalet- oder Heyne-Sammelband im klotzigen TB verschmähe, wo man sich heutzutage mindestens genauso viel Mühe mit der Aufmachung und Veredelung gibt wie bei anderen, teureren Bänden.

 

Wahrscheinlich ist es bei Büchern wie bei allem anderen:

 

Die Mischung macht’s.

 

Ach ja: Wichtig ist natürlich auch, dass die Verlage nicht die ultimative Todsünde für Sammler begehen und Hardcover und Taschenbücher mischen oder plötzlich den Schriftzug auf dem Buchrücken oder das Verlagslogo ändern oder eine Reihe gar kurz vor dem Ende den Verlag wechselt und - Ihr wisst, was ich meine, oder?

 

 

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Erstellt: 14.07.2008, zuletzt aktualisiert: 19.09.2016 18:31