Die Einkreisung von Caleb Carr

Rezension von Christine Schlicht

 

New York im Jahre 1869. Therodore Roosevelt ist Polizeichef und versucht verzweifelt, die dort gefestigten Strukturen von Korruption und Gewalt aufzubrechen und sinnvolle Polizeiarbeit in einer Stadt zu gewährleisten, die eher einem Moloch denn einer lebenswerten Umgebung gleicht. Einer Stadt, die noch immer von hoffnungsvollen Einwanderern aus aller Herren Ländern überflutet wird und die dann, statt eines neuen Anfangs, nur neues Elend finden. Gestrandet in den Slums, die von Armut, Verfall, Krankheit und Kriminalität geprägt sind.

 

Wie es dort wirklich zugeht, will aber keiner der besseren Gesellschaft wirklich wissen und so gedeihen in den Redaktionen der Zeitungen Reporter, die Tatsachen wie zum Beispiel Homosexualität und die Befriedigung Derselben durch eine wachsende Schar von Jungen aus den Einwandererfamilien geflissentlich ignorieren. Weil nicht sein kann was nicht sein darf.

 

Als ein Junge aus diesen Kreisen auf grauenvolle Weise ermordet und verstümmelt wird, versucht man daher alles zu vertuschen. Doch Roosevelt will das nicht mehr zulassen. Er zieht einen Freund aus Studienzeiten als Berater heran. Dr. Lazlo Kreisler ist eine Koryphäe auf dem Gebiet der Psychologie und vor Gericht auch als Gutachter für die Zurechnungsfähigkeit von Gewalttätern und scheinbaren Wahnsinnigen zuständig.

 

Kreisler und ein weiterer gemeinsamer Freund, der Times-Reporter John Schuyler Moore (aus dessen Sicht die ganze Geschichte erzählt wird), sollen ein Täterprofil herausfinden und den Mann finden. Eile ist geboten, denn es stellt sich heraus, dass das Opfer nicht der erste Tote ist, der auf diese Weise umkam. Doch die vorherigen Opfer waren im geheimen ermordet worden und der Mörder tritt mit seinen jüngsten Taten in die Öffentlichkeit.

 

Diese ignoriert diesen und auch den nächsten Toten im Battery Park zunächst, doch als die Einwanderer, aufgehetzt von zwielichtigen Gestalten, sich zu Mobs zusammenrotten, wird so manchem die Explosivität der Situation klar. Kreisler erhält von Roosevelt freie Hand für geheime Ermittlungen und ein paar unverdorbene Spezialisten an die Seite, die noch nicht vom Sumpf der Korruption gefangen sind: Die jüdischen Isaacson-Brüder und Sarah, die erste Frau, die überhaupt für die Polizei arbeitete. Eigentlich ist sie „nur“ eine Sekretärin, aber ihre weibliche Intuition und ihr Mut bringen die Ermittler in vielen Punkten weiter, als sie schon an ein Scheitern ihrer Aufgabe glauben.

 

Die Untersuchungen führen die heimlichen Ermittler an die schlimmsten Orte der Stadt. Bordelle, in denen Knaben, geschminkt und wie Frauen aufgetakelt, ihre Dienste anbieten und auch die Viertel der Stadt, aus denen sie kommen. Schnell wird klar, dass verschiedene Gruppen versuchen, die Ermittlungen zu behindern und die Ermittler selbst geraten immer wieder zwischen die Fronten und in akute Lebensgefahr.

 

Einen dritten Mord können sie, trotz reichlicher Spuren und Wachen an den möglichen Orten, an denen der Täter zuschlagen könnte, dennoch nicht verhindern und der Druck wächst. Zwar haben sie jetzt ein Schema, die christlichen Feiertage; wissen, wie der Mann die Jungen überhaupt verschleppen konnte aus vermeintlich verschlossenen Gebäuden und vieles mehr, aber er ist ihnen immer einen Schritt voraus. Doch weitere Spuren ziehen den Kreis um den Täter immer enger...

 

 

Caleb Carrs Psychothriller wird hiermit zur Pflichtlektüre aller Spielleiter für Cthulhu by Gaslight erklärt. Es dürfte kaum einen Roman geben, der Stimmung, Ambiente und Lebensweise dieser Zeit atmosphärischer, lebhafter, düsterer, eingehender, spannender und farbiger schildert als „Die Einkreisung“. Dazu kommt eine Menge Lokalkolorit (wie z.B. die „Gelbe Brauerei“ – die Metropolitan-Oper) und einen Stadtplan von New York in dieser Zeit bekommt man auch in den Kopf gegeben. Alles ist so beschrieben, dass man es sich bildlich vor Augen führen kann.

 

Selbst die zeitgenössischen Personen, die angesprochen werden, sind nicht nur schmückende Randfiguren, sondern werden glaubhaft in die Handlung integriert, gerade so, als hätte der Autor sie alle gekannt. Roosevelt, J. P. Morgan, Paul Kelly, sie alle sind sehr lebendig, ob sie jemals in einen ähnlichen Fall verwickelt waren oder nicht. Sogar die Familie Roosevelts, die später im Weißen Haus ihr Unwesen treiben sollte, wird mit eingebunden.

 

Insgesamt wirkt alles hervorragend recherchiert, sowohl was die Personen betrifft, als auch ihre Handlungen, ihre Zeitgenossen und die Art der kriminalistischen Recherche (ich hätte angenommen, dass man bei den Ermittlungen schon viel früher nach Fingerabdrücken vorgegangen ist, zum Zeitpunkt in dem „Die Einkreisung“ spielt war es hingegen zwar bekannt, aber keine akzeptierte Technik, da man sich mit der Individualität des Fingerabdruckes nicht sicher war). Auch die entsprechende Fachliteratur zur Psychologie, welche in dieser Zeit existierte, wird ausführlich dargelegt.

 

So entstehen unter den beteiligten Ermittlern beständig Diskussionen über diese Bereiche, dennoch gibt es keine Längen, denn als Leser ist man geneigt, jedes Detail selbst zu analysieren, um vielleicht ein kleines bisschen vor den Ermittlern auf die korrekten Schlussfolgerungen zu kommen. Ein gigantisches Puzzle wird hier zu einem Gesamtbild des Mörders zusammengesetzt. Und nach und nach wird auch klar, warum man selbst in den höchsten Kreisen den Ermittlern nur im Weg steht. Denn sollte Kreisler mit seinen Theorien recht haben, würden verschiedene Institutionen im Kreuzfeuer der Kritik stehen, die bislang als Stützen des Staates betrachtet wurden. Kirche und Familie, Politik und Polizei und vieles mehr.

 

Ein Buch, das man nur sehr schwer beiseite legen kann, weil man mit den Protagonisten mit fiebert, bangt und hofft. Und auch schon mal einige Tränen verdrückt, wenn der trotz aller Seltsamkeiten doch sympathische Dr. Kreisler die einzige Frau verliert, die ihm in seinem Leben wirklich etwas bedeutete. Der Spannungsbogen wird durchgehend von einem zum nächsten Höhepunkt geführt und bis zum Showdown gehalten.

 

Absolute Hochspannung und sachter Grusel, für Urlaubslektüre allerdings mit 580 Seiten einfach zu kurz und nichts für nachts unter der Bettdecke.

 

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Die Einkreisung

Autor: Caleb Carr

Broschiert: 588 Seiten

Verlag: Heyne (Mai 2007)

Sprache: Deutsch

ISBN-10: 3453811135

ISBN-13: 978-3453811133

Erhältlich bei: Amazon

Weitere Infos:


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zuletzt aktualisiert: 30.04.2019 14:17 | Users Online
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