Samuraisommer von Ake Edwardson

Rezension von Tanja Thorne

 

Åke Edwardson ist als schwedischer Krimiautor längst etabliert und wird gern gelesen. Zeit, sich in einem neuen Genre zu versuchen, mag er vielleicht gedacht haben, als er mit „Samuraisommer“ sein erstes Kinder- und Jugendbuch schrieb, das seit Dezember 2007 nun auch als 206-seitige Taschenbuchausgabe erhältlich ist.

 

Im Mittelpunkt steht Tommy, der seine Sommer seit dem Tod des Vaters in einem Camp verbringen muss, worüber er alles andere als glücklich ist. Die Erzieher sind unfreundlich bis gleichgültig, das Essen schmeckt furchtbar, alle spannenden Dinge sind verboten und Strafen aller Art sind an der Tagesordnung und machen auch vor körperlicher Züchtigung keinen Halt.

Doch Tommy hat einen Weg gefunden, mit der Situation umzugehen. Er heißt jetzt Kenny und ist ein Samurai. Durch die Regeln der Samurai diszipliniert er sich selbst und erreicht über diesen Weg Stärke. Eine Stärke, die nicht unbemerkt bleibt. Doch während seine „Allüren“ für die Erwachsenen ein Dorn im Auge sind, vermag Kenny es, andere Jungen zu begeistern und ihnen so ebenfalls einen Weg aus dem tristen Alltag und der harten Realität zu zeigen.

Doch dieser Sommer, Kennys letzter Sommer, bevor er zu alt für das Camp ist, wartet mit einigen Dingen auf: Die Samuraiburg im Wald ist noch nicht fertig und Kenny will sie in diesem Sommer unbedingt fertig stellen, zwischen Kindern und Erwachsenen brodelt es derart, dass mit einer Eskalation zu rechnen ist, und dann ist da noch Kerstin, das erste Mädchen, das für Kenny überhaupt von Interesse ist. Doch dann ist Kerstin plötzlich verschwunden.

 

So wahr die Beschreibung des Inhalts ist, so trügerisch ist auch ihr Schluss – ebenso wie beim Klappentext des Buches. Denn wer glaubt, dass das Verschwinden Kerstins und die Suche nach ihr den Kern des Buches ausmacht, wird unzweifelhaft enttäuscht sein. Tatsächlich vergehen bis zu Kerstins Verschwinden gut dreiviertel des Buches, und lange verschwunden bleibt sie auch nicht.

Nein, der Fokus des Buches liegt auf der Entwicklung der Kinder, die an der Grenze vom Kind zum Jugendlichen stehen. „Samuraisommer“ ist ein Entwicklungsroman, wie es so einige gibt, nur dass die äußeren Umstände in Edwardsons Buch unmittelbareren Einfluss auf die Geschichte haben.

 

Die größte Stärke des Buches liegt in der Schilderung der Gedankenwelt und Wahrnehmung von Kenny. Sein Thema, die Samurai, sind glaubhaft und interessant in den Roman eingewoben, und hat man sich erst einmal eingelesen, so gelangt der Leser selbst vom „Der Junge glaubt, er sei ein Samurai“ hin zum „Der Junge ist ein Samurai“. Dies zu erreichen ist eine wirklich großartige Leistung, die besonders in der Begegnung der Jungen mit den „Indianern“ zum Tragen kommt.

 

Von diesem Highlight abgesehen, ist „Samuraisommer“ aber ein eher schwaches Buch. Von den sprachlichen Konstruktionen her nicht zu beanstanden fehlt es dem Roman an Spannung und dümpelt lediglich vor sich hin.

Bei aller Fähigkeit, die Erlebniswelt der Kinder glaubhaft zu vermitteln, fällt jedoch stark auf, dass Edwardson interessanterweise nicht in der Lage ist – oder dies zumindest bei diesem Roman nicht war -, sich wirklich in das Erleben und die Bedürfnisse von Kindern dieses Alters hineinzudenken. Die Handlung lebt nämlich in erster Linie von den Dingen, die nicht explizit im Buch stehen: der Verlust des Vaters, das plötzliche Verschwinden der Mutter, Verlust der Institution Familie als solche, körperliche Gewalt seitens der Erzieher, sexueller Missbrauch. All diese Themen werden angedeutet, aber nicht mehr, so dass diese versteckten (und für den erwachsenen Leser zugleich so offensichtlichen) Themen keine Tiefe bekommen. Dadurch wird nicht nur der Roman als solcher blass, sondern er lässt die kindlichen Leser auch ohne Möglichkeit der Verarbeitung zurück, indem ihnen suggeriert wird, dass ja „alles gut“ und „nicht wirklich was passiert“ sei. Und mit genau dieser Haltung steht das Buch dann auf Seiten der Erzieher, denn genau das ist es, was sie als Erwachsene ebenfalls verkörpern.

 

„Samuraisommer“ hat einige bemerkenswerte Stärken, doch am Ende überwiegen die Schwächen des Buches dieses leider deutlich. Edwardsons erstes Kinderbuch zeigt, dass beim Autor Entwicklungspotenzial für dieses Genre besteht und man Kinderbücher von ihm nicht einfach beiseite legen sollte. Zugleich zeigt es aber ebenso deutlich, dass einiges an Übung und Empathie mehr erforderlich ist, bis ein Kinderbuch von Edwardson als uneingeschränkt empfehlenswert gelten kann.

 

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Samuraisommer

Autor: Åke Edwardson

Übersetzer: Angelika Kutsch

Verlag: List Taschenbuch

Umfang: 206 Seiten

Erschienen: Dezember 2007

ISBN: 978-3-548-60662-0

Erhältlich bei: Amazon

Weitere Infos:


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zuletzt aktualisiert: 18.04.2019 12:18 | Users Online
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