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Die Ordenskrieger von Goldberg von Thomas Plischke

Reihe: Die Zerrissenen Reiche Bd. 2

Rezension von Oliver Kotowski

 

Rezension:

Der Krieg hat begonnen. Die Zwergenarmee, ausgerüstet mit Gewehren und Kanonen, setzt in der Dampfbootflotte über und überfällt die Zerrissenen Reiche der Menschen. Das erste Ziel soll Bruckstadt sein. Die Bruckstädter, die für ihre erfahrenen Söldner berüchtigt sind, werden aber nicht kampflos aufgeben. Ob ihr Kriegsstolz ausreichen wird um die Zwergenarmee aufzuhalten, werden Siris, der menschliche Bestienjäger, und Himek, der zwergische Leibesöffner, aus nächster Nähe erfahren, denn um der grausigen Bundessicherheit des Dampflandes zu entgehen, hatten die beiden sich von der Armee anwerben lassen. Garep, der ehemalige zwergische Sucher, und seine Geliebte Arisascha, eine menschliche Agentin, haben indes einen anderen Weg gewählt um der Bundessicherheit zu entkommen, doch auf der Flucht gerät ihr Segler in einen Sturm und sinkt. Garep strandet auf einer einsamen Insel, auf der sich seltsame Dinge ereignen. Ist er in eines der Paradiese gelangt, die die Herren auf der Welt angelegt haben? Unterdessen überlegt Esavintje, die Bewahrerin der Bewahrer und damit die Herrin über Goldberg und die Ordenskrieger, wie den Invasoren zu begegnen ist, denn früher oder später wollen alle Eroberer die Bodenschätze kontrollieren und Goldberg hat seinen Namen nicht von den Relikten der Herren, die dort bewahrt werden. Ihre leibliche Tochter Fianessa ahnt von alldem nichts – sie ist in Siwelsch verliebt und hofft bald die weiße Schärpe der Novizin ablegen zu können. Karu Schneider, die zwergische Sucherin, wollte nach den scheußlichen Geschehnissen, die zu ihres Geliebten Bugegs Tod führten, aus dem Sucherdienst ausscheiden und Abstand gewinnen – doch dem Schicksal gefällt dieses nicht und so bleibt sie auf der Spur der großen Lüge.

 

Nachdem in Die Zwerge von Amboss das Zwergenreich die meisten Schauplätze bot und somit auch am weitesten vorgestellt wurde, finden jetzt drei von fünf Handlungssträngen in den Zerrissenen Reichen der Menschen statt, genauer gesagt, im Norden der Menschenlande. Wo sich die Zwerge der Einheit und Harmonie unterwerfen, herrscht bei den Menschen Vielfalt und Hader. Während Bruckstadt eine eher schäbige Stadt ist, deren Bewohner ständig Krieg führen, ist Goldberg eine erhabene Festung von künstlerischer Schlichtheit – sie ist allerdings auch ein Erbstück der Herren. Die Bewohner sind die Bewahrer (die Ordenskrieger sind eine Art weniger heimtückische Variante der Assassinen), die einem Pakt von vier Nordstädten vorstehen. Mitglieder sind die Söldner von Bruckstadt, die Gelehrten von Aalgrund, die frommen Baumeister von Wollweiler und die Händler von Gottespfand. Die Ordenskrieger bilden dabei so etwas wie eine Synergie: Sie sind kriegerisch, gelehrt, fromm und verfügen aufgrund ihres Goldvorkommens auch über eine gewisse Handelsmacht. Ihre Position lässt sie diese Eigenheiten allerdings viel zurückhaltender als ihre Verbündeten gebrauchen. Die Vorstellung der menschlichen Reiche ist deutlich weniger detailliert ausgefallen als die des Zwergenreichs zuvor.

Während Garep etwas über die Herren auf einer tropischen Insel in nördlichen Gewässern erfährt, kann Karu etwas über die Geschichte der Zwerge und die Macht der Bundessicherheit in Erfahrung bringen. Während Gareps Strang große Enthüllungen im Setting ankündigt, fügt Karus Strang der zwergischen Gesellschaft ein paar interessante Details hinzu.

Insgesamt wird dem Setting relativ wenig Aufmerksamkeit gewidmet, am Meisten noch der tropischen Insel. Aus diesem Grund kann die Verwurzelung der Figuren in ihrer Gesellschaft auch nur angedeutet werden und damit ist das Setting mehr Ambiente als Milieu.

Phantastische Elemente gibt es zwar zahllose, doch es wird nur wenig qualitativ Neues hinzugefügt. Das Setting neigt stark zum Steampunk (wobei "Punk" in Anführungszeichen zu setzen ist) und die phantastischen Elemente passen dazu. Die neuen Elemente gehen z. T. sogar noch weiter und weisen auf eine der Grundlagen von D&D: Science Fantasy a la Jack Vances Episodenroman Die Sterbende Erde. Um die Spannung zu wahren, soll hier nicht mehr darüber gesagt werden. (Wer mehr darüber lesen und wissen will, warum ich dem skeptisch gegenüberstehe, kann dieses in dem Blogeintrag Cargo-Kult in den Zerrissenen Reichen? machen – doch Vorsicht: Ich greife kräftig in den Spoiler-Sack! Ich richte mich dort eher an Leser, die den Band schon gelesen haben.)

 

Was für das Setting gilt, gilt auch für die Figuren: Es werden zahlreiche aus dem vorigen Band weitergeführt. Siris und seine Schwester Arisascha bzw. Sira, Garep und sein Sohn Himek (dessen Geist mit dem der Halblingsfrau Ulaha verschmolzen ist – zählen die beiden nun als eine Figur oder bleiben es zwei?) und Karu, Gareps ehemalige Kollegin. Hinzu kommen einige neue: Die Ordensmutter Esavintje und ihre Tochter Fianessa sind neben Karus neuen Bekannten Rinul Plattenstemmer, einem Geschichtsstudenten mit fragwürdigen Verbindungen, dem risikofreudigen menschlichen Gelehrten Gozzoldini und seinem verkrüppelten Zögling Oji und dem wahnsinnigen Dschun, der sich für einen besonderen Boten hält, zu nennen. So die Figuren überleben, hat der Leser noch etwas zu erwarten, doch wie verhält es sich mit dem Söldnerführer Jaschid? Wie mit Lagog, einem Kollegen Himeks bei der Armee und Verwandten Karus, oder der zwergischen Soldatin Dine, die um Himek wirbt? Hinzu kommen noch einige weitere. Man sieht, Plischke setzt hier klar auf Breite und nicht auf Tiefe: Bei der schieren Anzahl von handelnden Figuren, können sie nicht detailliert entwickelt bzw. weiter entwickelt werden, wenn sie schon bestanden. Nichts desto weniger gelingt es ihm weitgehend Klischees zu vermeiden: Weder ist Esavintje eine Fanatikerin mit Scheuklappen, noch ist Jaschid ein völlig amoralischer Söldner, auch wenn ihr Verhalten für den Außenstehenden so erscheinen mag.

 

Spannung bezieht der Roman vor allem aus den Bedrohungen, die letztlich in Action-Szenen gelöst werden, aber auch aus den Rätseln und zu einem geringeren Maße den Wundern.

Siris' Handlungsstrang ist eine relativ gradlinige Kriegsgeschichte – als Späher dient er den Zwergen – auch wenn er keineswegs von der Rechtmäßigkeit des Kriegs überzeugt ist; Action steht hier im Vordergrund. Eng mit seinem Handlungsstrang ist der Himeks verbunden. Auch dieser Strang steht stark unter dem Einfluss des Kriegs, aber die Verbindung zu Ulaha und ihre mysteriösen Andeutungen stellen hier eben die Rätsel in den Vordergrund. Esavintje und Fianessa haben einen recht unfokussierten Handlungsstrang: Ein wenig politische Intrige, ein wenig Wundergeschichte, ein wenig Beziehungsdrama; im Vordergrund drängen sich aber der Krieg und der rätselhafte Dschun – wiederum Action und Rätsel. Auf der tropischen Insel findet eine klassische Abenteuergeschichte statt: Wunder, exotische Gefahren und blutige Konkurrenz unter den Überlebenden. In Karus Strang wird die politische Intrige in den Vordergrund gerückt, auch hier wiegen Action und Rätsel viel schwerer als der Hauch von einem Beziehungsdrama, der hier mit hereinweht.

Die einzelnen Stränge entwickeln sich rasch, doch aufgrund der großen Breite ist der Plotfluss insgesamt eher gering; Freunde epischer Fantasy a la Scott Bakkers Krieg der Propheten, der in Schattenfall beginnt, werden sich kaum daran stören.

 

An dieser Stelle will ich auf eine Unplausibiliät hinwiesen, die sich aus dem Zusammenspiel von Setting, Figuren und Plot ergibt: Es mutet seltsam an, dass die Zwerge wissen, wie man mit einem solchen Heer Krieg führt, während die Menschen nicht wissen wie man diesem begegnet. Die Zwerge haben, soweit der Leser vom Setting es ableiten kann, seit langer Zeit keinen richtigen Krieg mehr geführt – im Dampfland herrscht Harmonie und Einigkeit. Wohl hat man Kriminelle und Konflikte mit Piraten, aber einen Krieg hatte man nicht geführt. Die Menschen führen dagegen beständig Krieg. Wie kommt es, dass die Menschen glauben einen unbekannten Gegner ohne sorgfältige Feindaufklärung angreifen zu müssen? Nicht einmal die fanatischten Großmeister der Ritterorden des Mittelalters hätten sich darauf eingelassen. Wieso machen es die Söldner? Wieso greifen sie zu dummen Strategien? Warum haben die Zwerge die richtigen Strategien parat? Hoffentlich wird in den Folgebänden eine glaubwürdige Erklärung gegeben.

 

Erzähltechnisch liegt Plischke absolut im Trend der Zeit: Es gibt fünf Handlungsstränge, die jeweils aus der personalen Perspektive des zentralen Protagonisten immer dicht am Geschehen erzählt werden (wobei Arisascha auch ein oder zwei Perspektivszenen erhält und Esavintje und Fianessa sich abwechseln, bis sich ihre Pfade trennen). Aufgrund der vielen Perspektivwechsel wirkt es ein wenig wie aus auktorialer Perspektive erzählt.

Der Handlungsaufbau ist weitgehend progressiv (sieht man von Karus Strang ab, wo es gewichtige regressive Momente gibt) und dramatisch, auch wenn er aufgrund der vielen Sprünge zwischen den Handlungssträngen (die dann zuweilen mit Zeitsprüngen einhergehen) episodisch wirken kann.

Der Stil ist weiterhin in der bekannten eigentümlich blumigen Derbheit gehalten – Fianessas Acker hat blutrote Tränen zu vergießen, weil er sich nach einem Pflug sehnt und Garep flucht: Schutt! – der dem Sprachduktus eine exotische und passende Authentizität verleiht. Die Sätze sind länglich und bisweilen verschachtelt, aber nie übermäßig kompliziert.

 

Fazit:

Die Zwerge beteiligen sich am steten Krieg in den Zerrissenen Reichen und während Siris und Himek auf dem Schlachtfeld und Karu daheim im Zwergenreich an der Legitimität des Krieges zu zweifeln beginnen, ist auf einer tropischen Insel in nördlichen Gewässern ein Abenteuer zu bestehen, dass anscheinend nichts mit dem Krieg zu schaffen hat. Mit Die Ordenskrieger von Goldberg geht die Reihe in die zweite Runde. Deutlicher als der erste Band setzt Plischke mehr auf Breite denn auf Tiefe, doch auch wenn sich erste Schwächen auftun, bietet die Geschichte immer noch spannende Unterhaltung.

 

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Buch

Titel: Die Ordenskrieger von Goldberg

Reihe: Die Zerrissenen Reiche 2

Original: -

Autor: Thomas Plischke

Übersetzer: -

Verlag: Piper (März 2009)

Seiten: 393 - Broschiert

Titelbild: Henrik Bolle

ISBN-13: 978-3-492-26673-4

Erhältlich bei: Amazon

Weitere Infos:


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Erstellt: 16.03.2009, zuletzt aktualisiert: 19.06.2016 16:26