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Kolumne: Fantasy = Kinder- & Jugendliteratur?

Autor: Oliver Kotowski

 

Ich habe mit einiger Verwunderung den Essay Bücher für ein bis(s)chen Kind von Armgard Seegers gelesen. Eine Expertin lässt sich da zum Thema Fantasy-Literatur aus und außerdem Fünfe gerade sein. Ist ja auch mal ganz nett, wenn nicht immer alles so differenziert betrachtet wird.

So erfährt man, dass Kinder- und Jugendliteratur, die implizit stets Fantasy-Literatur ist, eine Welt erschaffe, in der alle wichtigen Dinge einer sinnvollen Ordnung folgen würden (sprich: es werde schwarz-weiß gemalt), dass Kinder- und Jugendliteratur kaum beunruhigende Themen behandele – Ehebruch, Tod, Krankheit seien Erwachsenenthemen, denen sich Erwachsene kaum mehr stellen wollten; sie flüchteten sich stattdessen lieber in Rettungs- und Tröstungsfantasien. Dann wird noch der Herr Enzensberger herangezogen, der in der Flucht ins Fantastische eine Flucht vor der durch die Finanzkrise unüberschaubar gewordenen Welt sieht. Das ist, nebenbei gesagt, nicht sonderlich originell, denn schon Max Weber befand, dass das Erstarken der Esoterik Anfang des vergangenen Jahrhunderts eine Flucht jener sei, die sich im stahlharten Gehäuse der Moderne nicht zurechtfänden. Ethnologen, die sich mit dem magischen Denken befassen, wissen, dass diese Ansicht schlicht und einfach unzutreffend ist. Zudem ist die Vermutung, die Finanzkrise sei Motor der Flucht in dieser Kausalität falsch: J. K. Rowling feierte ihre größten Erfolge mit Harry Potter deutlich vor der aktuellen Krise und die Verkäufe sind immer noch wesentlich höher als die von Stephenie Meyers Bis(s)-Reihe es derzeit sind.

Überhaupt dieses vermischen von Werken und Themenkomplexen! Gibt es denn wirklich keine Unterschiede zwischen den Harry Potter-Büchern und den Bis(s)-Büchern? Doch natürlich! Man mag einmal einen Blick in Michael Maars Warum Nabokov Harry Potter gemocht hätte werfen um auf ein paar Stärken jener Bücher aufmerksam zu werden. Zu den behandelten Themen Rowlings gehören durchaus der Tod von geliebten Menschen und Rassismus. Überhaupt: Astrid Lindgren setzte sich in den Fantasy-Roman Die Brüder Löwenherz mit dem Tod auseinander, wofür sie kritisiert wurde, weil es für Kinder zu ernst sei.

Da zuvor der Name Nabokov gefallen ist: Die phantastische Literatur hat viel mehr als nur Kinderliteratur zu bieten – Vladimir Nabokovs Fahles Feuer, Jorge Luis Borges Werke oder die von ihm herausgegebene Bibliothek von Babel seien hier stellvertretend genannt. Vampire, Zauberer und Hexen sucht man in Franz Kafkas Verwandlung oder Haruki Murakamis Mister Aufziehvogel natürlich vergebens – fündig wird man allerdings in Viktor Pelewins gerade ins Deutsche übersetzte Das fünfte Imperium. Ein Vampirroman oder Gregory Maguires Wicked – Die Hexen von Oz werden; während ersteres eine literarische Analyse des postsowjetischen Kapitalismus in Russland ist, ist letzteres eine Auseinandersetzung mit dem Leben in einem totalitären System; die Fortsetzung von Maguires Roman, die hoffentlich ebenfalls übersetzt wird, setzt sich übrigens mit Kriegsverbrechen und Abu Ghraib auseinander. Die simple Gleichsetzung von Fantasy oder gar Phantastik mit Kinder- und Jugendliteratur ist eine, die von Vorurteilen geleitet ist. Selbst Ehebruch, das Thema für Erwachsene par excellence (Kinder werden halt selten zu Ehebrechern), wird da behandelt – wer es nicht glaubt, möge sich durch Lauren Groffs Die Monster von Tempelton eines besseren belehren lassen.

 

Mit all dem soll nun keineswegs gesagt werden, dass alle Jugendliteratur auch für Erwachsene sehr lesenswert sei; ich kann allerdings nachvollziehen, dass sich junge Frauen mit den Bis(s)-Romanen und ähnlichen Vampir-Geschichten, in denen sexuelle Selbstbestimmung auf eine mehr oder minder naive Art thematisiert wird, von einer Welt erholen wollen, die jene Bücher so 'liebevoll' als Vampirschlampen-Romane betitelt. Auch gibt es das Phänomen, das Frau Seegers als Infantilisierung der Literatur (oder der Leser) begreift. Es ist nur keineswegs auf die Literatur oder gar die Phantastik beschränkt und hat mit Infantilisierung auch nur wenig zu schaffen. Oder inwiefern wird sich in den allseits beliebten 007-Geschichten oder dem durchschnittlichen Whodunnit-Krimi tiefer gehend mit dem Tod auseinandergesetzt als in den Harry Potter-Geschichten? Es ist doch eher umgekehrt der Fall. Auch im Bereich der eigentlichen Bildung setzt sich das Unterhaltende immer mehr durch; im Fernsehen heißt es "Infotainment". Und den Kinderbüchern vorzuwerfen die Komplexität der Welt schwarz-weiß malerisch zu vereinfachen ist geradezu obszön: Als letztes Jahr Russland in Georgien einmarschierte, zeichnete die überwiegende Mehrheit der deutschen Medien ein sehr farbarmes Bild vom bösen Imperialisten Russland, der den armen Nachbarn Georgien ohne guten Grund überfällt, ja es wurde sogar dazu aufgerufen, Georgien in die NATO aufzunehmen – dass Georgien durch den Einmarsch in Südossetien den Krieg vom Zaum gebrochen hatte, wurde da gerne vergessen, und während Russlands Verwendung von Streubomben scharf kritisiert wurde, wurde dagegen Georgiens Einsatz dieser Waffen gegen Zivilisten verschwiegen. Vielleicht war die Angelegenheit nicht ganz so einfach, wie das Bild der deutschen Medienlandschaft glauben machen wollte? (Wer hier eine antiwestliche Verschwörungstheorie wittert, möge sich im Verschwörerhauptquartier von Amnesty International mit Fakten versorgen.)

 

Schnell muss es sein: Leicht zu verstehen und schnell Gewinn bringen. Bildung zählt nicht mehr viel – die Universitäten dienen nicht mehr der Bildung sondern der Ausbildung – warum sollten da die Leser etwas anderes als Unterhaltung von ihrer Lektüre erwarten? Abitur nach 12 Jahren, Bachelor statt Magister. Und wie war es eigentlich zu der Finanzkrise gekommen? Hatten die alle zuviel Harry Potter gelesen? Oder ging es vielleicht doch um kurzfristige Profite? Nein, Probleme gibt es genug, aber undifferenziert Kinder- und Jugendbücher zur Fantasy zu machen (und umgekehrt) und erwachsene Leser von Fantasy-Romanen als infantil zu beschimpfen und ihnen generell Eskapismus vorzuwerfen, ist nicht Teil einer Lösung, sondern verharmlost nicht nur die aus 'echtem' Eskapismus hervorgehenden Probleme, es ist der Wurf einer Rauchbombe.

 

Und noch ein kleiner Nachsatz: Es wird behauptet, das neueste Werk J. K. Rowlings sei so spannend wie eine Obdachlosenzeitung – ich hoffe, dass dieser Vergleich für die Verkaufszahlen der Zeitung Hinz & Kunzt förderlich ist!

 

 

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Erstellt: 26.03.2009, zuletzt aktualisiert: 20.07.2016 10:53