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Schattenmann

Illustration von Christian Günther

Autor: Michael K. Iwoleit

 

Mir war klar, dass es mich irgendwann erwischen musste Doch ich hätte nie gedacht, wie schrecklich es sein könnte, einen Anschlag zu überleben. Was von mir übrig ist, liegt seit vier Tagen in der trüben Brühe eines Inkubatortanks. Ich bin nur noch ein Bündel aus Adern, Sehnen und Fleischfetzen, doch selbst das ist weit mehr, als sich auf eine vernünftige Weise erklären lässt Ein Dissolver ist eine schrecklich gründliche Waffe. Nach einem Schuss sollte nichts übrig sein, was sich fragen kann, wieso es noch lebt. Ich habe aber nicht einmal Schmerzen.

Als ich auf der Intensivstation erwachte, erinnerte ich mich sofort an den Abend im Hotel Pergamon. Ich litt weder unter Gedächtnisverlust noch Desorientierung. Und ich begriff schnell, dass die Flüssigkeit, in der ich schwamm, nur das Nährserum in einem Inkubatortank sein konnte. Es war mir ein völliges Rätsel, wie ich überlebt hatte. Der Dissolver war zwei Handbreit vor meinem Gesicht abgefeuert worden und hätte alle organische Materie in einem Radius von acht Metern atomisieren müssen. Doch soweit ich erkennen konnte, hatte etwa ein Drittel meiner Körpersubstanz, eine Seite des Torsos, ein Beinstumpf und der Schädel, der Entladung widerstanden. Unter normalen Umständen nicht einmal genug, um in einem Tank zu überleben. Doch ich lebe immer noch, und das eigentlich Furchtbare daran ist, dass ich geistig völlig klar bin.

Die dumpfen Stimmen draußen und die vielen verschwommenen Gestalten, die meinen Tank um wimmeln, lassen mich ahnen, welche Aufregung die absurde Weigerung meiner Überreste, doch endlich zu sterben, ausgelöst haben muss Ein Tank ist ein autonomes System, und wenn sich erst seine Sonden und Sensoren in den Schwerverletzten gebohrt und die wattigen Flocken im Serum damit angefangen haben, seine Wunden mit künstlichem Gewebe zu flicken, bleibt auch den ausgebufftesten Biotechnikern nichts mehr, außer zu warten. Ist ein Patient nicht nach spätestens einer Woche rosig wie ein Säugling und erschöpft dem Tank entstiegen, hat er keine Chance mehr, und das Gerät entsorgt seine sterblichen Überreste.

In meinem Fall lösten sich die Schläuche, Kapillaren und Glasfasern schon nach einem Tag, und die Zellkulturen, die mich umhüllt hatten, verfärbten sich wie fauliges Fruchtfleisch. Ich nutzte die Zeit, die ich noch zu haben glaubte, für einen melancholischen Rückblick auf meine Karriere als Schattenmann und bedauerte vor allem, dass ich nie erfahren würde, welcher Kerl mich überlistet hatte. Doch ich wartete umsonst auf den Moment meines Todes. Ich habe ein Loch in der Brust, wo mein Herz sein sollte, und bin von allen Lebenserhaltungsanlagen abgetrennt. Es gibt keine Erklärung dafür, warum mein Hirn weiter funktioniert wie ein Computer, der nicht abgeschaltet werden will. Heute habe ich entdeckt, dass ich mich sogar wieder bewegen kann.

Mein letzter Auftrag als Schattenmann begann vor einer Woche mit einem allzu frühen Anruf aus der Zentrale. Ich ruhte gerade im Rehazentrum von den beiden letzten Einsätzen aus, aber man gönnte mir mal wieder die wenigen Tage nicht, die ich am Tropf und mit deaktivierten Implantaten im subtropischen Ambiente einer Rehalounge verbringen wollte. Mein notorisch schlecht gelaunter Chef, der sich ohne Ankündigung über meinen Holokubus meldete, machte wie üblich nicht einmal den Versuch, sich zu entschuldigen. "Du kannst nächste Woche wieder auf der faulen Haut liegen", sagte er. "Es ist mir schleierhaft warum, aber dieser Arach hat einen Narren an dir gefressen. Er besteht darauf, dass du seine Präsentation im Hotel Pergamon überwachst. Ich stelle dich gleich zu ihm durch."

Es war genau die Art von unangenehmer Überraschung, die ich befürchtet hatte. Ich hätte lieber ein Rudel paranoider Netzspekulanten aus ihren Privatfestungen in der Vorstadt durch die schlimmsten Lokale der Dealer- und Crackerszene gelotst, als für einen Klienten wie Arach meine Reha zu unterbrechen. "Warum habe ich die letzten vier Male, als mich dieser Kerl engagiert hat, nicht einen Fehler gemacht?" fragte ich. "Warum habe ich jedes mal auch die gemeinsten Tricks durchschaut und ihm am Ende doch den Arsch gerettet? Erklär mir das."

"Ein gewöhnlicher Trottel macht dauernd Fehler", sagte mein Chef. "Du bist ein viel größerer Trottel, weil du keine machst."

"Ich weiß, ich bin der Beste. Das ist mein Fluch." Und nach einem Seufzer: "Also, bringen wir's hinter uns."

Als Arachs Live-Hologramm das Gesicht meines Chefs im Kubus ersetzte, hatte ich Mühe, cool zu bleiben. Man hat in meinem Job Umgang mit den absonderlichsten Exzentrikern, aber Arach stellte einen perversen Höhepunkt in dem Bestreben dar, über alle biologischen und zeitlichen Grenzen hinweg an der Macht zu bleiben. Die wenigsten wussten, seit wie vielen Jahrzehnten er schon eine der fettesten Spinnen im Netz war, dessen Unternehmen alle maßgeblichen Toplevel-Domänen in Europa verwalteten und den Datenfluss auf siebzig Prozent der großen Satelliten- und Glasfaser-Backbones steuerten. Er war mir immer unangenehm geblieben, in sein längst vollends künstliches Gesicht zu sehen.

"Ich weiß ja, dass ich Ihnen Unmögliches abverlange", setzte er mir gleich in diesem jovialen Ton zu, der widerlicher als die obszönste Beleidigung klang. "Aber ich weiß einfach keinen anderen, dem ich diese Aufgabe anvertrauen könnte." Arach rühmte sich, dassss bei ihm nur die neusten bio- und nanotechnischen Verfahren zu Einsatz kamen. Wenn man ihm ins Gesicht war, glaubte man, es unter der pergamentartigen Haut wie in einem Insektennest wimmeln zu sehen. Myriaden künstlicher Mikroorganismen besserten ständig seinen greisen Leib aus, der sonst längst zu Staub zerfallen wäre, bohrten verkalkte Adern auf, ersetzten natürliches Gewebe durch künstliches, vertilgten Schlacken und Gifte. Arach hatte sich als einer der ersten ausgefallene Hirnregionen durch künstliche neuronale Netzwerkmodule ersetzen lassen, die mit seiner Privatdomäne in Verbindung standen. Auf diese Weise konnten nicht nur externe Speicher- und Verarbeitungskapazitäten genutzt werden, um seine Persönlichkeitsstruktur zu erhalten, sondern seine Fähigkeiten um unbegrenzte Gedächtnis- und Assoziationsleistungen erweitert werden. Inzwischen galt es unter denen, die es sich leisten konnten, als selbstverständlich, sich ähnlich aufrüsten zu lassen.

"Ich bin schon so gut wie da", sagte ich betont nüchtern. "Sagen Sie mir nur, was stattfindet. Wenn nichts Außergewöhnliches vorliegt, treffe ich die üblichen Sicherheitsvorkehrungen."

"Es wird der außergewöhnlichste Einsatz, den Sie je hatten", erklärte er. "Ich brauche das Beste, was Sie mir geben können, und das auf ganz neuem Niveau." Etwas in der Art behauptete er jedes mal. Er hätte noch hundert Jahre weiterleben und nicht ein einziges Mal eingestehen können, dass er auch einmal etwas Triviales oder Unbedeutendes tat. Ich hatte mich immer gefragt, warum er nicht jedes mal eine Sondernachricht durchs Netz schickte, wenn er zu Hause aufs Scheißhaus ging. "Achten Sie besonders darauf, was tatsächlich geschehen und was nur eine Illusion sein wird", fügte er hinzu. "Es wird im Ernstfall alles darauf ankommen, dass Sie diesen Unterschied erkennen."

Einige Stunden später hatte ich bereits die unangenehme Prozedur der Reaktivierung hinter mir und überwachte die Verhängung einer Datenquarantäne über den Großen Saal im Hotel Pergola. Der Saal befand sich im neuen, von Arach gesponserten nördlichen Anbau dieses unüberschaubaren Gebäudekomplexes, der inzwischen ein Achtel des Stadtkerns durchwuchert hatte und der Bezeichnung Hotel nicht mehr ganz gerecht wurde. Es war die exklusive Unterkunft einiger Hundert Top-Absahner, denen es nicht genügte, in zwölftausend Quadratmeter großen Suiten zu residieren, sondern sich auch gleich mit eigenen Konferenzräumen, Multimedia-Auditorien, Rechenzentren und einer entsprechenden Armada von Personal umgaben.

Ich brauchte vierzig Stunden, um die Kommunikations-Infrastruktur des Saals zu isolieren und alle Verbindungen zur Außenwelt über von mir installierte Firewalls umzurouten. Weitere zwanzig Stunden beanspruchte die Dekontamination des gesamten für die Veranstaltung vorgesehenen Inventars, der Belüftung, der Wasserleitungen und der Nahrungssyntheser, eine undankbare Aufgabe, die man nie mit einem Gefühl der Beruhigung abschließen konnte, weil der Gen- und Nanotechniker-Untergrund ständig neue Methoden austüftelte, um seine mikroskopischen Zeitbomben an den Mann zu bringen. Ohne meine künstlichen Drüsen, die mich mit Designerhormonen und Neuropeptiden vollpumpten, wäre ich zu diesem Zeitpunkt schon zusammengeklappt, aber die eigentliche Arbeit stand mir ja noch bevor. Ich hätte lieber noch einige Stunden meine Horde eitler Spezialisten dirigiert, als mich für neunzig Minuten mit dem Größenwahn eines Kay Arach identifizieren zu müssen, wenn er wieder einmal aller Welt beweisen wollte, dasss er noch die Fäden in der Hand hielt.

Als Arachs Leute endlich die riesigen Holo-Projektionswände in Betrieb nehmen konnten, schienen die terrassenartig angelegten Galerien und Emporen ringsum unversehens über der Brandung einer Felsküste in der Gischt zu schweben. Es war die gewaltigste VR-Installation, die ich je gesehen hatte, und ich ahnte Fürchterliches. In einer ähnlich unübersichtlichen Umgebung war es einem von Arachs Konkurrenz angeheuerten Saboteur gelungen, sich einzuschleichen und einfach vor Ort eine Antigrav-Plattform zu manipulieren. Arach hatte Glück gehabt, ich aber unter den Trümmern ein Bein verloren und mich nach dem Aufwachen in der Klinik über eine neue Prothese freuen können. Das war erst drei Wochen her, und ich hatte keinen Bedarf an einer erneuten Generalüberholung.

Meine Aufgabe bestand nun darin, dafür zu sorgen, dass Arach nicht nur am Leben, sondern auch der blieb, der er war. Wenn ein Mann wie er den gesicherten physikalischen Bereich seiner Privatdomäne verlässt, ist er nicht nur traditionellen Gefahren in Gestalt von Attentätern und Entführern, sondern vor allem einer Art des Angriffs ausgesetzt, der in der Crackerszene als Identity Hacking berüchtigt ist. Ich musste verhindern, dass es einem Cracker gelang, sich in die Netzfrequenzen seiner neuronalen Netzwerkmodule zu hacken, was ihn im einfachsten Fall umbringen, im schlimmsten aber sein Verhalten beeinflussen, seine ganze Persönlichkeit umgestalten konnte. Während der Veranstaltung würden meine eigenen Nero-Implantate mich mit Arach synchronisieren, würde ich jeder Nuance seines Verhaltens und Empfindens nachspüren und mögliche Eingriffe von außen im Keim unterbinden. Ich würde sein Schatten, sein mentales Echo sein.

Wer in diesem Job besonders gut ist, hat ein Interesse daran, noch besser zu werden, weil es irgendwann bei jedem Einsatz auch um die eigene Haut geht. Bei der Konkurrenz ihrer Klienten werden die besten Schattenmänner auf schwarzen Listen geführt, und so mancher Cracker hat sich eine goldene Nase damit verdient, nicht die Klienten selbst, sondern ihre Schattenmänner abzuschießen. Seit ich vor Jahren selbst Ziel eines Anschlags geworden war, machte ich mir keine Illusionen mehr darüber, ob die Zentrale noch meine Anonymität gewährleisten konnte. Ich rechnete an diesem Abend mit allem.

Es ist schwer, mit Worten diese Mischung aus glamouröser Geltungssucht und mickrigster Gehässigkeit im Kopf eines Mannes zu beschreiben, der so viel reale Macht auf sich konzentriert, dass er es als selbstverständlich voraussetzen kann, ernst genommen zu werden. Arach ließ seine achtzehnhundert geladenen Gäste über eine Stunde warten, und als ich ihn im Kreise seiner Leibwächter an der Schleuse zur Großen Galerie empfing, hatte er sich bereits in einen Zustand maßloser Begeisterung über die eigene Genialität hineingesteigert, der es um eine Größenordnung unangenehmer machte, ihn zu betreuen. Ich brauchte länger als sonst, mich in seine Hirnmodule einzuhaken.

Man tat gut daran, Arach nicht zum Feind zu haben. Man war geliefert, wenn er einen mochte. Im Drunter und Drüber seiner Gedanken tauchte ich als Stellvertreter für den Sohn auf, den er nie gehabt hatte, nicht gerade als seine rechte Hand, bestenfalls als Fingerkuppe am kleinen Finger seiner rechten Hand, aber schon dieses Maß an Anerkennung war bei ihm mit solchen Ansprüchen verbunden, dass er mich nach dem Einsatz im günstigsten Fall zu einer Audienz in seiner Suite einladen und mir in einer Manöverkritik erklären würde, was ich noch alles zu lernen hatte. Arach war ein Arschloch von ganz eigenen Dimensionen.

Die Eröffnung des großen Saals geriet zu einem passenden Spektakel für ein gleichermaßen zahlungskräftiges wie einfältiges Publikum, das sich von der schieren Monumentalität einer Darbietung beeindrucken lässt Ich hielt mich auf Arachs Antigrav-Podium, das jede halbe Stunde einmal rund durch den Großen Saal schwebte, im Hintergrund des Kulissen und schaltete alle meine sinnlichen Wahrnehmungen aus. Während die Holo-Projektoren den Eindruck erweckten, als stürze der Große Saal wie ein Raumschiff ohne Hülle in den Gravitationsabgrund eines Galaxienzentrums, wurde ich, die wohl unscheinbarste Gestalt im ganzen Saal, zum heimlichen Mittelpunkt des Geschehens.

Selbst mit einigen Gigaflops zusätzlicher Wahrnehmungsleistung durch die Hilfsprozessoren in meinem Schädel stieß ich an diesem Abend an meine Grenzen bei dem Versuch, gleichzeitig den äußeren Ablauf der Veranstaltung und Arachs inneren Zustand zu überwachen. Es wird von einem Schattenmann nicht erwartet, dass er alle physikalischen Daten des Einsatzorts, Informationen über Position und Bewegung der Anwesenden oder über die Belastung der Kommunikationskanäle rational beurteilt. Er braucht einfach ein Talent zur Mustererkennung. Er muss spüren, wenn etwas den Zustand seines Klienten manipuliert, und an den äußeren Umständen erkennen, was die Ursache sein könnte. Dieser Instinkt wird aufs Äußerste beansprucht, wenn es einen so vagen Maßstab für Normalität gibt wie in Arachs Fall, wenn ein Klient eine solche Karikatur von Individualität sein eigen nennt.

Ich war der einzige im Saal, der nicht erschrak, als Arach seinen derben Scherz inszenierte. Aber nicht einmal mir, der Arachs Gedanken unmittelbar mit vollzog, wurde ganz klar, was er damit beabsichtigte. Vielleicht wollte er zeigen, dass er für die Angriffe auf sein Leben nur Spott übrig hatte, vielleicht wollte er einfach den eindrucksvollen Realismus seiner VR-Anlagen demonstrieren, als er durch die Hauptschleuse einige Dutzend vermummter und bis unter die Zähne bewaffneter NeoNinjas den Saal stürmen ließ. Meine Leute hatten Mühe, eine Panik zu verhindern, und ich ließ sie, dem Spektakel zuliebe, ein Scheingefecht gegen die holografischen Buhmänner führen, die das Antigrav-Podium erklommen. In diesem Durcheinander muss mir etwas entgangen sein.

Ich würde gern wissen, wie es dem echten Attentäter gelungen ist, unter seinen immateriellen Pedants unerkannt zu bleiben. Ich war nach vorn an Arachs Seite getreten, und ich glaube, ich lächelte sogar gequält, als diese schmächtige, schwarz gekleidete Gestalt plötzlich vor mir stand und einen Dissolver auf mich anlegte. Es blieb nicht genug Zeit, um Angst zu haben. In einer Zehntelsekunde hätte alles vorbei sein müssen. Es ist ein grausames Wunder, dass es für mich noch nicht vorbei ist.

 

Es sind wieder einige Tage vergangen, und das Schlimme ist, dass es mir ständig besser geht. Das Serum ist wässrig geworden, und ich kann hinter den Tankwänden etwas deutlicher die Ärzte und Pfleger um den Tank gehen und an den Konsolen hantieren sehen. Es ist nicht dabei geblieben, dass ich die Muskelreste an meinen Bein- und Armstümpfen anspannen kann. Inzwischen ist nicht mehr zu leugnen, dass mein Körper von allein erledigt, was der Inkubatortank besorgen sollte. Ich könnte schwören, dass mein Beinstumpf einige Zentimeter länger und das Loch in meiner Hüfte nicht mehr so tief ist. Es wäre weniger entsetzlich, die schrecklichsten Schmerzen zu erleiden, als mich selbst auf diese unerklärliche Weise regenerieren zu sehen.

Die Ärzte haben lang gezögert, ehe sie den Tank öffneten. Nachdem ich wieder etwas lautere Stimmen gehört und sich einige Schemen um meinen Tank versammelt hatten, wurde der Behälter schließlich geneigt, das Serum abgelassen und der Deckel hochgeklappt. Ich spürte mit meinem entblößten Fleisch erstaunlich klar und schmerzlos die kühle Luft der Intensivstation, roch eine Spur antiseptischer Dämpfe. Das bläuliche Flirren vor meinen Augen verriet, dass ein Isolationskraftfeld die mögliche Ausbreitung von Keimen verhindern sollte. Wussten die Leute, die um den Tank standen und mich fasziniert bis angeekelt begafften, vielleicht schon, was mit mir geschah?

"Unmöglich, dass uns dieses... dieses Ding etwas sagen kann", flüsterte jemand, und ich zögere zu behaupten, dass ich es hörte. Hören, Riechen und Fühlen sind bestenfalls Metaphern für die Art, wie ich seit meinem Erwachen die Dinge wahrnehme. "Es ist unmöglich, dass er sich überhaupt rührt, haben Sie gestern noch gesagt", sagte ein anderer, trat aus dem Spalier der Weißkittel und beugte sich zu mir in den Tank. "Hören Sie mich?" fragte er. "Wenn Sie sich bemerkbar machen können, versuchen Sie's."

Die kräftigen, wenn auch etwas kratzigen Laute aus meiner aufgerissenen Kehle verblüfften niemanden so wie mich. "Verflucht, wieso lebe ich noch?"

Es muss so grotesk wie grauenvoll gewesen sein, einen hoffnungslos verstümmelten Torso wie mich einen solchen Satz stammeln zu hören, denn für einige Sekunden herrschte betretenes Schweigen. Der Mann in der, wenn ich es recht erkannte, unauffälligen grauen Kluft unseres Sicherheitsdienstes, nahm mich aus der Nähe in Augenschein und brachte das Kraftfeld zum knistern. "Sagen Sie mir, wer Sie sind", sagte er dann. "Oder vielleicht eher, was Sie sind."

Es fiel mir schwer, mit Überzeugung auszusprechen, woran ich selbst schon zu zweifeln begonnen hatte. "Ich bin Herb Uscher, Schattenmann. Wenn Sie's nicht glauben, nehmen Sie eine Gewebeprobe."

"Schon geschehen", sagte mein Gegenüber und schickte mit einem Wink das ganze Personal bis auf zwei Ärzte aus der Station. "Herb Uscher ist tot. Es spricht einiges dafür, dass es vor drei Wochen jemand in der Klinik mit der Dekontamination nicht so genau genommen hat. Dort muss Uscher mit etwas infiziert worden sein, das wir noch nicht kannten. Wir wissen noch nicht genau, ob es modifizierte Retroviren, Nano-Assembler oder was sonst gewesen sind, jedenfalls haben sie sich in seinem Körper ausgebreitet und ihn Zelle für Zelle, Molekül für Molekül in etwas umgebaut, das noch wie Herb Uscher aussieht, aber nicht mehr Herb Uscher ist. Wäre im Hotel Pergamon nicht sein restliches organisches Gewebe weggeblasen worden, hätten wir nie bemerkt, dass unser Schattenmann vorher schon auf die gründlichste Weise umgebracht worden ist, die man sich vorstellen kann."

Er stemmte sich von der Randdichtung hoch und trat zwischen die beiden lakenbleichen, verschwommenen Gestalten zurück. "Ich frage Sie also noch einmal: Wer sind Sie?"

 

In den drei Tagen seitdem, während ich im Isolationskraftfeld zur schauderhaft perfekten Nachbildung eines vollständigen Menschen weiter gewachsen bin, frisch, nackt und scheinbar so verletzlich wie ein Neugeborener, ist keine Minute vergangen, in der ich mir diese Frage nicht selbst gestellt habe. Ich schwebe inzwischen im Antigrav-Polster eines Quarantänelabors, rund um die Uhr von früheren Kollegen bewacht, und werde einer schier endlosen Folge von Tomografien, Scans und Tests unterzogen. Unter den Laboranten, Technikern und Ärzten, die ich nun so scharf und plastisch wie nichts zuvor in meinem Leben sehen kann, herrscht eine asketische Wortkargheit, eine beklommene Ehrfurcht vor der Monströsität, die sie hier untersuchen.

Karl, der Mann vom Sicherheitsdienst, erzählte mir, ich habe die Entladung aus dem Dissolver soweit von Kay Arach abgeschirmt, dass genug von ihm übrig geblieben sein, um eine Hardware-Rekonstruktion zu versuchen. Er wollte wissen, ob ich froh darüber sei, zumindest auf diese unbefriedigende Weise meine Pflicht erfüllt zu haben. Ich nehme an, er versprach sich von meiner Reaktion Hinweise, worauf auch immer. Ich konnte seine Frage nicht beantworten.

Was bedeutet in diesem Zusammenhang das Wort "ich"? Was bedeutet der Name Herb Uscher? Kann ich noch Herb Uscher sein, wenn ich zwar seine Erinnerungen und Empfindungen teile, ich aber Stück für Stück in etwas verwandelt worden bist, das um ein Vielfaches widerstandsfähiger und genügsamer ist als jeder organische Leib? Und welchen Sinn hätte es gehabt, Herb Uscher durch einen Dummy, ein Substitut zu ersetzen, wenn nicht, um zu einem Zweck, über den ich nur Vermutungen anstellen kann, auch sein Wesen, sein Ich zu verändern? Ich kann mich also nicht darauf verlassen, dass ich weiß, wer Herb Uscher wirklich war, dass ich mit ihm identisch bin.

Niemand konnte oder wollte mir eine Frage beantworten, die mich mehr quält als jede andere. Karl, bin ich mir sicher, empfand ein grimmiges Vergnügen dabei, als er sagte, er sei so neugierig wie ich, ob es nun vorbei sei oder ob die Parasiten in mir weiterarbeiten, mich über die menschliche Gestalt hinauswachsen lassen würden. Ich rotiere in meinem Antigrav-Polster wie ein Ausstellungsstück in einer unsichtbaren Vitrine und verbringe die meiste Zeit damit, mich selbst zu betrachten. Manchmal kommt es mir so vor, als hätte ich Wülste auf meiner Bauchdecke oder Beulen an meinen Beinen entdeckt, aber das könnte Einbildung sein.

Was immer aus mir wird, ich hoffe, es wird stark genug sein, um sich selbst vernichten zu können. Ich hoffe, es wird so wie ich davon überzeugt sein, dass es nicht weiter existieren darf. Ich habe umsonst gebettelt. Karl sagte mir, wenn ich wüsste, wie er mich umbringen soll, würde er mir meinen Wunsch sofort erfüllen. Ginge es nicht um mich, wäre ich so gespannt wie das Team hier, was als nächstes geschieht.

 

 

Aus: Wolfgang Jeschke (Hrsg.):

Das Proust-Syndrom, Heyne Verlag, München 1999

 

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Erstellt: 18.12.2009, zuletzt aktualisiert: 25.02.2015 14:11