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Goldrausch

erschienen in der Anthologie Das Glück Saramees
Autor: Guido Krain

sowie in der eBook-Reihe Geschichten aus Saramee Band 05: Der Kanumann













Inhalt

Das Waisenhaus von Viona Makanar wird Dank der umtriebigen Betreiberin mit Spenden überschüttet. Kein Wunder, dass die Aussicht auf Gold die Langfinger der Stadt berauscht …

Protagonisten

Goldrausch

Es war nicht wirklich eine Bitte. Geradezu fordernd streckte sie die Hand aus und nahm die Spende des alten Dork entgegen. Statt einem überschwenglichen Dank – oder wenigstens einem Lächeln – erntete der Wirt der „Singenden Makrele“ nichts als ein zufriedenes Kopfnicken. Fellon konnte nur staunen. Er hatte noch nie gesehen, dass der alte Geizhals sich freiwillig von seinem Geld getrennt hätte. Wie machte sie das nur? Was hatte Viona Makanar nur an sich, dass wirklich jeder in Saramee für ihr Waisenhaus zu spenden schien? Sicher, mit ihren hohen Wangenknochen, den violetten Augen und den langen schwarzen Haaren war sie eine wahre Schönheit. Aber sie verhielt sich jedem gegenüber wie ein Eisklotz. Niemand konnte sich für einen Eisklotz erwärmen. Oder?
Fellon beobachtete sie nun schon seit drei Wochen und war aus dem Staunen gar nicht mehr heraus gekommen. Wie eine Steuereintreiberin ging sie alle sechs Tage durch die Stadt und sammelte bei immer neuen Spendern Geld ein. Sogar den Kult der Toruswächter und die Stadtwache hatte sie mit Beuteln voller Münzen verlassen. Alles in allem musste ihr Einkommen ein Vielfaches dessen betragen, was zum Unterhalt eines Waisenhauses erforderlich war.
Entweder sie war sehr raffgierig oder sie erhielt das Geld nicht für die Kinder sondern für irgendeine andere Dienstleistung. Wenn das Waisenhaus nur eine Tarnung sein sollte, war sie jedoch eine hervorragende Schauspielerin. Alle paar Tage ging sie mit einigen der Kinder auf den Markt und bot ein geradezu idyllisches Bild. Als sie einem besonders kleinen Hosenscheißer die Nase putzte, hatte er sie sogar lächeln gesehen. Die Bälger schienen sie zu mögen…
Wie auch immer: Der Tipp von dieser Göre – wie hieß sie noch? – Pinca war Goldrichtig gewesen. Das seltsame Weib schwamm geradezu im Reichtum und schien sich keine großen Sorgen um Leute wie ihn zu machen. Und vielleicht hatte sie auch gar nicht Unrecht: Wer bestahl schon ein Waisenhaus? Noch dazu eines, dass offensichtlich von den Mächtigen der Stadt unterstützt wurde? Nun, einer würde wohl den Anfang machen müssen. Was sollten die Blagen schon mit dem Geld anfangen können?

~~~

Fellon arbeitete gern im Schutz der Dunkelheit. Dennoch ließ er sich ungern eine Tageszeit aufzwingen. Violas Waisenhaus lag jedoch an einem offenen Platz und schmiegte sich nahtlos in einen ganzen Block größerer Gebäude ein. Hier unbeobachtet am helllichten Tag einzusteigen war ausgeschlossen. Selbst nachts würde es nicht einfach werden, weil die Stadtwache regelmäßig ihre Runde machte und das einzige Fenster ohne Fensterläden ausgerechnet das Schlafzimmer der Hausherrin war. Einigermaßen sicher konnte er also nur nach Einbruch der Dunkelheit und vor dem Zubettgehen des Weibsbildes ins Haus gelangen.
Vorsichtig spähte er durch die geschlossenen Fensterläden im Erdgeschoss. Wie jeden Abend stand Viona in der Küche und wusch das am Tag angefallene Geschirr. Wozu diese übertriebene Reinlichkeit gut sein sollte und warum sie das nicht die Blagen erledigen ließ, war ihm schleierhaft. Gleich würde sie noch einen Teig ansetzen, aus dem sie morgen früh frisches Brot backen würde. Er hatte mindestens eine halbe Stunde Zeit, bis sie nach oben ins Schlafzimmer gehen würde.
Mit einem schnellen Rundblick vergewisserte er sich, keine unliebsamen Zuschauer zu haben und begann zu klettern. Die ungleichmäßige Fassade aus Natursteinen stellte für einen geübten Einbrecher wie ihn kein Hindernis dar. Flink wie ein Gecko überwand er den Höhenunterschied von knapp vier Metern und zog sich durch das offene Fenster ins Haus.
Erstaunt nahm er die behagliche Wärme und den angenehmen Duft nach kostbarem Räucherwerk wahr. Aus der Nähe erkannte er, dass das aus der Ferne einfach wirkende Bett mit edlen Seidenstoffen bezogen war. Den kleinen Kleiderschrank in der Ecke hatte er von außen nicht sehen können. Jetzt erkannte er ihn als ebenso teure wie meisterhafte Arbeit aus Nommak. Ein ebenso wenig von außen zu sehender Kristallspiegel von beinahe zwei Metern Höhe rundete das Bild ab. Verschleuderte das Weib seine Beute etwa für irgendwelchen Luxus-Firlefanz? Ungerechter Zorn flammte kurz in ihm auf, dann hatte er sich wieder unter Kontrolle. Es würde noch immer genug für ihn übrig geblieben sein.
Kurz orientierte er sich. Nach ihren Beutetouren, wie Fellon das Einsammeln der Spenden nannte, hatte er von außen beobachten können, wie sie mit einer Tasche in der Hand an der offenen Schlafzimmertür vorbeigekommen war. Auf Zehenspitzen huschte er durch den Raum und warf einen vorsichtigen Blick in den dunklen Flur. Zu seiner Überraschung war hier eine ganze Front von Fenstern zu sehen, deren Läden derzeit allerdings geschlossen waren. Das Haus musste weit schmaler sein, als er erwartet hätte. Der Boden bestand aus schwarzem Granit! Und das im ersten Stock! Glaubte das Weib, hier einen Palast zu betreiben? Links konnte er im Halbdunkel zwei Türen und ein Treppengeländer erkennen und als er nach rechts schaute, dorthin wo das seltsame Weib mit dem Gold verschwunden war, musste er lächeln. Schon nach wenigen Metern endete der Flur vor einer weiteren Tür und ließ keinen Zweifel daran, wo sich die Schatzkammer des Hauses befand.
Reglos verharrte er ein paar Herzschläge und hörte ins Haus hinein. Außer leisen Geräuschen aus der Küche war kein Laut zu hören. Kurz lächelte er bei dem Gedanken, die Hausherrin habe die Bälger mit kostbaren Drogen aus dem Süden ruhig gestellt. Dann wurde sein Gesicht wieder grimmig. Lautlos glitt er auf den Flur hinaus. Sein Gewicht verursachte nicht das leiseste Knirschen auf dem teuren Boden. Beiläufig warf er einen Blick durch einen Spalt der Fensterläden und stockte. Das Haus hatte nicht nur einen Innenhof, sondern sogar ein mit Wasser gefülltes Becken. Zwei hölzerne Agriale und ein gesattelter Mantua aus Stein hielten Wache über einem Chaos von Reifen, kleinen Klötzchen und ähnlichem Spielzeug. Das Weib konnte doch nicht wirklich ihr Gold den Bälgern in den Rachen stopfen? Er ertappte sich, staunend vor dem Fenster stehen geblieben zu sein, und rief sich zur Ordnung. Er hatte keine Zeit dafür.
Noch einmal horchte er ins Haus hinein, doch außer dem Werken in der Küche war noch immer alles ruhig. Wenige Schritte später stand er an der Tür und fand diese verriegelt. Tastend erkannte er ein hochwertiges Schloss, dessen Qualität ihn erneut um seine Beute fürchten ließ. Doch wer sich ein so kostbares Schloss leistete, musste doch auch etwas zu sichern haben, baute er sich auf. Unbeeindruckt holte er ein paar Werkzeuge aus seinem Gürtel und rückte dem kleinen Kunstwerk mit geübter Rücksichtslosigkeit zu Leibe. Wenige Augenblicke später belohnte ihn ein sattes „Klack“ für seine Mühe. „Fast zu einfach“, dachte er bei sich.
Lautlos öffnete er die offenbar gut geölte Tür und glitt in einen absolut lichtlosen Raum hinein. „Das wird ja immer besser“, freute er sich. Denn in einem Raum, der offensichtlich keine Fenster hatte, konnte er auch nicht beobachtet werden. Vorsichtig tastete er sich durch die Schwärze und berührte nach kaum zwei Schritten eine vollkommen glatte Fläche aus Stein. Konzentriert tastete er weiter an der Wand entlang und rechnete damit, jeden Augenblick auf ein Möbelstück zu treffen. Überrascht stellte er jedoch fest, dass er sich in einem leeren, 2 mal einen Schritt großen Raum befand, der keinerlei Gegenstände zu enthalten schien. Außerdem war der Duft nach feinem Räucherwerk noch wesentlich intensiver geworden. So etwas Seltsames war ihm noch nie untergekommen.
Nach kurzem Zögern entschied er, etwas Licht zu riskieren. Geschmeidig ließ er seinen Schulterbeutel von der Schulter gleiten und holte eine sorgsam verpackte Glasröhre hervor sowie ein mandelförmiges, Faustgroßes Keramikobjekt hervor. Ein kleines Vermögen hatte er für diesen Schatz ausgegeben. Geschickt setzte er die Röhre auf eine passende Vertiefung des größeren Objekts und ließ sie mit einer ruckhaften Drehung einrasten. Ein kompliziertes System von Rädern und Federn ließ daraufhin genau unter dem Glasröhrchen eine Schutzklappe zurückgleiten und setzte damit den Inhalt des Keramikteils der umgebenden Luft aus. Mit kaum hörbarem Fauchen zündete das kleine Wunderwerk eine kleine Flamme und tauchte den Raum von einem Augenblick auf den anderen in schwaches, rotgoldenes Licht.
Zu seinem maßlosen Erstaunen stellte er fest, dass er sich nicht in einem Raum, sondern in einer Art Grube von fast 3 Schritten Höhe befand. Außer der Tür gab es keinen sichtbaren Ausgang. Das musste doch ein Trick sein. Fellon konnte sich nicht vorstellen, dass eine vornehme Dame wie Viona Makanar – selbst wenn sie es könnte – hier hinaufklettern würde. Verwirrt begann er, die Wände abzuklopfen. Dann wurde ihm bewusst, wie wenig Zeit er zur Verfügung hatte. Es würde nichts schaden, zumindest einen Blick in den eigentlichen Raum zu werfen.
Vorsichtig stellte er die Lampe auf den Boden. Als geübter Fassadenkletterer brauchte er nicht einmal einen Anlauf. Mit einem Satz packte er die Oberkante der Grube und zog sich in einer flüssigen Bewegung über die Kante. Doch kaum hatte seine Nase die Kante überwunden, verschlug es ihm die Sprache. Diesen einen Farbton kannte er! Gold! Im Widerschein seiner schwachen Lampe sah er einen ganzen Berg davon. Beinahe hätte er ob des wunderbaren Anblicks den Halt verloren.
Genaues war aus der Entfernung nicht auszumachen. Das Gold schien auf irgendetwas zu liegen und dahinter… dahinter schienen irgendwelche weißen Säulen zu sein. Säulen? Was für Säulen? Es dauerte nicht einmal einen Herzschlag, bis er den Gedanken als vollkommen gleichgültig beiseite schob. Hastig zog er sich vollständig auf den eigentlichen Boden des Zimmers und lief stolpernd auf den verheißungsvollen Glanz zu. Es war tatsächlich Gold. Feinsäuberlich waren die Münzen zu ordentlichen Türmchen aufgeschichtet und die Handelsbarren zu jeweils 5 zusammengefasst. Ein kleines Vermögen lag hier auf einer unscheinbaren Truhe. Er konnte sein Glück kaum fassen. Noch nie hatte er eine solche Beute auf einen Schlag in die Finger bekommen. Mit zitternden Händen nahm er seinen Schulterbeutel ab und öffnete ihn. Doch gerade, als er mit vor Gier zitternden Fingern das Gold einsammeln wollte, stutzte er: Das im Hintergrund waren keine Säulen. Sie reichten nicht bis auf den Boden herab. Sie begannen ganz dünn an der Decke und endeten etwa in Höhe seines Beckens als grob birnenförmige Objekte von vielleicht einem halben Schritt Dicke. Staunend an Ort und Stelle hockend versuchte er, sich einen Reim auf seine seltsame Entdeckung zu machen.
„Wie nennt man da, wo Du herkommst jemanden, der ein Waisenhaus bestiehlt?“ Die eiskalte Stimme schnitt ihm tiefer durch Mark und Bein als es jede Klinge gekonnt hätte. Keuchend fuhr er herum. Sein Langdolch sprang ihm förmlich von selbst in die Hand.
Die schlanke Silhouette der Hausherrin zeichnete sich wie ein drohender Racheengel vor dem Licht der noch immer am Boden der Grube stehenden Lampe ab. Erstaunt stellte er fest, dass sie nicht einmal bewaffnet war. In ihrer maßlosen Überheblichkeit schien sie zu glauben, ihn einfach einschüchtern zu können. Wären die Lichtverhältnisse nicht so schlecht gewesen, hätte sie den kalten Glanz in seinen Augen sehen können. Er würde sich weder an die Stadtwache verraten noch vom Gold trennen lassen. In seinen Augen war die überhebliche Gans schon tot.
„Und jetzt willst Du auch noch die einzige Person töten, die sich in dieser Stadt um Waisenkinder kümmert?“ Sie klang amüsiert! Wie überheblich war dieses Weib eigentlich? Wenn er es klug anstellte, würde sie bis zum Schluss glauben, nicht in Gefahr zu sein. Sie würde nicht einmal schreien. Fieberhaft überlegte er, wie er sich ihr möglichst wenig bedrohlich nähern konnte.
Plötzlich begann sie zu kichern und wandte ihr Gesicht nach links, als wolle sie heftig aber möglichst langsam den Kopf schütteln. Das Kichern wurde immer höher und er glaubte schon, dass sie den Verstand verloren hätte, doch dann ging die Drehung des Kopfes einfach weiter! Als hätte sie keine Wirbelsäule drehte sich ihr Kopf einfach weiter, bis er sich von ihrem Hinterkopf im wahrsten Sinne des Wortes angestarrt fühlte. Zeitgleich vernahm er ein entsetzlichen Knacken aus ihrer Richtung. Wie gelähmt beobachtete er mit wachsendem Entsetzen, wie ihre Finger länger und länger wurden. Nadeldünn, aber so lang, dass sie klackend über den Boden glitten, wurden sie. Im düsteren Zwielicht der hinter ihr stehenden Lampe stand plötzlich das grauenerregendste Monstrum, dass er je gesehen hatte. Unter ihren langen Haaren wurden rot glühende Augen sichtbar und er wusste, dass er dankbar sein sollte, durch das schlechte Licht nicht den Rest ihres Gesichts sehen zu müssen. Sekundenlang kämpften der Impuls zu schreien und der Impuls sie anzugreifen miteinander.
Ein scharfes „Plopp“ irgendwo in ihrem Gesicht beendete diesen Wiederstreit. Er fühlte, wie etwas Spitzes seinen Hals traf. Dann verweigerte sein Körper den Dienst. Wie ein Stein fiel er zu Boden und verlor in einer Flut des Entsetzens jedes Gefühl für Zeit. Irgend etwas weißes legte sich Schicht um Schicht über ihn, dann fühlte er, wie er unendlich langsam in die Höhe gezogen wurde…

~~~

Pinca freute sich schon seit Tagen auf ihre Belohnung. Lachend, dass ihre roten Locken flogen, fiel sie ihrer geliebten Ziehmutter in die Arme. Wie immer erwiderte Viona die warme Umarmung und lächelte hintergründig.

- ENDE-

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taverne/kurzgeschichten/goldrausch.txt · Zuletzt geändert: 03.05.2019 11:54 von lapismont