Fünfter Zwischenstopp: Lateinamerika

von Oliver Kotowski

 

Letzen Monat hatten wir uns ein paar phantastischen Lesenswürdigkeiten Ostasiens und Ozeaniens angesehen und waren weiter in den Osten gereist – nach Lateinamerika, also Süd- und Zentralamerika, etwas Karibik und sogar ein bisschen Nordamerika (nämlich Mexico).

Lateinamerika! Da drängt sich ein Begriff auf: Magischer Realismus. Der wurde entscheidend von lateinamerikanischen Schriftstellern geprägt und ist so fest mit diesem Kontinent verknüpft, dass gelegentlich diskutiert wird, ob es überhaupt Magischen Realismus in anderen Kulturen gibt. Selbstverständlich wird es einige Werke dieser Spielart der Phantastik geben. Zwar hat J. L. Borges Einfluss auf den Magischen Realismus gehabt, aber selbst nichts Dazugehöriges geschrieben, und so wäre es auch falsch, den Kontinent darauf zu begrenzen – es wird also nicht nur Magischen Realismus geben. Die enge Verbindung mit dem allgemein akzeptiertem Magischen Realismus ist für die Phantastik Segen und Fluch zugleich, denn Werke jenseits dieser Spielart auf dem deutschen Buchmarkt zu erhalten ist leider nicht ganz leicht. Überhaupt ist es überraschend, wie sehr sich die Übersetzungen auf zwei Länder – Argentinien und Mexico – konzentrieren; für diese beiden ließen sich ohne Weiteres Dutzende phantastische Werke finden, für Peru wird es schwierig.

Lateinamerika ist im europäischen Alltagsdiskurs üblicherweise mit folgenden Themen vertreten: spanischer Kolonialismus, unter dem die indigenen Völker zu leiden hatten, linke Terroristen & rechte Milizen, Diktaturen, die von Linkspopulisten abgelöst werden, Armut, Drogenkartelle und großer Fußball. Fußball wird selten in der lateinamerikanischen Literatur verarbeitet, die anderen Themen wesentlich häufiger, wobei Drogen immer noch relativ ungewöhnlich sind.

 

Nach der langen Reise über den Pazifik wäre es naheliegend, in Chile festzumachen, doch wir umrunden noch Kap Hoorn und gehen erst in Argentinien an Land – natürlich startet man in J. L. Borges Heimat, wenn man sich mit lateinamerikanischer Phantastik befasst – zumal, wenn man sich irgendwie in der Tradition des Meisters sieht. Argentinien gehört zu den reicheren Nationen Südamerikas, was sicherlich wechselseitig mit der politischen Stabilität seit 1983 zusammenhängt – Borges selbst hat noch eine Reihe von Unruhen und Diktaturen erlebt. So ist das Land hier vor allem für Rindfleisch und Fußball bekannt – wenn es nicht gerade mit Britannien um die Falklandinseln streitet. Ich will die Nachwuchsautorin vorstellen, die quasi an der Schnittstelle zwischen Erster und Dritter Welt schreibt.

Die Familie Brontë war nie richtig heil. Doch so lange Lala – eigentlich Paula – mit dem paraguayischen Dienstmädchen Guayi Zeit verbringen kann, ist alles nicht so schlimm: Lala ist unsterblich in Guayi verliebt. Dann landet der Bruder in der Drogenentziehung, die Mutter brennt nach Indien durch und der Vater – er vergewaltigt Guayi. Lala beschließt, dass es so nicht weitergehen kann, und handelt. Es ist der Anfang eines Horrortrips. Das Fischkind ist zunächst ein Sittengemälde Buenos Aires', das an der Entwicklungsgeschichte Lalas aufgezeigt wird. Lala bekommt es mit eitlen Polizisten, schäbigen Gefängniswärtern, Zwangsprostitution, Drogen und Gewalt zu tun. Dieses Buenos Aires lebt vom schönen Schein, weil das schäbige Sein unerträglich ist. Dazu kommen die phantastischen Elemente. Erzählt wird die Geschichte aus der Sicht von Lalas Hund. Und dann ist da noch das Fischkind – Guayis Geschichte fängt nämlich nicht erst als Dienstmädchen der Brontës an. Sie ist Mutter, doch was ist aus ihrem Kind geworden? Um herauszufinden, ob es sich hierbei um eine todorovsche Phantastik handelt, muss man genau lesen. Es ist beeindruckend rasant, brutal und bitter – doch es gibt auch wahre Schönheit.

Lucía Puenco, Das Fischkind (Argentinien 2004, 157 Seiten)

 

Weiter geht es in den nördlichen Nachbarn Brasilien. Auch Brasilien ist eines der reicheren lateinamerikanischen Länder, nach Unruhen und Diktaturen gibt es seit 1985 wieder eine Demokratie. Damit ist die Armut natürlich nicht ausgeräumt – der gegenwärtige Präsident Lula arbeitet am Programm "Kein Hunger". Brasilien ist bekannt für den Karneval in Rio und wieder Fußball. Außerdem besitzt Brasilien ein gewaltiges Dschungelgebiet, den größten Urwald der Welt. Leider wird er seit Jahren viel zu sehr abgeholzt, was besonders in Zeiten des Klimawandels keine gute Idee ist. Mit genau diesem Thema befasst sich auch das folgende Werk.

Souza schleppt sich zum Bus. Seit er als Professor für Geschichte entlassen wurde, weil er dem System unbequeme Fragesteller nicht meldete, kontrolliert er Computerausdrucke. Völlig sinnlos; in den Jahren, die er damit zubrachte, hat er noch nie einen Fehler entdeckt. Im Bus entdeckt er, dass er ein Loch in der Hand hat. Es tut gar nicht weh. Dennoch verbirgt er es, weil die Ziviltäre überall sein können, und man verschwindet schon wegen Geringerem in der Isolation. Seit der Urwald vollständig durch Wüste ersetzt wurde, wird die Hitze immer unerträglicher, die Menschen drängen in den Süden Brasiliens und die Ziviltäre sortieren immer rascher und unbarmherziger aus. Glücklicherweise ist Souzas Neffe ein Militechner und kann Souza und dessen Frau Adelaide gelegentlich Wassermarken zuschanzen – doch Souza ahnt, dass das seinen Preis haben wird. Kein Land wie dieses wird oft als negative Utopie beschrieben – zweifelsohne ist das surreale Setting weitgehend ablehnenswert. Doch damit lenkt man den Blick von einer wichtigen Eigenheit ab: Souza macht eine drastische Entwicklung durch – und zwar zum Schlechteren. Hinzukommt, dass Souza als Ich-Erzähler der Geschichte unzuverlässig ist; seine bittere Ironie lockert den Ton allerdings nicht auf, sondern lässt die Übel nur schärfer hervortreten.

Ignácio de Loyola Brandão, Kein Land wie dieses (Brasilien 1983, 372 Seiten)

 

Und es geht weiter nach Norden, diesmal zum Nachbarn Kolumbien. 1819 führte Simón Bolívar das Land in die Unabhängigkeit und gründete die älteste Republik Lateinamerikas; schon 1821 versuchte er die Sklaverei abzuschaffen. Lange ist der progressive Geist fort – seit 1948 wird in dem Land mal mehr, mal weniger blutig ein Bürgerkrieg geführt, bei dem die staatlichen Organe, Wirtschaft, paramilitärische Milizen, linke Rebellen und Kriminelle unentwirrbar miteinander verstrickt sind. Drogen, besonders Drogenkartelle sind ein zentrales Thema. Damit im Zusammenhang stehende Kriminalität setzen das Land – trotz der schwierigen Lage Irak und Afghanistan – an die Spitze bei Entführungen und politischen Morden. An Letzterem ist die Armee maßgeblich beteiligt: Soldaten erhalten für außergerichtliche Hinrichtungen Prämien wie Sonderurlaub. Außerdem gibt es die Musikerin Shakira, die spielt in der Literatur aber keine Rolle. Es folgt eine relativ unpolitische Geschichte vom 'Erfinder' des Magischen Realismus.

An ihrem zwölften Geburtstag wird das Mädchen Sierva María von einem tollwütigen Hund gebissen. Da sie das Kind des Marqués von Casalduero ist, wird die Angelegenheit heruntergespielt – im Cartagena des späten achtzehnten Jahrhunderts ist die Tollwut immer noch ehranrüchig. Die Eltern hassen einander und verabscheuen im Kind die negativen Seiten des anderen – das Kind wurde bisher zu den Sklaven abgeschoben. Entsprechend beherrscht es verschiedene afrikanische Sprachen, ist mit den Amuletten allerlei heidnischer Götter behängt – und lügt jeden Weißen an. Doch als Sierva María gebissen wird, will der Marqués sie retten. Zunächst geht er zum Arzt Abrenuncio, der ein Nekromant sein soll. Als jedoch der Bischof vom Biss und der Behandlung durch den Atheisten hört, beschließt er, prüfen zu lassen, ob das Mädchen von einem Dämon besessen ist – schließlich ist Tollwut häufig ein Zeichen für Besessenheit. Doch als der Inquisitor sich mit Sierva María beschäftigt, verliebt er sich. Von der Liebe und anderen Dämonen erzählt die kurze Entwicklungsgeschichte der Sierva María, der später von den Farbigen einige Wunder zugeschrieben wurden. Der Roman ist eine Mischung aus Magischem Realismus und historischer Geschichte – viele Wunder werden als Aberglaube der weißen Katholiken heruntergespielt. Trotz des handlungsarmen Plots und situativen Erzählens ein fesselnder Roman.

Gabriel García Márquez, Von der Liebe und anderen Dämonen (Kolumbien 1994, 196 Seiten)

 

Und noch weiter in den Norden – in die Karibik, genauer gesagt: Kuba. Ah, Kuba! Sozialismus, Zigarren & richtiger Rum! Ist natürlich alles ganz schrecklich. Einer der letzten Schurkenstaaten der Welt – da werden nämlich Oppositionelle verfolgt. In kapitalistischen Demokratien – wie Kolumbien – ginge das nicht. Außerdem sieht man an Kuba, dass der Sozialismus arm macht. In Haiti, dem östlichen Nachbarn Kubas, gibt es Demokratie und Kapitalismus – und dennoch ist es eines der wenigsten entwickelten Länder der Welt, was es auch schon vor dem Erdbeben war. Das folgende Werk wurde von einer Kubanerin verfasst, behandelt aber das Leben auf Haiti.

Der US-Amerikaner Victor S. Grigg erhält ein verlockendes Angebot: Dr. Patterson, die Koryphäe im Gebiet der Herpetologie, bietet ihm ein zweijähriges Stipendium mit Forschungsthema nach eigener Wahl an – dafür muss er nur nach Haiti und einen Frosch fangen. Diesen Frosch gibt es allerdings angeblich nur noch auf dem Berg der verschwundenen Kinder. Gemeinsam mit dem haitianischen Führer Thierry Adrian begibt er sich auf die Suche in ein Land des Voodooglaubens und zügelloser Brutalität. Monteros Roman besitzt zwei Handlungsstränge – Grigg sucht den Frosch und reflektiert sein Leben, während Thierry vom Leben auf Haiti erzählt, von seinem Vater, der Zombiejäger war, der ausschweifenden Sexualität, der Affäre mit seiner Stiefmutter und den hemmungslosen Morden der Macoutes und ihren verstümmelten Leichen. Oftmals kann man diesen Roman für eine Horror-Geschichte halten, doch für den Horror sind keine Voodoo-Kultisten zuständig, sondern die verrohende Armut und die Machtfantasien der gewaltbereiten Milizionäre. Dieser Tenor wird hervorragend vom Grundthema des Verlierens bzw. Verschwindens unterstützt. Ein magisch-realistisches Sittengemälde Haitis.

Mayra Montero, Der Berg der verschwundenen Kinder (Kuba 1995, 213 Seiten)

 

Zum Abschluss für diesen Zwischenstopp geht es nach langer Zeit einmal wieder direkt in den Westen, nach Mexico. Mexico ist ein eigenwilliges Land. Es ist die führende Volkswirtschaft Lateinamerikas und steht auch global recht gut da. Es liegt in puncto Bildungsausgaben nur einen Platz hinter Deutschland (was zugegebener Maßen keine große Leistung ist). Aber es hat auch eine langjährige Geschichte der Gewalt und Rebellionen – nicht umsonst tauchen die Erben der Azteken in Westernfilmen als ständiger Arbeitgeber für Gringo-Söldner auf. Gegenwärtig macht das Land Schlagzeilen mit seinem Krieg gegen Drogen: In der ersten Hälfte dieses Jahres sind ihm schon über 7.000 Menschen zum Opfer gefallen; zu Tode Gefolterte sind keine Seltenheit. Daneben sieht Afghanistan wie Picknick aus. Wen wundert es also, wenn aus diesem Land beunruhigende Geschichten stammen?

Sechsmal begibt sich der Leser in unheimliche Gesellschaft. So erfährt er von Don Esteban, der die aufgeschlossene Amerikanerin Calixta Brand heiratet. Doch der sadistische Ehemann erträgt die Größe seiner Frau nicht und so beginnt ihr langes Martyrium. Dann folgt er dem Notar Navarro ins mexikanische Anwesen von Graf Vladimir Radu, der eine ungewöhnliche Diät hält; der abstoßende Rumäne führt den Notar in Versuchung. Schließlich ist da noch Emil Baur, ein deutscher Auswanderer mit Nazi-Vergangenheit, der Dr. Caballero wegen seiner Frau zu sich ruft, die anscheinend an einer seltsamen neurologischen Krankheit leidet. Bald stellt sich heraus, dass sie zu alt für ihre Erscheinung ist. In Fuentes' Geschichten schälen sich nur ganz allmählich monströse Wahrheiten heraus, die den Leser verwirren und herausfordern werden. Seine klassischen Wundergeschichten, die er jedoch mit allerlei exzentrischen, grotesken Figuren und einem modernen mexikanischen Setting versieht, halten Bitterkeit und Erlösung in einem sorgfältig austarierten Gleichgewicht.

Carlos Fuentes, Unheimliche Gesellschaft (Mexiko 2004. 303 Seiten)

 

Das war es für diesen Monat. Nächsten Monat schleichen wir uns illegal über die Grenze in den Norden und sehen die USA und Kanada an und dann zurück nach Europa.

 

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Eure Meinung:

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Anubis
Montag, 13. September 2010 17:46 Uhr
Cool, mit Empfehlung von Lucía Puenzo. Fehlt höchstens der Hinweise, dass der Stoff von der Autorin selbst verfilmt wurde. Nach ihrem supergenialen Film-Erstling kann ich's kaum erwarten, das zu sehen.

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zuletzt aktualisiert: 25.02.2015 08:54 | Users Online
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