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Vierter Zwischenstopp: Asien und Ozeanien

von Oliver Kotowski

 

Letzten Monat hatten wir uns viel an der Ostküste Afrikas, am Indischen Ozean, aufgehalten. Diesen Monat geht es quer darüber hinweg, nach Asien, genauer gesagt: Indien und Ostasien. Dieser Raum ist nicht nur riesig, er bietet auch eine breite Palette an Literatur. Schaut man zur kurzen Phantastik, dann wird es wieder relativ eng: Japans Bandbreite wird anscheinend noch zur Gänze vom deutschen Buchmarkt widergespiegelt – Fantasy, SF, Horror, Phantastik a la Caillois, al la Todorov, magischer Realismus, alles ist vertreten. Doch schon bei China wird es dünn. Ich weiß, dass es seit einiger Zeit einen Boom an Geschichten des magischen Realismus in China gibt, doch der wird bisher weitgehend ignoriert (eine Ausnahme ist Mo Yans Ziegelstein Schnapsstadt). Literatur aus China soll entweder kritisch die schlimmen Zustände anprangern (gerne von Exil-Chinesen verfasst) oder zeigen, dass die junge Generation wild und westlich ist (gerne von jungen, in China lebenden Chinesen verfasst). Ausnahmen bestätigen die Regel.

Damit will ich noch kurz ein Problem anreißen, dass sich gelegentlich stellt, bei diesem Zwischenstopp aber gleich zweimal: Wohin steckt man einen Schriftsteller, wenn er nicht mehr in dem Land lebt, in dem er geboren wurde? Zum Beispiel Amitav Ghosh wurde in Indien geboren, lebt aber seit Jahren in den USA. Also wie handhabt man das? Keine Ahnung wie man das macht; ich mache es so, dass ich den Schriftsteller in das Land verorte, in dem er aufgewachsen ist.

Ach ja, fast hätte ich es vergessen: Es geht diesem Monat ja nicht nur um Asien, es geht auch um Ozeanien! Ich habe es an Asien angehangen, weil es aus dieser Region nur sehr wenig auf den deutschen Buchmarkt gibt – Phantastik, die meinen Kriterien entspricht, noch viel weniger. Und ich finde, es passt geografisch ganz gut.

 

Also, von Dschibuti aus über den Indischen Ozean nach Osten, nach Indien. Wahrlich ein Land der Widersprüche: Es gibt ein Kastensystem, das Vergewaltigung unterschiedlich ahndet, in der Öffentlichkeit küssende Liebende werden von Polizisten und anderen Moralwächtern (ebenfalls in der Öffentlichkeit) verprügelt, zahllose junge Mädchen prostituieren sich für rund 16 Euro im Monat. Daneben gibt es große Bollywood-Stars, eine gigantische Glitzerfilmindustire, Hightech-Industrie und Anlagen für Ultra-Reiche, die sich hinter denen der westlichen Welt keineswegs verstecken müssen. Der Akademiker Amitav Ghosh greift diese und weitere Widersprüche zurückhaltend auf.

Eines Tages stößt die KI Ava auf ein Artefakt, das sie sich nicht erklären kann, und wendet sich an ihren Operator Antar, einen in die Jahre gekommenen ägyptischen Tele-Worker, der in New York lebt. Der erkennt es gleich – es ist die Ausweißkarte seines früheren Kollegen Murugan, der in den 90ern spurlos verschwand. Antar erinnert sich, dass Murugan ein seltsamer Kauz war, der sich selbst als den größten Experten zum Thema Sir Ronald Ross beschrieb. Ross hatte etwa hundert Jahre zuvor völlig überraschend in einem Labor in Kalkutta den Malaria-Erreger entdeckt und dafür den Nobelpreis erhalten. Murugan ist der festen Ansicht, dass Unbekannte aus dem Dunkel heraus Ross unterstützen, und riskierte deshalb seine Karriere bei LifeWatch, um die Verschwörung aufzudecken. Antar beginnt, sich über vergangene Ungereimtheiten zu wundern. Das Calcutta Chromosom ist ein spannender im Kalkutta der nahen Vergangenheit spielender SF-Thriller, der beiläufig ein modernes Leben voller Gegensätze schildert. Wirklich ungewöhnlich ist die vielschichtige Rätselstruktur des Romans – der Leser wird aufmerksam lesen müssen, wenn er die komplexe Verschwörung um den Malaria-Erreger bis ins Letzte verstehen will.

Amitav Ghosh, Das Calcutta Chromosom (Indien 1995, 286 Seiten)

 

Von Indien aus geht es über den Himalaja nach China. China ist vermutlich das präsenteste Land in europäischen Ostasiendiskursen. Ähnlich wie in Indien, gibt es auch da einige Spannungen: Tibet ist wohl das in Deutschland bekannteste Problem, aber die Uiguren bereiten ebenfalls welche, die Landbevölkerung ist extrem arm und wird von den Städtern diskriminiert, die Kommunisten der Regierung sind fiesere Kapitalisten als die Republikaner der USA, es gibt Zensur und die meisten Hinrichtungen der Welt. Und es gibt eine uralte und unendliche reiche und feine Kultur. Einige der Probleme nimmt die Exil-Chinesin Xiaolu Guo mit bitterem Humor auf.

2012 schickt die Partei die beiden Agenten Beijing 1919 und Huan 1989 nach Silberberg, um einen seltsamen Bericht zu untersuchen: Die Außenseiterin Kwok Yun will eine fliegende, silberne Scheibe gesehen haben und hatte einen blonden Fremden aufgenommen. Die ehrgeizige Ortsvorsteherin Chang Lee macht aus der Scheibe ein UFO. Die Agenten befragen die Dörfler, um die Zuverlässigkeit der Zeugen feststellen zu können – es zeichnet sich ein wenig schmeichelhaftes Bild von der Lage und den Bewohnern des hinterwäldlerischen Dorfes ab. Als dann einige Zeit später der Fremde aus den USA einen Scheck über 2.000 Dollar nach Silberberg schickt, die für die Bildung verwendet werden sollen, wittert Chang die große Chance, etwas zu bewegen. Ein UFO, dachte sie ist ein satirisches Sittengemälde, das die ländlichen Gebiete Chinas zeigt. Guo entwickelt ein Szenario, in dem das Wohlergehen der Menschen nicht von der technologischen Entwicklung abhängt; mit bitterer Komik lässt sie ihre fiktiven Schützlinge in allen Situationen leiden. Bemerkenswert ist auch die Form des Romans: Es ist eine Aneinanderreihung von Gesprächsprotokollen, Statistiken, Landkarten, Strategiepapieren und dergleichen mehr – die ganze Satire ist konsequent an diese objektive Erzählsituation angepasst.

Xiaolu Guo, Ein UFO, dachte sie (China 2009, 222 Seiten)

 

Damit zu Chinas Nachbarn Südkorea. Über Südkorea weiß die deutsche Öffentlichkeit fast nichts. Südkorea ist irgendwie wie Japan, nur anders. 2002 war da Fußball-WM – die Südkoreaner waren im Halbfinale gegen Deutschland ausgeschieden. Und sonst? Sonst ist da noch das schwierige Verhältnis zu Nordkorea, in dem ein semikommunistischer Diktator mit einer massiven Militärmacht über verhungernde Bürger herrscht. Die Schurkenrolle ist schnell besetzt. Hwang Sok-yong gibt sich schriftstellerisch Mühe, die Karten noch einmal neu zu verteilen – dafür saß er fünf Jahre in Haft. Wer hätte das vom guten Südkorea gedacht?

Pfarrer Ryu Yosop lebt seit Jahrzehnten in den USA im Exil. Kurz bevor er die Erlaubnis von den nordkoreanischen Behörden erhält, seiner Heimat einen Besuch abzustatten, stirbt sein Bruder Yohan. Yohan war im koreanischen Bürgerkrieg nach der Befreiung von den Japanern aufseiten der christlichen Milizen tätig gewesen und hatte viele Tote zu verantworten. Er war immer wieder von den Geistern der Getöteten heimgesucht worden. Nach seinem Tod gehen die Geister auf Yosop über. In der Heimat erfährt der Pfarrer zweierlei: Zum einen machen die Behörden die US-Imperialisten für die Massaker jener Zeit verantwortlich und zum anderen drängen die Geister auf eine Art von Aufklärung. Der Gast ist eine Mischung aus Geistergeschichte, Krimi und Kriegsdrama, die im Modus des magischen Realismus verfasst wurde. Zwar ist es zum Teil starker Tobak, doch der Horror geht nie von den Geistern aus, auch nicht von fremden Invasoren, sondern von den durch Krieg verrohten Nachbarn, die noch eine Rechnung zu begleichen haben; besondere Brisanz erhält der Text, da er nicht einfach eine realistische Fiktion ist, sondern eine Dramatisierung der Erlebnisse des historischen Exilanten Ryu ist.

Hwang Sok-yong, Der Gast (Südkorea 2001, 296 Seiten)

 

Nun geht es wieder mit dem Schiff auf den Pazifik nach Nippon, dem Land der aufgehenden Sonne. Japan ist im Ostasiendiskurs beinahe so präsent wie China, gleichzeitig aber weitgehend in den westlichen Raum eingemeindet: Japan ist Demokratie, Wirtschaftsmacht und bizarre Computerspielolympiaden. Es ist aber auch die Heimat der Samurai und Geishas und Kami bevölkern noch den kleinsten Schrein. Pittoresk verbinden sich exotische Tradition und ausgeflippte Moderne. Aus Japan stammt, wie erwähnt, eine breite Palette phantastischer Literatur – nicht nur in Form von Mangas. Nichtsdestoweniger präsentiere ich wieder einen meiner Lieblingsautoren: Haruki Murakami zeigt, wie westlich und modern ein Alltagsleben in Japan sein kann.

Sumire ist zweiundzwanzig. Mit dem Studium hat sie aufgehört, weil es ihr wie Zeitverschwendung vorkam. Überhaupt kommt ihr sehr Vieles aus dem bürgerlichen Leben wie Zeitverschwendung vor. Sie ist eine Aussteigerin mitten im modernen Japan. Sie will Schriftstellerin werden, produziert aber nur Seite um Seite Schreibversuche, die allerdings gar nicht mal schlecht sind. Dann aber trifft sie die ältere Geschäftsfrau Miu und verliebt sich Hals über Kopf in sie. Miu indes ist auch an Sumire interessiert. Sie gibt ihr einen kleinen Job im Büro. Dazu muss Sumire natürlich mehr auf ihr Äußeres achten, sie muss Italienisch lernen. Sumire schreibt immer weniger. Bald erkennt der Erzähler, der Sumire beinahe hemmungslos liebt, sie kaum noch wieder. Sie zieht sogar aus ihrer Bude aus. Auf einer Reise mit Miu durch Europa verschwindet sie schließlich spurlos. Miu bittet den Erzähler, bei der Suche zu helfen. Sputnik Sweetheart ist eine Mischung aus Liebesgeschichte und Mysterykrimi, denn Sumire verschwindet wirklich auf phantastische Art; dieses Verschwinden ereignet sich allerdings erst nach etwa der Hälfte des Romans. Murakami formt seine Dreiecksgeschichte um Bedürfnis und Schwierigkeit, anderen nahe zu sein, unvorstellbar präzise durch – wirklich bewundernswert.

Haruki Murakami, Sputnik Sweetheart (Japan 1999, 234 Seiten)

 

Und wieder auf's Schiff, über den Pazifik, ins Inselreich Ozeanien, genauer gesagt: Neuseeland. Terra incognita. Hier wohnen Kiwis. Und Hobbits. Rosie Scott zeigt, dass das Land sich durchaus mit denselben Themen zu beschäftigen hat, wie die meisten europäischen Länder.

Faith Singer war lange Zeit mit ihrem drogenabhängigen Ehemann Lin durch das Neuseeland der nahen Zukunft gezogen. Nach dem Tod ihrer Eltern kehrt sie nach Kingsburg, Auckland, zurück, um das Antiquariat ihrer Eltern mit ihrer kleinen Schwester Violet zu übernehmen. Nach und nach muss die romantische Faith feststellen, dass der konsequent ausgeführte Kapitalismus schwere Schäden in der Stadt hinterlassen hat – und dass ihre Schwester an bedeutenden Dingen mitarbeitet. Mit Raubstadt hat Scott die Entwicklungsgeschichte Faiths, die endlich einen Platz im Leben haben will, mit einem erbarmungslos extrapolierten Sittengemälde verknüpft – das Ergebnis könnte man als Dystopunk beschreiben. "Ist Kingsburg irgendetwas, wo man nicht hingeht oder so?" fragt Faith. "Wo man nicht hingeht und von wo man nicht zurückkehrt," antwortet Violet. Glücklicherweise kann der Leser diesen traurigen Ort wieder verlassen – vielleicht nimmt er etwas von Violets Geist mit sich.

Rosie Scott, Raubstadt (Neuseeland 1992, 214 Seiten)

 

So viel für diesen Monat. Nächsten Monat geht es weiter östlich über den Pazifik in den äußersten Westen: nach Lateinamerika.

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Zum Überblick:

Wer einen schnellen Blick auf die Landkarte braucht, um den Überblick zu behalten, kann dieses dank der CIA mit einen Klick auf dieselbe auch tun.

 

Wie wurde ausgewählt?

Wen interessiert, nach welchen Maßstäben ich ausgewählt habe, der findet hier Antwort.

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Amitav Ghosh: Das Calcutta Chromosom
Xiaolu Guo: Ein UFO, dachte sie
Hwang Sok-yong: Der Gast
Haruki Murakami: Sputnik Sweetheart
Rosie Scott: Raubstadt

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Erstellt: 10.08.2010, zuletzt aktualisiert: 24.02.2015 08:52