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Sputnik Sweetheart von Haruki Murakami

Rezension von Oliver Kotowski

 

Rezension:

Sumire ist eine ungewöhnliche junge Frau: Voller Ehrgeiz arbeitet die Zweiundzwanzigjährige daran, Schriftstellerin zu werden. Diesem Ziel hat sie alles andere untergeordnet; trotz fleißigen Schreibens hat sie bisher nicht mehr als ein paar gute Passagen hervorgebracht. Sie ist unangepasst, nicht besonders charmant und bisweilen sogar unhöflich. Dennoch kann sie Menschen, die ihr etwas bedeuten, in ihren Bann schlagen. Das ist einerseits der junge Lehrer K., der seit Studententagen hoffnungslos in sie verliebt ist, und andererseits die Geschäftsfrau Miu. Miu ist siebzehn Jahre älter als Sumire. Die beiden lernten sich auf einer Hochzeit kennen. Sie unterhielten sich über den Schriftsteller Jack Kerouac und Miu nannte ihn einen "Sputnik" – sie hatte den Begriff mit "Beatnik" verwechselt. Die Liebe zu dieser eleganten Frau bricht über Sumire wie ein Tsunami herein. Von da an ist Miu für Sumire ihr "süßer Sputnik". Miu findet Sumire ebenfalls interessant. Sie bietet ihr eine Arbeit in ihrem Büro an. Sumire nimmt an, denn sie ist über jeden Augenblick mit Miu glücklich. Während die beiden eine Reise durch Europa machen, geschieht überraschend das Unfassbare: Sumire verschwindet spurlos.

 

Auffällig am Setting ist das Moderne. So gehört Miu zum Jetset und fliegt mehrmals im Jahr von Japan nach Spanien, Frankreich und Italien, um Geschäftskontakte zu pflegen. Globalisierung spielt überhaupt stets eine unterschwellige Rolle: Sumire liebt Kerouac, trägt Mickey Mouse Strümpfe und arbeitet mit einem PowerBook, man trinkt Perrier und Heineken Bier und K. vergleicht Situationen gerne mit Zitaten aus europäischer Literatur. Insgesamt ist das Setting jedoch nur wenig ausgeführt. In der Regel haben Beschreibungen des Settings eine Verknüpfung zu den Figuren – die Inneneinrichtung einer Wohnung, ein als schön empfundener Strand usw. Damit lässt sich das Setting als eine Art Mischung aus Milieu und atmosphärischer Untermalung werten.

Es gibt genau ein phantastisches Element. Da es recht spät auftritt und meines Erachtens eine wichtige transversale Spannungsquelle darstellt, will ich hier nur soviel dazu sagen: Es hängt mit Mius Geheimnis und Sumires Verschwinden zusammen und ist ganz im Sinne Roger Caillois' "ein Riss in der Realität".

 

Die Figuren gehören zweifelsohne zu den wesentlichen Aspekten des Romans. Es gibt drei wichtige Figuren. Zentral ist Sumire. Sie ist eine junge Japanerin aus gutbürgerlicher Familie – ihr Vater ist ein sehr erfolgreicher Zahnarzt, ihre Stiefmutter ist Hausfrau. Schon in der Schulzeit war sie eine Eigenbrötlerin, die viel las. Sie begann dann ein Studium der Literaturwissenschaft, das sie aber bald gelangweilt abbrach. Seither schlägt sie sich mit einem großzügigen Taschengeld vom Vater und Gelegenheitsjobs durch. Sie schreibt fast unermüdlich und ordnet dem alle anderen Aspekte ihres Lebens unter. Unangepasst und ruppig, wie sie ist, kommen nur wenige Menschen mit ihr klar. Dazu gehört der Erzähler K. Wie Sumire ist er ein Außenseiter aus gutbürgerlicher Familie. Doch anders als Sumire ist er nach außen hin unauffällig. Er studierte Geschichte, hatte aber nicht die Energie für eine akademische Laufbahn. So ging er den Weg des geringsten Widerstandes und wurde Grundschullehrer. Eine Arbeit, die er gut, aber ohne besondere Leidenschaft macht. Diese ist ganz auf Sumire ausgerichtet, die er unsterblich liebt. Dessen ungeachtet hat er gelegentlich Affären, um seine sexuellen Gelüste zu befriedigen. Zurzeit ist er mit der Mutter eines seiner Schüler zusammen. Er weiß einfach nie, wie er Sumire seine Liebe offenbaren soll. Als sie ihm von Miu und ihrer Liebe erzählt, gibt er die Hoffnung, dass er und Sumire ein Paar werden, könnten auf. Miu ist eine schöne, elegante Frau Ende dreißig. Sie ist eigentlich Koreanerin, doch kennt sie ihr 'Heimatland' kaum, da sie in Japan aufgewachsen ist und auch sonst kein gesteigertes Interesse an Korea hat. Als junge Frau setzte sie alles daran, um Konzertpianistin zu werden, doch dann geschah etwas Schreckliches und sie gab den Plan auf. Seither ist sie eine zurückhaltende, distanzierte Person. Kurz nach diesem Vorfall erbte sie die Importfirma ihres Vaters, die sie seither leitet. In den letzten Jahren nur noch nominell; sie hat die eigentliche Führung ihrem Ehemann überlassen und widmet sich zunehmend ihrem Weinhandel. Als sie Sumire begegnet, ist sie von dieser eingenommen und stellt sie bei sich ein. Diese Chance hat allerdings einen hohen Preis.

Neben diesen Dreien gibt es noch einige Nebenfiguren wie K.s Freundin und ihren Sohn, die selbstverständlich sehr viel knapper ausgeführt werden, aber nichtsdestoweniger rund und realistisch wirken.

 

Der Plot lässt sich am besten als eigentümliche Entwicklungsgeschichte beschreiben. Wie gesagt, sind die drei Hauptfiguren einer der wesentlichen Aspekte und so sind auch die Entwicklungen von Sumire, K. und in einem geringeren Maß auch Miu wesentlich. Sumire ist zu Beginn ein unangepasster Rüpel, sie trägt ein zu großes Fischgrät-Herrenjackett, hat verstrubelte Haare und nie passende Söckchen. K. ruft sie an, wann es ihr passt. Als sie Miu kennenlernt, beginnt sie sich allerdings anzupassen. Miu möchte, dass Sumire Italienisch lernt, Sumire lernt Italienisch. Sie möchte, dass Sumire im Büro ein Kostüm trägt, Sumire trägt es. Diese Veränderung führt auch dazu, dass Sumire nicht mehr schreibt. Die Veränderungen bei K. und Miu sind weniger offensichtlich.

Diese Entwicklungsgeschichte dient vor allem dazu, zwei Themen zu behandeln. Zum einen geht es um unerfüllte Liebe und zum anderen um eine Eigenart des menschlichen Daseins: Das dialektische Verhältnis zwischen dem Bedürfnis nach menschlicher Nähe und der Unmöglichkeit eben dieser. In dieser Hinsicht kann man den Roman auch als lange Novelle verstehen, die Miu folgendermaßen auf den Punkt bringt:

Wir waren zwar großartige Reisegefährten, aber letztlich doch nur zwei einsame Klumpen Metall auf getrennten Umlaufbahnen, die aus der Ferne wie wunderschöne Sternschnuppen aussehen, in Wirklichkeit aber nichts als Gefangene ihrer jeweiligen Umlaufbahn sind, aus der es keinen Ausweg gibt. Und wenn unsere Bahnen sich zufällig kreuzen, dann können wir vielleicht für einen kurzen Augenblick unsere Herzen für einander öffnen, doch schon im nächsten Augenblick sind wir wieder zwei einsame Satelliten in der Weite des Weltalls. Bis wir irgendwann verglühen und zu Nichts werden.

Analog dazu wäre der Falke dann: Sputnik Sweetheart.

Sumires Verschwinden nach etwa der Hälfte der Geschichte ist konsequent und verleiht ihr eine Wendung hin zum Mysterykrimi: Um Sumire wiederzufinden, gilt es ihre letzten Schritte zu rekonstruieren.

In mancherlei Hinsicht erinnert Sputnik Sweetheart an Murakamis Meisterwerk Mister Aufziehvogel. Da ist zunächst einmal der dahintreibende Erzähler, ein gebildeter Mann aus gutbürgerlichem Hause, der nicht so recht weiß, wo sein Platz in der Gesellschaft sein wird. Von beiden verschwindet die Freundin bzw. Frau völlig unerwartet und es gilt, sie zu suchen. In beiden Fällen ist die Liebe zur Frau problematisch. Auch das Verschwinden selbst wirkt sehr ähnlich. Aber genau hierin liegt auch ein großer Unterschied: Im Aufziehvogel ist es Thema, im Sputnik ist es folgerichtig verwendetes Mittel zum Zweck. Sieht man von der Ausgangsposition und der Art des phantastischen Elements ab, dann unterschieden die Geschichten sich wesentlich.

Die Spannungsquellen sind vor allem transversaler Art. Der Spannungsbogen bleibt recht flach: Er setzt relativ hoch ein, steigert sich erstmal kaum, macht mit Sumires Verschwinden einen Satz nach oben und steigt dann wieder langsam an. Der Plotfluss ist analog dazu erst gemächlich, kurzzeitig rasant, dann wieder gemächlich.

 

Die Erzähltechnik ist auf den ersten Blick konservativ und schnörkellos. Tatsächlich ist die Angelegenheit aber erheblich komplizierter. Es gibt einen Erzählstrang, der allerdings sehr variantenreich ist. Die Erzählsituation ist eigentlich stets die Ich-Erzählung. Ich-Erzähler ist K. Wie reale Erzähler allerdings bei dem Höhepunkt ihrer Geschichte vom Imperfekt zum historischen Präsenz wechseln, nimmt sich K. in besonderen Situationen als Erzähler soweit zurück, dass die Erzählung wie aus personaler Perspektive erzählt scheint. Außerdem werden noch Ego-Dokumente, Briefe usw. eingeflochten.

Die Handlung ist weitgehend episodisch, auf dem Höhepunkt aber dramatisch. Ob es sich hierbei letztlich um eine Entwicklung oder Disillusionierung handelt, ist kaum zu entscheiden, und vermutlich sogar vom Standpunkt des Lesers abhängig. Eindeutig ist dagegen der Verlauf: Die Geschichte wird regressiv erzählt – passend für einen Mysterykrimi.

Das Changieren der Erzählsituation spiegelt sich auch im Stil. Meistens wirkt es wie die spontane Rede eines gebildeten Menschen – es finden sich regelmäßig treffende Spezialausdrücke, die aber den Text nicht überschwemmen. Wenn K. von Sumire erzählt, dann ist sein Stil geringfügig verändert: Er wird ruppiger. Liest man einen von Sumires Texten, dann wird klar warum – K. vermengt seinen eigenen Stil mit dem Sumires. Das ist meines Erachtens der Höhepunkt eines sorgfältig durchkomponierten Stils.

 

Fazit:

K. liebt die unangepasste Sumire, doch die liebt die elegante Geschäftsfrau Miu; ihr zuliebe beginnt Sumire sich zu verändern, bis sie schließlich spurlos verschwindet. Murakamis eigenwillige Entwicklungsgeschichte behandelt die Themen unerfüllte Liebe und das Spannungsverhältnis zwischen dem Bedürfnis nach menschlicher Nähe und der Schwierigkeit anderen Nahe zu sein. Mit Sumires phantastischen Verschwinden nimmt der Roman die Atmosphäre eines Mysterykrimis an. Dabei ist sein Werk so sorgfältig und stimmig durchgeformt, dass eine Steigerung kaum mehr möglich scheint.

 

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Eure Meinung:

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Roman:

Sputnik Sweetheart

Original: Supuutoniku no koibito (1999)

Autor: Haruki Murakami

Übersetzerin Ursula Gräfe

Dumont, Februar 2010

Taschenbuch, 234 Seiten

Titelbild: Mitsuru Yamaguchi/amanaimages/Corbis

 

ISBN-10: 3832161007

ISBN-13: 978-3832161002

 

Erhältlich bei: Amazon

Weitere Infos:


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Erstellt: 01.06.2010, zuletzt aktualisiert: 13.09.2019 10:16