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Sechster Zwischenstopp: Nordamerika und Großbritannien

von Oliver Kotowski

 

Im vergangenen Monat waren wir durch Lateinamerika gestreift und an der US-mexikanische Grenze stehen geblieben – diesen Monat geht es weiter in den Norden: die USA, Kanada und dann zurück nach Europa, Großbritannien. (Eigentlich gehört Mexiko ja ebenfalls nach Nordamerika, aber ich will die kulturelle Familienzugehörigkeit mal über die geologische stellen; die USA und Großbritannien (England) bilden ebenfalls einen Kulturraum – Angloamerika. Dazu eine Anekdote aus einem englischsprachigen Forum: Ein US-Amerikaner schwärmte von einem vereinten Nordamerika, das den Rest der Welt nicht brauchte. Ein Kanadier meinte daraufhin, dass die Kanadier mit den US-Amerikanern genau zwei Dinge gerne teilen – die Filmindustrie und die US-kanadische Grenze. Wer Grenzen jedweder Art zieht, muss sich im Klaren sein, dass sie niemals über jegliche Diskussion erhaben sein werden.)

Der angloamerikanische Raum plus Kanada also. Wenn man an die aktuelle dominante Phantastik denkt – Fantasy, Horror, Science Fiction – dann kann man an den von dort stammenden Werken nicht vorbei; Patrick Rothfuss, Joanne K. Rowling, George R. R. Martin, William Gibson, Neil Gaiman oder Stephen King, um nur ein paar zu nennen. Von den Dominanten passt aber nur wenig zu den von mir aufgestellten Kriterien – das allermeiste ist zu lang. Auch von der weniger dominanten Phantastik gibt es noch mehr als genug. Sollte ich John Updikes Die Hexen von Eastwick, Doris Lessings Anweisung für einen Abstieg zur Hölle, Thomas Pynchons Die Versteigerung von No. 49, Russell Hobans Amaryllis Tag und Traum oder das erst kürzlich gelesene Handbuch für Detektive von Jedediah Berry vorstellen? Hier war die Wahl wirklich schwer, da so immens viel zur Auswahl steht – ich hätte alleine für die USA leicht und locker dreißig passende Werke finden können und habe ihnen doch nur drei eingeräumt. Nun aber ohne Weiteres wenn-und-aber zu den Geschichten.

 

Die USA sind ein Einwanderungsland. Die US-Amerikaner sind nicht ansatzweise so homogen, wie Hollywood glauben machen möchte – Latinos in den USA sind zum Beispiel nicht immer Mexikaner, die sich illegal in den Staaten aufhalten. Die folgende Geschichte beschäftigt sich allerdings mit diesen Menschen und ihr Autor ist ebenfalls ein mexikanischer Migrant (allerdings legal eingewandert), auch wenn er seit langem US-Amerikaner ist.

Der mexikanische Einwanderer Federico de la Fe und seine Freunde von der Gang El Monte Florists sind es satt, dass Saturn ihnen ständig ins Privatleben schaut und damit Unglück beschert – sie erklären ihm den Krieg! Doch wie kann man gegen einen Unglücksstern Krieg führen? Man diskutiert verschiedene bizarre Methoden. Indes hat auch Saturn Probleme, denn in einer anderen Welt ist er der Schriftsteller Salvador Plascencia und die Figuren seiner Schöpfung "Menschen aus Papier" verhalten sich überhaupt nicht so, wie sie sollten. Einmal ist sogar einer durch ein Loch im Pappmasche-Himmel zu ihm ins Schlafzimmer gekommen. Seine zunehmende Besessenheit führt zu Problemen mit seiner Freundin. Menschen aus Papier ist wiederum ein postmodernes Werk – neben typischen Techniken wie den steam-of-consciousness oder der Intertextualität, fallen besonders die typografischen Variationen auf: Es gibt verschiedene Schriftarten, Schriftgrößen, Schriftrichtungen, blinde Flecken usw. Das ist allerdings keineswegs bloße Spielerei, sondern unterstützt stets den Textinhalt – mal bitter, mal komisch kämpfen die Underdogs gegen ein mitleidloses Schicksal.

Salvador Plascencia, Menschen aus Papier (USA 2005, 245 Seiten)

 

Eine Eigenheit des US-amerikanischen Buchmarktes schätze ich sehr: phantastische Kurzgeschichten! Es mag daran liegen, dass der Erfinder der Kurzgeschichte Edgar Allan Poe war, oder daran, dass der Markt einfach viel größer ist, aber die Kunst Kurzgeschichten zu schreiben – und auch zu veröffentlichen – wird in den Staaten mit viel mehr Aufwand betrieben. Für die folgende Vertreterin habe ich sogar eine kleine Ausnahme gemacht – das Buch ist mit 412 Seiten zu lang; wenn es jemanden stört, so empfehle ich, einfach die letzte darin enthaltene Kurzgeschichte wegzulassen – auch wenn diese besonders schön ist.

Der Jugendliche Jeremy schaut mit seiner Clique "Die Bücherei" – das ist nicht ganz leicht, weil die Serie stets von verschiedenen Sendern und auf verschiedenen Sendeplätzen ausgestrahlt wird; Produzent ist ein Piratensender. In der Serie geht es um die Bibliothekarin Fox, die bisweilen in einem riesigen Zettelkasten gegen Piraten-Magier und Verbotene Bücher kämpfen muss. Diskutiert man gerade mal nicht die Serie, fragt Jeremy sich, ob er Elisabeth einfach so küssen kann. Und dann erbt er eine Telefonzelle – und erhält einen seltsamen Anruf: Ist es die Bibliothekarin? Die Elbenhandtasche ist eine Sammlung mit neun Geschichten, in denen modernes Leben verzaubert wird – es ist kein Magischer Realismus, aber auch keine handelsübliche Fantasy, sondern irgendetwas dazwischen. In Magie für Anfänger geht es um Jeremy, seine Clique und die Magie des Fernsehens; in anderen Geschichten geht es um eine Familie, die mit den Steintieren im Garten Probleme bekommt, einer Hexe, die sich rächen will, einer Scheidung zwischen einem Lebenden und seiner Geistergattin und anderes mehr. Wunderbare Geschichten zwischen komischer Groteske und bizarrer Tragik.

Kelly Link, Die Elbenhandtasche (USA 2005, 412 Seiten)

 

Das letzte Werk aus den USA könnte für mein Verständnis der letzten Supermacht insgesamt stehen: Es entwickelt sich rasant, ist quietschbunt, bizarr bis zur Albernheit, steckt voller Irrsinn, enthält aber manches Schönes, sowie manches Hässliches und ist mir in letzter Instanz unverständlich.

Jane Charlotte sitzt in der psychiatrische Abteilung einer Strafvollzugsanstalt, weil sie einen Menschen ermordet hatte. Sie wird von Dr. Vale befragt, weil sie sehr Seltsames berichtet: Sie sei ein Mitglied der Bad Monkeys, einer geheimen Organisation, die schädliche Menschen mittels einer NT-Pistole liquidiert: Die quietschbunte Strahlenwaffe verursacht beim Ziel wahlweise einen Herz- oder Hirnschlag. Doch Janes Gruppierung hat einen tödlichen Feind – die Bande, die Böses aus purer Böswilligkeit anrichtet und ähnlich wie die Bad Monkeys ausgestattet ist. Um einen wichtigen gegnerischen Agenten auszuschalten, ließ sich Jane auf ein riskantes Spiel ein. Ruffs Bad Monkeys ist ein rasanter Thriller voller grotesker Momente, von einer bitter-sarkastischen Auftragsmörderin erzählt. Zentrales Thema des Romans ist die Frage, wie weit man seinen Sinnen trauen kann, wenn einen übelgesonnene Meister der Illusion permanent manipulieren. Und inwiefern sich die Guten von den Bösen unterscheiden, wenn sie dieselben Techniken verwenden.

Matt Ruff, Bad Monkeys (USA 2007, 251 Seiten)

 

Damit verlassen wir die USA und gehen weiter in den Norden. Kanada. Wälder, Schnee, Leute, deren Haltung man nie versteht. In puncto Kultur irgendwie immer noch ein Geheimtipp. Ich habe eine Autorin ausgewählt, die trotzdem weltberühmt ist, deren Werke keine Regionalromane, sondern Kommentare zur westlichen Gesellschaft sind.

Schneemensch leidet. Er kümmert sich um die Craker, genoptimierte Menschen, die von seinem Freund Crake geschaffen wurden. Denn Crake und Oryx sind fort. Er hat Hunger, denn im postapokalyptischen Amerika findet er nicht mehr viel Nahrung. Er erinnert sich, an die Zeit, da er noch Jimmy war, mit Crake zusammen Porno-Websites anschaute (wo sie auch Oryx zum ersten Mal sahen), Briefkarten von seiner Mutter bekam (die in den Untergrund gegangen war) und Crake beim Aufstieg zusah, während er selbst abstieg. Er sah, wie sich Crake radikalisierte, und sah nicht, worauf es hinauslaufen würde. Atwoods Oryx und Crake nutzt zwei Zeitebenen: Jimmy lebt in einer dystopischen Zeit, in der Konzerner und Plebejer streng getrennt werden und den Lenkern des menschlichen Geschicks immer mehr die sozialen Kompetenzen abgehen, und Schneemensch lebt in einer postapokalyptischen Zeit, in der genoptimierte Tiere (und die Erderwärmung und daraus resultierendes krasses Wetter) das Leben schwer machen. Dennoch ist es eine Mischung aus Jimmys Bildungsroman und Schneemenschs Abenteuergeschichte. Es geht nicht um Technik, es geht um die conditio humana.

Margaret Atwood, Oryx und Crake (Kanada 2003, 379 Seiten)

 

Und wieder zurück nach Europa, Großbritannien. Daheim in der EU – und doch nicht ganz, wie man an dem engen Zusammenhalt zwischen Großbritannien und den USA beim Irakkrieg sehen konnte; in mancherlei Hinsicht trennt der Atlantik weniger als der Kanal. Auf dem deutschen Buchmarkt sieht es, wie erwähnt, ganz anders aus: Es sind mehr Briten als Europäer aus anderen EU-Ländern vertreten. Vielleicht ist es die britische Weltläufigkeit, die Briten von den anderen Europäern trennt – sie durchweht zumindest das folgende Werk.

Gillian Perholt ist eine Narratologin im besten Alter; ihr Mann hat sie vor Kurzem mit einer Jüngeren verlassen, aber das ist für die Professorin in Ordnung – er hatte ihr schon länger nichts mehr zu sagen gehabt, so ist die Angelegenheit immerhin gelöst. Gillian könnte glücklich sein – doch irgendwie ist sie es nicht. Während eines Vortrags in der Türkei stockt sie – ist dieses grässliche Ungetüm im Plenum etwa die Griselda, von der sie gerade spricht? Ist es eine Fehlwahrnehmung? Der Veranstalter, ein netter Freund aus Studientagen, zeigt ihr noch ein wenig das Land und besonders Istanbul – mit schönen und hässlichen Facetten. Zum Abschluss schenkt er ihr eine alte Çesm-i-bülbül-Flasche – sie sammelt Glaskunstwerke. Im Hotel wundert sie sich, was wohl in der Flasche sein mag. Der verliebte Dschinn ist eine Mischung aus Kunstmärchen und psychologischem Roman – Gillian steckt in einer verspäteten Midlife-Crisis und stolpert über einen Dschinn. Das ist mal romantisch, mal traurig, mal komisch – am Ende aber ein schönes Stück über die wichtigen Dinge im Leben.

Antonia S. Byatt, Der verliebte Dschinn (Großbritannien 1994, 157 Seiten)

 

So mir hat die Reise unglaublich viel Spaß gebracht es war auch sehr interessant ich hoffe es hat euch genauso viel Spaß gebracht und war ebenfalls interessant das war's Tschüss.

 

Das war's?

 

Nicht ganz. Mir ist im Laufe der Reise immer klarer geworden, dass ich viele bittere, finstere Werke dabei habe und wenig leichte, positive. Vielleicht ist der literarische Optimismus eine westliche Eigenart? Eine Eigenart der reichen Länder? Oder ist es nur das, von dem der deutsche Buchmarkt meint, was die deutschen Leser von den armen Ländern gerne lesen wollen? Vielleicht interessieren sich nur die verkrampften Linken für fremde Literaturen und diese Linken wollen nun mal über die Leiden der Ausgebeuteten aufgeklärt werden – oder? Gleichwie, 'richtige' Fantasy habe ich irgendwie auch nicht dabei. Alles viel zu lang; es gibt kaum ein Werk, das nicht irgendwie Teil eines Zyklus' ist. Und dann noch weniger als 400 Seiten hat.

Mit dem letzten Werk will ich dem ein wenig entgegenwirken: 'richtige' Fantasy und humorvoll. Dazu soll es kurz sein und keinen inhaltlichen Vorgänger oder Nachfolger haben. Ich habe da einen guten alten Bekannten ausgewählt, und zwar den Roman, der ihm in Deutschland zum Durchbruch verhalf.

 

Der Junge Mort scheint nur aus Ellenbogen und Knien zu bestehen. Und er ist so – reflektiert. Es gelingt ihm nicht einmal, leichter Hand Vögel vom Feld zu verjagen. Sein Vater beschließt, dass der komplizierte Anbau von reanuellen Wein nichts für den Jungen ist, und gibt ihn in die Lehre. Nur ein hagerer Kerl interessiert sich für ihn: Tod. Mort nimmt an und erfährt seltsame Dinge. So versucht Tod, die Menschen zu verstehen, und hat eine Tochter (Ysabell) adoptiert. Und sein Pferd Binky macht richtigen Mist. Bei seinem ersten Auftrag, bei dem Mort alleine arbeitet, unterläuft ihm allerdings ein, hmm, Missgeschick: Eigentlich soll er Prinzessin Keli holen, die via Attentäter von ihrem Onkel ermordet werden soll, stattdessen verliebt er sich in Keli und holt den Attentäter. Es bildet sich eine Realitätsblase – und das gleichmütige Schicksal liebt so etwas nicht. Gevatter Tod ist eine seltsame Mischung aus Killer-verliebt-sich-in-sein-Opfer und Gevatter-Tod-Märchen und allerlei Seitenhieben auf die reguläre Fantasy. Der Roman brilliert mit Wortspielen, grotesker Farce und einem Schuss Lebensweisheit – es ist der Roman, mit dem Pratchett in Deutschland groß geworden ist. Leider hat die Geschichte in der deutschen Übersetzung über Gebühr gelitten – wer kann, möge auf das Original Mort zurückgreifen.

Terry Pratchett, Gevatter Tod (Großbritannien 1987, 328 Seiten)

 

"Leb wohl!" Mort stellte überrascht fest, daß ihm im Hals ein Kloß entstand. "Das klingt gräßlich, nicht wahr?"

IN DER TAT. Tod grinst, und es wurde bereits mehrfach darauf hingewiesen, daß ihm eigentlich auch gar nichts anderes übrigblieb. Diesmal aber steckte volle Absicht dahinter.

ICH ZIEHE 'AUF WIEDERSEHEN' VOR, sagte er.

 

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Zum Überblick:

Wer einen schnellen Blick auf die Landkarte braucht, um den Überblick zu behalten, kann dieses dank der CIA mit einen Klick auf dieselbe auch tun.

 

Wie wurde ausgewählt?

Wen interessiert, nach welchen Maßstäben ich ausgewählt habe, der findet hier Antwort.

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Salvador Plascencia: Menschen aus Papier
Kelly Link: Die Elbenhandtasche
Matt Ruff: Bad Monkeys
Margaret Atwood: Oryx und Crake
Antonia S. Byatt: Der verliebte Dschinn

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Erstellt: 03.10.2010, zuletzt aktualisiert: 21.01.2015 05:27