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Menschen aus Papier von Salvador Plascencia

Rezension von Oliver Kotowski

 

Rezension:

Federico de la Fe hat ein Problem: Er ist ein Bettnässer. Lange Zeit erträgt seine Frau Merced es im Urin ihres Gatten zu erwachen, doch irgendwann reicht es ihr: "Eine Frau erträgt nur eine gewisse Anzahl von Jahren, bepisst zu werden." Sie gibt ihm noch eine Chance, erwacht wieder mit nassem Hintern und verlässt daraufhin Federico und Tochter Little Merced. Lange Jahre ist Federico vor Trauer wie gelähmt. Dann aber findet er ein Mittel gegen die Traurigkeit: Feuer. Heimlich verbrennt er sich den Bauch und denkt dann einen Tag lang nicht an seinen Kummer. Er beschließt, mit seiner Tochter in die USA zu gehen und Näher zu werden. Doch Näher braucht man nicht und so bleibt Federico in der von mexikanischen Einwanderern dominierten Kleinstadt El Monte hängen und wird Blumenpflücker. Alle Mexikaner ernten dort Blumen. Federico tritt zwar der herrschenden Gang, den El Monte Florists, nicht bei, doch er erlangt großen Einfluss. Den benötigt er auch, denn ohne die Hilfe der EMF könnte er nicht seinen Krieg gegen Saturn führen – Saturn, der ihm die Frau wegnahm, der jedermann nur Schaden beschert und in ihre Schlafzimmer schaut, um sich an ihrem Leid zu ergötzen.

 

Salvador Plascencias Roman Menschen aus Papier ist nicht leicht treffend zu besprechen, da gegen viele Erzählnormen verstoßen wird – Plascencia schickt sich an, einen Platz bei der Avantgarde einzunehmen. Kernthemen sind Zerrissenheit und schräge Verknüpfungen – diese Themen spiegeln sich konsequent in vielen verwendeten Motiven und Elementen aller Aspekte des Romans wieder.

 

Schauplatz der Geschichte ist weitgehend das US-amerikanische El Monte. Die Kleinstadt liegt in der Nähe von Hollywood und Los Angelos. Doch der Schauplatz wird nur schlaglichtartig ausgeleuchtet – es ist heiß, die mexikanischen Immigranten arbeiten halb nackt in den Nelkenfeldern. Hin und wieder ist ein anderswo – Tijuana, New York, Paris etc. – spielender Abschnitt unverbunden eingestreut. Einem der EMF-Cholos gelingt es durch ein Loch im Himmel – der Himmel ist aus Pappmaschee – in das Haus Saturns zu gelangen. Saturn heißt eigentlich Salvador Plascencia, ist Schriftsteller und lebt in New York. Später besucht er El Monte – doch sein El Monte ist nicht mit dem Federicos identisch, auch wenn es der gleiche Ort ist.

Damit zu den zahlreichen phantastischen Elementen. Neben der Wechselwirkung zwischen der Welt des fiktiven Salvadors und der Federicos gibt es, wie vom historischen Nostradamus prophezeit, mechanische Schildkröten, das hellseherische Genie Little Nostradamus, der seit der Geburt über den (kommenden) Tod seiner Mutter trauert, es gibt einen heiligen Wrestling-Star, eine Frau, die beim Sex das Bettzeug mit ihrem Heiligen Schein verbrennt, und eine Frau aus Papier, an deren scharfen Kanten man sich leicht schneiden kann. Der Autor bedient sich vielfach bei der Esoterik und dem Katholizismus, fügt aber auch einige eigene Elemente hinzu. Eine der wichtigsten Spannungsquellen sind die unzähligen, grotesken Wunder.

 

Bei den Figuren wird vor allem die Zerrissenheit umgesetzt. Es gibt sehr viele Figuren. Vielfach wird ihnen kaum Raum zuteil, manche erhalten gerade mal knapp eine Seite. Doch selbst die wichtigen Figuren werden nur bruchstückhaft beschrieben – diese Charakterbruchstücke sind dafür vielschichtig und dicht beschrieben. Es wird den Leser kaum überraschen, dass die Mehrheit der Figuren exzentrisch ist – albern wirken sie dabei nie.

Die beiden Pole, die die Geschichte bestimmen, sind Federico und Saturn. Federico lief die Frau davon, die er immer noch liebt. Der Verlust droht ihn zu zerreißen. Mithilfe der Brandwunden betäubt er seine Trauer, doch stets ist er sich des Saturns gewahr, der ihn in jeder Sekunde beobachtet und letztlich sein Leid kommerzialisiert, indem er es als Salvador Plascencia in Buchform mit dem Titel "Menschen aus Papier" verkauft. Die Liebe zu seiner Frau und die Sehnsucht nach Privatheit bestimmen das Handeln des unerschrockenen, aber defensiven mexikanischen Blumenpflückers. Saturn hat als Schriftsteller Salvador ein ähnliches Schicksal wie Federico: Aufgrund des Krieges, den Saturn gegen die EMF führt, vernachlässigt er die Beziehung zu Liz. Auch sie verlässt ihn. Saturn ist wie alle Feldherren – ein kleiner Mann mit gebrochenem Herzen. Einige Figuren gibt es dabei 'zweimal' – einmal in der Welt Federicos und einmal in der Welt des fiktiven Salvador. Liz beschwert sich bitterlich, wie sich die fiktive Liz im Buch Salvadors verhält. Salvador gibt es in einigen Momenten sogar dreimal: Als Schicksalsplanet Saturn, als fiktiver Schriftsteller und als realer Schriftsteller, denn "Menschen aus Papier" ist sowohl ein fiktives wie auch ein fiktionales Buch.

Alle anderen Figuren – Federicos Tochter Little Merced, der Commandante der EMF Froggy, seine Ex Sandra, die Subcommandante der EMF bleibt, der Curandero Apolonio, der mit allen Seiten Geschäfte macht, oder Little Nostradamus, der von Apolonio erzogen wird und Little Merced ein paar Tricks beibringt, um ein paar zu nennen – sind alle mehr oder minder direkt mit Federico und Saturn verknüpft. Bei einigen, wie etwa Rita Hayworth oder Kardinal Mahony muss man etwas suchen: Sie sind Avatare von Merced/Liz und Federico/Salvador.

 

Der Plot wird noch deutlicher in Bezug auf die Kernthemen. Wichtig ist zwar der Krieg der EMF gegen Saturn, der übrigens auf sehr bizarre Art geführt wird – wie sollte man wohl sonst gegen schlechten Einfluss Krieg führen – doch die Motive der jeweiligen Kombattanten werden ebenfalls hergeleitet – es geht zumeist um Liebesleid. Dieses kann krasse Formen annehmen. So tötet Froggy den gewalttätigen Vater seiner Freundin Sandra, als dieser nachts in Froggys Haus eindringt und das Pärchen überfällt. Zwar trauert Sandra ihrem Vater nicht nach (er wird noch in derselben Nacht anonym auf einem Blumenfeld beigesetzt), doch mit dem Mörder ihres Vaters mag sie auch nicht länger zusammen sein. Kamerun, eine Lückenfüllerin für Salvador, wurde als Kind von ihren Stiefvätern misshandelt und stillt ihr Leid seither mit manischem Sex und Bienenstichen – sie bewahrt Bienen einmachgläserweise auf. Liebe und Leid sind die beiden Motive, die alles zusammenhalten. Des Weiteren werden noch Migration, Kolonisation und Identität thematisiert. Außerdem gibt es immer wieder völlig bizarre Abschnitte, wie etwa jene des heiligen Wrestlers Santos, der von Agenten des Vatikans verfolgt wird, die ihn kanonisieren wollen.

Mit den Spannungsquellen gelingt dem Autor ein wahres Wunder: All diese kleinen Fragmente von so unterschiedlichen Leben sind unglaublich faszinierend geschildert – der Leser wird zu einem Voyeur, wie Saturn es ist. Und wie Saturn hat auch der Leser anscheinend einen schlechten Einfluss: Immer, wenn er hinschaut, dann sieht er Konflikte; erst am Ende, wenn er sich abwendet, kommen die Figuren in ruhigeres Fahrwasser.

Es ist dem Leser zwar häufig unklar, worauf die Angelegenheit hinauslaufen wird, doch die Abschnitte sind so dicht und konzentriert geschrieben, dass der Leser vom Plotfluss förmlich mitgerissen wird.

 

Bei der Erzähltechnik wirken sich die Kernthemen am stärksten aus. Es gibt derartig viele Handlungs- und Erzählstränge, dass es kaum möglich ist, den Überblick zu behalten. Sie fangen abrupt an und brechen ebenso ab; sie überschneiden sich an den Rändern, doch unterscheiden sich deutlich in der Deutung der Ereignisse. Erzählt werden sie ebenso aus den unterschiedlichsten Perspektiven: Auktorial, personal, objektiv, Ich-Erzählung und diverse Mischungen sind zu finden. Vorausdeutungen und Vorgriffe an zentralen Stellen machen es schwer zu entscheiden, ob die Handlung progressiv oder regressiv verläuft.

Gleiches gilt für den Sprachduktus und Wortwahl: Von knappen, prägnanten Sätzen zu metaphernreichen Bandwurm-Sätzen, vom vulgären "Fotze" zum gehobenem "Eminenz und Herrlichkeit" ist alles je nach Abschnitt dabei; das Vulgäre überwiegt allerdings aufgrund des sozialen Hintergrundes der meisten Immigranten.

 

Auf dem Buchrücken vergleicht T. C. Boyle den Roman mit Werken von Calvino, Borges und Garciá Márquez. Naheliegend ist es, auf die Elemente des Magischen Realismus und darüber hinaus der lateinamerikanischen Literatur (wobei dann der Italiener Calvino nicht recht passt) zu verweisen. Doch es geht noch differenzierter. Bei Garciá Márquez dürfte sein Werk Hundert Jahre Einsamkeit ausschlaggebend gewesen sein, ist doch auch dort Zerrissenheit ein wichtiges Thema. Borges würde vielleicht wegen seiner dichten Beschreibungen und den auf radikaler Weise mit unserem Realitätsverständnis brechenden phantastischen Elementen ausgewählt – beides findet sich bei Plascencia. Calvinos Roman Wenn ein Reisender in einer Winternacht spielt nicht nur mit den Realitätsebenen, sonder bezieht auch Dich, lieber Leser, immer wieder in die Handlung mit ein – etwas subtiler findet sich dieses auch bei Plascencia.

Dabei fällt jedoch die Einbeziehung der typografischen Möglichkeiten unter dem Tisch – hier wären Vergleiche mit Mark Z. Danielewskis Das Haus – House of Leaves, Jeff VanderMeers Stadt der Heiligen und Verrückten oder Tobias O. Meißners Starfish Rules zu ziehen. Doch auch wenn Menschen aus Papier oberflächlich betrachtet deutlich konventioneller und weniger experimentierfreudig ist, sind die verwendeten Elemente viel radikaler mit dem Inhalt verbunden – wenn etwa einer der Protagonisten "wirr" denkt, um Saturn zu verwirren, nutzt Plascencia die stream-of-consciousness-Technik und zum Ausklang lässt er die Buchstaben verblassen. Alles, was zunächst wie bloße Spielerei aussehen mag, unterstützt einen vom Text geschilderten Effekt.

 

Wie eingangs erwähnt, Kernthemen sind die Zerrissenheit und schrägen Verknüpfungen. Es scheint, als wenn die Motive Liebe und Leid zwei Lichter sind, um die Figurenfragmente aus bemaltem Glas gleichsam den Ringen des Saturns kreisen. Je nach Perspektive kann nun der Leser einen kurzen Blick durch die Figurengläser, die sich bisweilen überlappen, auf das Licht im Zentrum werfen.

 

Fazit:

Federico de la Fe trauert noch nach Jahren seiner verschwundenen Frau Merced nach und will dabei nicht vom Unheilsplaneten Saturn beobachtet werden; daher spannt er die Cholos von der EMF ein, um einen unmöglichen Krieg gegen Saturn zu führen. Mit Menschen aus Papier ist Salvador Plascencia ein sehr konsequenter postmoderner Roman gelungen, der zwar Einiges vom Leser abverlangt, diesen aber mit einer wirklich ungewöhnlichen und faszinierenden Geschichte des Magischen Realismus belohnt: In dem Buch wird nicht von einem Krieg berichtet, es findet ein Krieg darinnen statt. Den Roman kann man ohne zu zögern neben die von J. L. Borges herausgegebene Bibliothek von Babel stellen.

 

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Roman:

Titel: Menschen aus Papier

Reihe: -

Original: The People of Paper (2005)

Autor: Salvador Plascencia

Übersetzer: Conny Lösch

Verlag: Edition Nautilus (Februar 2009)

Seiten: 245 – Gebunden

Titelbild: Maja Bechert

ISBN-13: 978-3-89401-587-9

Erhältlich bei: Amazon

Weitere Infos:


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Erstellt: 12.08.2009, zuletzt aktualisiert: 17.11.2016 23:40