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Die Elbenhandtasche von Kelly Link

Rezension von Oliver Kotowski

 

Rezension:

Die Elbenhandtasche ist eine Sammlung von neun relativ kurzen Geschichten der in Deutschland bisher kaum bekannten Autorin Kelly Link; wenn man für den Typ "Kurzgeschichte" besondere inhaltliche Kriterien (wie etwa die überraschende Wendung am Schluss) erwartet, dann muss man alle neun Geschichten als Erzählungen einordnen. Links Werke sind typischerweise kaum einem bestimmten Genre einzuordnen, sondern vermengen auf höchst eigenwillige Art unter anderen Elemente der Fantasy, Science Fiction, Märchen und des Horrors – China Miévilles Kurzgeschichten (z. B. in Andere Himmel) nehmen sich beinahe gewöhnlich daneben aus.

Den Geschichten ist jeweils eine einen herausragenden Moment illustrierende Tintenzeichnung von Shelley Jackson vorangestellt – das Titelbild ist gleichzeitig die Illustration der Geschichte: Die Elbenhandtasche (mit der unbedingt zugehörigen Bildunterschrift: "Vor der Ankunft der feindlichen Horde packten die Dorfbewohner all ihre Habseligkeiten zusammen und zogen in die Handtasche.")

 

Zu den Geschichten im Einzelnen:

Die Elbenhandtasche (33 S.): Genevieve, die mit ihrer Clique Boston und Umgebung unsicher macht, kommt sehr nach ihrer Großmutter Zofia. Zofia ist alt: Sie selbst behauptet einst Dschingis Khan getroffen zu haben. Das war, als ihre Heimat Baldezwiwulekistan noch ein Land in der Gegend von Samarkand und Usbekistan war. Irgendwann mussten dessen Bewohner vor einer Barbarenhorde flüchten – sie schufen zu diesem Zweck eine magische Handtasche, in der sie sich verstecken konnten. Doch es liegt ein unausgesprochener Fluch auf der Handtasche, daher darf man niemanden von ihr erzählen oder zumindest nur so, dass die Geschichte nicht geglaubt wird. Die Probleme beginnen, als Genevieve ihrem schrägen Freund Jake davon erzählt – und er es glaubt.

Eine unzuverlässige Erzählerin gibt ein Lügenmärchen zum Besten, aber da sie immer wieder darauf hinweist, dass man ihr nicht glauben solle, wird sie zu einem gewissen Grad glaubwürdig – so muss der Leser abwägen, welches der phantastischen Elemente er für ein bizarres Wunder und welches er für eine groteske Lüge hält.

Im Original ist es eine "Faery Handbag"; man mag anmerken, dass man "faerie" bzw. "fairy" besser mit "Fee" übersetzt, aber in der Geschichte gibt es ein Wortspiel, das mit "Fee" überhaupt nicht nachzuahmen ist. Dummerweise assoziiert man das Wort "Elb" üblicherweise mit J. R. R. Tolkiens Mittelerde, was in diesem Fall völlig unangemessen ist.

Hortlak (43 S.): Batu und Eric betreiben den 24-Stunden-Supermarkt an der Ausible-Schlucht im Bundsstaat New York. Die Beiden sind schräge Vögel: Sie leben im Supermarkt, Batu besitzt eine Sammlung höchst sonderbarer Schlafanzüge und Eric hat eigenwillige Träume. Zuweilen ordnen sie die Waren so um, dass die Anfangsbuchstaben einen türkischen Vers ergeben oder stellen die Melonen zum Kautabak, weil man die Kerne auch ausspuckt. Neben Menschen kommen immer wieder Wesen ins Geschäft, die man für Menschen halten könnte: Kanadier und Zombies (also Tote). Und dann ist da noch Charley, die traurige Hundemörderin. Batu bringt ihr Türkisch bei – Eric ist eifersüchtig auf Batu. Batu will Charley mit Eric verkuppeln: Der Supermarkt braucht Frauen und Kinder – Eric geht langsam auf, dass Batu Pläne verfolgt, die ihm nicht unbedingt gefallen.

Dieses ist eine sehr eigenwillige Variante des bekannten Themas: Ein Mann muss sich zwischen Job und Familie entscheiden, gespickt mit höchst absonderlichen Episoden.

Die Kanone (10 S.): Frage: Worum geht es in diesem Text? – Antwort: Um ein komisches Interview, in dem eine Kanone im Zentrum steht. Später werden auch die interviewende und die interviewte Person relevant. – Frage: Was ist das besondere an der Kanone? – Antwort: Mit ihr werden Menschen verschossen, die damit ein neues Leben beginnen. – Frage: War die erste Frage des Textes nicht schon von einem Zombie in der vorherigen Geschichte gestellt worden? Was hat es damit auf sich? – Antwort: Ja. Ich weiß es nicht.

Dieses ist ein sehr eigenartiger Text voll von erstaunlichen und überraschenden Momenten.

Steintiere (70 S.): New York hat der Ehe von Catherine und Henry nicht gut getan: Henry ist ein begnadeter Krisenmanager, der für seine Chefin nahezu jedes Problem lösen kann und darüber hinaus seine Arbeit liebt. So vernachlässigt er seine Familie. Ein Haus außerhalb von NY, von wo aus er seine Arbeit erledigen kann, soll die Familie wieder zusammenbringen. Doch es gibt gerade ein wichtiges Problem mit dem Cashflow, eine Bombendrohung, wichtige Partner sind in der Stadt… - Henry ist mehr im Büro als bei seiner Familie. Daheim ergeben sich allerdings sonderbare Probleme: Es muss etwas gegen die vielen Kaninchen unternommen werden, der Kater wird immer eigenartiger, Sohn Carleton hat vor allem Angst, Tochter Tilly schlafwandelt, statt zu schreiben streicht Catherine die Zimmer immer wieder neu und dann werden einige Gegenstände plötzlich widerwärtig und müssen ersetzt werden. Ist es wirklich ein Spukhaus?

Hier wird das Haunted-House-Thema variiert; es gibt allerdings keinen konkreten Spuk wie etwa in Stephen Kings Shining und erinnert daher eher an Geschichten wie Das besetzt Haus von Julio Cortázar (z. B. in Argentinische Erzählungen), doch von ganz eigener Prägung: Die starke Familien-Komponente lässt den Leser rätseln, ob der Spuk real oder vielleicht einen psychologischen Hintergrund hat oder als Allegorie zu deuten ist.

Katzenfell (41 S.): Hexen können keine Kinder gebären – sie müssen sie kaufen, stehlen oder aus anderen Dingen erschaffen. Kleins Mutter ist eine Hexe. Sie lebt zusammen mit ihm, der geraubten Flora, Jake, der aus Stöcken gemacht wurde, und einem weiteren Kind in einem von ihr geborenen Haus. Aber die Hexe Mangel hatte einen Streit mit Kleins Mutter und vergiftete sie und das andere Kind. Während Flora und Jake nach dem Tod der Mutter eigene Wege gehen, macht Klein sich mit der Katze "Rache der Hexe" auf um die Mutter zu rächen.

Tonfall und Plot sind der eines Kunstmärchens, doch Klein hat allerlei grausame und bizarre Erlebnisse, die für diese Literatur untypisch intensiv und real wirken.

Ein paar Zombie-Notfallpläne (36 S.): Seife ist frisch aus dem Knast. Wenn er einsam ist, fährt er ein bisschen umher, bis er eine Party findet, die groß genug ist um sich in den Garten zu erstrecken. So landet er bei Carly, einer hübschen Teenagerin. Er ist zu klug um mit ihr etwas anzufangen – trotz ihrer tollen Titten. Sie interessiert sich sehr dafür, warum er in den Bau gewandert war, er interessiert sich sehr für ihre Zombie-Notfallpläne: Wenn man einen Plan hat, dann muss man keine Angst vor Zombies haben.

Diese Groteske zeichnet vor allem die tragisch-komische Figur "Seife" nach: Welchen Unfug der Kunstliebhaber anstellte um ins Gefängnis zu kommen und welche absonderlichen Phantasien er hat; der Leser weiß nicht, ob er ihn fürchten oder bemitleiden soll.

Die große Scheidung (20 S.): Alans und Lavvies Ehe funktioniert nicht mehr. Alan glaubt, dass Lavvie eine Affäre hat, und Lavvie glaubt, dass Alan sie bloß heiratete um bei seinen Arbeitskollegen angeben zu können. Kurz: Die Beiden verstehen einander nicht mehr. Um der Kinder willen treffen sie sich im Disneyland um die Angelegenheit mit einer Spezialistin zu besprechen – dem Medium Sarah Parminter. Ein Medium ist notwendig, weil der quicklebendige Alan einen Geist geheiratet hat.

Die komische Dreiecksbeziehung "Ehemann – Eheberater – Ehefrau" wird hier mittels grotesk-tragischer Geisterfrau und vermittelnden Medium variiert.

Magie für Anfänger (75 S.): Jeremy schaut mit den gleichaltrigen Jugendlichen Elisabeth, Karl, Talis und Amy die einmalige Fernsehserie "Die Bücherei": Die Bibliothekarin Fox kämpft mit ihren Freunden gegen die Verbotenen Bücher und Piraten-Magier. Alles spielt in der gewaltigen Weltbaum-Bücherei der Freien Menschheit – einzelne Folgen sogar bloß innerhalb einer einzigen Schublade des Zettelkastens. In der neuesten Episode stirbt Fox. Alle fragen sich: Ist sie wirklich tot? Darüber hinaus ist die Serie sehr ungewöhnlich. So weiß man nie, wann die nächst Folge gesendet wird oder welcher Sender sie ausstrahlt, die Rollen werden stets mit wechselnden Schauspielern besetzt und kaum etwas ist über die Hintergründe bekannt. Aber es gibt noch andere Dinge, über die Jeremy sich Gedanken macht. Kann er Elisabeth einfach so küssen? Was ist mit der schweigsamen Talis? Karl ist in sie verknallt, glaubt aber, dass Talis in Jeremy verliebt ist, und ist daher eifersüchtig. Und dann Amy, die ihr Herz auf der Zunge trägt und erschreckend häufig die Gedanken der anderen errät. Schließlich hat er von seiner Urgroßtante eine Telefonzelle geerbt und seine Mutter hat sich ernsthaft mit Jeremys Vater, den Horrorgeschichten Autor Gordon Strangler Mars, der in seiner Freizeit Bücher klaut und Sofas aufpolstert, zerstritten.

Auf den ersten Blick handelt es sich um eine Art Seifenoper, die einen schwierigen Moment aus dem Leben eines pubertierenden Jungen voller skurriler Gestalten und Ereignissen zeigt, doch dann beginnen die Ebenen (Realität und Fernsehserie) zaghaft zu verschmelzen – ist es nur Jeremys strapazierte Seele, die ihm einen Streich spielt?

Eingelullt (54 S.): Ed und seine Kumpel haben mal wieder einen Pokerabend. Die Männer unterhalten sich über ihre nervigen Frauen und ihre Kinder, die so cool sind, wie sie es niemals waren. Und darüber, dass Ed sich von Susan getrennt hat (oder rausgeworfen wurde) und jetzt in dem schrägen Haus eines schrägen Eremiten wohnt. Jeff dagegen ärgert sich über seinen Sohn Stan, der eine 400-Dollar Rechnung zusammentelefonierte, und dann, als Jeff ihn zur Rede stellte, lässig einen Stapel 20er auspackte und eine Telefonsex-Nummer dazu legte. Man solle nach Starlight fragen, die kann alle möglichen Geschichten erzählen. Ed gibt einen Anruf aus (4 Dollar die Minute) und Starlight beginnt die Geschichte vom Teufel und der Cheerleaderin zu erzählen, die einige Überraschungen bereithält.

Hier sind einige Geschichten in einander geschachtelt; es ist quasi eine metametadiegetische Matroschka. Aufgrund der vielen angefangenen Geschichten erinnert diese Erzählung ein wenig an Italo Calvinos Wenn ein Reisender in einer Winternacht…; dort allerdings sind die eingebetteten Geschichten auf einer Erzählebene.

 

Die neun Geschichten weisen einige Gemeinsamkeiten auf. So spielen sie alle in der Moderne: Fernsehen oder bestimmte Fernsehsendungen werden oftmals erwähnt und selbst die Hexe Kleins Mutter besitzt ein Automobil. Häufig ist die Nordostküste der USA explizit als Schauplatz erwähnt, in anderen Fällen ist dieser Schauplatz gut vorstellbar. Sonderlich entwickelt sind die Settings jedoch nie; am meisten erfährt der Leser bezeichnenderweise über die Bibliothek in Magie für Anfänger. Alle Geschichten weisen zumeist ein phantastisches Element auf, das krass hervorsticht. Der Umgang damit fällt unterschiedlich aus: Mal handelt es sich um echte Wunder und dann könnten es Wunder oder Täuschungen sein – damit wird auf die todorovsche Phantastik verwiesen. Auch die Zugehörigkeit ist recht unterschiedlich. Die Elbenhandtasche zielt auf amerikanische Tall Tales und europäische Sagen ab, Hortlak und Die große Scheidung auf Horror- bzw. Gruselgeschichten, Eingelullt auf die SF und andere auf etwas, das Roger Callois als Riss in der Wirklichkeit beschrieb. Gemeinsam ist ihnen jedoch, dass sie alle vor allem zum Staunen anregen sollen, nur manchmal noch zum Gruseln oder Lachen. Üblicherweise versucht die Autorin bekannte Formen mit neuen Inhalten zu verknüpfen – die Geister in Die große Scheidung sind keineswegs Gruselig – damit werden die üblichen Zuordnungsschemata konterkariert.

Die Figuren neigen zum Exzentrischen, bleiben aber immer rund und glaubwürdig; tatsächlich sind die Charakterisierungen allesamt außerordentlich gelungen. Die Figuren stehen – sieht man vom eigenartigen Text Die Kanone ab – immer im Zentrum der Geschichte. Oftmals sind sie sogar integral für den Plot, da problematische Beziehungen häufig Thema sind.

Neben den interessanten Figuren und den phantastischen Elementen bieten die Plots kaum Spannungsquellen. Dieses ist meiner Ansicht nach das einzige echte Manko der Sammlung: Link versucht stets den typischen Plotablauf zu entkräften, was ihr auch immer gelingt, aber nur in den guten Fällen, wie etwa bei Magie für Anfänger, zum Weiterspinnen der Geschichte einlädt; in den schlechteren Fällen kann die Offenheit, Fragmentiertheit oder gar Sinnlosigkeit (im Rahmen des Plots) frustrierend wirken. Zu erwähnen sind noch die zahllosen Anspielungen, vor allem auf die moderne Pop-Kultur: Von Buffy – Im Bann der Dämonen und Raumschiff Enterprise über Narnia zu H. P. Lovecraft und E. A. Poe ist alles dabei.

Dieses Gegen-Den-Strich-Bürsten des gewöhnlichen Erzählens setzt sich wenig überraschend auch in der Erzähltechnik fort. Zwar sind die Sätze meist leicht verständlich, fast in einem alltagssprachlichen Stil gehalten, aber oftmals gibt es Zweifel an den Erzählern. In einem Extremfall ist unklar, ob der Autorin oder dem Erzähler ein Fehler unterlief: In Magie für Anfänger taucht einmal der Name "Kurt" auf, wo "Karl" zu erwarten wäre. Dann spricht ein bisher unsichtbarer Erzähler plötzlich direkt den Leser an und behauptet, man würde kein Buch lesen, sondern einen Film sehen, oder dergleichen. In Eingelullt greift Link dann zu den deutlichsten Mitteln: Eine der internen Geschichten wird rückwärts erzählt, andere vermengen die Erzählebenen usw.

 

Fazit:

In neun Geschichten werden dem Leser schier aberwitzige Ideen vorgeführt, die allesamt zum Staunen anregen. Die Geschichten wollen den Leser in irgendeiner Form immer an der Nase herum führen, mal aufgrund der bizarren und grotesken Wunder, mal aufgrund der devianten Erzähltechnik. Außerdem fordern sie zum Mitdenken auf – die gelungenste Geschichte, Magie für Anfänger, lässt im Leser den Wunsch aufkommen, zum Telefonhörer zu greifen um sofort mit einem Freund die Geschichte zu besprechen. Was kann man mehr von einer Geschichte erwarten? Wer Jeff VanderMeers Geschichten mag, sollte diesen fantastischen Wundergeschichten zwischen komischer Groteske und bizarrer Tragik unbedingt eine Chance geben.

 

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Titel: Die Elbenhandtasche

Reihe: -

Original: Magic for Beginners (2005)

Autor: Kelly Link

Übersetzer: Ute Brammertz

Verlag: Heyne-Verlag (Februar 2008)

Seiten: 416-Klappbroschur

Titelbild: Shelley Jackson

Innenillustrationen: Shelley Jackson

ISBN-13: 978-3-453-52276-3

Erhältlich bei: Amazon

Weitere Infos:


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Erstellt: 04.02.2008, zuletzt aktualisiert: 07.05.2019 18:36