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Andere Himmel von China Miéville

Rezension von Ralf Steinberg

 

Verlagsinfo:

Was William Gibson für die Science Fiction getan hat, hat China Miéville für die Fantasy getan: alte Denkmuster erschüttert, mit hochgradig phantasiereichen Werken von verblüffender, oftmals schockierender Intensität. Nun legt uns der brillante junge Autor eine wegweisende Sammlung von Erzählungen vor, von denen eine in Miévilles berühmtem New Crobuzon spielt. Miéville lässt seiner Phantasie freien Lauf. Ob es um den Vertrauten einer Hexe geht, einen geheimen Krieg, oder um ein London, das von Monstren überrannt wird – er bietet grandiose Unterhaltung! Besonders auch für Leser geeignet, die sich erstmals in Miévilles Welt entführen lassen wollen.

 

 

Rezension:

China Miéville gehört ohne Frage zu den eindrucksvollsten Autoren der modernen Phantastik. Neben einer erstaunlichen Fantasie verfügt der Brite auch über eine Sprache, die seinen Werken eine eigene Magie einhauchen und sie über das Genre hinaus zu beachteten Kunstobjekten erhoben. Dass er dabei nicht auf den Roman beschränkt ist, sondern auch Kurzgeschichten zu meistern vermag, beweist diese Zusammenstellung kürzerer Texte. Die hier versammelten Arbeiten kredenzen dabei Ideen, die viele Autoren nicht in tausend Seiten aufzuweisen haben und das in einer stilistischen Vielfalt, die nicht nur beeindruckt, sondern auch unwahrscheinlich viel Spaß beim Lesen bereitet. Obwohl der Tenor der Geschichten dem Horror gilt, ist ebenso Witz wie auch Zeitgeist vorhanden und bieten feinsinnige und kurzweilige Unterhaltung.

 

Den Anfang macht die Brief-Geschichte Suche Jake, die der englischen Originalausgabe der Sammlung ihren Namen gab (Looking for Jake) Und tatsächlich enthält sie genau die Themen, denen Miéville immer wieder nachforscht. Das Zerbrechen der gewohnten Ordnung, die magische urbane Selbständigkeit, die einer Großstadt innewohnt, sie belebt und sowohl Freuden als auch Grauen beherbergt. Der Brief als Erzählform bietet Raum für intime Reflexionen, die dennoch immer wieder in die Stadt hinaus greifen. Was im Inneren nach einer erstaunlichen Freundschaft, ja fast Liebe klingt, gibt dem Suchenden hier Halt und Kraft, gerade lange genug um in einem absurd veränderten London zu überleben, bis aus der Suche nach Jake und dem Dokumentieren der Ereignisse eine ganz andere Suche wird.

Miéville verknüpft Erinnerungen und Gegenwart so leicht miteinander, das die ohnehin geplagten Realitäten verwischen, miteinander tanzen. Richtungweisend für das gesamte Buch.

 

Fundament handelt von einem Mann, der durch Mauern sehen kann, der unter den Fundamenten der Häuser die Toten sieht, auf den die Mauern stehen. Er kann sie hören, meint zu verstehen, wonach sie sich sehnen und als der Mann dieser Sehnsucht nachgibt, ihnen ein Opfer darbringt, um sich vom Hören zu erlösen, scheitert er.

Auf einem Ereignis während des Irakkrieges beruhend, als amerikanische Soldaten feindliche Schützengräben mit Räumpanzern zuschütteten und die Soldaten darin lebendig begruben, ist die Erzählung durch ihre Zwanghaftigkeit bedrückend. Der kleine persönliche Horror, der auf die Welt umschlägt, weil er seine Wurzeln darin hat.

 

Ähnlich alltagsgebunden ist der Horror in Kullerbuntland, das Miéville zusammen mit Emma Birchham und Max Schaefer schrieb. Geheimnisvolle Geschehnisse in der Kinderwelt eines Möbelhauses beunruhigen den Wachmann. Obwohl die Kinder den Bereich mit den bunten Kugeln lieben, ihre Eltern dazu drängen jedes Wochenende wieder zu kommen, passieren merkwürdige Dinge im kleinen Däumelinchenhaus aus Plastik...

Die Geschichte ist so skurril, wer Kinder hat und solche Kullerbuntecken kennt, wird ihr einen eigenen Reiz abgewinnen, in erster Linie bleibt sie aber witzig. Trotz des Alltagsgrauens, trotz der betroffenen Kinder. Auf die Idee muss man erst einmal kommen.

 

Erneut nach London bringt uns der vermeintlich autobiografische Text Berichte über gewisse Vorfälle in London in der Miéville selbst versehentlich Unterlagen eines Geheimbundes erhält. Dokument für Dopkument steigen wir mit dem Autor in eine faszinierende Welt ein, die erneut von erstaunlicher, wenn auch viktorianisch angehauchter Fantasie zeugt. Es geht Straßen, die sich plötzlich dort öffnen, wo bisher Haus an Haus stand. Und diese Straßen mögen einander nicht unbedingt. Die Story gewinnt dadurch ihre Ernsthaftigkeit, dass Miéville sie mit Vereinsdokumenten erzählt, angereichert von Meetingberichten bis hin zum intimen Klatsch, Statistiken, wissenschaftliche Artikel und sogar internationale Kontakte der Bruderschaft tauen auf. Es gibt in die Geschichte weit zurückreichende Papiere, wie auch aktuelle Texte. Nicht nur der Autor, auch der Leser verfällt sehr schnell dieser möglich scheinenden Idee der wandernden Straßen, die knapp neben unseren Erinnerungen lauern, die wir betraten des Nachts, irgendwann.

 

 

Etwas mehr in Richtung Fantasy geht Faktotum, in der Miéville sehr genau der Kreatur nachspürt. Durch Hexerei geschaffen, assimiliert das Faktotum Dinge um zu lernen, sich weiter zu entwickeln. Es strebt wie der Mensch vorwärts, eine schon faustische Erzählung vom Kampf mit der Umwelt, der unbegrenzten Neugierde und dem Selbstbegreifen.

 

Die nächste Kurzgeschichte Auszug aus einer medizinischen Enzyklopädie wendet sich einer erstaunlichen Krankheit zu, der Faselpest. Medizinische Unterlagen stellen das Thema für den Leser dar, der so von etwas erfährt, dass einfach unglaublich klingt. Bestimmte Wörter schaffen Würmer im Gehirn, die den Befallenen dazu bringen, ein Wort immer wieder zu wiederholen und sich freuen, wenn es jemand wiederholt. Doch dieses Echo ist bereits der Weg der nächsten Infektion...

Das Wörter Macht besitzen, biegt Miéville hier ein ganzes Stück in eine neue Richtung. Dabei sind die Symptome der Faselpest gar nicht so weit weg von bekannten Zuständen in der öffentlichen Kommunikation. Ein Schelm, wer arges dabei denkt.

 

Auch in Details haben normale Dinge plötzlich eine tödliche Macht. Wer die 3D-Bilder kennt, bei denen man nur dann etwas erkennt, wenn man seinen blick dazu zwingt hinter die Oberfläche der Struktur zu schauen, der weiß, das diese Art des Sehens in jedem beliebigen Muster ebenfalls eine Tiefe erzeugen kann, ohne ein Bild darin zwar, aber der Effekt bleibt.

Miéville erzählt hier die Geschichte einer Frau, die einem Monster davon läuft, dass sie in diesen Mustern entdeckte, in jedem Muster schließlich. Einmal auf das Schauen trainiert, kommt das Monster näher und näher. Doch es gelingt ihr, sich ein Leben aufzubauen, sich in der Welt einzurichten.

Neben der Grundidee der Details ist gerade das Beziehungsgeflecht von Mrs.Miller das bemerkenswerte an dieser Geschichte. Miéville beschreibt einen Vorstadt-Alltag mit all seinen Details und dem Monster dahinter.

 

Mit dem Mittelsmann spielt Miéville übel mit. Morley ist ein eher spießiger Bürger, der immer wieder kleine Körper in Dingen entdeckt und die er irgendwohin bringen soll, so lauten zumindest die Instruktionen, die drauf graviert sind. Und Morley tut was da steht, weil es da steht. Spät erst setzt sein Denken ein, erkennt mögliche Konsequenzen aus seinem Handeln oder Nichthandeln, doch hier ist er bereits Mittäter. Ohne wirklich zu wissen, was er eigentlich mit dem Transport der Zylinder bewirkt hat, treibt seine Fantasie nun Blüten. Zwischen Schuldgefühlen und Verdrängung zerplatzt sein Mitläuferleben wie eine Blase.

Eine kleine böse Geschichte, die an Kafkas Prozess erinnert.

 

Die Titelgeschichte der deutschen Ausgabe Andere Himmel, findet auch die eigentliche Bedrohung in dem was sich die Menschen ausmalen.

Der alte Mann, dessen Tagebucheinträge wir lesen, spürt den langsamen Verfall auf sich zukommen, das Grauen des Alters, doch sein Verstand wehrt sich dagegen.

Ein altes Fenster, antiquarisch erworben, soll Licht in sein Leben bringen, doch das Fenster gibt den Blick auf einen anderen Himmel frei, als seine Nachbarn. Und dort sind Kinder, die den Alten hänseln, ärgern, zu Tode erschrecken.

Die Parabel auf das Altwerden ist ein Drama, fast sentimental. Vielleicht aber auch ein böser Fingerzeig auf die Vernachlässigung der Alten, die sie durch uns Kinder erfahren.

 

Ein Kampf David gegen Goliath entwickelt sich in Die Hungernden speisen. Aykan ist kein einfacher Computerfreak, er ist einer jener Voreiter, die das Internet als Waffe der Demokratie verstehen und es nutzen, um staatliche Reglementierung und Terror zu bekämpfen.

Als die Aktion „Die Hungernden speisen“ ins Netz gestellt wird, bei der ein Klick täglich Geld von Sponsoren für die Armen in der Welt locker macht, deckt Aykan die Verlogenheit dieser Sponsoren auf, hackt immer wieder die Seite und versucht mit gezielten Aktionen, den Leuten die Hintergründe aufzuzeigen, die Scheinheiligkeit der Welt. Dabei gewinnt er Feinde, die das Netz ebenso beherrschen wie er.

Diese Geschichte schmeckt beängstigend real. Zu keiner Zeit hat der Leser wirklich das Gefühl, hier reine Fiktion zu lesen. Auch wenn wir uns selten darüber Gedanken machen, wie mächtig die Seiten von Google und Co. wirklich sind, man hat eine Ahnung davon, was diese Macht in den falschen Händen bewirken kann und wie sehr vertrauen wir unseren Geheimdiensten, der Regierung, den Konzernen?

 

Ein weiterer trüber Ausblick auf die kapitalistische Zukunft gewährt Eia Weihnacht. Was passiert mit Weihnachten, wenn sich jemand daran das Markenrecht sichert? Am Weihnachtsmann, am Weihnachtsbaum, an Lametta usw?

Miéville verbindet seine Antworten darauf mit einer vergnüglichen Vater-Tochter Geschichte.

 

Für alle Freunde der Bas-Lag Welt von Miéville bringt die Geschichte um Jack Gotteshand einen weiteren Einblick in dien Hintergund von New Crobuzon, „der großartigsten Stadt der Welt“. Gotteshand, der Remade mit dem Scherenarm taucht sowohl in Perdido Street Station (dt. „Die Falter“ und „Der Weber“) als auch im Iron Council (dt. „Der eiserne Rat“) auf.

Hier erfahren wir die Geschichte seines Lebens in Form eines Nachrufes von einem Mann, der ihn kannte, auf eine ganz besondere Art kannte. Der Blickwinkel ist weit weg von den großen Handlungsträngen der Romane, aus der zweiten Reihe quasi, aber nicht weniger intensiv. Eine Verzahnung von Schöpfung und Schöpfer, wie es die Idee des Remaking unbedingt mit sich bringen muss.

 

Auf dem Weg zur Front ist ein Comic, illustriert von Liam Sharp.

Er erzählt in ernsten Bildern von der Faszination, die das Soldatsein auf Zivilisten ausübt, jenes geheime Mysterium, hinter dem man Sache wie Ehre und Ruhm erwartet und doch ahnt, das Blut und Dreck dort ebenso lauern. Doch davon berichten nur Soldaten, die wiederkommen.

 

Spiegelhaut ist die längste Erzählung die die Band auch beschließt. Thematisch ähnelt sie dem Einstiegstext und schlägt somit einen Bogen zurück nach London, dem Herzstück so vieler Perversionen. Als Handlungsort wohlgemerkt.

Sholl schlägt sich durch eine Stadt, in der die Monster herrschen, die sie überrannt haben, mit Klauen und einem irrsinnigen Hass. Doch Sholl beobachtet und forscht, er will die Hintergründe begreifen. Miévilles Dämonen kommen nicht durch Höllentore, kein christlicher Mythos steckt dahinter, vielmehr eine komplexe Auseinandersetzung mit dem Wesen des Spiegels. Er manifestiert das Symbolische, macht aus dem Gespiegelten Leben, eine ganze Welt und konfrontiert uns mit dem zwanghaften Bedingungen einer Existenz im Spiegel.

Wieder befindet sich ein Mensch auf der Suche, die Neugier macht ihn unangreifbar, bis er eine Lösung des Rätsels offenbart und sich fragen muss, ob das reicht.

 

Fazit:

Diese Sammlung von Kurzgeschichten bietet eine Fülle von Ideen und phantastischen Momenten, wie sie selten in einem Buch so dicht zu finden sind. Dabei schreibt China Miéville keine simplen Stories, vielmehr experimentiert er mit Stilen und Textformen, sodass er sich weder wiederholt noch langweilig wird. Er beherrscht den subtilen Horror ebenso wir die nachdenkliche Komik.

 

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Buch:

Andere Himmel

Autor: China Miéville

Original: Looking for Jake, 2005

Übersetzerin: Eva Bauche-Eppers

Bastei-Lübbe, 17.07.2007

Taschenbuch, 348 Seiten

Tilebild: Arndt Drechsler

ISBN-10: 3404243617

ISBN-13: 978-3404243617

Erhältlich bei: Amazon

Weitere Infos:


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Erstellt: 18.09.2007, zuletzt aktualisiert: 14.09.2018 13:51