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1977 von David Peace

Rezension von Mario M. Knopf

 

Klappentext:

Yorkshire, 1977. Polizeisergeant Robert Fraser wird zu einer Sondereinheit abgestellt, die den grausamen Mord an einer Prostituierten aufklären soll. Bald schon werden Parallelen zu anderen Mordfällen aufgedeckt und die ersten Verdächtigen festgenommen. Noch bevor ein weiterer Prostituiertenmord die Öffentlichkeit in Angst und Schrecken versetzt, schaltet sich Jack Whitehead, Starreporter der Evening Post, in die Ermittlungen ein und versucht, auf eigene Faust den Yorkshire-Ripper zu stellen. Doch Fraser und Whitehead verstricken sich in ein Geflecht aus Intrigen, Korruption und tödlicher Gewalt. Denn die beiden teilen ein Laster, das ihnen zum Verhängnis werden kann: die Huren von Chapeltown.

 

Rezension:

Der Roman 1977 ist der zweite Teil des preisgekrönten Red-Riding-Quartetts des britischen Autors David Peace, einer Chronik Englands in den siebziger und frühen achtziger Jahren. Für seinen ersten Band 1974 wurde Peace mit dem Deutschen Krimipreis 2006 ausgezeichnet.

 

1977 gehört dem klassischen Noir-Genre an und handelt von einem finsteren England vergangener Tage, in welchem keine klaren Grenzen zwischen Schwarz und Weiß, zwischen Gut und Böse gezogen werden. Peace erzählt von einer düsteren, ganz und gar dreckigen Welt in der sich jeder selbst der Nächste ist. Die darin agierenden Protagonisten sind keine strahlenden Helden, sondern ausgebrannte, abgehalfterte Individuen, von denen jeder mit seinen ganz eigenen Dämonen zu kämpfen hat. Sie hadern mit sich selbst und ihrer verkommenen Umgebung, ertrinken ihre Schuldgefühle und ihren Haß in Alkohol oder suchen ihr Heil in der Ausübung von Gewalt oder der Erniedrigung Schwächerer.

 

Peace versteht es hervorragend, seine Charaktere und die sie umgebende Umwelt zu zeichnen. Er erzählt die Geschichte zweier Männer, des Polizeisergeants Robert Fraser und des Gerichtsreporters Jack Whitehead, welche beide bereits im ersten Teil der Tetralogie, 1974, in Aktion getreten sind und nun einen inneren Kampf mit sich selbst austragen, um die damaligen Geschehnisse zu verarbeiten. Jeder der beiden versucht dies auf seine ganz eigene Art und Weise, und doch ist ihnen eins gemein: die krankhafte Obsession zu Prostituierten. Sie suchen bei ihnen nach Verständnis, Geborgenheit, Mitgefühl und möglicherweise auch Liebe. Doch all dies suchen sie vergeblich, denn in Peaces Yorkshire, einer Stadt voller Gewalt, Perversion, Prostitution, Korruption und unverhohlenem Rassismus existiert derlei nicht. Als 1977 das Morden wieder beginnt, werden sie erneut in diesen Strudel hineingezogen und selbst zu Betroffenen.

 

Peace läßt seine zwei Protagonisten in der Ich-Form berichten und wechselt ständig zwischen den beiden Erzählperspektiven. Der Autor setzt dabei auf kurze, prägnante und teilweise auch abgehackt wirkende Sätze, wodurch er aber des öfteren schnelle und durchaus gelungene Dialoge erzielt. Die Morde und Vergewaltigungen des Yorkshire-Rippers schildert er überaus detailliert in einem drastischen und schockierenden Ausmaß, welches sich definitiv nicht für zartbesaitete Naturen eignet. Durch seinen direkten, harten Schreibstil zieht Peace den Leser in seinen Bann, läßt ihn eintauchen in die beklemmende und bedrückende Atmosphäre der von ihm erschaffenen Welt. Ausgiebig teilhaben läßt er den Leser auch an der innernen Zerissenheit der Hauptfiguren, welche sich in ihren Alpträumen, Erinnerungen, Visionen und Selbstvorwürfen widerspiegelt. Dadurch spannt er den Bogen von der Gegenwart zurück in die Vergangenheit seiner Akteure, sodass der Leser mehr über jene erfährt, sich aber trotzdem nie ganz sicher sein kann, ob diese Traumsequenzen auf wahren Begebenheiten beruhen oder rein fiktive Wahnvorstellungen, hervorgerufen durch die bestialischen Gewaltverbrechen und den übermäßigen Alkoholkonsum, sind.

 

Fazit:

Ein spannender, emotional aufwühlender und schockierender Noir-Roman, der dem Leser keine ruhige Minute gönnt, sondern ihn im amoralischen, lasterhaften Morast festsetzt und dort zurücklässt. Leser, die einen herkömmlichen Kriminalroman mit Happy-End, in dem klare Grenzen zwischen Gut und Böse existieren, erwarten, sollten von der Lektüre absehen. Alle anderen, insbesondere Noir-Fans, können bedenkenlos in die Tiefen menschlicher Abgründe hinabsteigen.

 

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Eure Meinung:

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1977

Autor: David Peace

Übersetzer: Peter Torberg

Broschiert, 400 Seiten, Heyne

Erscheinungsdatum: Mai 2007

ISBN-10: 3453675096

ISBN-13: 978-3453675094

Erhältlich bei: Amazon

Weitere Infos:


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Erstellt: 31.08.2007, zuletzt aktualisiert: 14.09.2018 13:51