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Ab die Post von Terry Pratchett

Rezension von Ralf Steinberg

 

Verlagsinfo:

Der Gauner Feucht von Lipwig wird dazu verdonnert, die heruntergekommene Post der Scheibenwelt wieder auf Vordermann zu bringen, denn im alten Postamt von Ankh-Morpork ruht die Arbeit seit vielen Jahren. Feucht ist dabei so erfolgreich, dass er sich den Zorn der Konkurrenz vom Großen Strang der Klacker zuzieht. Ein öffentlicher Wettstreit soll die Entscheidung bringen: »Postkutsche gegen Klacker« – wer kann eine Nachricht schneller in das zweitausend Meilen entfernte Gennua bringen?

 

Rezension:

Lord Vetinari ist ein Tyrann und in diesem Job überdurchschnittlich erfolgreich, was sich nicht zu letzt an der Länge seiner Amtszeit ablesen lässt. In diesem Zusammenhang steht auch die Fähigkeit, sich die richtigen Personen auszusuchen, die all jene Dinge verrichten, die so ein viel beschäftigter Mann, wie es der Patrizier von Ankh-Morpork ohne Zweifel ist, nicht mit der nötigen Präzision und Anteilnahme zu behandeln vermag.

Dieser Menschenkenntnis verdankt es Feucht von Lipwig, dass er nicht nur um seine eigene Hinrichtung kommt, er wird zudem Postminister.

Allerdings hat dieses Amt diverse Haken. Da ist zunächst einmal der Bewährungshelfer. Ein netter und umgänglicher Golem namens Pumpe kann unseren Helden schon schnell davon überzeugen, dass Lord Vetinari durchaus Wert auf die Anwesenheit seiner Minister in ihrem Arbeitsbereich legt und Auslandsbesuche zunächst unangemessen erscheinen. Da Feucht von Lipwig bisher seinen Lebensunterhalt durch unehrliche Arbeiten bestritt, könnte die Herausforderung fast nicht größer sein. Ein weiterer Haken ist nämlich die bedauernswerte Tatsache, dass das Postamt und damit der Amtssitz des Postministers, seit zwanzig Jahren außer Betrieb ist. Nur zwei Postangestellte harrten zusammen mit Tauben und tausenden nicht zu gestellten Briefen auf die Dinge, die da kommen könnten und befüllten regelmäßig die Tintenfässer, getreu der dafür verfassten Vorschrift.

Und nun beginnt das klassische große Theater der Verwandlung des Saulus in Paulus.

 

Terry Pratchett mag es natürlich etwas bunter und wilder als andere Autoren und so inszeniert er neben dem Wettstreit zwischen der guten Alten Briefpost und dem schnellen Kommunikationsmedium der Klackertürme, auch noch eine nikotinreiche Liebesgeschichte, fundamentale Kapitalismuskritik und eine faszinierende Reminiszenz an die Sammlerleidenschaft. Allein die Idee, sich mit dem Sammeln von Nähnadeln zu beschäftigen, beweißt die unbegrenzte Fantasie des Autors.

Ebenso überraschend wie genial ist auch die Transkription des Internets in Form des Großen Strangs in das Scheibenweltuniversum. Mit Klappen und Lichtern und dem Code der Moderne versehen, eilen Nachrichten von Klackerturm zu Klackerturm und das, so schnell es die Klackerleute weiterzugeben vermögen, was auch schneller sein sollte, als eine Postkutsche.

Aber das billige Geld lockt überall und Wartung ist der große Gott der Zuverlässigkeit, wenn sie nicht so teuer wären. Pratchett schöpft aus dem Vollen. Der Betrüger betrügt so offensichtlich, dass sein Betrug übersehen wird, weil es die Leute übersehen wollen. Ähnlichkeiten mit lebenden Personen wären zu unwahrscheinlich um zufällig zu sein, wenn man nicht zu genau hinschaut, in die Welt und dem ganzen Rest.

 

Der aufmerksame Beobachter Pratchett aber ist über jeden Verdacht der Verschleierung erhaben und so kann sich der Leser genüsslich selbst betrachten, etwa in der neugierigen Menge oder beim Sammeln neuer Dinge. Die Wendigkeit, mit der Pratchett seine kleine Welt immer wieder in ernste Themen taucht und uns dabei jede Menge Freude beschert, macht auch „Ab die Post“ zu einem unbegrenzten Lesevergnügen. Zwar gibt sich der Autor keine große Mühe, tiefenpsychologische Gründe für Feuchts Wandel zu erfinden, wahrscheinlich wohl auch deshalb, weil es selten genug vorkommt, dass hinter wahrhaft Großem auch immer ein Großer Plan stand. Viele Dinge nehmen ihren Lauf einfach so, etwa auf dem Weg zur Toilette oder wie hier zur Hinrichtung.

Es sei hier nicht verraten, ob das Buch ein Happyend besitzt oder ob der Wettstreit um die schnellste Zustellung für die Post ausfällt, beides ist für die Lektüre nicht wesentlich oder steht außer Frage. Auf jeden Fall aber ist auch dieser Scheibenweltroman stilistisch wie auch humoristisch allerfeinste Qualität.

 

Für Fans anderer Figuren der Scheibenwelt sind nur kleine, aber feine Szenen etwa zur Wache oder der Unsichtbaren Universität (Bestrafung durch Beförderung erscheint auch dem Rezensenten sehr brutal) vorhanden, vielleicht beginnt mit der Post ja ein neues Kapitel in der Geschichte der Scheibenwelt.

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Eure Meinung:

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Buch:

Ab die Post

Reihe: Scheibenwelt

Autor: Terry Pratchett

Original: Going Postal, 2004

Übersetzer: Andreas Brandhorst

Goldmann, Mai 2007

Taschenbuch, 445 Seiten

Cover: Paul Kidby

 

ISBN-10: 3442464226

ISBN-13: 978-3442464227

 

Erhältlich bei Amazon

weitere Infos:


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Erstellt: 10.06.2007, zuletzt aktualisiert: 08.11.2019 08:38