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Aether von Ian R. MacLeod

Rezension von Christel Scheja

 

Normalerweise spielen Fantasy-Romane eher in einem archaischen Hintergrund, der über die Renaissance oder den Barock nicht hinaus geht. Technik oder gar Maschinen sind verpönt.

Seit einigen Jahren allerdings kommen immer mehr Autoren auch auf die Idee, ihre Geschichten in einem Setting anzusiedeln, dass dem des 19. oder gar frühen 20 Jh. gleicht. Man kann die Ausprägungen "Steampunk" oder auch "Urban Fantasy" nennen, eines ist ihnen allen gemein - die Nähe zum Subgenre der "Alternate History" in der Science Fiction.

 

Auch der britische, 1956 in Birmingham geborene, Autor Ian R. MacLeod beschäftigt sich mit damit: Was wäre wenn die seltsame magische Substanz des "Aethers" die Technisierung erst möglich macht? Mit entsprechenden Sprüchen lassen sich Brücken erreichten, die niemals einstürzen und Dampfmaschinen die keinesfalls explodieren werden? Immer neue Errungenschaften werden mittels des Aethers möglich.

Geborgen wird der Aether unter Gefahren aus der Erde. In Gilden organisierte Menschen haben seit Jahrhunderten übernommen, die Substanz aus dem Boden zu bergen und zu verarbeiten. Sie hüten eifersüchtig ihre Geheimnisse und lassen nicht zu, dass jemand Fremdes in ihre Mitte eindringt. Nur Kinder deren Eltern bereits in der Gilde waren, finden wieder Aufnahme, deren Beruf wird weitergegeben.

 

Auch Robert Borrows weiß schon als kleiner Junge, dass er wie sein Vater in den Aetherfabriken als Werkzeugmacher arbeiten werden wird. Doch er beginnt schon früh den Sinn und Zweck der strengen Ordnung zu hinterfragen. Schuld daran ist seine Mutter, die seltsame Träume in ihm weckt und ihm die Welt jenseits der Gilden zeigt. Denn dort gibt es neben den normalen Leuten auch aethergeschädigte "Wechselbälger", die von der Gesellschaft ausgestoßen werden.

Robert blickt schon früh hinter die Kulissen die die Gildenmeister aufgebaut haben. Als seine Mutter schwer erkrankt, sich in ein Wechselbalg verwandelt und schließlich das Leben nimmt, bricht er aus seiner vorherbestimmten Rolle aus und geht nach London.

Unerfahren wie er ist, fällt er zunächst beinahe den Gefahren der Metropole zum Opfer, doch Menschen, die zu seinen Freunden werden, helfen ihm zu überleben. Durch sie lernt er auch die Kreise kennen, die etwas gegen die durch den Aether geschaffene Ordnung unternehmen wollen. Vor allem fühlt er sich mit dem Mädchen Anna verbunden. Später erfährt er, dass sie und ihn ein Geheimnis verbindet. Doch um es zu ergründen, muss er erst wieder nach Hause zurückkehren und sich noch einmal in deine Rolle einfügen...

 

Aether überzeugt vor allem durch sein interessantes Setting, das sich so sehr von dem klassischer Fantasy unterscheidet und damit exotisch und neu wird. Man fühlt sich sofort in das England des 19. Jh. zurückversetzt mit seinen alles beherrschenden Fabriken und den Fortschrittsglauben, der der Natur keinen Raum läßt. Diesmal aber kann sie sich wehren, auch wenn die Gildenmeister schwere Magie einsetzen.

Aether als magischer Stoff, der durch Zaubersprüche gebändigt werden kann ist lange Zeit das einzige Fantasy-Element im Roman, der sich ansonsten sehr an Charles Dickens Gesellschaftschilderungen anlehnt und die starke Kluft zwischen biederen Gildenleuten sowie dem Abschaum in den Straßen Londons und den reichen Dandys in den Salons schildert. Sein Ich-Erzähler kommt mit allen Schichten in Berührung.

Erst zum Ende hin erhöht sich der phantastische Anteil durch esoterisch-mystische Schilderungen in Bezug auf Anna.

Das ist auch die größte Schwäche des Buchs. Erinnert es in den ersten beiden Dritteln eher an einen sozialkritischen "Alternative History"-Roman und zeichnet durchaus auch ambitioniert den Weg seines Protagonisten durch eine verlogene Gesellschaft, die in ihrem Innersten zu bröckeln beginnt, so verliert die Handlung gegen Ende hin sehr an Kraft: Anstatt seinen klaren Weg weiter zu verfolgen, verliert sich Ian Mac Leod in eine etwas aufgesetzt wirkende Beinahe-Liebesgeschichte und mystische Schilderungen, die sich vor allem um die Figur der Anna drehen und verliert das vorher angedeutete Ziel aus den Augen.

 

"Aether" ist ein Roman mit einem beeindruckenden Anfang, der den Leser schnell in seinen Bann schlägt. Prägnante Schilderungen machen ihn neugierig, mehr über diese Welt zu erfahren, leider gelingt es dem Autoren nicht, dies bis zum Ende konsequent durchzuhalten. Wer einmal etwas anderes als die ewig gleichen Mittelalterwelten kennenlernen möchte, dürfte von Aether fasziniert sind, durch die o. g. Schwäche kann ich aber auch keine uneingeschränkte Empfehlung aussprechen. Schade eigentlich.

 

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Buch:

Aether

Autor: Ian R. MacLeod

Gebundene Ausgabe, 500 Seiten

Klett-Cotta, September 2005

Übersetzung: Barbara Slawig

 

ISBN: 3608937722

 

Erhältlich bei: Amazon

Weitere Infos:


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Erstellt: 18.10.2005, zuletzt aktualisiert: 08.11.2019 08:38