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Alligatoren & Zupfkuchen von Achim Hildebrand

 

Zum ersten Mal an diesem Abend ergriff nun der alte Dunkelwolkenprospektor das Wort. Er nahm noch einen tüchtigen Schluck aus seinem Krug, wischte sich bedächtig den Schaum von den Lippen und begann:

"Wisst Ihr Leute, dass erinnert mich doch sehr an die Geschichte, die ich damals auf Gurkmor erlebt habe. Ist jetzt dreißig Jahre her aber ich weiß es noch wie heut. Damals waren wir mit der Aphrodite im Schweineschwanznebel unterwegs - allen möglichen Krimskrams einsammeln, der aus den Weißen Löchern dort quillt. Wir waren zu dritt an Bord: Günni Westenhoff, Zwei-Kometen-Bob und ich - und natürlich Winston, Günnis alter Bassetrüde, der die Ratten auf den Frachtdecks in Schach halten sollte.

Wie wir so mittendrin waren und schon eine Menge brauchbarer Sachen gefunden hatten, bekamen wir unverhofft einen Lichtspruch vom Flottenkommando rein, dass wir uns so schnell wie möglich auf den Weg zum Glühwürmchen-Haufen machen sollten. Eine von unseren Spähsonden hatte dort einen Planeten entdeckt, der noch niemandem gehörte - außer den Eingeborenen natürlich. Und wir sollten uns beeilen, denn wie's aussah hatte eine Spähsonde der Zlyhrks den Brocken ebenfalls entdeckt und eine Zlyhrk-Delegation war bereits dorthin unterwegs. Wir waren mit der Aphrodite das Föderations-Schiff, das am nächsten dran war, und damit auch die Einzigen, die den Planeten noch vor den Zlyhrks erreichen und Verträge mit den Eingeborenen abschließen konnten.

Günni, unser Astrogator, hatte zwar keine Lust, weil wir abends noch bei seiner Schwester auf Kokabango eingeladen waren. Es war nämlich Ostersonntag und sie hatte extra einen Zupfkuchen für uns gebacken. Der würde nun natürlich trocken werden. Zupfkuchen taugt nämlich nur etwas, wenn er ganz, ganz frisch ist ... naja, aber wenn die Föderation ruft...

Günni reißt also das Steuer herum und zielt mit der Bugantenne Richtung Gurkmor, wie der Planet später genannt wurde. Und ab geht's, was die Hadronen-Konverter hergeben.

Eine halbe Stunde später sind wir da. Günni hält sich nicht lange damit auf, in einen Orbit zu gehen. Bob hat nämlich schon längst ein Dorf der Eingeborenen ausgemacht und Günni setzt die Aphrodite punktgenau daneben - Rrrrummmsss! - wie der Cowboy das Glas auf die Theke! Keine zweihundert Meter weg von den Strohhütten.

Flink wie die Affen sind wir aus der Schleuse raus, und hol mich der Teufel - da stehen schon die ersten Jungs von der Heimmannschaft vor unserem Schiff und starren uns an. Sehen ein bisschen aus wie Alligatoren auf zwei Beinen: schuppig wie Bobs alte Haarbürste, mit langen breiten Schnauzen, spitzen Zähnen und muskulösen Schwänzen, mit denen sie wahrscheinlich einen Bernhardiner zu Brei schlagen können. Und Knüppel haben sie auch in ihren Pranken.

Jetzt erst merken wir, dass wir gar keine Übersetzungsgeräte dabei haben und wissen nicht recht, was wir sagen sollen. Hätte ja eh niemand verstanden, mein ich.

Bob setzt trotzdem sein gewinnendstes Lächeln auf, hebt die Hand und sagt:

"Hallo zusammen, alles klar bei euch?"

Aber das isses wohl nicht, was sie hören wollen. Die Alligatorenbrüder werden kein bisschen lockerer. Im Gegenteil, plötzlich machen sie einen ziemlich unentspannten Eindruck und schieben sich langsam näher an uns ran. Klar, wir haben nicht erwartet, dass sie uns gleich um den Hals fallen, aber das hier sieht definitiv bedrohlich aus.

Da stehn wir nun - die Lage wird immer brenzliger, die Luft immer dicker und die Zähne von den Kerlen scheinbar immer länger. Aus den Augenwinkeln seh ich, wie Günnis Finger Richtung Blaster krabbeln - und Bob kaut seinen Kaugummi nur noch im Zeitlupentempo.

"Schieß nur in den Boden!", ruf ich Günni noch zu, doch im nächsten Moment bricht schon die Hölle los. Erdklumpen prasseln uns gegen die Köpfe und die Knüppelhiebe fallen hageldicht. Jetzt ist alles verloren. Da hilft auch kein Blaster mehr - nur noch schnelle Flucht!

Mit knapper Not schaffen wir's wieder in die Schleuse und werfen die Tür hinter uns zu, während das ganze Schiff unter den Knüppelschlägen wie eine Glocke dröhnt. Wir müssen schnurstracks weg, wenn wir nicht wollen, dass sie uns die Landestützen abbeißen.

Günni wirft sich in den Pilotensitz und reißt die Aphrodite in den Himmel. Puh - gerade noch mal dem Teufel von der Schippe gesprungen! Minuten später ist Gurkmor nur noch ein kleines leuchtendes Pünktchen hinter unseren Heckdüsen.

So richtig zu uns kommen wir erst wieder, als wir abends bei Günnis Schwester sitzen, Zupfkuchen essen und alles noch mal durchsprechen.

"Also ich weiß nicht", sag ich zu Günni. "Wir haben denen doch rein gar nichts getan, worüber sie sich so hätten aufregen müssen."

Günni schüttelt hilflos den Kopf.

"Weiß Gott nicht. Wegen einem "Hallo" prügelt man jemanden doch nicht halb tot." Er dreht sich zu Bob um und fragt: "Oder hast du irgendeine Idee, was wir falsch gemacht haben könnten?"

"Nee", sagt Bob, legt die Füße auf den Tisch und schaut gedankenverloren auf seine Kroko-Boots. "Keine Ahnung was da schiefgelaufen ist."

 

(c) Achim Hildebrand

 

 

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Helge
Montag, 21. Februar 2011 16:08 Uhr
Echt witzige Kurzgeschichte mit einer netten, lockeren Atmosphäre. Gern mehr davon!

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Erstellt: 01.06.2009, zuletzt aktualisiert: 28.12.2018 09:08