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Anno 1602: Die neue Welt

Reihe: 100% Marvel Bd. 21

Rezension von Christian Endres

 

Wir erinnern uns? Neil »Sandman« Gaiman schuf anno 2003 zusammen mit Andy Kubert die achtteilige Miniserie »Anno 1602«, das sich als Mischung aus Zeitreise- und Paralleluniversum-Geschichte präsentierte und vor allem durch die vielen Auftritte der Marvel-Helden und –Schurken in einem ungewohnt pseudohistorischen Setting brillierte. Nun, fast genau zwei Jahre später, versuchten sich Greg und Greg (ich werde diesen Witz nur einmal bringen, keine Sorge ...), also Autor Greg Pak und Zeichner Greg Tocchini, an der Fortsetzung von Gaimans Gedankenspiel mit der Geschichte unserer Welt, aber eben auch der Geschichte des Marvel-Universums ...

 

In England sterben die Mutanten – Hexenwesen – auf Weisung des Königs hin reihenweise in den unerbittlichen Flammen des Scheiterhaufens. Gnade ist für König James ein Fremdwort. Kein Wunder also, dass auch in dieser Version der Geschichte, dieser Variante des Universums die Menschen auswandern und eine neue Welt suchen. Wie auch in unserer Vergangenheit geht das ganze allerdings nicht gar so friedlich für die Ureinwohner oder die neuen Siedler aus, denn schnell sind Missgunst, Gier und falscher Patriotismus der Funken, der das Pulverfass der Andersartigkeit – egal in welcher Hinsicht – zum Explodieren bringt ...

 

Die Jungen, aber auch die Alten sind es am Ende, die sich zwischen die Fronten stellen und versuchen, Schlimmeres zu verhindern. Ob ihre vereinten Kräfte allerdings reichen, um den Boden der neuen Welt vor einer Taufe mit dem Blut Unschuldiger zu bewahren, muss sich in diesem von Dinosauriern, Mutanten und Indianern besiedelten Amerika erst noch zeigen.

 

Greg Paks Pilgrim-Geschichte der etwas anderen Art hat vor allem einen Vorteil: Sie funktioniert auch, ohne dass man Neil Gaimans Story kennt. Hinzu kommt, dass jeder Marvel-Leser den ein oder anderen Charakter finden wird, den er in etwas anderer Konstellation aus dem normalen Marvel-Universum kennt: Ganz groß sind dabei vor allem die neuen Inkarnationen von Norman Osborn, Peter Parker und – dem heimlichen Helden dieses Bandes! – J. Jonah Jameson, der es sich nicht einmal in dieser Zeitschleife ersparen kann, einen gewissen jungen Mann namens Peter Parquagh im Alltag des Zeitungsgeschäfts zu quälen. Spätestens als Lord Iron (Iron Man) und der Hulk ihren Auftritt haben und es in einem Amerika zwischen Dinosauriern und Indianern zum Kampf dieser beiden Titanen kommt, ist die Geschichte so voller Action, dass man gar nicht anders kann, als weiterzublättern ...

 

An das Artwork von Greg Tocchini muss man sich erst einmal gewöhnen. Kaum dass man das allerdings getan hat, wirft Tocchini einem im Verlauf der Geschichte aber eine Hand voll Perspektiven und menschlicher Proportionen um die Ohren, die so gesund nicht aussehen. Davon abgesehen gefallen Zeichnungen, Tuschearbeit und Colorierung aber durchaus und passen zu der Geschichte und den darin vorkommenden Varianten unserer bekannten Helden (und Schurken).

 

Aufmachungstechnisch lässt das 100%-Format wie üblich keine Wünsche offen: Tolle Gestaltung, schönes Papier, eine stabile Klappenbroschur mit Lesezeichen zum Heraustrennen und eine Cover-Gallerie samt Entwurfsskizzen der Titelbilder – was will der Freund gut aufgemachter, technisch einwandfrei produzierter Comicbücher eigentlich mehr?

 

Fazit: Was mich schon am originalen »1602« gestört hat, fällt mir auch bei »Die neue Welt« wieder etwas unangenehm ins Auge: Durch den Versuch, möglichst viele Verzweigungen und Zusammenhänge zu schaffen (und dabei noch auf eine Serie zulurückzugreifen, die schon vor zwei Jahren abgeschlossen war), wird das gesamte Comic-Abenteuer in der neuen Welt stellenweise unnötig verworren und nimmt sich selbst den Drive.

 

Andererseits gibt es einige wahrlich tolle Momente in der Geschichte, die über diese kleine Schwäche hinwegtrösten: Die Versionen von Iron Man, Peter Parker alias Spider-Man und vor allem Norman Osborn sind allesamt prächtig in Szene gesetzt und agieren großartig untereinander – sie sind frisch, ja, aber wirken irgendwie trotzdem vertraut. Das gibt der gesamten Story unglaublich viel und gibt dem bekannten Siedler-Ureinwohner-Konflikt noch eine zusätzliche interessante Note.

 

Auch wenn die Geschichte zum Ende hin etwas nachlässt, das Artwork nicht einhundertprozentig überzeugt und nach wie vor nicht alle Unklarheiten und offenen Fragen aus dem ersten Besuch des anno-Universuns beseitigt worden sind: Eine ordentliche Fortsetzung von Gaimans innovativer Parallelwelt-Story. Für Fans der ersten Teile deshalb interessant und fast schon Pflicht, für gestandene Marvelianer, die lediglich etwas Abwechslung wollen, eine gute Alternative zum House of M und anderen Crossovern der letzten Zeit.

 

Eure Meinung:


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Comic:

Anno 162: Die neue Welt

Reihe: 100% Marvel Bd. 23

Autor: Greg Park

Zeichner: Greg Tocchini

Verlag: Panini

Format: Klappenbroschur

Sprache: Deutsch

Anzahl Seiten: 1321

Erhältlich bei Panini Comics


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Erstellt: 26.07.2006, zuletzt aktualisiert: 12.07.2019 19:51